Autriche 1918 – 1945
Documents :
Otto Bauer – 1933-1934

 

Otto Bauer
Son interprétation fondamentale
de la situation et des évènements, 1933‑1934

Discours à un rassemblement des Hommes de confiance de Vienne, 10 mars 1933
(Extrait)[1].

In dem Augenblick, in dem sich Europa wieder in zwei feindliche Lager zu spalten droht ‑ auf der einen Seite die faschistischen Staaten, Deutschland, Italien und Ungarn, auf der andern Seite das imperialistische Frankreich mit seinen östlichen Bundesgenossen ‑, in diesem Augenblick steht Österreich vor einer schicksalsschweren Entscheidung. Der Faschismus im Innern ‑ das bedeutet die Einbeziehung Österreichs in das faschistische Staatenbündnis. Und das würde dann in einer nahen oder fernen Zukunft bedeuten, daß wir, so wie wir im Jahre 1914 auf die Schlachtbank geschickt worden sind für den Ruhm und die Größe des Hauses Habsburg, dann einmal auf die Schlachtbank geschickt würden für den Ruhm und die Größe der Herren Hitler, Mussolini und Horthy.

Der andre Weg aber, der, den wir wollen, ist der, die Demokratie, das Selbstbestimmungsrecht des österreichischen Volkes zu erhalten und damit zu erhalten eine Politik der strengsten Neutralität gegenüber dem einen wie gegenüber dem andern der beiden kriegerischen Staatenbündnisse.

Deshalb wäre nichts verfehlter, als wenn wir diese Schicksalsbedeutung, die Verteidigung der Demokratie unterschätzen wollten. Es wird mir gerade heute nicht leicht, ein Wort gegen die deutschen Kommunisten zu sagen, denn sie sind in diesen Tagen gehetzt, verfolgt; die Meute der Kapitalisten ist gegen sie los. Aber wir müssen aus den Erfahrungen lernen. Die deutschen Kommunisten haben alle diese Jahre hindurch den deutschen Arbeitern ‑ und Millionen deutscher Arbeiter sind ihnen gefolgt ‑ gesagt : "Was ist denn die Demokratie wert? Macht sie euch satt? Gibt sie den Arbeitslosen Arbeit? Die Demokratie ist doch auch nur eine Form der Diktatur der Bourgeoisie! Es steht nicht dafür, die Demokratie gegen den Faschismus zu verteidigen, sondern unsere Aufgabe ist, die Demokratie zu stürzen und an ihrer Stelle ein Sowjetdeutschland zu erobern." Und nach dieser Theorie haben die deutschen Kommunisten gehandelt. Seit 1930 war ein Reichstag da, mit einer großen faschistischen Fraktion rechts und mit einer großen kommunistischen Fraktion links. Die beiden hatten zusammen die Mehrheit. Sie konnten zusammen nicht regieren, aber sie konnten zusammen jedes demokratische Regieren unmöglich machen. Die Kommunisten haben gehofft, auf diese Weise die Demokratie zu zerstören, und ihr Erbe werde ein Sowjetdeutschland sein. Sie haben die Demokratie auf diese Weise zerstört, und ihr Erbe ist ein Hitler-Deutschland. Aus dieser Erfahrung müssen wir lernen. Die Demokratie auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die Demokratie, die noch vom Bürgertum beherrscht wird, die Demokratie im Staate bei kapitalistischer Autokratie in den Fabriken, bleibt gewiß den Arbeitern unendlich viel schuldig. Aber Ihr braucht etwa bloß das demokratische Deutschland unter dem Reichskanzler Hermann Müller mit dem faschistischen Deutschland von heute vergleichen, um zu verstehen, welche Lebensnotwendigkeit es für die Arbeiterklasse ist, mit ihrer ganzen Kraft die Demokratie gegen den Angriff des Faschismus zu verteidigen.

Wir stehen heute vor dieser Aufgabe, denn jetzt ist die Demokratie auch hier ernsthaft bedroht. Wir haben vorausgesehen, daß unter der Einwirkung der Ereignisse im Ausland diese Gefahr kommen wird. Deshalb haben wir immer darauf geachtet, daß der österreichische Nationalrat arbeitsfähig bleibe, daß er dem Faschismus keinen Vorwand liefere. Heute behaupten die Regierung und die bürgerlichen Parteien, das österreichische Parlament sei immer obstruiert gewesen, es habe nicht ordentlich arbeiten können.

Das ist eine Lüge. Gewiß, das Parlament hat oft Schwierigkeiten gehabt, seitdem wir eine Regierung haben, hinter der nur eine knappe Mehrheit von wenigen Stimmen steht. Man sehe sich doch um in den Parlamenten der Welt. Nirgends hält man es für möglich, für längere Zeit ein Regierungssystem aufrechtzuerhalten, das bei den Abstimmungen nur Mehrheiten von ein bis drei Stimmen hat. Überall ist man überzeugt, daß zu einer Mehrheit mehr gehört, daß nicht Zufälle die Abstimmungen entscheiden dürfen. Hier aber hält man an einem Regierungssystem mit einer so knappen Mehrheit fest. Und trotzdem hat das Parlament über die wichtigsten Fragen des Landes demokratisch entscheiden können. Und wenn eine Mehrheit von nur einer Stimme gegen uns war, so haben wir uns dem gefügt, weil wir wußten, daß die Demokratie in Mitteleuropa jetzt in eine Gefahrenzone hineingekommen ist, und daß man sie nicht in ernste Gefahren dadurch stürzen darf, daß man ihr Funktionieren unmöglich macht. Hand aufs Herz, Genossen, Ihr habt das uns sozialdemokratischen Abgeordneten oft zum Vorwurf gemacht. Ich habe von Genossen, von Arbeitslosen und von Ausgesteuerten, die durch die furchtbaren Härten der sozialen Verwaltung der bürgerlichen Regierung getroffen worden sind, oft gehört : "Warum duldet Ihr denn das? Warum schlagt Ihr nicht lieber alles kurz und klein?" Ich habe diese Stimmungen verstanden. Aber wir haben uns doch immer gesagt : Heute, da die Demokratie durch die deutsche Entwicklung in ganz Mitteleuropa bedroht ist, muß man sich vor allem hüten, was die Demokratie funktionsunfähig machen und dadurch in Gefahr bringen könnte. Man muß das Parlament, so klein und so erbärmlich seine Mehrheit ist, aktionsfähig erhalten. Natürlich konnten und durften wir nicht darauf verzichten, mit allen demokratischen Mitteln die Interessen der Arbeiterschaft zu verteidigen; aber wir waren immer ängstlich besorgt, unseren Kampf so zu führen, daß dadurch der demokratische Kampfboden selbst nicht gefährdet werde. Vielleicht verstehen jetzt manche Genossen besser als bisher, warum wir das getan haben.

Wenn aber die Krise der Demokratie trotzdem gekommen ist, dann ist sie nicht durch unsere Schuld gekommen, weil wir das Parlament nicht hätten arbeiten und funktionieren lassen, sondern sie ist gekommen durch die Schuld der Herren, die in den deutschen Ereignissen eine Konjunktur für ihre alten Pläne wittern und sich an jede Formalität als Vorwand klammern, um das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheitsrechte des Volkes anzugreifen. Wir haben, bevor jene Notverordnung erschienen ist, die gezeigt hat, wohin die Regierung steuern will, den bürgerlichen Parteien gesagt : Angesichts der Ereignisse in Deutschland ist es heute notwendig, Österreich eine ruhige demokratische Entwicklung zu sichern. Daran sind wir mitzuwirken bereit. Mitzuwirken nicht in der Form einer Regierungskoalition von der war keine Rede ‑, aber durch demokratisches Zusammenarbeiten der Parteien im Parlament unter der Voraussetzung, daß man die demokratische Verfassung der Republik nicht antaste, daß man die großen politischen Streitfragen, die uns von den bürgerlichen Parteien trennen, für eine Zeitlang zurückstellt und sich statt dessen mit den wirklichen Sorgen des Volkes beschäftige, damit, wie man den Arbeitslosen Arbeit beschafft, damit, wie man den Massen, die noch Arbeit haben, sie erhält, und damit, wie man die unschuldigen Opfer der Krise durch diese Zeit der Not durchzubringen vermag.

Die Herren haben dieses unser Angebot in dem christlichsozialen Regierungsorgan für unzeitgemäß erklärt. Aber wir betreiben keine Prestigepolitik. Und deshalb erkläre ich heute nochmals : Wenn die Herren ihre faschistischen Pläne aufgeben, den verfassungsmäßigen demokratischen Zustand ohne Säumen wiederherstellen, die rechtswidrigen Angriffe auf verfassungsmäßig verbürgte Freiheitsrechte einstellen, dann sind wir auch jetzt zu einer friedlichen Entwirrung der Lage und zur Mitarbeit an den sachlichen, wirtschaftlichen Aufgaben der Zeit bereit. Denn wir wünschen den Kampf nicht um seiner selbst willen. Wir wissen, daß ein großer Verfassungskampf der Volkswirtschaft des Landes Wunden schlagen würde, die sich in noch vermehrter Arbeitslosigkeit ausdrücken würden, und wir wissen, daß, wenn es zum Entscheidungskampf kommt, Opfer fallen würden, die wir vor den Müttern unseres Landes nur verantworten können, nachdem wir vorher alles getan haben, was eine friedliche Lösung auf dem Boden der Volksfreiheit möglich macht.

Aber wenn ich das hier noch einmal sage, dann soll man mich nicht mißverstehen. Denn darüber darf sich niemand täuschen : Wenn der Gegner es anders will, wenn er unsere Friedensbereitschaft mißachtet, wenn er sich einbildet, Österreich auf die deutsche Bahn führen zu können, dann, Genossinnen und Genossen, soll der Gegner wissen, daß wir zu allem, aber auch wirklich zu allem entschlossen sind.

"Révolution et contrerévolution en Autriche", 1934
(Extraits)[2].

[…] Seit dem 7. März 1933, dem Tage des Staatsstreichs der Regierung Dollfuß-Fey, hat die österreichische Sozialdemokratie die größten Anstrengungen unternommen, um eine friedliche verfassungsmäßige Lösung der politischen Krise zu ermöglichen.

Die Sozialdemokratie hat elf Monate lang die größte Zurückhaltung geübt. Sie hat auf die Ausschaltung des Parlaments und die Etablierung eines absolutistischen Notverordnungsregimes, auf die Auflösung des Republikanischen Schutzbundes, auf eine ganze Reihe von Notverordnungen, die in verfassungswidriger Weise das Versammlungsrecht der Arbeiter, die Pressefreiheit aufhoben, die sozialpolitischen Errungenschaften der Arbeiter abbauten, die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung Wiens ihrer Einnahmen beraubten und dadurch leistungsunfähig machten, nicht mit gewaltsamem Widerstand geantwortet. Sie hat im Gegenteil immer wieder bis in die allerjüngste Zeit alle Anstrengungen unternommen, um zu Verhandlungen mit der Regierung Dollfuß und mit dem nicht faschistischen Flügel der Christlichsozialen Partei über eine friedliche Verständigung um die Bildung einer Einheitsfront gegen die Nationalsozialisten zu gelangen.

Aber diese friedliche und zuwartende Haltung der Sozialdemokratischen Partei hat die Regierung Dollfuß-Fey nur zu immer feindlicheren Maßregeln gegen die Arbeiterschaft und gegen die Sozialdemokratie ermutigt. Alle Versuche, zu Verständigungsverhandlungen zu gelangen, hat Herr Dollfuß bis in die allerjüngsten Tage in der hochmütigsten und beleidigendsten Weise abgelehnt.

[…]

Die Erbitterung der Arbeiterschaft wandte sich immer mehr gegen die zuwartende und verständigungsbereite Politik des Parteivorstandes. Wachsame Teile der Parteimitgliedschaft forderten immer stürmischer das Losschlagen. Trotzdem hielt der Parteivorstand an der schon im Herbst vom Parteitage festgestellten Linie fest : Die Partei dürfe nur im äußersten Fall die Parole zum Generalstreik geben, nur dann, wenn die Regierung eine faschistische Verfassung oktroyiert, wenn sie die verfassungsmäßige Landesregierung und Gemeindeverwaltung von Wien absetzt, wenn sie die Partei auflöst oder die Gewerkschaften gleichschaltet. Solange nicht einer dieser vier Fälle gegeben sei, müßten die Versuche zu einer friedlichen Lösung geduldig fortgesetzt werden. Es ist dem Parteivorstand aber schon seit Monaten immer schwerer geworden, den erbitterten Arbeitern die Notwendigkeit dieser zuwartenden Politik klarzumachen.

In der letzten Woche mehrten sich die Anzeichen, daß die Regierung zum entscheidenden Schlag gegen die Demokratie und gegen die Arbeiterschaft aushole. Der Verfassungsminister Dr. Ender kündigte an, Österreich müsse binnen kurzem eine "Übergangsverfassung" bekommen, die "fast eine Diktatur" sein werde. […] Zugleich forderten die Heimwehren auch die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei und aller Gemeindevertretungen, in denen die Sozialdemokraten die Mehrheit hatten. Die Heimwehren drohten ganz unverhüllt, mit gewaltsamer Besetzung der Landesregierungsgebäude und der Rathäuser, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden. Ein faschistischer Staatsstreich schien unmittelbar bevorzustehen.

[…]

Trotzdem hielt der Parteivorstand auch jetzt noch an seiner Linie fest. Er hielt es für notwendig, daß die Arbeiterschaft die Ergebnisse der für Montag, den 12. Feber 1934, angesagten Verhandlungen des Bundeskanzlers mit den Landeshauptleuten über die Forderungen der Heimwehr abwarte, und daß sie nicht losschlage, solange nicht etwa einer der vier Fälle, in denen gemäß dem Parteitagsbeschluß ein Abwehrkampf zum Schutze der verfassungsmäßigen Ordnung unvermeidlich sei, gegeben sei. Noch am Sonntag haben Funktionäre des Parteivorstandes in diesem Sinne Genossen, die über die erregte Stimmung der Arbeiterschaft berichteten, instruiert und vor eigenmächtigem Losschlagen dringend gewarnt. Aber die Erregung der Massen hatte einen solchen Grad erreicht, daß sich diese Warnungen des Parteivorstandes nicht mehr durchsetzen konnten. Als Montag früh die Polizei in Linz neuerlich Waffen beschlagnahmen und Schutzbundführer verhaften wollte, zwei Tage, nachdem die Heimwehren in Linz, mit Waffengewalt drohend, die ultimative Forderung nach der Gleichschaltung der Landesregierung und der Auflösung der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltungen dem Landeshauptmann überreicht hat, schlugen die Linzer Arbeiter los.

Aber auch in Wien herrschte Montag früh schon große Erregung in der Arbeiterschaft.

Am Sonntag war in Floridsdorf, dem industriereichsten Bezirk von Wien, Genosse Stockhammer, ein Betriebsratsobmann, der in der Floridsdorfer Arbeiterschaft besonders angesehen ist, verhaftet worden. Montag früh forderten die Arbeiter in den Floridsdorfer Betrieben einen Proteststreik gegen diese Verhaftung. Als in den Betrieben darüber noch diskutiert wurde, wurde bekannt, daß in Linz schon Straßenkämpfe stattfanden. Nun gab es kein Halten mehr. Die Wiener Arbeiter hatten das Gefühl, daß sie die Linzer und Oberösterreicher nicht im Stich lassen, nicht allein im Kampfe lassen könnten, wenn nicht die gesamte Arbeiterschaft von einem Ort nach dem anderen wehrlos gemacht und dann dem für den nächsten Tage zu gewärtigenden Staatsstreich kampfunfähig gegenüberstehen sollte. So nahmen denn die Ereignisse ihren Lauf.

Wäre es dem Parteivorstand gelungen, seine Linie bis zur letzten Stunde durchzusetzen, so wäre der Kampf wahrscheinlich auch nicht vermieden worden. Denn der Gegner war hart daran, Taten zu setzen, die die Arbeiterschaft auf jeden Fall zum Kampfe gezwungen hätten, wenn sie nicht kampflos sich einer faschistischen Diktatur unterwerfen wollte. Aber der Kampf wäre wahrscheinlich von breiten Volksmassen besser verstanden worden.

"Le soulèvement des travailleurs autrichiens", 1934
(Extraits)[3].

Die Arbeiter forderten von ihrer Partei Hilfe und Schutz. Sie konnten nicht begreifen, daß die Partei, gestern noch so mächtig, mit einem Male wehrlos geworden war. Sie forderten Kampf gegen die Diktatur.

Aber mit welchen Mitteln, in welcher Weise sollte dieser Kampf geführt werden, da es gesetzliche Abwehrmittel nicht mehr gab?

Die österreichischen Arbeiter hatten es, ebenso wie die Arbeiter der ganzen Welt, als beschämend empfunden, daß in Deutschland sowohl die mächtige Sozialdemokratie als auch die große kommunistische Partei kampflos dem Faschismus erlegen waren. Sie hatten es am eigenen Leibe erfahren, wie sehr dieses kampflose Erliegen der deutschen Arbeiterklasse die Reaktion in den anderen Ländern ermutigt hat. Sie schworen : "Es darf uns nicht so ergehen, wie es in Deutschland gegangen ist." Sie fühlten : "Die Freiheit ist verloren, wenn es nicht Männer gibt, die die Freiheit mit Einsatz ihres Lebens zu verteidigen bereit sind." Sie dachten : "Eine Bande gewalttätiger Männer, hinter der nur eine kleine Minderheit des Volkes steht, führt den Kampf gegen die Sozialdemokratie und gegen die Nationalsozialisten zugleich, das heißt : gegen mindestens 70 Prozent des ganzen Volkes. Sie hat eidbrüchig die Verfassung aufgehoben, sie tritt täglich die Rechte, die die Verfassung dem Volke und jedem einzelnen Staatsbürger zusichert, mit Füßen. Wir haben als Staatsbürger das Recht, diese Bande von Rechtsbrechern davonzujagen und im Kampfe die Wiederherstellung der demokratischen Verfassung zu erzwingen." Immer breitere Schichten der Arbeiterschaft drängten nach der Revolution gegen die Diktatur.

Die Partei war sich der Gefahren einer revolutionären Erhebung vollkommen bewußt. Wir wußten, wie schwer ein Generalstreik gelingen kann in einer Zeit, in der mehr als ein Drittel der ganzen Arbeiterschaft arbeitslos ist, in der viele Arbeitslose, seit drei, vier, fünf Jahren arbeitslos, durch die furchtbarste Not zermürbt und demoralisiert sind, in der jeder Arbeiter, der noch Arbeit hat, um seine Arbeitsstelle zittert. Wir wußten, daß die Diktatur jeden Streik gewaltsam zu brechen versuchen werde, daß daher jeder Generalstreik binnen wenigen Stunden in einen bewaffneten Kampf Umschlägen müsse. Wir wußten, daß in einem solchen bewaffneten Kampf der Gegner die furchtbare Ueberlegenheit der modernen Kriegstechnik haben werde. Wir haben darum alles, was nur irgend möglich war, getan, um der gewaltsamen Entscheidung auszuweichen.

[…]

Wir haben immer wieder jede Gelegenheit ausgenützt, um bürgerliche Politiker und durch sie die Regierung vor dem Anschwellen revolutionärer Stimmungen in der Arbeiterschaft, vor der wachsenden Gefahr, daß ein Zwischenfall auch gegen den Willen der Partei zu einem gewaltsamen Ausbruch des angehäuften Zorns gegen die Diktatur führen könne, zu warnen. Dollfuß lehnte alle diese Warnungen immer wieder mit der hochmütigen Antwort ab : "Es ist keine Gefahr! Für diese Führer werden sich die Arbeiter nicht mehr schlagen!"

Wir boten immer weiter gehende Zugeständnisse an, um eine friedliche Lösung zu ermöglichen. Wir ließen Dollfuß wissen, daß wir bereit wären, der Regierung auf verfassungsmäßige Weise außerordentliche Vollmachten für zwei Jahre zu bewilligen, wenn diese Vollmachten nur unter der Mitwirkung eines engeren Ausschusses des Parlaments und unter Kontrolle des Verfassungsgerichtshofes gehandhabt würden, und daß wir dafür für die Partei nichts als Bewegungsfreiheit, als die Wiederherstellung des gesetzlichen Versammlungsrechtes und der Preßfreiheit innerhalb der gesetzlichen Schranken verlangten. Wir erklärten uns bereit, selbst dem Gedanken der "berufsständischen" Organisation der Gesellschaft und des Staates Zugeständnisse zu machen, um nur eine Verständigung zu ermöglichen. Es war alles, umsonst; Dollfuß lehnte jede Verhandlung ab.

[…]

Wir haben unsere Bemühungen um eine friedliche Entwirrung bis zur allerletzten Stunde fortgesetzt. Noch am Montag, dem 12. Februar, vormittags, konferierten niederösterreichische Sozialdemokraten mit christlichsozialen Politikern über die Möglichkeit, in letzter Stunde die Katastrophe zu vermeiden. Wenige Stunden später waren diese Sozialdemokraten verhaftet.

Aber so sehr wir uns bis zur letzten Stunde um den Frieden bemüht haben, so sehr mußten wir doch auch mit der Möglichkeit rechnen, daß uns der letzte Entscheidungskampf nicht erspart bleiben werde. Denn das allerdings war seit jenem 7. März unser Entschluß, unser Wille : Kampflos, ohne einen mannhaften Versuch des Widerstandes werden wir die demokratische Verfassung, die wir mitgeschaffen und fünfzehn Jahre lang verteidigt haben, nicht gewaltsam vernichten lassen, die Arbeiterklasse nicht der faschistischen Diktatur preisgeben, die Partei, das große Werk dreier Arbeitergenerationen, nicht zerstören lassen.

Wir wußten, daß der ungleiche Kampf gegen die furchtbaren Gewaltmittel des Staates nur gewonnen werden könnte, wenn sich wirklich bis in den letzten Industrieort hinein die ganze Arbeiterklasse erhöbe. Deshalb wollten wir das Zeichen zum Kampf nur dann geben, wenn die Diktatur Taten setzte, die den Volkszorn, die Volksleidenschaften auf das äußerste zu steigern geeignet waren. Im Herbst hat ein außerordentlicher Parteitag beschlossen, daß das Zeichen zum Generalstreik in folgenden vier Fällen zu geben sei :

1. wenn die Regierung rechts- und verfassungswidrig eine faschistische Verfassung oktroyierte;

2. wenn die Regierung die verfassungsmäßige Gemeinde- und Landesverwaltung des roten Wien rechts- und verfassungswidrig absetzte und die Verwaltung Wiens einem Regierungskommissär übertrüge;

3. wenn die Regierung die Partei auflöste;

4. wenn die Gewerkschaften aufgelöst oder "gleichgeschaltet" würden.

In jedem dieser vier Fälle solle die Arbeiterschaft mit dem Generalstreik einsetzen.

Dieser Beschluß des Parteitages wurde den Massen vermittelt und verbreitet. Die "vier Punkte" fanden anfangs ihre Zustimmung. Aber je länger die Diktatur dauerte, je härter ihre Verordnungen die Arbeiterschaft trafen, je mehr die Arbeiterschaft sah, daß der Staatsapparat in der Zwischenzeit seine militärischen Machtmittel verstärkte und zugleich die Kampfkraft der Arbeiterschaft zu zermürben suchte, desto mehr mehrten sich in den Betrieben und in den Parteisektionen die Stimmen der Ungeduldigen, der Kampflustigen, der Vorwärtsstürmenden : "Warten wir nicht länger! Wir werden nicht mehr kampffähig sein, wenn einer der vier Fälle eintreten wird! Schlagen wir los, solange wir noch kampffähig sind! Sonst wird es uns so gehen wie den Genossen in Deutschland!".

Von Monat zu Monat erstarkte innerhalb der Partei die oppositionelle Strömung gegen die Politik des Parteivorstandes : gegen die Versuche, zu Verhandlungen mit dem Gegner zu gelangen, und gegen das Abwarten auf einen der "vier Punkte". Trotzdem hielt der Parteivorstand an seiner Taktik fest. Er war und blieb entschlossen, den äußersten Kampf nur zu wagen, wenn eine Tat des Gegners ihn ganz unabwendbar und unvermeidlich machte.

[…]

Der sozialdemokratische Parteirat trat am 28. Jänner zusammen. Er beantwortete die Rede Dollfuß’ vom 18. Jänner. Er erklärte, die Partei sei bereit, über eine neue Verfassung zu verhandeln und an der Verteidigung der Unabhängigkeit Oesterreichs mitzuwirken. Er stellte nur zwei Bedingungen: erstens müsse das allgemeine und gleiche Wahlrecht, die Verkörperung der Volkssouveränität und der politischen Rechtsgleichheit der Arbeiter, die Errungenschaft jahrzehntelanger Kämpfe der Arbeiterklasse, erhalten bleiben. Zweitens dürfe an das freie Koalitionsrecht der Arbeiter nicht gerührt werden. Die Regierungspresse antwortete mit Hohn. Allgemeines und gleiches Wahlrecht, Koalitionsfreiheit ‑ solche Dinge könne es im neuen Oesterreich nicht mehr geben.

[…]

In der ersten Februarwoche setzten die Heimwehren ein, den vollen Faschismus zu erzwingen.

[…]

In Schwechat bei Wien war es der Gendarmerie gelungen, größere Waffenvorräte der Arbeiter auszuheben. Fey nahm dies zum Anlaß, überall in den Heimen der Arbeiter nach Waffen suchen und überall die Führer des Schutzbundes verhaften zu lassen. Am Sonntag dem 11. Feber hat er ein Kommunique veröffentlicht, in dem er mitteilte, die Waffenfunde in Schwechat bewiesen ein "Komplott" "marxistisch-bolschewistischer Verbrecher" gegen die Staatsgewalt, die deshalb gegen die Sozialdemokratie nunmehr rücksichtslos vorgehen müsse. Es war klar : Die Schwechater Waffenfunde sollten der Reichstagsbrand des Herrn Fey sein.

Die Arbeiterschaft geriet in große Erregung. Daß man sie zu entwaffnen versuchte und ihre Schutzbund-Führer verhaftete in demselben Augenblick, in dem die Heimwehren die Landesregierungen unter ihren bewaffneten Druck setzten, um die Uebergabe der Verwaltung an die Faschisten zu erzwingen, zeigte, daß die Stunde der Entscheidung gekommen war. Die Arbeiterschaft dachte : In diesem Augenblick dürfen wir uns keine Waffen mehr wegnehmen lassen, wenn wir nicht in der unmittelbar bevorstehenden Stunde der Entscheidung kampfunfähig sein sollen.

Der Parteivorstand warnte. Er wollte den Kampf vermeiden, solange die Regierung nicht eine jener Taten setzte, die die ganze Masse der Arbeiterklasse aufgerüttelt, die Volksleidenschaft aufs höchste gesteigert hätte. Aber die Erregung eines großen Teiles der Arbeiter war schon so groß, daß die Mahnungen des Parteivorstandes nicht mehr durchdrangen. Als zwei Tage nach dem bewaffneten Einmarsch der Heimwehren in Linz und der Ueberreichung der faschistischen Forderungen an den oberösterreichischen Landeshauptmann die Polizei im Heim der Linzer Arbeiter Waffen beschlagnahmen wollte, setzten sich die Schutzbündler zur Wehr. Der Sturm brach los.

 



[1]Otto Bauer, Werkausgabe, Volume 6; Europaverlag, 1979; S. 567.

[2]. Script, avec la mention manuscrite "Écrit à Bratislava O. B. pour service de presse". Le sous-titre est : "D’un dirigeant de la social-démocratie autrichienne".

Source : Internationale Information 5/1934, Zürich, 18 février 1934.

[3]Otto Bauer, Der Aufstand der österreichischen Arbeiter – Seine Ursachen und seine Wirkungen; Prag, Verlag der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, 19 février 1934.