Autriche 1918 – 1945
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Février 1934 – Articles dans "Deutsche Freiheit"

 

Deutsche Freiheit.
Nummer 37 – 2. Jahrgang
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Saarbrücken, Mittwoch, den 14. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Freiheitsschlacht der Sozialdemokratie
Oesterreichs bewaffnete Arbeiter retten die Ehre und zeigen den Zukunftsweg

D. F. Die Sozialdemokratie Oesterreichs kämpft. Mit dem politischen Generalstreik nicht nur, sondern mit der Waffe in der Hand. Sie hat wahr gemacht, was sie immer warnend angekündigt hat: die waffenfähigen Mannschaften verteidigen die Volksrechte unter Einsatz des Lebens. Es ist in der Geschichte der Sozialdemokratie aller Länder das erste Mal, daß die sozialdemokratische Arbeiterpartei im Bürgerkrieg steht. Auch die österreichische Sozialdemokratie hat gezögert, bis ihr nur noch die Entscheidung blieb, kampf- und ruhmlos abzutreten, oder alle ihre außerparlamentarischen Machtmittel einzusetzen. Sie hat sich für den bewaffneten Widerstand entschieden. Wie der Kampf enden wird, ist zur Stunde unentschieden. Gewiß aber ist, daß die mutige zu allem entschlossene Haltung der österreichischen Sozialdemokratie das durch den deutschen Zusammenbruch schwer erschütterte Vertrauen in den Ernst des Kampfwillens der Sozialisten wieder beleben wird. Auch wenn der heldenmütige Widerstand der österreichischen Sozialdemokraten gegen überlegen bewaffnete Polizei- und Heerestruppen mit dem militärischen Siege der Bundesregierung erden sollte, bleibt das Beispiel sozialistischen Heroismus, das von Oesterreich her gegeben ist, bleiben die unversiegbaren Glaubens und Kampfkräfte, die dieses Heldentum neu in die Reihen der Sozialisten und insbesondere ihrer Jugend tragen wird. Die österreichische Sozialdemokratie zeigt den Geist und die Moral, die für die harten Entscheidungen der kommenden Jahre unerläßlich sind. Sie stellt den Soldaten der faschistischen Diktatur die Soldaten der sozialistischen Freiheit entgegen: Anders als durch militante Demokratie und militanten Sozialismus werden die drängenden Lösungen in den großen Gesellschaftskonflikten des überlebten europäischen Kapitalismus nicht zu finden sein.

Die österreichischen Nationalsozialisten haben, wie niemand anders erwartet hat, jede Solidarität mit den kämpfenden Sozialdemokraten abgelehnt und gleichzeitig erklärt, daß sie die Regierung Dollfuß "mit aller Macht" bekämpfen würden. Daran ist soviel wahr, daß die Nationalsozialisten hoffen, der Schlag des Bundeskanzlers gegen Links werde den Austrofaschismus stürzen und den reichsdeutschen Faschsimus zur Macht bringen. Die einen wie die anderen aber hetzen mit der Verleumdung, die Sozialdemokratie befinde sich "im bolschewistischen Aufstand". Das ist die große Lüge, die den in Oesterreich fehlenden Reichstagsbrand ersetzen soll. Wahr ist indes, daß die Bundesregierung sich im Aufstand befindet gegen die von ihr beschworene demokratische Verfassung und [daß] die Sozialdemokratie gegen Staatsverbrecher, die Polizei und Heer zum Staatsstreich mißbrauchen, die Volksrechte und Volksfreiheiten verteidigt.

Das Ziel der Sozialdemokratie ist, die legale Bundesverfassung aufrechtzuerhalten, das Ziel der Regierung und ihrer Verbündeten aller Art ist, illegal dem Volke eine faschistische Verfassung aufzuzwingen. Das sind die beiden großen Gegensätze. Innerhalb der faschistischen Front bestehen nur Kämpfe um die Verteilung der Beute. Die Austrofaschisten wollen eine österreichische Diktatur unter Anlehnung an Italien, die Hitlerfaschisten wollen die diktatorische Gleichschaltung mit Deutschland und die Ausschaltung aller ihrer Gegner, auch der Klerikalen, nach deutschem Muster. Beide erstreben Verfassungszustände, die von den jetzigen parlamentarisch-demokratischen Formen nichts mehr übrig lassen. Beide können ihre Ziele nur durch Gewalt und Eidbruch erreichen. Die Sozialdemokratie hat von Millionen verfassungstreuen Oesterreichern das Mandat, diese Anschläge zu vereiteln. Wenn sie nun das Wirtschaftsleben Oesterreichs stillzulegen und die Staatsverbrecher mit Flinten und Maschinengewehren abzuwehren versucht, führt sie diesen Volksauftrag aus. Die Sozialdemokratie erfüllt ihre staatsbürgerliche Pflicht. Sie ist Verfassung und Gesetz. Der Bundeskanzler und die Seinen stehen außerhalb der Gesetze. Wenn sie sich behaupten oder andere Faschisten an ihre Stelle treten sollten, so lehrt das die Sozialisten aller Länder nur eindringlicher denn je, daß jedes Recht verloren ist, wenn es gegen seine Feinde nicht mit überlegener Gewalt geschützt werden kann.

Die nach der ersten Kampfnacht vorliegenden amtlichen Meldungen berichten von vielen Toten und Verwundeten der Regierungstruppen und der Polizei.

Wieviele Sozialdemokraten ihre Treue zum Arbeitsvolk und dessen Freiheitsidealen mit ihrem Blute und ihrem Leben besiegelten, ist noch nicht zu erfahren. Da die Bundesregierung alle Heereswaffen, auch Artillerie, eingesetzt hat, wird der Bürgerkrieg in den Reihen der Sozialdemokraten viele Tote und Verletzte gefordert haben. Die Sozialisten, die Republikaner, die Antifaschisten in aller Welt ehren diese Opfer und grüßen Österreichs heldenmutige Sozialdemokratie.

Keine Kapitulation!
Widerstand bis zum Letzten

Wien, den 13. Februar 1934. (Eig. Bericht.)

In den Vormittagsstunden entwickelten sich neue Kämpfe in den Außenbezirken, von wo man lebhaftes Maschinengewehrfeuer hört. Der Rückzug der Sozialdemokraten auf die Vorstädte entspricht dem Plan, die innere Stadt und die bürgerlichen Bezirke preiszugeben und sich in den proletarischen Stadtteilen festzusetzen, wo die Bevölkerung den kämpfenden Arbeitern einen Rückhalt im Widerstand bietet. Die Versorgung mit Elektrizität ist im Laufe des Vormittags zum Teil wieder ermöglicht worden, jedoch nur sehr unregelmäßig und sehr unvollkommen. Der gesamte Straßenbahnverkehr liegt still. Die polizeilichen und militärischen Absperrungen nehmen noch zu. Ueberall werden Maschinengewehre in Stellung gebracht. Die Bundesregierung läßt verkünden, daß sie Herrin der Lage sei, doch trifft dies zur Stunde keinesfalls zu. Mindestens in Wien, in Linz und in dem steiermärkischen Industriezentrum Bruck wird erbittert gekämpft und ist der Widerstand der Sozialdemokraten ungebrochen. Die Bundesregierung versucht, durch Zweckmeldungen die Arbeiterschaft zu verwirren und einen Teil der Führer zu diffamieren. So wurde erst gemeldet, Dr. Deutsch und Otto Bauer seien verhaftet. Dann hieß es, sie seien ins Ausland geflohen. Beides ist unrichtig. Dr. Deutsch und Otto Bauer befinden sich dort, wohin sie in dieser Stunde gehören: bei den kämpfenden Arbeitern.

Der Generalstreik wird weithin durchgeführt, allerdings sind heute Vormittag die Zeitungen, die gestern durch den Setzerstreik lahmgelegt waren, wieder erschienen. Es ist also gelungen, ein Teil des Buchdruckereipersonals aus der Streikfront loszubrechen. Gegen mittag ist es überraschend auch in der inneren Stadt Wien zu schweren Zusammenstößen gekommen, über deren Charakter und Umfang im Augenblick noch nichts zu ermitteln ist.

Artilleriekämpfe
Generalstreik und Bürgerkrieg

Wien, 13. Febr. Die Wiener Zeitungen sind am Dienstag infolge des Streiks in wesentlich kleinerem Umfang erschienen. Die beiden sozialdemokratischen Blätter, die "Arbeiterzeitung" und das "Kleine Blatt" sind natürlich nicht erschienen.

In den Morgenstunden bietet die Umgebung der Polizeidirektion das Bild strengster Absperrung und Bewachung. Die Straßenbahnen und die Autobusse haben den Verkehr noch nicht wieder aufgenommen. Aus der Ferne hört man weiterhin Kanonendonner.

Das Fahrkorps der Vaterländischen Front ist aufgeboten worden, um einen Verbindungsdienst aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise sei es, wie die Vaterländische Front mitteilt, gelungen, auch in den Ländern die Landesleitungen und Bezirksstellen in Verbindung zu halten und darüber hinaus einen Relaisdienst für das gesamte Bundesgebiet vorzusehen. Die Vaterländische Front hat ferner ein Aufgebot Arbeitswilliger veranlaßt, und sich mit der Leitung des staatlichen Arbeitsdienstes ins Einvernehmen gesetzt, um für eine ausreichende technische Nothilfe Vorsorge zu treffen. Mit ihrer Hilfe sei es gelungen, in allen staatlichen Betrieben wie Post, Telegraf, Bundesbahnen und dergleichen einen beschränkten Betrieb sicherzustellen.

Die Heimwehren haben ihre gesamten Kräfte mobil gemacht. Die für Dienstag einberufene Bundesführertagung, an der auch die befreundeten vaterländischen Organisationen hätten teilnehmen sollen, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Die Wiener Polizeidirektion gibt bekannt, daß die Exekutive in Oesterreich am Montag den Verlust von 21 Mann zu verzeichnen hat. Die Verluste der Aufrührer sind noch nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, daß die Zahl der Toten und Verletzten ziemlich erheblich ist.

Es beginnt erst in Wien!
Die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei

(mit der Fortsetzung von Seite 2)

Wien, 13. Febr. (Eig. Drahtb.) Bei der Verhängung des Standrechts in Wien, über ganz Nieder-Oesterreich, Kärnten und die Steiermark sind die verzweifelten Versuche der österreichischen Arbeiterschaft, sich gegen den Heimwehrterror zu wehren, noch verschärft worden. Im ganzen Lande erfolgen Einzelaktionen mit vielfach blutigen Kämpfen. Wien befindet sich in vollkommener Panikstimmung. Ueberall Stacheldrahtverhaue und militärische Kordons. Nur an bestimmten Stellen dürfen die Straßen passiert werden. Alle Geschäfte sind von Käufern überfüllt. Jeder will sich noch schnell mit Brot, Mehl und Kerzen eindecken. Die Stadt ist erfüllt von Gerüchten über Schießereien und Blutvergießen. An mehreren Stellen der Stadt sieht man Panzerwagen.

Am Dienstagmorgen erfuhren die Wiener Arbeiter die in der Nacht vom Kabinett beschlossene Auflösung der österreichischen Sozialdemokratischen Partei. Die Meldungen über Verhaftungen der Führer widersprechen sich. Angeblich soll Bürgermeister Seitz festgenommen worden sein; nach andern Nachrichten ist er noch im besetzten Rathause unter polizeilicher Aufsicht. In den Randbezirken sind die Arbeiter noch vielfach Herren der Lage. Im Arbeiter-bezirk Simmering, wo sich die wichtigsten städtischen Werke befinden, wurde noch in den Morgenstunden heftig gekämpft. Vor allem befindet sich das Elektrizitätswert nach wie vor in der Hand der sozialdemokratischen Arbeiter. Polizei und Militär umringen die Gebäude und erwarten Verstärkungen des Bundesheeres, das angeblich mit Artillerie anrücken soll. Ein Hauptmann des Bundesheeres und fünf Polizeibeamte wurden bei verschiedenen Zusammenstößen getötet. Die Zahl der Gesamtopfer ist bis zur Stunde nicht festzustellen. Die Erbitterung der Kämpfe wächst ständig. Während aus der Provinz gemeldet wird, daß es hier im allgemeinen wieder ruhiger geworden sei, scheint es in Wien jetzt erst richtig loszugehen. Starhemberg hat das Aufgebot des gesamten österreichischen Heimatschutzes angeordnet, der an der Seite des Bundesheeres, der Gendarmerie und der Polizei gegen die sozialdemokratischen Arbeiter eingesetzt werden soll. Mit der Verhängung des Standrechts wurden in Oesterreich sämtliche Schulen geschlossen.

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Die wogende Schlacht
Die blutige Fastnacht

dnb. Wien, 13. Febr. Die strengen militärischen Absperrungen und Kontrollmaßnahmen werden in der ganzen Stadt aufrechterhalten. Der Straßenbahnverkehr ruht vollständig. Dagegen ist der Fernsprechverkehr ebenso wie Wasser- und Gaszufuhr wieder im Gange, zum Teil auch die Elektrizitätsversorgung. Die Läden sind zum größten Teil bis auf die Lebensmittelgeschäfte geschlossen. Die Bevölkerung bewahrt große Ruhe.

Artillerie- und Maschinengewehrfeuer sind ununterbrochen zu hören. Die Regierung geht jetzt mit rücksichtsloser Schärfe und mit allen vorhandenen militärischen Mitteln unter besonderem Einsatz von Artillerie und Haubitzen vor.

Die Stellen, an denen in Wien noch am Vormittag gekämpft wird, befinden sich in Ottakring, Simmering und Döbling. Im Bezirk Ottakring handelt es sich um die große Wohnbauanlage Sandleiten und um das Arbeiterheim. Hier konnte am Montagabend nur ein Teilerfolg erzielt werden. Der Kampf ging unter fortdauerndem Maschinengewehr- und Minenwerferfeuer und Einsatz von Artillerie die ganze Nacht weiter.

Gegen 8 Uhr Morgens setzte verstärktes Artilleriefeuer aus zwei Haubitzen, zwei kleinen Geschützen und Minenwerfern ein. Auch um den Karl-Marx-Hof in Döbling wird noch immer heftig gekämpft. Auch hier spielt Artillerievorbereitung die Hauptrolle. Die Geschütze sind auf einem beherrschenden Punkt, der sogenannten Hohen Warte, aufgefahren worden.

Nach Berichten aus Graz ist aus Eggenberg noch Artilleriefeuer zu hören. In Bruck a. d. Mur hatten sich die Truppen bereits in den späten Abendstanden der Stadt bemächtigt. Im Laufe der Nacht sind sie jedoch ans einigen Stadtteilen wieder verdrängt worden. Durch Einsatz erheblicher Artilleriekräfte ist die Wiedereinnahme dieser Teile gelungen. Aus dem obersteirischen Industriegebiet liegen in Graz Berichte nicht vor, da die Fernsprechverbindungen dorthin unterbrochen sind.

Die Gesamtverluste im Grazer Stadtgebiet wurden von den örtlichen Behörden Montag abend auf 50 Tote geschätzt.

"Vorläufig"….
37 Tote

Wien, 18. Febr. Die Regierung hat in einem Ministerrat das Verbot der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs beschlossen. Die Verluste bei den Kämpfen in Wien werden auf Regierungsseite vorläufig mit 20 Toten und 60 Schwerverletzten angegeben. Der Kampf konzentrierte sich in den späten Nachtstunden auf den Ostbahnhof, wo von den Truppen ein Panzerzug und Artillerie eingelegt worden sind. Die Regierung hat der Presse einen Aufruf übermittelt, in dem erklärt wird, daß sie Herr der Lage sei. Der Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien, Seitz, ist verhaftet und in das Polizeigefängnis eingeliefert worden. Nach Meldungen aus Steiermark sind bei den dortigen Zusammenstößen 87 Tote zu verzeichnen.

Wechselreiche Straßenkämpfe

Wien, 18. Febr. Polizei und Militär ist es gelungen, das Arbeiterheim im Bezirk Ottakring zu besetzen. Dafür flammte allerdings der Widerstand an anderen Stellen wieder auf. So hat bei der im gleichen Bezirk liegenden Wohnbauanlage Sandleiten der Kampf neuerdings begonnen. Bei einer Säuberungsaktion in Floridsdorf wurden zehn Wachbeamte und ein Stabshauptmann getötet. Im gleichen Bezirk sind Panzerwagen eingesetzt worden. In einer der dortigen großen Wohnanlage der Gemeinde, im Schlingerhof, haben sich die Sozialdemokraten verbarrikadiert. Auch in Meidling müssen drei wiederum von den Roten besetzte Gemeindehäuser erstürmt werden.

Im Umspannwerk in Ottakring ist die militärische Besatzung eingeschlossen und wird von Sozialdemokraten unter Feuer gehalten. In Simmering geht die Säuberungsaktion nur langsam vor sich. Der Schlachtviehhof in St. Marx ist in die Hände der Roten gefallen.

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Nach Meldungen aus Linz flammt dort der Kampf auf dem Freienberg wieder auf. Ueber Tirol ist das Standrecht verhängt worden.

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Oesterreichs Arbeiter
im Kampf um die Freiheit

Fey gibt das Signal
Generalstreik und Standrecht

Wien, 12. Februar. (Eig. Meldung.)

Was zu erwarten war, ist eingetroffen. Dollfuß ist nach den "Einerseits" und "Andererseits" in die Klemme geraten und hat dem Vizekanzler Fey freie Hand gegeben, um den neuen Austrofaschismus einzuführen. Nach den Methoden Görings geht Fey vor. Seit Mittwoch voriger Woche werden systematisch die sozialdemokratischen Büros durchstöbert, die Häuser der Arbeiterschaft durchsucht. Es wird nach berühmtem Beispiel wie in Berlin vor einem Jahre gearbeitet. "Katakomben" werden "entdeckt", die zwar nachher keine sind, aber immerhin für den Moment braucht man das zur Stimmungsmache. Es werden Waffenlager "entdeckt" und in Wirklichkeit wurde nichts gefunden. Die Reichstagsbrandpsychose soll auch in Oesterreich angefeuert werden.

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Der Hergang

Freitag abend im Ministerrat wurden scheidende Beschlüsse gefaßt, die die Einführung eines diktatorischen Regiments in den Bundesländern und in Wien, also in ganz Oesterreich bezwecken und die als erste Vorauslegung das Verbot und die Vernichtung der Sozialdemokratischen Partei anstrebt. Grundsätzlich ist auch demgemäß beschlossen worden, wie aus zuverlässiger Quelle berichtet wird. Bundeskanzler Dollfuß hat zwar in diesem Kabinettsrat mit Fey ernstlich gerungen, da er mit der Erhebung der Arbeiterschaft gegen den Verfassungsbruch rechnete und weil Fey mit brutaler Gewalt die faschistische Alleinherrschaft aufrichten will. Aber zuletzt hat Dollfuß keine Schritte gegen Fey unternommen und so hatte dieser freie Hand.

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Verhaftungen

Im Laufe des Samstags wurden in Wien allein 36 führende Sozialisten, darunter alle Bezirksobmänner des ehemaligen Schutzbundes, verhaftet. Das Bundeskanzleramt hat durch einen Geheimbefehl an sämtliche Bezirkshauptmannschaften diese beauftragt, sofort Listen aller sozialdemokratischen Vertrauensmänner anzufordern, die nach der Auflösung der Partei in Konzentrationslager überführt werden sollen. Samstag und Sonntag häuften sich dann auch die Aktionen gegen die Sozialdemokratie, die eindeutig erkennen ließen, was bezweckt war, nämlich die Vernichtung und Auflösung der Partei und der Arbeiterorganisationen in ihrer Gesamtheit.

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Die ersten Streiks

Noch Samstag in später Abendstunde fand wieder eine vertrauliche Sitzung des Bundeskanzleramtes statt. Teilnahmen Dollfuß, Fey, Starhemberg und ein Vertreter der monarchistischen Sturmscharen. In dieser Sitzung wurde erwogen, wie die Beschlüsse des gestrigen (also vom Freitag) Ministerrats schneller in die Tat umgesetzt werden können und welche Form für die "Gleichschaltung" gewählt werden solle. Schon Samstag abend wurde der Landtagsabgeordnete und sozialdemokratische Vizebürgermeister der niederösterreichischen Industriestadt Wiener Neustadt unter Mißachtung seiner Immunität verhaftet. Die Arbeiterschaft von Wiener-Neustadt legte sofort die Arbeit nieder und veranstaltete auf dem Hauptplatz der Stadt eine mächtige Kundgebung gegen den Faschismus.

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Letzter Appell

Die Sozialdemokratie hat gegenüber dem offenen Verfassungsbruch in der Nacht zum Montag einen Aufruf an das österreichische Volk gerichtet und durch Flugzettel über ganz Oesterreich verbreitet. Der Aufruf befaßt sich mit den Verfassungsbruchaktionen des Vizekanzlers Fey, der von einer "Verschwörung des republikanischen Schutzbundes gegen die Sicherheit des Staates" redet, um sich damit den Vorwand für einen entscheidenden Schlag gegen das Wiener Rathaus und gegen die Sozialdemokratische Partei zu schaffen. Es heißt in diesem Aufruf:

Herr Fey, der die Arbeiterschaft bis aufs Blut reizt, wagt es von einem "verbrecherischen Anschlag bolschewistisch-marxistischer Elemente" gegen die Bevölkerung zu reden. Die Wahrheit ist, daß die Sozialdemokratie niemanden, weder Bürgern, noch Bauern, angreife. Sie halte sich aber zum Kampf mit der Waffe für den Fall bereit, falls Faschisten es wagen sollten, die beschworene Verfassung der Republik vernichten zu wollen. Wenn der Eid und die Verfassung gebrochen würden und die Freiheit in Gefahr geriete, dann werde die Arbeiterschaft zu den Waffen greifen.

Fey hat auf die warnenden Stimmen der Sozialdemokratie nicht gehört. Er will sein Werk des Verfassungsbruches vollenden und Oesterreich in die Arme des Nationalsozialismus treiben. Denn Hitler wird der Sieger dieser Aktion sein. Ein Austro-Faschismus ist die Einbildung der Starhemberg-Fey-Männer, hinter der keine Massen stehen, die sich lediglich mit Hilfe der Polizei- und Militärmacht vorläufig betätigen können. Die Herrschaften werden sich irren. Für Oesterreich gibt es nur zwei Gruppen, die einander gegenüberstehen. Die eine ist der nationalsozialistische Faschismus nach Hitlers Muster und die andere Gruppe ist die Sozialdemokratie, die für Verteidigung der Verfassung und der in der Verfassung niedergelegten Rechte des gesamten österreichischen Volkes kämpft. Dieser Bürgerkrieg, dessen erste Zusammenstöße heute erfolgt sind, ist voraussichtlich nicht in den ersten Tagen und Wochen zu Ende.

Blutiger Kampf in Linz
Schwere Feuergefechte mit Artillerie- Zahlreiche Tote

Linz an der Donau, 12. Febr. In den Morgenstunden des heutigen Montags ist es hier zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der Bundespolizei und dem sozialistisch- republikanischen Schutzbund gekommen. Als die Polizei am Montag früh vom Schutzbund die Räumung des Hauses und die freiwillige Herausgabe sämtlicher Waffen verlangte, wurde vom Parteihaus mit scharfen Schüssen geantwortet. Die Polizeibeamten zogen sich zurück, gingen, nachdem Verstärkung eingetroffen war, wiederum vor und verlangten erneut die Herausgabe der Waffen und die Räumung. Aus dem Parteihaus wurde abermals als Antwort auf die Polizei gefeuert. Die Polizei schritt nun zusammen mit militärischer Verstärkung zum Sturm auf das Parteihaus. Der Kampf ist zur Stunde noch im Gange.

Linz an der Donau, 12. Febr. Der Kampf mit den sozialistischen Schutzbündlern nimmt immer größere Ausdehnung an. In verschiedenen Stadtteilen sind gegenwärtig heftige Straßenkämpfe im Gange.

Eine Polizeiwache im Innern der Stadt wurde von den Schutzbündlern mit Maschinengewehren überrascht, jedoch nach längerem Kampf von Heimwehr und Polizisten wieder zurückgenommen. Ferner soll seit den Mittagsstunden ein Feuergefecht auf dem oberhalb der Stadt gelegenen Freien Berge im Gange sein, wo sich die Sozialdemokraten im Laufe der Nacht verschanzt hatten. Ueber Linz ist das Standrecht verhängt worden. Läden und Restaurants sind geschlossen. Aus der Umgebung soll ein starker Zuzug von Sozialdemokraten im Gange sein. Die Zahl der Toten und Verwundeten läßt sich jedoch bisher noch nicht feststellen.

Vor dem sozialdemokratischen Parteihaus sind zwei Alpenjägerkompanien mit Maschinengewehren eingesetzt worden, die aus Dachböden und Luken heraus das Haus beschießen und den verschanzten Sozialdemokraten mit Handgranaten zu Leibe rücken. Im Parteihaus werden vier Polizeibeamte von den Sozialdemokraten als Geiseln gefangen genommen.

Wien, 12. Febr. Nach noch nicht bestätigten Meldungen aus Linz hat das Militär nach heftigem Kampf das sozialdemokratische Parteihaus, das Hotel Schiff, im Sturm genommen. Angeblich sollen bisher 15 Tote festgestellt worden sein. (Nach anderen Meldungen wird die Zahl der Toten zwischen 20 und 50 angegeben.)

Gegen eine Schule, die z. Z. noch von Sozialdemokraten besetzt ist, ist eine größere Aktion im Gange, bei der Artillerie eingesetzt worden ist.

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"Ruhe"

Um 18 Uhr ist die Ruhe in Linz im großen hergestellt worden. An einzelnen Punkten sind jedoch Zusammenrottungen noch im Gange. Trotz der starken Ausbreitung der Bewegung sind das Militär und die Polizei nach wie vor Herren der Lage und konnten bisher den Widerstand brechen. Eine weitere amtliche Mitteilung aus Linz besagt, daß der Widerstand der Sozialdemokratie jetzt im großen als zusammengebrochen angesehen werden könne, jedoch wird aus Linz berichtet, daß bewaffnete Sozialdemokraten sich immer noch an einzelnen Stellen der Stadt, am Gaswerk und an der Neuen Brücke, halten und daß das Feuer auch an den Stellen, wo die Polizei die Ordnung hergestellt hat, immer wieder aufflackert. Die Lage in Linz wird daher noch nicht als endgültig geklärt beurteilt. Nähere Angaben über die Verluste an Toten und Verwundeten auf beiden Seiten liegen bisher noch nicht vor. Weiter wird von Regierungsseite erklärt, daß die meisten in Linz und Oberösterreich von den Sozialdemokraten besetzten Plätze jetzt von den Truppen und der Polizei genommen worden seien. In Steyr ist es gleichfalls zu heftigen Zusammenstößen zwischen Schutzbündlern und der Polizei gekommen.

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Auch in Graz

Wien, 12. Febr. Nach Berichten aus Graz liegt auch dort die Hauptstadt im Dunkeln. In einem Grazer Arbeiterviertel haben Schutzbündler eine Wachstube gestürmt und sich dort verschanzt. Sie werden gegenwärtig von Polizei und Militär belagert. Bei den Kämpfen in Eggenberg sind nach den bisher vorliegenden Berichten drei Personen getötet und 14 schwer verletzt worden. Auch der Kampf in Bruck an der Mur gestaltet sich sehr blutig und dauert noch an. Meldungen über Einzelheiten fehlen, da der Fernsprechverkehr unterbrochen ist. Auch aus Leoben und dem ganzen obersteirischen Industriegebiet werden Zusammenstöße gemeldet, bei denen auch Militär eingreifen mußte.

Die Besetzung des Wiener Rathauses
Generalstreik – Die Stadt ohne Licht

dnb. Wien, 12. Febr. Das Wiener Rathaus ist in den heutigen Abendstunden von einem größeren Aufgebot von Truppen, Polizei und Gendarmerie besetzt worden, ohne daß von sozialdemokratischer Seite ein ernsthafter Widerstand geleistet wurde. Hierbei ist eine Reihe von sozialdemokratischen Beamten verhaftet worden. Ebenso ist der Vizebürgermeister der Stadt Wien, Emmerling, der Leiter der gesamten städtischen Betriebe, in den Abendstunden verhaftet worden.

Die Regierung beabsichtigt, wie verlautet, dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Wien, Seiz, ein Ultimatum zu stellen, entweder freiwillig zurückzutreten und die Macht sofort der Regierung zu übergeben, andernfalls er der Gewalt werde weichen müssen. Weiter soll nach der Besetzung des Rathauses ein Regierungskommissar für Wien ernannt werden.

Ohne Licht

Wien, 12. Febr. Ein allgemeiner Proteststreit der Wiener Arbeiterschaft ist Montag mittag hier infolge der Vorfälle in Linz ausgebrochen. In den Betrieben erschienen kurz vor 12 Uhr die sozialdemokratischen Betriebsräte und teilten den Arbeitgebern mit, daß die Arbeiterschaft einer allgemeinen Streikparole folgend die Arbeit Punkt 12 Uhr mittags niederlegen werde. Der gesamte Wiener Straßenbahnverkehr ist damit um Punkt 12 Uhr zum Stillstand gekommen. Die Elektrizitäts- und Gaswerke sind gleichfalls in den Proteststreit eingetreten. Punkt 12 Uhr setzte gleichfalls der elektrische Strom in der ganzen Stadt aus. Die Polizeidirektion hat eigene Strommaschinen für den telegrafischen und telefonischen Polizeidienst in Kraft gelegt. In dem lokalen Telefonverkehr sind gleichfalls Störungen infolge der Ausschaltung des elektrischen Stromes eingetreten. Die Dauer des Proteststreites ist zur Stunde noch nicht zu übersehen.

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Ausgestorben…

Aeußerst strenge Absperrungsmaßnahmen sind in der ganzen Stadt mit einem riesigen Aufgebot von Polizei und Militär, Maschinengewehren und Drahtverhauen durchgeführt worden. Die Stadt macht einen ausgestorbenen Eindruck. Die auf den Schienen stehenden, von der Mannschaft verlassenen Straßenbahnwagen sind in den Abendstunden von der Polizei mit Kraftwagen abgeschleppt worden. In den Straßen ist die Polizeikontrolle außergewöhnlich scharf. Alle verdächtigen Personen werden durchsucht. In den Hauptstraßen ist der Personenverkehr vollständig gesperrt. Die Vorstellungen der Theater und Kinos sind ausnahmslos abgesagt worden. Alle Restaurants müssen bis 8 Uhr abends geschlossen sein. In der Stadt herrscht vollständige Ruhe, jedoch ist es in den einzelnen äußeren Arbeiterbezirken zu heftigen Zusammenstößen und Schießereien zwischen der Polizei und den Arbeitern gekommen, bei denen von Arbeiterseite Maschinengewehre verwendet worden sind. Die Polizeiaktion in den äußeren Stadtbezirken ist bisher noch nicht zum Abschluß gelangt. Seit den Mittagsstunden sind keine Zeitungen mehr erschienen.

Bewaffneter Widerstand

Wien, 12. Febr. In den Montagabendstunden haben die Unruhen in den Wiener Arbeiterbezirken wieder erheblich zugenommen. Stärkere Schießereien sollen in den Bezirken Ottakring, Simmering und in Dornbach zur Stunde im Gange sein. Die bisherigen Polizeiangaben von 2 toten und 18 verletzten Polizisten werden bereits als überholt bezeichnet. Polizei und Truppen sollen bisher nicht stark genug sein, um den stündlich zunehmenden Widerstand der bewaffneten Sozialdemokraten gewachsen zu sein. Erhebliche Truppenverstärkungen sind infolgedessen in die Vororte entsandt worden.

Seitz, Deutsch, Renner verhaftet?

Wien, 12. Febr. In den späten Abendstunden wurden der Wiener sozialdemokratische Bürgermeister Seitz und acht Stadtratsmitglieder verhaftet. Gerüchtweise verlautet, daß auch die Sozialistenführer Deutsch und Renner sowie General Körner verhaftet find.

In den Vororten Wiens dauern die Schießereien in der Nacht an. An einigen Punkten habe die Polizei und die Truppe den Aufstand niedergeschlagen. Auf seiten der Polizei werden vier Tote gemeldet.

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Deutsche Freiheit.
Nummer 38 – 2. Jahrgang
 [2]
Saarbrücken, Donnerstag, den 15. Februar 1934

Ruhmvolle Niederlage
Ende der sozialdemokratischen Freiheitsschlacht in Oesterreich – Heldentum der Arbeiter und ihrer Frauen – Der Austro-Klerikalismus eidbrüchig und mörderisch – Ende der europäischen Demokratie – Heroischer Auftakt der sozialistischen Revolution

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Ehrenvoll geschlagen
Das Niederwerfen der Arbeiter

Wien, 14. Febr. (Eig. Bericht.) Um 12 Uhr mittags wird in Floridsdorf und an einigen anderen Stellen der äußeren Stadt noch gekämpft. Auch in einigen Teilen der Provinz find noch Gefechte im Gange. Die sozialdemokratischen Gruppen, die ohne Verbindung mit andern Teilen der Front sind und die Gesamtlage daher nicht überblicken können, setzen an manchen Stellen den Widerstand mit großer Erbitterung fort. Da und dort handelt es sich auch nur um überlegte Rückzugsgefechte. Es darf aber kein Zweifel obwalten, daß die Bundesregierung tatsächlich militärisch gesiegt hat, und die Kämpfe noch im Laufe dieses Tages mit dem Niederwerfen der verfassungstreuen Sozialdemokraten enden müssen.

Die Versuche, sozialdemokratische Führer zur diffamieren, werden diesmal nicht gelingen. Ohne Widerstand verhaftet wurden nur greise Veteranen der Partei, die auf ihren politischen Posten in der inneren Stadt auf Parteibefehl aushalten mußten, wie etwa der siebzigjährige Bürgermeister Seitz, der schwer herzleidend im Gefängnislazarett liegt. Dr. Julius Deutsch und Otto Bauer haben sich führend und aktiv an den Kämpfen beteiligt und den Arbeitern ein Beispiel persönlicher Tapferkeit gegeben. Otto Bauer konnte sich nach dem Zusammenbruch seines Frontabschnittes in Sicherheit bringen. Ueber das Schicksal von Dr. Julius Deutsch, dem Gründer und Führer des Schutzbundes und früheren Wehrminister ist zur Stunde nichts bekannt.

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D. F. Geit 48 Stunden tobt an vielen Stellen die Verteidigungsschlacht der Sozialdemokratie um die Freiheit in Oesterreich. Mit Erstaunen und auch dort, mo fie den Sozialismus haßt, mit Bewunderung blickt die Welt auf das Heldentum der österreichischen Arbeiter klasse. Dieses Arbeitsvolk bietet in Generalstreik und Bürgerkrieg seit Tagen ein Schauspiel von unerhörtem Opfergeist und todbereiter Ueberzeugungstreue. Die an Truppenzahl und Waffen weit überlegenen Kräfte des Mördertrios Dollfuß- Frey- Starhemberg haben bisher den Widerstand nicht ganz brechen können. Alle militärischen Mittel, die der Friedensvertrag von St. Germain Defter reich erlaubt, sind gegen die kämpfende Sozialdemokratie eingesetzt, auch Artillerie und Minenwerfer. Sogar Flugzeuge find zur Erkundung aufgestiegen. Daß es nicht Bombenflugzeuge sein können, die reihenweise Arbeiterhäuser in Trümmer legen würden, wird der fromme Bundeskanzler Dollfuß gewiß recht bedauern. Der Friedensvertrag hat auch Oesterreich Bombenflugzeuge versagt. Sonst würden ihre Gasbomben ebenso gewiß Frauen und Kinder in dichtbewohnten Stadtvierteln vergiften, wie jetzt Granaten in den Arbeiterbezirken österreichischer Städte Frauen und Kinder zermalmen und zerreißen.

Es ist ein grandioses Symbol des kämpfenden Sozialismus, daß die Schlacht um Wien gerade dort sich konzentrierte, wo unter sozialistischer Gemeinderegierung Wohnsiedlungen, vorbildlich für die ganze Welt, errichtet worden sind. In den Häuserblocks und Straßen, deren Namen die großen Denker und Kämpfer des Sozialismus ehren, leisten die sozialdemokratischen Schutzbündler ihren heldenhaften Widerstand. Die Grünflächen, auf denen Wiens Arbeiterkinder, die so lange in die engen Höfe der Grundstücksspekulation gesperrt waren, spielten, werden nun vom Blute ihrer Väter gedüngt. Die Feinde sozialistischer friedlicher Aufbaupolitik schießen die Siedlungshäuser zusammen und töten ihre Verteidiger. Der Haß gegen sozialistische Gemeinschaft, lange schon wach, ist aufgestanden, um sein Vernichtungswerk zu vollführen.

Die Verluste sind, wie uns ein Privattelefonat mit Wien mitteilt, grauenhaft. Es fehlt in den Reihen der sozial. demokratischen Arbeiter an dem Nötigsten zur Pflege und zur Rettung der Verwundeten. Nur ein kleiner Teil ist in ärztlicher Pflege. Die Krankenhäuser sind überfüllt, soweit sie überhaupt für die verwundeten Sozialdemokraten erreichbar sind. Verbandstoff ist kostbar wie Munition. Arbeiterfrauen und Arbeitermädchen bemühen sich im Kugelregen um die Opfer der Freiheitsschlacht. Wie hoch die Zahl der verletzten Frauen und Mädchen und Kinder ist, kann einstweilen nicht übersehen werden. Gewiß ist, daß Frauen und Mädchen während ihrer Hilfe für Verwundete den Kugeln und Granaten zum Opfer gefallen sind. Die Arbeiter- Sanitätskolonnen arbeiten ohne fallen sind. Die Arbeiter- Sanitätskolonnen arbeiten ohne Pause und finden hilfsbereit Unterstützung bei der Arbeiterbevölkerung, die freiwillig ihre letzte Habe für die ruhmvoll Verwundeten hergibt.

Wie schwer die Kämpfe sind und welche Uebermacht die Bundesregierung braucht, wenn sie ihr blutiges Staatsverbrechen vollenden will, beweist die Tatsache, daß der Bundeskanzler alle ehemaligen Kriegsteilnehmer aufgerufen hat, sich als Freiwillige sich in die Schlacht gegen die Sozialdemokratie einzureihen. Bundestruppen, Polizei und Gendarmerie reichen nicht aus, den Mordbefehl an der österreichischen Sozialdemokratie zu vollstrecken. Unter Bruch des Friedensvertrages verstärkt der Bundeskanzler die Armee gegen Oesterreichs sozialdemokratische Arbeiter und vermehrt so die blutige Schmach, in die er das unglückliche Land gerissen hat. Arbeiter und vermehrt so die blutige Schmach, in die er das unglückliche Land gerissen hat.

Als Arbeitermörder steht nun Dollfuß mindestens ebenbürtig neben den Hitler und Göring. Die drei und ihre Kreaturen können sich brüderlich die blutbesudelten Hände reichen. Dollfuß ist den österreichischen Nationalsozialisten im Arbeiterschlachten nur zuvorgekommen. Die Nationalsozialisten würden eine nicht geringere Blutarbeit geleistet haben. Wie auch Austrofaschismus und Nationalsozialismus sich unterscheiden mögen, einig sind sie in ihrem Haß gegen jede wirklich sozialistische Neugestaltung. Der Bürgerkrieg, den Dollfuß gegen die Sozialdemokratie begonnen hat, ist ein Verzweiflungsstreich auch gegen die Nationalsozialisten. Dollfuß und die Seinen lassen nicht auf die Nationalsozialisten schießen, mit denen sie viele Berührungspunkte haben. Dollfuß hofft, sich so gegen den Nationalsozialismus behaupten zu können. Die Nationalsozialisten aber bewahren wohlwollende Neutralität im Bürgerkrieg, weil sie hoffen, wahrscheinlich mit Recht, daß Dollfuß ihnen durch seine Mordarbeit gegen den Marxismus die Tore zur Macht öffnen wird.

Der Bundeskanzler versucht, die Verantwortung an der großen österreichischen Schlacht auf die Sozialdemokraten abzuwälzen. Das wird ihm bei keinem Urteilsfähigen gelingen. Der Kampf ist durch den längst fälligen Heimwehrputsch und durch die gewaltsame Unterdrückung der Sozialdemokratie, durch ihr gewalttätiges Hinausdrängen aus ihren Positionen ausgebrochen. Die klerikale österreichische Regierung hat bedenkenlos ihre Eide gebrochen und gewissenlos einen mörderischen Machtkampf entfesselt.

Wir geben uns keinen Illusionen hin und wollen keine Illusionen hervorrufen: Oesterreichs Sozialdemokratie hat die Schlacht verloren. Die Arbeiter und mit ihnen die Bauern und der kleine Mittelstand sind niedergeschlagen. Eine ideenlose Schicht der hohen Bürokratie des degenerierten Aristokratentums und internationaler Kapitalisten steht als Sieger auf dem Schlachtfeld. Einstweilen. Keine Stunde werden sie sich ihres Erfolges freuen. Der Machtkampf wird nun zwischen der Bundesregierung Dollfuß und den Nationalsozialisten erst recht entbrennen, und die Gefahr nationaler Wirren mit internationalen Folgen ist unvermindert. Die Dollfuß und Fey und Starhemberg sind die fluchbeladenen Nachfolger des Fürsten Windischgrätz, der 1848 mit seinen kroatischen Truppen die demokratischen Bürger Wiens massakrierte und den deutschen demokratischen Revolutionär Robert Blum auf der Brigittenau standrechtlich erschießen ließ.

Die damals gemeuchelte Demokratie kehrte in jahrzehntelangem Ringen wieder. Nun ist sie auch in Oesterreich dahin. Eine große geschichtliche Epoche ist abgeschlossen. Das Bürgertum hat die Arbeiter, die um die Reste demokratischer Rechte kämpften, auch in Oesterreich niedergeworfen. Nun ist in ganz Europa die historische Bindung des sozialistischen Willens an die alten Formen der Demokratie vorüber: Die legale internationale Sozialdemokratie wird durch sozialrevolutionäre Aktionen mit dem nahen Ziele des Volkssozialismus abgelöst.

Die Schlacht in Oesterreich, in der alle waffenfähigen Führer mit den waffenfähigen Mannschaften der Arbeiterklasse zusammenstanden, ist der großartige Auftakt kommender revolutionärer Umgestaltungen in Europa. Die Freiheitsschlacht in Oesterreich ist ruhmvoll zu Ende. Das Ringen um die sozialistische Herrschaft über Europa in neuen Formen und mit neuen Kampfmitteln beginnt.

Widerstand bis zum äußersten
Die letzten Gefechtsberichte

Otto Bauer und Deutsch an der Spitze
Frische Schutzbündler im Kampfe

Wien, 14. Febr. (Eig. Drahtbericht). Das Ottakringer Arbeiterheim ist von den Sozialdemokraten erneut besetzt worden. Dem Schutzbund gelang es ferner, Polizei nebst Hilfstruppen in die Polizeikaserne in Simmering hineinzudrängen und einzuschließen. Die Kaserne wird von den Schutzbündlern unter Feuer gehalten. Bei einem Ausfallversuch der Polizei wurden 5 Polizisten erschossen. Es wird bestätigt, daß die sozialdemokratischen Führer Otto Bauer und Julius Deutsch nicht verhaftet sind, sondern den Kampf von außerhalb leiten. Auf ihre Tätigkeit wird es vor allem zurückgeführt, daß immer neue Schutzbündler und sozialdemokratische Arbeiter eingesetzt werden, während die Polizei- und Militärkräfte bereits Ermüdungserscheinungen aufweisen.

"Wir ergeben uns nicht!"
Die Gasarbeiter an die Regierung…

Wien, 14. Febr. (Eig. Drahtbericht). Besonders kritisch ist für die Regierung die Lage beim Gaswerk. Das Ultimatum zur Uebergabe wurde von den Arbeitern des Gaswerks mit einer Gegenerklärung beantwortet. Sie ließen der Regierung mitteilen, daß sie sich nicht ergeben würden. In dem Augenblick, wo der erste Schuß gegen sie falle, und sie gezwungen seien, die Schüsse zu beantworten, würden sie das ganze Gaswerk in die Luft sprengen "um uns und die ganze Bevölkerung der Stadt, die eine solche Regierung toleriert, in die Ewigkeit zu befördern." Diese Ankündigung hat ungeheure Beunruhigung hervorgerufen, und gleichzeitig den Widerstandswillen der Kämpfenden gestärkt. Auch United Preß berichtet, daß es an verschiedenen Stellen der Stadt dem Schutzbund gelungen sei, die Truppen zu umzingeln und sie schwer zu bedrängen.

Der Kampf um die Höfe
Artillerie beschießt Häuserblocks – Pioniere in Aktion

(mit der Fortsetzung von Seite 2)

Wien, 14. Februar (Eig. Drahtbericht). Mit einem Heldenmut von weltgeschichtlicher Bedeutung setzen die Wiener Arbeiter ihren Widerstand gegen den Heimwehrterror fort. Ihre Burgen sind in den Wiener Vororten vor allem jene großen Bauhöfe, die dem schöpferischen Geist der sozialdemokratischen verwalteten Wiener Gemeinde immer das höchste Zeugnis ausstellen werden. Gegen diese Höfe hat in verschiedenen Vorstädten das Artilleriefeuer des Bundesheeres eingesetzt. Es kam zu richtigen Sturmangriffen, so etwa gegen den Karl-Marx- Hof, der von nicht weniger als 2000 Mietsparteien bewohnt wird. Der mittlere Komplex der Bauten ist schwer von Artillerietreffern mitgenommen, aber noch immer wird aus den Wohnungen geschossen. Die eigentliche Besatzung des Gebäudes soll in den Nachtstunden zum Mittwoch angeblich wegen Munitionsmangel die Waffen gestreckt haben. Aus Floridsdorf und Ottakring werden Kämpfe gemeldet, die noch von größerer Furchtbarkeit waren. Auf beiden Seiten fielen zahlreiche Opfer. Der Floridsdorfer Bahnhof, der einer der Hauptstützpunkte der Arbeiterschaft war, ist durch mehrstündige Artilleriebeschießung dem Erdboden gleichgemacht worden. An andern Stellen der Stadt jedoch halten die kämpfenden Arbeiter nach wie vor ihre Position. Dies wird von Stadelau und Jedlesee gemeldet. An der Reichsbrücke versuchen Pioniere Umgehungsmanöver auf Pontons, um nicht durch Artilleriefeuer die Brücke zerstören zu müssen.

In Simmering und Favoriten, wo angeblich die Exekutive Herr der Lage ist, finden immer noch Einzelkämpfe und Beschießungen von Polizisten statt. Ein großer Teil der Geschäfte ist geschlossen. Die Lebensmittelläden sind nahezu ausverkauft. Von den Wiener Theatern und Kinos wird berichtet, daß sie ihre Pforten die ganze Woche hindurch nicht öffnen werden. Ebenso bleiben die Schulen geschlossen.

*** Seite 2 ***

500 Tote
Die Kämpfe dauern fort

Wien, 13. Febr. Die Kämpfe in den einzelnen Vororten in Wien hielten in den ersten Nachtstunden weiter an. Nur in der Innenstadt verstummte das Artillerie- und Maschinengewehrfeuer. Aus verschiedenen Vororten Wiens werden Ansammlungen von Schutzbündlern gemeldet, die sich zum Marsch auf die Bundeshauptstadt sammeln. Nach einer anderen Lesart soll es nicht zutreffen, daß von den Vororten aus Schutzbündler den Marsch auf Wien antreten wollen.

Ueber die Zahl der Toten ist bisher noch keine Klarheit vorhanden. Eine Schätzung lautet auf 384 Todesopfer. Im Allgemeinen Krankenhaus sollen 123 Personen ihren Verletzungen erlegen sein. Ferner heißt es, daß 100 Leichen beim Anatomischen Institut eingeliefert worden seien.

Aus den Bundesländern liegen ebenfalls Nachrichten vor, denen zufolge die Kämpfe noch keineswegs abgeschlossen sind.

London. Nach Informationen des Wiener Reutervertreters soll die Zahl der Todesopfer in ganz Oesterreich nicht unter 500 anzusehen sein.

Wie Seitz verhaftet wurde!

Einem Schweizer sozialistischen Journalisten gelang es, mit dem Bürgermeister Seitz im Rathause Verbindung zu erhalten. Er gab folgende Erklärung ab:

"Eine halbe Stunde nach der Besetzung des Rathauses durch Militär erschienen in meinem Büro zehn Polizeikommissäre in Zivil und zwei Polizisten in Uniform unter Führung eines Polizeirates. In diesem Augenblick befanden sich die Stadträte Speiser, Weber und Honay und der ehemalige Stadtrat Breitner bei mir. Der Polizeirat erklärte, er habe den Befehl, den Bürgermeister und die sämtlichen Stadträte zu verhaften.

Er ersuchte uns, ihm, dem Polizeirat, zu folgen. Ich erklärte ihm, daß ich seiner Anordnung nicht Folge leisten werde. Als Gewählter des Volkes von Wien, als Bürgermeister und Landeshauptmann des Landes Wien werde ich auf meinem Posten bleiben und daß ich mich durch niemanden und durch nichts, es sei denn das Volk Wiens selbst, in der Ausübung meiner Pflichten werde behindern lassen. Der Polizeirat erklärte, er müsse in diesem Falle neue Instruktionen einholen. Er kam bald wieder und erklärte uns, er müsse auf unsern Verhaftungen bestehen, zumindest müßten die anwesenden Stadträte ihm folgen. Die Verhaftung müßte unter Umständen gewaltsam erfolgen. Inzwischen hatte die Polizei bereits zwei Autos requiriert, in denen die bei mir anwesenden Personen abgeführt wurden. Sie waren der Polizei gefolgt, nachdem diese darauf verzichtet hatte, mich ebenfalls sofort abzuführen. Um 20 ist das Militär, das das Rathaus besetzt hielt, abgezogen und wurde durch Heimwehrabteilungen ersetzt.

Wie mir von einem Beamten berichtet wird, begab sich Stadtrat Danneberg (Finanzdirektor von Wien) zum Finanzminister Buresch, um Auskunft von ihm zu verlangen, wie weit die Dinge getrieben werden sollten. Als er von dort nach Hause ging, wurde er in seinem Domizil ebenfalls verhaftet."

Seitz – Renner- Breitner

Der frühere Finanzreferent des Wiener Gemeinderates Breitner und der Landesrat Petznek, der Gatte der sogenannten "roten Prinzessin", der Fürstin Windischgrätz, einer Enkelin des Kaisers Franz Josef, sind am Dienstag verhaftet worden.

Der Bürgermeister von Wien, Seitz (er ist mindestens 70 Jahre alt), hat nach Angabe des behandelnden Arztes einen Schwächeanfall, also keinen Schlaganfall, erlitten. Seit befand sich bis Dienstag nachmittag im Nathans. Darauf wurde er ins Polizeigefängnis gebracht.

Wien, 18. Febr. Wie amtlich mitgeteilt wird, hat am Dienstag vormittag Minister Schmitz seine Tätigkeit als Bundeskommissar im Rathaus aufgenommen. Wie bestimmt verlautet, wurde auch Bürgermeister Seitz in Schußhaft genommen. Auch der Präsident des Nationalrates Dr. Renner und der Präsident des Bundesrates Körner seien verhaftet worden.

Teilweise Wiederaufnahme des Verkehrs

dnb. Wien, 14. Febr. Im ganzen Stadtgebiet ist die Nacht ruhig verlaufen. Auch im Floridsdorfer Gebiet, wo sich bekanntlich die Gegner noch gegenüberstehen, kam es während der Nacht zu keinen Kämpfen. Auch in den ersten Morgenstunden hörte man nur vereinzelt das Explodieren einer schweren Mine. Erst gegen 8 Uhr nahm das Artillerie- und Minenfeuer wieder zu. Straßenbahn und Stadtbahn verkehren wieder. Am Ring allerdings ruht noch der Verkehr, um die dort besonders in der Umgebung des Polizeipräsidiums getroffenen Absperrungsmaßregeln aufrechterhalten zu können.

Der Landeshauptmann von Kärnten, Kernmayer, der dem Landbund angehört, ist wie es heißt vom Bundeskanzler telegrafisch aufgefordert worden, zurückzutreten. Darüber wird eine Sitzung des Landbundes entscheiden, die im Laufe des heutigen Tages zusammentritt. – Kernmayer ist, nachdem Seitz in Wien beseitigt ist, der letzte Landeshauptmann, der, obwohl rechtsstehend, der Heimwehrdiktatur nicht genehm ist.

Echo aus Prag

In Prag werden die österreichischen Ereignisse mit außerordentlicher Spannung verfolgt. Die Erregung des Landes ergibt sich schon aus seiner geographischen Lage. Dauernd berichten Extrablätter über die Kämpfe in Oesterreich und Wien. Die Auffassung, daß der Regierung Dollfuß die Schuld an den Ereignissen zuzuschreiben sei, ist nahezu allgemein. Die Vorstände der tschechischen und deutschen sozialdemokratischen Partei haben sich in einer gemeinschaftlichen Sympathiekundgebung für die Sache der kämpfenden Arbeiter in Oesterreich erklärt. Gerüchte, daß tschechoslowakische Arbeiterhilfskorps die österreichische Grenze überschritten hätten, oder überschreiten wollten, werden dementiert.

Anfrage in Unterhaus

dnb. London, 18. Febr. Der englische Außenminister Simon nahm am Dienstag nachmittag zur Lage in Oesterreich Stellung und machte dem Hause Mitteilung über die Nachrichten, die ihm von der österreichischen Regierung zugegangen waren. Der Abg. Mander fragte daraufhin, ob die englische Regierung bereit sei, der österreichischen Regierung klarzumachen, daß jede Unterdrückung verfassungsmäßiger Einrichtungen durch die öffentliche Meinung Englands nicht unterstützt würde. Simon erteilte auf diese Frage keine Antwort. Ferner stellte das Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei Marton die Frage an Simon, ob und wann der Völkerbund in der Lage sein werde, die österreichischen Schwierigkeiten au erörtern. Simon erwiderte darauf: Ich glaube, die Lage ist so, daß zwar die österreichische Regierung grundsätzlich beschlossen hat, den Völkerbund anzurufen, daß sie aber Dr. Dollfuß die Entscheidung überlassen hat, in welchem Augenblick dies getan werden solle. Sobald die Anrufung erfolgt, wird, wie ich annehme, eine Sondersitzung des Völkerbundsrates stattfinden. Auf die Frage Martons, ob der Völkerbund nicht zu den beunruhigenden Ereignissen in Oesterreich Stellung nehmen würde, bevor sie ihm durch Dollfuß vorgelegt werden, antwortete Simon, er sehe im Augenblick keine Möglichkeit für den Völkerbund, aus eigenem Antrieb in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Indessen kam es in Frankreich wieder zu einer Linksregierung, in der Paul-Boncour zwar nicht mehr Außenminister aber als Kriegsminister weiterhin ein sehr gewichtiges Mitglied der französischen Regierung geworden ist.

Komplikation durch die deutsche Note

Herr Dollfuß war, wie man erfährt, trotz des Protestes der Mächte entschlossen, den Staatsstreich zu führen, wenn nicht just am selben Tag die deutsche Antwortnote eingetroffen wäre, die offenbar Herr Dollfuß zu einem späteren Termin erwartet hatte. Nun hatte sich aber die internationale Lage geändert, nun bedurfte Dollfuß in seiner Aktion gegen Deutschland die Hilfe der Westmächte – in diesem Augenblick konnte er es nicht wagen, den Bürgerkrieg zu entfesseln.

So unterblieb diesmal der Schlag gegen Wien.

So scheint der Staatsstreich in Tirol fehlzuschlagen.

So scheint es aber nur zur Stunde, da wir diesen Bericht verfassen.

Am nachmittag des Montag, den 5. Februar, ist wieder Heimwehr in Innsbruck eingerückt und zur Stunde ist nicht zu übersehen, ob die Verbrecher nicht doch den Funken des Bürgerkrieges in das Pulverfaß Oesterreich schleudern.

Appell zum Generalstreik

Die Arbeiterschaft war jedenfalls gerüstet, den Schlag gegen Wien mit dem Generalstreit zu beantworten. Schon am 2. Februar wurde Oesterreich mit ungeheueren Massen illegaler Flugblätter überschwemmt, in der die unmittelbar drohende Gefahr eines Staatsstreiches in Wien alarmiert und der Generalstreit für diesen Fall angekündigt wurde.

Ein Aufruf der Tiroler Sozialdemokratie

Am 4. Februar erließ die sozialdemokratische Partei Tirols folgenden Aufruf:

Der Versuch verblendeter Elemente, die Verfassung des Landes Tirol gewaltsam zu ändern, hat in den Reihen der Tiroler Arbeiter und Bauern schärfsten Widerspruch und ungeheure Empörung hervorgerufen. Spontan hat sich die übergroße Mehrheit des Volkes zu Recht, Gesetz und Verfassung bekannt, und in nachdrücklichen Kundgebungen ihre Auffassung kundgetan. Das Land braucht dringend Ruhe und Frieden, um aus der ungeheuren wirtschaftlichen Not herauszukommen. Darum müssen die Friedensbrecher, gleichviel aus welchem Lager sie stammen, entschieden zur Ordnung gerufen werden. Die Tiroler Arbeiterschaft leidet neben den Bauern am meisten unter der Not der Zeit. Sie warnt deshalb nochmals davor, die Dinge zum Aeußersten zu treiben. Die Gegner des Selbstbestimmungsrechtes in der Jahrhunderte alten Freiheit des Tiroler Volkes mögen ein für alles mal wissen, daß die Tiroler Arbeiterschaft nicht duldet, daß sie und ihr gutes Recht mit Füßen getreten werden. Die Gefahren sind noch nicht endgültig gebannt. Größte Wachsamkeit ist weiterhin geboten.

Die Arbeiterschaft Oesterreichs ist entschlossen, den Staatsstreich in irgendeinem der Bundesländer mit dem Generalstreik zu begegnen. Wenn die Verbrecher es wagen sollten, in einem Bundesland den Staatsstreich zu unters nehmen, so wird von dort aus der Generalstreik und der Bürgerkrieg in ganz Oesterreich aufgerollt werden.

Die Entscheidung rückt heran!

Arbeiter! Laßt Euch nicht alarmmüde machen!

Haltet Euch bereit, um die Freiheit zu kämpfen! Hinter dieser Regierung der Desperados steht nichts als einige tausend unsichere Bajonette. Gegen diese Regierung steht das ganze Volk!

Darum: Fällt die Entscheidung, so kämpft mit allen Waffen, denn es geht um Eure Freiheit, es geht um Eure Kinder, es geht um Eure Zukunft!

Wir wollen nicht Sklaven werden!

Frei wollen wir bleiben!

Für uns streitet geheiligtes, beschworenes Recht!

*

Mobilmachung der Heimwehr

Die Heimwehr hat – man beachte das Datum! – am 27. Jänner den folgenden Mobilisierungsbefehl erlassen. Uns liegt dieser Befehl im Original der Margaretner- Heimwehr vor; er ist mit entsprechenden Varianten am selben Tag von allen Abteilungen und Unterabteilungen der Heimwehr an alle ihre Mitglieder ergangen; er lautet:

Wiener Heimatschnutz

Jägerbaon III

Kompagnie.

Herr Kamerad (folgt der Name) …

Die Bundesregierung ist nunmehr gewillt, unter allen Umständen die Entscheidung herbeizuführen. Sie wird in den nächsten Tagen alle Angehörigen der im Schutzkorps eingegliederten Wehrformationen zur aktiven Dienstleistung in das Schutzkorps einberufen.

Unser Landesführer, Vizekanzler Major a. D. Emil Fey, als Chef des Sicherheitswesens, fordert daher alle Heimatschützer auf, unter möglichster Rücksstellung aller beruflichen Rücksichten in dieser entscheidenden Stunde sich dem Staate durch Eintreten in das freiwillige Schutzkorps zur Verfügung zu stellen.

Diese Rufe, bzw. Befehle unseres Führers Folge zu leisten, ist uns Margaretner Heimatschützern selbstverständliche Pflicht, unser Gelöbnis, als freiwillige Kämpfer für Heimat und Volk, für ein freies christliches, deutsches Oesterreich, einzulösen.

Sie werden daher aufgefordert, sich unbedingt am Montag, den 29. d. M. um halb 8 Uhr abends im Heime 4., Hauslabgasse 2, behufs Zusammenstellung der neu aufzustellenden Formation des Schutzkorps pünktlich einzufinden.

Das unentschuldigte Fernbleiben wird als Austritt ans dem Heimatschutze ohne Rücksicht auf die Dauer der Zugehörigkeit zum Heimatschutze angesehen.

In diesen entscheidenden Stunden gehören alle wahren Kämpfer für unsere Idee in die Front.

Heil Starhemberg!   Heil Oesterreich!

Wien, am 27. Jänner 1934.

Der Baonskmdt.:

Karl Biedermann e. h.

Dieses Dokument beweist, daß die Regierung Dollfuß-Fey die Heimwehr nicht aufgeboten hat, um einen von den Nazi drohenden Putsch abzuwehren, sondern um selbst eine "Entscheidung" herbeizuführen – nämlich den Staatsstreich.

Vorgeschichte des Staatsstreichs
Material aus der Illegalen österreichischen Wochenschrift

In Oesterreich wird illegal eine sozialdemokratische Wochenschrift "Ruf zur Freiheit" verbreitet. Die letzte Nummer, die uns heute erreichte, ist vom 11. Februar datiert[3]. Sie bringt eingehendes Material darüber, daß der Bundeskanzler Dollfuß und sein Vizekanzler Fey schon für Ende Januar oder Anfang Februar den Staatsstreich geplant hatten. Durch die Putschgefahr von den Nazis her sollte eine Panikstimmung der Bevölkerung erzeugt werden, die Heimwehr sollte in Tirol "revoltieren" und von dort aus sollte sich die Bewegung bis nach Wien wälzen. Gleichzeitig sollte in der Bundeshauptstadt das Rathaus besetzt und die sozialistische Landesregierung verjagt werden.

Bundeskanzler Dollfuß wählte diesen Zeitpunkt, weil am 26. Januar gemeldet wurde, daß der Sturz der französischen Regierung Chautemps unmittelbar bevorstehe. Gegenüber Paul Boncour, dem Außenminister des Kabinetts Chautemps hatte nämlich Dollfuß die Verpflichtung eingegangen, entscheidende Maßnahmen[4] gegen die sozialdemokratische Partei zu treffen, um Oesterreich vor der Katastrophe des Bürgerkrieges zu bewahren. Diese Verpflichtung bindet natürlich die österreichische Regierung an die französische Regierung und nicht nur an eines ihrer Mitglieder. Der jesuitische Dollfuß stellte sich aber so, als hätte er sich nur gegenüber dem Außenminister Paul-Boncour und nicht gegenüber der französischen Regierung gebunden. Und da mit Chautemps auch Paul-Boncour demmissioniert hatte, so glaubte sich Herr Dollfuß dieser Verpflichtung entbunden und war entschlossen, die kurze Spanne Zeit der französischen Regierungsbildung zum Staatsstreich auszunützen, um die neue französische Regierung einfach vor die vollendete Tatsache des Staatsstreiches zu stellen.

Der seine Plan des Herrn Dollfuß war also, in der Zeitspanne zwischen der Demmission der Regierung Chautemps und der Vorstellung der neuen Regierung in der Kammer, die Wiener Rathausregierung zu stürzen und gleichzeitig von Tirol aus den Staatsstreich über ganz Oefterreich zu tragen.

Der Schritt der Mächte

Gegen diesen Plan protestierten nun, wie man aus dem "Prager Tagblatt" vom 8. Februar[5] erfuhr, der englische und der französische Gesandte. Diese ungemein wichtige Meldung, die der österreichischen Bevölkerung auf Weisung der Preßpolizei natürlich verheimlicht wurde, lautete:

Wien, 2. Februar. Gestern sprachen der englische und der französische Gesandte beim Bundeskanzler vor, um ihn über die Vorfälle in Innsbruck zu befragen. Gegenüber dem französischen Gesandten soll sich Bundeskanzler Dr. Dollfuß geäußert haben, daß er sich angesichts der geänderten politischen Lage in Frankreich nicht mehr gebunden fühle, die er seinerzeit dem damaligen französischen Außenminister gegenüber eingegangen sei, nämlich keine entscheidenden Maßnahmen gegen die sozialdemokratische Partei zu treffen. Der französische Gesandte Puaux soll dieser Auffassung des Bundeskanzlers entgegengetreten sein und gemeint haben, daß der Regierungswechsel in Frankreich kein Anlaß sei, diese Zusicherung zurückzunehmen.

*** Seite 3 ***

Der große Freiheitskampf
Namenlose Helden

In ganz Oesterreich kämpfen sie, die namenlosen Helden. In ganz Oesterreich verteidigen sie Freiheit, Republik und Sozialismus gegen das faschistische Verbrechen, das von Amts wegen das Oesterreich der Freiheit, das Oesterreich der sozialistischen Kultur, das kulturelle Oesterreich überhaupt, niederschlagen will.

Es sind die Arbeiter aus den Betrieben, aus den Büros. Es sind die Arbeiter auf der ganzen Linie, die ihr Leben einsetzen in diesem Kampf gegen das faschistische Verbrechen. Wer weiß was von dem Mut dieser Männer, der von ihren Gegnern zum Verbrechen gestempelt wird? Wer weiß etwas von dem Heldentum, das in den Straßen Wiens, von Graz und überall in Oesterreich verzweifelt ringt gegen eine ungeheure Macht, gegen die Macht des Militarismus, gegen Polizei und die ganze Staatsmacht überhaupt? Kämpft gegen das von oben dirigierte Verbrechen am österreichischen Volk?

Kein Dichter singt ihnen Heldenoden. Ihnen wird man keine Ruhmesdenkmäler setzen in Stein und Erz. Jeder von ihnen weiß das, der mit der Waffe in der Hand kämpft. Nicht für Orden und Ehren, nicht für klingenden Lohn, nicht für Rangstufe, Titel und Beförderungskram, womit die Helden des Krieges sonst geködert werden. Diese namenlosen Helden kämpfen nicht für religiös verbrämten mittelalterlichen Tand. Sie kämpfen nur und setzen ihr Leben ein, daß die Luft freibleibt um sie, damit sie atmen können, damit sie in Freiheit arbeiten und ihr Brot verdienen können, wovon sie leben müssen.

*

Sie stehen fest, die österreichischen Arbeiter und Helden. Jetzt zeigt sich schon, daß in diesem Bürgerkrieg nicht gekämpft wird um Stadtteile, einzelne Gebäude, Bahnhöfe, sondern überall, wo die Möglichkeit besteht. Wenn ein Bahnhof erobert wurde von den Faschisten, wenn eine Höhe gestürmt wurde, dann melden die österreichischen Verfassungsbrecher und blutbesudelten Fey- Starhemberg-Faschisten ihren Sieg in die Welt, um dann eine Stunde später wieder der aufhorchenden Menschheit verkünden zu müssen, daß sich die sozialistischen Kämpfer wieder an anderer Stelle gesammelt haben und erneut weiter ringen in hartem, erbittertem Kampfe.

Daß selbst die verfassungsbrecherische Regierung ihre Lage anfängt ängstlicher zu beurteilen, geht schon daraus hervor, daß der hauptfaschistische Akteur, Major Fey, einen Runderlag an sämtliche Militärkommandanten und Sicherheitsbehörden herausgab, in dem er rücksichtslos jeden Versuch des Widerstandes mit "allen Mitteln niederzuschlagen" befiehlt und hinzufügt: Jm ganzen Bundesgebiet müsse bis zum Dienstag abend die "Ruhe wieder hergestellt sein". Daraus kann man ersehen, daß es den faschistischen Verbrechern angst und bange wird, zumal sie befürchten müssen, daß das Militär auf längere Zeit den ungeheuren Spannungen, denen der einzelne Soldat ausgesetzt ist, wenn er auf seinen Volksbruder schießt, nicht mehr gewachsen ist. Wenn aber schon der österreichische Rundfunk in Bewegung gesetzt werden muß, um Freiwillige von den ehemaligen Kriegsteilnehmern aufzubieten gegen die kämpfende Arbeiterschaft, dann weiß man, wie die Lage in Oesterreich ist.

So kämpfen Oesterreichs Sozialdemokraten gegen den Faschismus!

NSDAP gegen Dollfuß
Kein Waffenstillstand mit den Heimwehren

München, 14. Febr. Wie die Landesleitung der NSDAP. mitteilt, sind die Gerüchte, wonach zwischen Heimwehr und NSDAP. Waffenstillstandsverhandlungen geführt wurden, unzutreffend. Der Kampf der NSDAP. gegen das System Dollfuß wird kompromißlos weitergeführt.

In ihrer Stellungnahme zu den blutigen Ereignissen in Oesterreich erklärt die nationalsozialistische Parteikorrespondenz, daß es nur eine Möglichkeit gebe, dem Chaos in Oesterreich ein Ende zu setzen, nämlich einen Schlußstrich unter das Willkürregiment Dollfuß- Fey zu ziehen und dem österreichischen Volk selbst das Bestimmungsrecht über sein Schicksal in die Hand zu geben.

Die Blutopfer
Viele Hunderte

Wien, 18. Febr. Auch die amtlichen Berichte geben jetzt zu, daß die Kämpfe sehr schwere Blutopfer fordern. Die Verluste in Wien werden jetzt mit 33 Toten und 163 Schwerverletzten angegeben. In Wien ist in der Lage im Laufe des Vormittags keine wesentliche Aenderung eingetreten. Für eine Anzahl von Bezirken sind dringend Verstärkungen angefordert worden.

In Ottakring explodierte durch einen Treffer ein Gasometer. In diesem Bezirke wurden Truppen von den Dächern und einem Feuerwehrturm aus beschossen, worauf die Truppen zum Sturm ansetzten. Aus einem Gemeindehaus eröffneten die Verteidiger der Freiheit scharfes Maschinengewehrfeuer, worauf Haubitzen die Stellung unter Feuer nahmen. Bei der Besetzung eines ebenfalls in diesem Bezirk gelegenen großen Gemeindehause, das durch Artilleriefeuer schwer beschädigt war, wurden 50 Schutzbündler verhaftet, bei denen man jedoch keine Munition mehr vorfand. Schutzbündler, die verhaftet worden sind, sollen vor das Standgericht gestellt werden. Der Adjutant des Staatsverbrechers Fey, Major Wrabel, ist durch einen Schuß in den Arm verletzt worden. Nach einer privaten Mitteilung ist die Frau des bekannten sozialdemokratischen Nationalrats Abgeordneten Sever bei der Erstürmung des Arbeiterhauses in Ottakring erschossen worden.

Jedes Haus ist eine Festung ….

Nach dem amtlichen Bericht wird bekannt, daß in Linz nach wie vor die Arbeiterschaft weiterkämpft. Es heißt da: "gegenwärtig wird der Bahnhof gesäubert". Der Güterbahnhof ist noch in Händen der Freiheitskämpfer, denn der amtliche Bericht kündigt erst noch eine "Aktion" an. In Steyr wurde während der Kampfhandlungen ein Direktor der Steyrwerke erschossen. Auch hier ist es den militärischen Abteilungen und dem Heimatschutz bisher nicht gelungen, die Kämpfenden aus dem Ort herauszudrängen. Der amtliche Bericht kündigt an, daß man mit der "Säuberung" "noch" beschäftigt sei. In Bruck an der Mur wurde zwar der Schloßberg nach schwerem Artilleriefeuer von der verfassungsbrecherischen Soldateska erstürmt, aber in den Straßen wird nach wie vor der Kampf erbittert fortgesetzt. Jedes Haus ist eine Festung.

In Katzenberg (Steiermark) wurde das Gendarmeriepostenkommando von Schutzbündlern eingeschlossen. Die Freiheitskämpfer sind Herren der Lage. Heeresabteilungen und starke Abteilungen der Heimwehr sind nach Katzenberg unterwegs. Der amtliche Bericht spricht davon: "Zur Befreiung des Gendarmeriepostenkommandos". Daraus ist zu erkennen, daß in Katzenberg und Umgebung die ganze Polizei und Gendarmerie festgelegt und entwaffnet ist.

In Eggenberg bei Graz haben sich die Schutzbündler in der Fabrik Wagner und im Büro der Schienenwalzwerke festgesetzt. Auch hier ist es bisher nicht gelungen, weder mit Polizei, noch mit Militärabteilungen die Verteidiger aus ihren Positionen herauszubringen. In Graz soll vorläufig noch Ruhe herrschen.

In Niederösterreich soll noch Ruhe herrschen.

In Judenburg fanden Barrikadenkämpfe statt. Angeblich sollen die Barrikaden vom Bundesheer gestürmt worden sein.

In Wien gehen die Kämpfe weiter. Im 19. Bezirk, also im Marxhof, und im 16. Bezirk, den städtischen Wohnungsanlagen Sandleiten und im Arbeiterheim sowie an einigen Stellen im 11. und 21. Bezirk finden zur Zeit heftige Kämpfe statt. Die Verteidiger erwidern das Feuer der Polizei des Militärs und des Heimatschutzes und schlagen die Angriffe der faschistischen Verbrecher überall zurück. Selbst Artillerie ist eingesetzt worden. Die Freiheitskämpfer wehren sich mit Heldenmut.

*

Das war die Lage in Oesterreich Dienstag vormittag. Nach einem amtlichen Bericht. Man sieht daraus, wie erbittert in ganz Oesterreich gerungen wird, und daß der verbrecherische Staatsstreich der Heimwehrfaschisten unter Dollfuß’ Duldung trotz Aufgebot der ganzen österreichischen Armee, Polizei, Gendarmerie und der Heimwehr, bisher nicht vermochte, die das freie Oesterreich verteidigende Arbeiterschaft niederzuschlagen.

Die Kämpfe um Floridsdorf und Ottakring
Die Arbeiter nicht besiegt

Wien, 13. Febr. In Floridsdorf, dem jenseits der Donau gelegenen Bezirk, waren am Dienstag um 19 Uhr noch einige für den Verkehr nach Norden wichtige Punkte im Besitz der Sozialdemokraten, so auch das Leopoldsauer Gaswerk. Ein doppelseitiger Angriff, sowohl aus dem Innern der Stadt wie von der niederösterreichischen Seite her gegen diese Stellung der Sozialdemokraten ist im Gange. Von offiziöser Seite wird erklärt, die beiden großen Gemeindebauten im  10. Bezirk in der Quellenstraße seien teils gestürmt, teils auch durch die Uebergabe in den Besitz der Regierungstruppen gekommen.

Seit 18 Uhr ist ein neuer Kampf um das Arbeiterheim Ottakring ausgebrochen. Wie es heißt,  sollen die Sozialdemokraten, die durch "unterirdische Gänge" in die Nachbarhäuser geflüchtet waren, nachdem sie von dort aus das Arbeiterheim unter Maschinengewehrfeuer genommen hatten, die schwache Polizeibesatzung wieder hinausgedrängt und das Heim erneut besetzt haben. Polizei geht nun erneut gegen das Arbeiterheim vor.

Der Staatssekretär für das Heerwesen hat im Rundfunk eine Ansprache gehalten, in der er alle ehemaligen Kriegsteilnehmer aufforderte, sich bei den zuständigen Militärstellen oder beim vaterländischen Dienst als Freiwillige zu melden.

Artillerie und Pioniere!

Wien, 18. Febr. Die Kampfhandlungen der Regierungstruppen gegen die Freiheitskämpfer ballen sich in den Abendstunden in dem jenseits der Donau gelegenen 21. Gemeindebezirk Floridsdorf zusammen. Die Regierung hat zur Säuberung dieses Bezirks schwere Artillerie und Pioniere eingesetzt.

Als ernst wird die Lage in Steyr bezeichnet, wo jetzt ein motorisiertes Bataillon eingesetzt worden ist. Heimwehrabteilungen unter Führung Starhembergs find nach Steyr im Vormarsch. Nach Artillerievorbereitung soll alsdann die Infanterie zum Sturm auf Steyr eingelegt werden.

Im Inntal wird noch gekämpft

Innsbruck, 18. Febr. In dem Industrieort Wörgl im Inntal sollte am Dienstag das sozialdemokratische Arbeiterheim besetzt werden. Die Arbeiterschaft versammelte sich darauf und leistete Widerstand, demgegenüber sich die in Wörgl verfügbaren Machtmittel als zu schwach erwiesen. In dem in der Nähe gelegenen Bergwerksort Häring ist ein Teil der Bergleute in den Streik getreten. Die Streikenden sind gemeinsam mit dem Republikanischen Schutzbund von Häring im Anmarsch auf Wörgl. Der Ort ist gegenwärtig von der Außenwelt abgeschnitten. Von Innsbruck aus ist Heimwehr und Gendarmerie abgesandt worden. Die Lage ist kritisch.

Mit allen Mitteln

Wien, 13. Febr. Vizekanzler Major Fey hat einen Runderlaß an sämtliche Militärkommandanten und Sicherheitsbehörden herausgegeben mit der Aufforderung, rücksichtslos jeden Versuch eines Widerstandes mit allen Mitteln niederzuschlagen. Die Ruhe im ganzen Bundesgebiet müsse bis zum heutigen Dienstag abend wiederhergestellt sein.

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Nach den bisherigen Berichten aus Wien sollen 24 Tote und 72 Schwerverletzte allein in dem Allgemeinen Krankens haus festgestellt worden sein.

In Graz find 600 Personen verhaftet worden. Die Zahl der Toten in Graz wird mit 70 angegeben.

Auch in Vöcklabruck ist ein großer Unruheherd vorhanden.

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Deutsche Freiheit.
Nummer 39 – 2. Jahrgang 
[6]
Saarbrücken, Freitag, den 16. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Schlachtfeld des Heldenkampfs
Kampf bis zum letzten Mann – Die Regierung läßt Frauen und Kinder erschießen – Rachefeldzug der Mörder

Tausende Tote
350 Opfer im Karl-Marx-Hof

dnb. London, 15. Februar. Der Wiener Korrespondent der "Times" sagt in einem Bericht: Die Verlustliste muß eine schreckliche Höhe erreicht haben. Schätzungen der Sozialisten geben die Zahl ihrer Toten nur bis Dienstagabend auf nicht weniger als 1500 an, und es ist bekannt, daß die Schlacht, die jetzt in Floridsdorf tobt, die blutigste von allen ist. Es heißt, daß in dem Karl-Marx-Hof genannten großen Wohngebäude allein 350 Personen getötet wurden, nicht nur Schutzbündler, sondern auch Bewohner. Die Regierungsstreitkräfte haben ebenfalls schwere Verluste erlitten. Im weiteren Verlauf seiner Schilderung sagt der Korrespondent: Eine derartige Zusammendrängung menschlichen Leidens auf engem Raum kann es in ganz Europa seit dem Kriege kaum gegeben haben.

"Abgeschlachtet"
Die Schuld der Mörder

(Mit der Fortsetzung von Seite 2)

dnb. London, 15. Februar. Zu den blutigen Ereignissen in Oesterreich veröffentlicht Reuter eine Meldung, in der es heißt, unzweifelhaft seien viele von den Toten und Verwundeten nicht am Kampf beteiligt gewesen. Ein höherer Offizier der regulären Armee habe in Floridsdorf im Gespräch mit einem Vertreter des Reuterbüros zugegeben, daß die meisten Verluste wahrscheinlich unter unschuldigen Personen zu verzeichnen seien, die nicht aus ihren von der Artillerie des Bundesheeres beschossenen Wohnhäusern entkommen konnten. Die Reutermeldung gibt der Ansicht Ausdruck, daß ein Ergebnis der Abschlachtung von Nichtkämpfern eine Zunahme der Erbitterung der Arbeiterklasse gegen die Regierung Dollfuß sein werden.

"Daily Telegraph" bringt einen Aufsatz seines Korrespondenten für Zentraleuropa Gedye, in dem ausgeführt wird, daß man in Oesterreich nicht von einem kommunistischen Aufruhr sprechen könne. Der Aufruhr sei vielmehr von den Heimwehrführern ausgegangen, die Dr. Dollfuß gezwungen hätten, die Bestrebungen durchzuführen, die sie in ihrem eigenen Putsch vom 13. September 1929 [7] erfolglos zu verwirklichen versucht hätten, einen Putsch, aus den keine Todesurteile und nicht einmal Verurteilungen zu Gefängnisstrafen gefolgt seien. Der Korrespondent sagt, die Regierungsartillerie führe jetzt das Ende der demokratischen Republik herbei, wenn auch für einen furchtbaren Preis von Menschenleben. Wenn Dr. Dollfuß dieses Schlachtfeld hinter sich habe, werde er sich einem anderen von äußerster Tatkraft und Entschlossenheit erfüllten Feinde gegenübersehen, nämlich dem Nationalsozialismus.

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Wien, 15. Februar. (Eigener Bericht.) In der Nacht zum Donnerstag hat der Bundeskanzler Dollfuß höchst persönlich im Wiener Rundfunk einen Bericht über seine Mordarbeit gegeben. Die Zahl der Toten und der Verwundeten, unter denen sich viele Frauen und Kinder befinden, hat er verschwiegen. Die furchtbare Ziffer wird amtlich niemals wahrheitsgemäß bekannt- gegeben werden. Als der Bundeskanzler sprach, war der Kampf zwar militärisch schon zugunsten des Heeres und der Polizei entschieden, wie bei deren Uebermacht niemand hatte anders erwarten können, aber die sozialdemokratischen Schutzbündler leisteten und leisten noch immer an zahlreichen Stellen heldenhaften Widerstand.

Der Bundeskanzler brachte nicht einmal die ritterliche Geste auf, den tapferen Kämpfern freien Abzug zu gewähren. Er machte ihnen ein verletzendes Angebot, das die gemeine Gesinnung der Bundesregierung deutlich offenbart: "Wer sich von jetzt ab, 11 Uhr abends, jeder ungesetzlichen oder feindseligen Handlung strikte enthält, und morgen, Donnerstag, den 15. Februar von 7 Uhr früh bis 12 Uhr mittags den Exekutivorganen stellt, kann, ausgenommen die verantwortlichen Führer, auf Pardon rechnen." Dollfuß will also die sozialdemokratischen Kämpfer aus ihren Positionen herauslocken, um sich dann diejenigen auszusuchen, die er vor seinen Standgerichten aburteilen und wenige Stunden nach dem Urteilsspruch hängen lassen will. Schon hat der Henker seine Arbeit begonnen und viele, viele wird der fromme Bundeskanzler Dollfuß den Weg zum Galgen antreten lassen.

Nach amtlichen Meldungen sind allein in Wien 2000 Personen festgenommen worden. Dieselbe Meldung behauptet, daß die Sozialdemokraten einen Angriff mit Chlorgas geplant gehabt hätten. Wenn das der Fall gewesen sein sollte, so würden sie sich lediglich ähnlicher Waffen wie die Regierung bedient haben, denn deren Truppen haben die Wohnblocks vergast, in denen sich die Verteidiger von Gesetz und Recht und Freiheit verschanzt hielten. Ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder sind die Regierungstruppen mit den furchtbarsten Mitteln moderner Kriegführung vorgegangen. Viele Frauen und Kinder befinden sich unter den Toten. Wenn es wahr ist, was die Regierung behauptet, daß Frauen auch aktiv an den Kämpfe« sich beteiligt haben, und wie es heißt, "also keineswegs unschuldige Opfer waren", so ist dies ein hohes Heldenlied auf die kämpfenden Proletarierinnen. Die Regierung will aber mit ihrer Behauptung nur darüber hinwegtäuschen, daß die Frauen und Kinder, die nicht aus den umkämpften Wohnungen hinauskommen konnten, von den Kugeln und Granaten der Regierung getötet worden sind.

Die Verheerungen in den Kampfgebieten sind furchtbar. Das Floridsdorfer Arbeiterheim liegt vollständig in Trümmern. Nach einer Behauptung haben es die Verteidiger vor der Uebergabe in Brand gesteckt, nach einer andern ist das Gebände durch eine Explosion gesprengt worden. Die Straßen von Floridsdorf sehen aus wie eine Stadt im Kriegsgebiet. Viele Häuser sind durch Granatfeuer zerschossen und die Straßen sind mit Schutt und Scherben bedeckt. Viele Tote konnten noch nicht beiseite geschafft werden, obwohl man immer wieder Totenautos durch die Stadt fahren sieht. Breite Blutlachen zeugen von den erbitterten Kämpfen.

Auch in den Bezirken, in denen nach den Angaben der Regierung die Truppen und die Polizei vollständig Herrin der Lage sein soll, und wo man in der Tat zahlreiche lange weiße Fahnen aus halb zerstörten Häusern wehen sieht, bleiben Truppenteile und Artillerie schußfertig. Mindestens in Simmering, in Meidling und in Floridsdorf gibt es noch mit unerhörter Tapferteit verteidigte Widerstandsnester. Der einer Festung gleichende Karl-Marr-Hof ist zum Teil und einige andere Häuserblocks sind noch nicht genommen, und es wird jeder Bewaffnete, der sich nähert, von den Verteidigern beschossen. Im Karl-Marx-Hof wird um jedes Zimmer gekämpft. Ein Teil der Schutzbündler haben sich nach Kagran zurückgezogen, wo sie angeblich Schützengräben ausgeworfen haben sollen. Die Regierung hat auf dem Bisamberg eine Batterie Haubitzen in Stellung gebracht, um den Widerstand an brechen.

Die Bundesregierung geht mit der grausamster Brutalität vor, weil sie befürchtet, daß bei einer Fortdauer der Kämpfe ihre Position gegenüber den Nationalsozialisten unhaltbar werben könnte. Die Truppenkonzentrationen richten sich jetzt gegen Wiener Neustadt, Kagran, Stadlau und Kirchenstädten.

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"Siegesbulletin"
Die erste Kopfprämie

Wien, 15. Febr. Das Bundeskanzleramt teilt mit: "Die rote Revolte ist vollkommen niedergebrochen. Aus allen Teilen des Bundesgebiets laufen die Meldungen über einen vollständigen Zusammenbruch der roten Revolte ein. Es wird überall normal gearbeitet und fast keinerlei Widerstand geleistet. Selbst in den Hauptzentren des bisherigen Widerstandes, wie in Obersteiermark z. B. befindet sich der Schutzbund auf der Flucht. Der Leiter des dortigen Widerstandes, der frühere sozialistische Abgeordnete Koloman Wallisch, ist mit etwa 120 Schutzbündlern flüchtig und hat sich in die Wälder der Umgebung von Bruck an der Mur zurückgezogen. Auf seine Ergreifung ist von Vizekanzler Fey eine Prämie von 1000 Schilling ausgesetzt worden.

In Wien hat die Eröffnung des Artilleriefeuers auf die von den Sozialdemokraten besetzten Teile von Floridsdorf bewirkt, daß sie ihre Stellung verlassen haben und auf einer Anzahl von Gemeindehäusern weiße Fahnen hißten. Die letzten Widerstandsnester werden rücksichtslos niedergekämpft werden. Auch in Simmering wurde auf mehreren roten Gemeindehäusern die weiße Fahne gehißt. Die Sicherheitswache, Schutzkorps und Bundesheer haben in Linz eine vollständige Säuberung vorgenommen."

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Trotzdem bleibt wahr, daß noch immer tausende Schutzbündler die Waffen nicht gestreckt haben und sich wehren bis zum letzten Mann.

"Widerstand bis zum Aeußersten"
Im Gebirge

Paris, 15. Febr. Die Agentur Sud-Est berichtet aus Wien, daß es 2000 Schutzbündlern gelungen ist, sich auf dem Laaer Berg südlich von Wien zu sammeln. Sie schienen reichlich über Waffen und Munition zu verfügen.

Nach der gleichen Quelle sollen die Sozialdemokraten zahlreiche Flugschriften zur Verteilung gebracht haben, in denen zum Widerstand bis zum Aeußersten aufgefordert und angekündigt werde, daß demnächst 40 000 Schutzbündler in Wien eintreffen würden, um die belagerten Punkte zu verstärken und um zu versuchen, gegen die Regierungsstreitkräfte die Offensive zu ergreifen.

Schönfärberei und Rache
Halbamtliche Berichte

bnb. Wien, 15. Februar. Der Wiener Industriellenverband hat bekanntgegeben, daß am Mittwoch in allen Betrieben, soweit sie nicht in den umkämpften Gebieten liegen, die Arbeit bereits wieder aufgenommen worden sei. Die Generalstreikparole habe keinen Widerhall gefunden. Vielmehr seien die Belegschaften nahezu vollständig wieder erschienen. Wie die halbamtliche Politische Korrespondenz meldet, stünden in jedem Bundesland höchstens noch die Belegschaften von ein bis zwei Betrieben im Streit; lediglich in Steiermark hätten fünf bis zehn Betriebe die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen.

In Wien ist der Direktor der Städtischen Leichenbestattungshalle seines Amtes enthoben worden, weil es unter seiner Leitung möglich gewesen sei, daß der Republikanische Schutzbund auf dem Zentralfriedhof ein Waffenlager angelegt habe.

In Niederösterreich sind die Mandate von 4121 sozialdemokratischen Gemeindevertretern erloschen. Rund 150 Gemeindevertretungen sind aufgelöst worden. In anderen Bundesländern, die weniger stark industrialisiert sind, sind die entsprechenden Ziffern geringer. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß es der Regierung nach Aberkennung der sozialdemokratischen Mandate keine Schwierigkeiten mehr bereiten würde, den Nationalrat einzuberufen und auf diesem Wege eine Verfassungsänderung auf "legalem" Wege durchzuführen.

Die "Reichspost" macht den Vorschlag, aus dem Vermögen der Austro-Marxisten einen Fonds zu bilden, der dann zur Wiedergutmachung der durch die Kämpfe angerichteten Schäden zu verwenden sei.

Amtliche Greuelmeldung
Schutzbündler "massenhaft" niedergemacht

Wie amtlich mitgeteilt wird, wurden in Thomasroith (Oberösterreich) vier Wehrleute, die einen schwer: verlegtzten Kameraden bergen wollten, von Schutzbündlern beschossen, so daß drei von den Wehrmännern fielen. Als das Bundesheer in das dortige Arbeiterheim eindrang, das die weiße Fahne gehißt hatte, wurde es wiederum beschossen. Die Soldaten erwiderten das Feuer und machten alle Schutzbündler an Ort und Stelle nieder.

In Linz wurde ein Auto, in dem ein Oberleutnant eines Alpenjägerregiments, drei Mann und der Chauffeur saßen, beschossen. Alle fünf Insassen des Antos wurden getötet.

Selbst diese zweifellos gefärbte amtliche Meldung läßt erkennen, mit welcher Grausamkeit die Regierungstruppen Rache nehmen. Die entschuldigenden Angaben in der Meldung sind zweifellos nur eingefügt worden, um das furchtbare Massakre an den Schutzbündlern einigermaßen zu rechtfertigen.

Die Verhafteten
50 sozialdemokratische Führer in Oesterreich verhaftet

Wien, 14. Febr. Außer dem ehemaligen Bürgermeister von Wien Seitz sind jetzt über 50 sozialdemokratische Führer verhaftet worden, unter denen sich der bekannte Sozialdemokrat Dr. Karl Renner, ferner der ehemalige General und Schutzbundführer Theodor Körner, zwei Bundesräte, fünf Stadträte, zahlreiche Gemeinderäte und Bürgermeister, Magistratsdirektoren, der Obmann der sozialdemokratischen Parteiorganisation Frey, der Oberinspektor des Elektrizitätswertes, der Chefredakteur des sozialistischen "Kleinen Blattes" befinden. Weitere Verhaftungen von sozialdemokratischen Führern sollen bevorstehen.

16 Beamte des "Reichsvereins der Bankbeamten" sind unter dem Verdacht verhaftet worden, Gelder aus den Depots des Reichsvereins abgehoben und dem Schutzbund zugeführt zu haben.

Die zweite Hinrichtung

Wien, 15. Febr. Nachdem das Todesurteil an dem aufständischen Führer Munichreither bereits am Nachmittag vollstreckt worden war, ist um 0,42 Uhr auch der zum Tode verurteilte Kommandant der Floridsdorfer Hauptfeuerwache, Ingenieur Weissel, hingerichtet worden.

Die Gewerkschaftsinternationale
Solidarität,
gleichviel wie der Kampf auslaufen möge

dnb. Paris, 15. Febr. Der Vorstand der Gewerkschaftsinternationale hat in Paris eine dringliche Sitzung abgehalten und in einer Entschließung beschlossen, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um praktisch die internationale Arbeitersolidarität gegenüber dem österreichischen Proletariat zu zeigen, gleich viel wie der Kampf auslaufen möge. Die Entschließung erhebt Einspruch gegen das Vorgehen der Polizei und der Truppen gegen Frauen und Kinder sowie gegen die Repressalien gegen Männer, die ihre Freiheiten verteidigten, Vorkommnisse, die internationale Verwicklungen hervorriefen.

Zwei Urteile
Kommunisten

In einer eigenen Meldung aus Wien vom 14. Februar, die durch Vermittlung eines österreichischen Vertrauensmannes unmittelbar aus dem Kampfgebiet stammte, haben wir berichtet:

Die Versuche, sozialdemokratische Führer zu diffamieren, werden diesmal nicht gelingen. Ohne Widerstand verhaftet wurden nur greise Veteranen der Partei, die auf ihren politischen Posten in der inneren Stadt auf Parteibefehl aushalten mußten, wie etwa der siebzigjährige Bürgermeister Seitz, der schwer herzleidend im Gefängnislazarett liegt. Dr. Julius Deutsch und Otto Bauer haben sich führend und aktiv an den Kämpfen beteiligt und den Arbeitern ein Beispiel persönlicher Tapferkeit gegeben. Otto Bauer konnte sich nach dem Zusammenbruch seines Frontabschnittes in Sicherheit bringen. Ueber das Schicksal von Dr. Julius Deutsch, den Gründer und Führer des Schutzbundes und früheren Wehrminister, ist zur Stunde nichts bekannt.

Das kommunistische Blatt in Saarbrücken nimmt aus dieser Meldung den vorletzten Satz heraus und fälscht also die Tatsachen in ihr Gegenteil um. Selbst die Faschisten haben die Tapferkeit von sozialdemokratischen Führern und Massen in Oesterreich anerkannt. Es genügt, die Gemeinheit einer solchen Leistung der kommunistischen Presse wiederzugeben.

Faschisten

(mit der Fortsetzung von S. 7)

In einem Berliner Telefonat über das Echo der österreichischen Kämpfe sagt die Basler "National- Zeitung", daß die tapfere Haltung der österreichischen Sozialisten, die ganz anders als die deutschen für ihr Ideal zu sterben wissen, weit herum, ja selbst bei Nationalsozialisten, Bewunderung errege. Offen wird ausgesprochen, daß die österreichische Sozialdemokratie, auch wenn sie jetzt von den Kanonen des Bundesheeres niederkartätscht wird, im Gegensatz zur deutschen geistig weiter leben werde und eines Tages wieder auferstehen könne. Nach hier allgemein verbreiteter Ansicht ist es ganz ausgeschlossen, daß das Regime Dollfuß nach den furchtbaren Ereignissen, auch wenn es momentan obsiegen sollte, noch von Dauer sein könnte. Die allernächste Zeit schon werde die Entscheidung bringen.

Ignotus:
Blutiges Geschäft

Helden und Händler stehen gegeneinander. Auf der einen Seite der heldenhafte Kampf für die Idee, noch ein Todeskampf der Freiheit. Auf der anderen Seite ein schmutziges und blutiges Geschäft. Die Händler siegen, die Helden sterben. Das ist österreichische Tragödie. Ein telefonischer Bericht, den "Le Temps" am 13. Februar aus Rom erhalten hat, enthüllt das Geschäft. "Politische Kreise (in Rom) erklären sich zufrieden mit den energischen Maßnahmen der Regierung Dollfuß. Sie sind der Auffassung, daß der Aufstand als gescheitert betrachtet sein kann, und sie begrüßen ("ils applaudissent"; sie klatschen Beifall!) die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei. Man darf nicht vergessen, daß Italien immer von der Auffassung ausging, daß eines der besten Mittel für Oesterreich, den Widerstand gegen die rote sowie die hitlersche Gefahr zu leisten, die Uebernahme der faschistischen Methoden sei. Aus diesem Grunde hat Rom immer die Heimwehren ermuntert, die ihm als die repräsentativsten Elemente des österreichischen Faschismus erschienen."

Die Regierung Dollfuß macht Oesterreich zum faschistischen Vasallenstaat. Das ist der Preis, den Italien für den Schutz Oesterreichs gegen Hitler erhalten soll. Der französische Senator Berenger, der Vorsitzende der auswärtigen Kommission des Senates, also ein außergewöhnlich gut informierter Politiker, schreibt sogar in einem Artikel, daß Oesterreich von italienischer Seite ganz bestimmte Versprechen erhalten hat im Sinne der Besetzung irgend welcher Form des österreichischen Bodens durch Italien, um auf diese Weise diesen Boden gegen die deutschen Unternehmungen zu schützen. Italien benutzt die verzweifelte Lage Oesterreichs, um es faktisch zu seiner Provinz zu machen.

Nun hätte die Lage Oesterreichs gar nicht so verzweifelt werden müssen, hätte nicht Italien von vornherein auf die Faschisierung Oesterreichs gedrängt, d. h. auf die Unterdrückung des großen Teils des Volkes und eben des Teiles, der für den Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Unabhängigkeit Oesterreichs in erster Linie in Frage kam. Italien hat eine an sich nicht bedeutende Minderheit unterstützt, die bereit war, sich als eine besondere österreichische Abart des Faschismus zur Verfügung zu stellen. Die Massen, soweit sie hinter diesem Austrofaschismus stehen, werden noch ihre bitteren Enttäuschungen erleben. Nutznießer des Geschäfts hoffen die machtlustigen, reaktionären politischen Cliquen zu werden, die nicht imstande wären, ohne italienische Unterstützung an der Macht zu bleiben. Sie hoffen es. Sie hoffen, daß sie, nachdem sie sich im Marxistenblut gebadet haben, gegen die Angriffe des Nationalsozialismus immun geworden sind. Sie glauben: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr… darf bleiben.

Herr Dollfuß war gebunden durch die Verpflichtungen, die er dem französischen Außenminister Paul Boncour gegenüber übernommen hatte. Er benutzte den Regierungswechsel in Frankreich, um seine Verpflichtungen zu brechen und den Bürgerkrieg, dem in Rom Beifall geklatscht wird, auszulösen. Er hat feierlich den österreichischen Schritt bei dem Völkerbund angekündigt, hat sich durch sein Kabinett die Vollmacht zu diesem Schritte geben lassen und ist dann nach Budapest gefahren. Es wurde allgemein anerkannt, daß diese Reise an sich ohne irgendwelche politische Bedeutung war. Offenbar diente sie nur dem Zweck, den Schritt bei dem Völkerbund zu verzögern. Italien war nämlich gegen den österreichischen Schritt. In Paris ist stark die Auffassung vertreten, daß Dollfuß vielleicht überhaupt auf die Anrufung des Völkerbundes verzichten und sich allein auf den versprochenen Schutz Italiens, voraussichtlich durch die italienische Okkupation, verlassen wird. Die andere Möglichkeit ist, daß Italien eine "Bereinigung" der inneren Lage, d. h. die Vernichtung der Sozialdemokratie und die Sicherung der faschistischen Gleichschaltung vor der Anrufung des Völkerbundes verlangte. Auf jeden Fall wollte Dollfuß vor dieser "Bereinigung" den Völkerbund nicht anrufen. Er fuhr nach Budapest und seine Mitarbeiter bereiteten die Aktion gegen die österreichische Arbeiterschaft vor.

Werden sich die Hoffnungen des Herrn Dollfuß erfüllen? Wird der Mohr, der seine Schuldigkeit mit solchem Aufwand von Blut getan hat, bleiben oder gehen? Es bleibt noch die dritte Macht, mit der abgerechnet werden muß: der deutsche Nationalsozialismus. Wird nicht Italien versuchen, mit Hitler zum Kompromiß in der österreichischen Frage zu kommen, und wird es nicht bereit sein, zu diesem Zwecke seine heutigen Werkzeuge morgen zu opfern? Italien ist auch schärfster Gegner des Anschlusses. Es liegt nahe, daß Italien ein Kompromiß mit Hitler zu erreichen versuchen wird, etwa auf der Grundlage: Oesterreich unter dem italienischen Protektorat, "unabhängig", d. h. vom "dritten Reiche" getrennt, aber mit ihm eng verbündet, und auf anderer Seite deutsche Aufrüstung, von Italien tatkräftig unterstützt, vielleicht auch ein formelles deutsch-italienisches Bündnis. Wozu wird Italien dann noch den von der übergroßen Mehrheit des österreichischen Volkes gehaßten Dollfuß brauchen? Es wird schon für die italienische Provinz ein besserer Statthalter zu finden sein.

Trotz aller Zurückhaltung, die in Paris geübt wird, läßt die französische Presse durchblicken, daß die Besorgnisse außerordentlich stark sind. Die Faschisierung Oesterreichs unter dem italienischen Protektorat muß auch in Frankreich als ein ungeheurer Schlag gegen die französische Politik empfunden werden. Auch wenn es wirklich gelingt, was noch gar nicht sicher ist, den nationalsozialistischen Anschlag auf Oesterreich abzuwehren, so erscheint auch die Perspektive eines faschistischen Blocks, der das Mitteleuropa von Meer zu Meer beherrschen würde, als sehr gefährlich. Die Kleine Entente und Polen, von Frankreich durch faschistisch begrenzten Raum abgetrennt, würden dann diesem Faschistenblock völlig ausgeliefert. Namentlich würde dann faktisch Italien zwischen der Tschechoslowakei und Jugoslawien liegen. Jugoslawien würde durch Italien, die Tschechoslowakei durch Deutschland, Ungarn und Italien auf bedrohlichste Weise umzingelt sein. Wenn man dieses Bild vor Augen hat, so spürt man schon die Fronten des neuen Weltkrieges.

Diese verhängnisvolle Entwicklung kann nur durch eine wirklich energische politische Gegenoffensive aufgehalten werden, und die Mitwirkung Englands wäre für diese Gegenoffensive von entscheidender Bedeutung. Vorläufig äußert sich die italienische Politik in Orakelsprüchen. Wird es Frankreich gelingen, die Klarheit über die Haltung Englands herbeizuführen? Wird es ihm gelingen, England für die tatkräftige Unterstützung seiner Bemühungen zu gewinnen? Das sind heute die Fragen, von denen unendlich viel abhängt.

Händler siegen, Helden sterben. Das unheimliche Geschäft geht weiter. Es ist aber neue Kraft in der Welt entstanden: Die Fahne der Freiheit, die noch einmal vom Blute der sozialistischen Arbeiter rot geworden ist. Unsere österreichischen Brüder haben gezeigt, wie gekämpft wird. Diese Lehre wird ab heute den Gang der Geschichte beeinflussen. Es wird die Stunde der Helden kommen.

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Verzweifelt wird weitergekämpft
Die Lage in der Provinz

Das Deutsche Nachrichten-Büro meldet aus München, 14. Februar: Nach den dem österreichischen Pressedienst vorliegenden Nachrichten aus Oesterreich ist die Lage im ganzen Lande nach wie vor sehr ernst.

In der Stadt Steyr in Oberösterreich sind die Aufständischen immer noch Herren der Lage, nachdem sie lediglich einen Teil der Stadt nach heftigem Artilleriefeuer räumen mußten. Die Stadt ist vom Bahnverkehr abgeschnitten, da die Marxisten die Bahngleise nach St. Valentin gesprengt haben. Eine Gendarmerieabteilung wurde von den Marxisten überfallen und ließ elf Tote am Plage zurück.

Im Salzburger Bahnhof wurde am Mittwoch eine Lokomotive auf der Drehscheibe vor dem Lokomotivschuppen umgestürzt, so daß die anderen Lokomotiven nicht ausfahren konnten. Der Bahnhof wurde später von einer Abteilung des Schutzkorps besetzt. In der Nähe von Puch sprengten die Marxisten einen Elektrizitätsmast der wichtigen Bahnstrecke Salzburg-Bischofshofen, so daß der Verkehr nur noch eingleisig aufrechterhalten werden kann. In Zell am See weigerten sich Angehörige der Heimwehren, zum Schutzkorps einzurücken und weinten, als sie dazu gezwungen wurden. In Hallein befürchtet man den Ausbruch von Unruhen. 90 Mann der Salzburger Garnison wurden dorthin abkommandiert.

Die Stadt Graz war am Dienstag abend ohne Licht. Die Straßenbahn und die Bundesbahn konnten nicht verkehren. Die Fernsprechverbindungen sind zum größten Teil unterbrochen. Die Stimmung auf der Regierungsseite ist äußerst gedrückt. Der Kommandant der berittenen Polizei ist in den Kämpfen gefallen. Die Heimwehr wurde bisher lediglich zur Bewachung von Parkplätzen eingesetzt.

In Eggenberg bei Graz war es am Dienstag nachmittag erneut zu schweren Kämpfen gekommen. Die Kasernen der Gendarmerie und Polizei wurden von Sozialdemokraten gestürmt. Was sich zur Wehr setzte, wurde niedergemacht, die übrigen gefangen genommen. Je ein Ueberfallauto der Polizei und der Gendarmerie, die zur Hilfe geeilt waren, mußten sich nach kurzem Handgemenge ergeben. Später wurden Alpenjäger und weitere Verstärkungen der Gendarmerie eingesetzt, worauf sich die Sozialdemokraten in der Richtung auf Gösting [8] zurückzogen. Auf seiten der Marxisten wurden hier in den Straßenkämpfen auch Minenwerfer benutzt, die unter den Regierungstruppen verheerend gewirkt haben sollen. Schließlich wurde Artillerie eingesetzt, die die Stellungen der Marxisten die ganze Nacht über ununterbrochen beschossen. Die Glasfabrik Gösting ist nur noch ein Trümmerhaufen. Bisher wurden über 60 Tote gezählt. Größere Unruhen werden auch aus Obersteiermark gemeldet. Im oberen Ennstal hat die Gendarmerie mehrere Tote zu verzeichnen.

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In Bruck an der Mur haben die Schutzbündler noch immer die wichtigsten Punkte in der Hand. Der Eisenbahnverkehr ist teilweise lahmgelegt.

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In Wien, wo die ganze Nacht zum Mittwoch und auch am Mittwoch vormittag unausgesetzt Maschinengewehrfeuer und Kanonendonner zu hören war, befinden sich das Leopoldsauer Gaswerk und das Elektrizitätswerk immer noch in den Händen des Republikanischen Schutzbundes. Die Regierung wagt es nicht, diese städtischen Anlagen mit schwerem Feuer zu belegen, um diese lebenswichtigen Anlagen nicht der Gefahr der Vernichtung auszusetzen.

In den Wiener Vororten
Ottakring – Meidling – Floridsdorf

Wien, 14. Februar.

Die Kampfhandlungen haben am Mittwochvormittag wieder in größerem Umfange eingesetzt. Die Kämpfe erstrecken sich jetzt hauptsächlich auf den Abschnitt Floridsdorf. Die Regierungstruppen nahmen nach längerer Artillerievorbereitung die Gartenstadt sowie einen größeren Gemeindebau.

Floridsdorf soll gegenwärtig von allen Seiten von den Regierungstruppen eingeschlossen sein. Den Schutzbündlern soll ein um 12 Uhr ablaufendes Ultimatum gestellt worden sein, die Waffen abzuliefern und sich zu ergeben, andernfalls das gesamte Gebiet, in dem sich die Schutzbündler verschanzt haben, vollständig mit Artillerie zusammengeschossen würde. Aus St. Pölten sind am Vormittag die Artillerie und Regierungstruppen eingetroffen und sofort in Floridsdorf in den Kampf eingelegt worden. Die Zahl der Schutzbündler in Floridsdorf wird halbamtlich mit 3000 Mann angegeben. Schwere Kämpfe sollen gegenwärtig auch an der Philadelphiabrücke im Gange sein.

Auch aus Ottakring werden Kämpfe gemeldet.

In den Mittagsstunden des Mittwoch wird von amtlicher Seite (daher braucht es auch nicht so ganz zu stimmen) mitgeteilt, daß der letzte Kampfabschnitt, der noch in größerem Ausmaße im Besitz der Schutzbündler war, nämlich die Stellungen in Floridsdorf, von ihnen geräumt worden sind und sich nunmehr vollständig im Besitze der Regierungstruppen befinden. Die Schutzbündler haben sich in Floridsdorf ergeben und die weiße Fahne gehißt. Auch die Kämpfe an der Philadelphiabrücke sind gegen Mittag zu Ende gegangen. Auch in den anderen Kampfabschnitten sind die Schutzbündler im Rückzug. Aus einzelnen Arbeiterhäusern sind bereits weiße Fahnen gehißt. Bei der Besetzung wurden Mengen von Waffen und Munition aufgefunden. Im 12. Bezirk ergab sich ebenfalls eine große Anzahl von Schutzbündlern. Da die Polizei zum Abtransport der Gefangenen nicht ausreichte, wurden die in der Umgebung liegenden Magazine besetzt und die Gefangenen dort sofort eingesperrt. Die Truppen haben am Vormittag eine systematische Durchsuchung sämtlicher roten Gemeindehäuser vorgenommen, die von den sozialdemokratischen Gemeindeverwaltungen seit Jahren mit öffentlichen Mitteln als strategische Stützpunkte für einen etwaigen Bürgerkrieg hergerichtet waren.

Das Gaswerk Leopoldsau an der Grenze von Floridsdorf, das bisher ununterbrochen von Schutzbündlern besetzt war, ist ebenfalls in die Hände der Regierungstruppen gefallen. Im Judenhof, ebenfalls in Floridsdorf, versuchten sich die Schutzbündler zunächst in Stellungen einzugraben. Das Polizeikommissariat im Bezirk Floridsdorf, das seit Beginn des Aufstandes inmitten des Schutzfeldes sowohl von seiten der Regierungstruppen wie auch der Schutzbündler lag, hatte schon in den Vormittagsstunden Luft bekommen, so daß es zum erstenmal seit diesen Tagen verlassen werden konnte. Bei dieser Einzelaktion sollen 100 Gefangene gemacht worden sein. Die Leiche des am Dienstag getöteten Bezirkshauptmannes Friedrich wurde in Floridsdorf gefunden. Im Schlingerhof (Floridsdorf), der von den Regierungstruppen mit Minen beschossen worden war, sind jetzt 50 Tote aufgefunden worden.

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In Meidling haben die Schutzbündler noch den Wiener Berg besetzt.

Wien, 14. Febr. Im Bezirk Meidling setzten heute mittag Regierungstruppen zum Angriff auf das Meidlinger Gemeindehaus, einen ausgedehnten Gebäudekomplex, an, in dem sich die Schutzbündler verschanzt hatten. Die Regierungstruppen beschossen das Gebäude zwei Stunden lang mit Maschinengewehren. Schließlich wurde ein Panzerwagen eingesezt. Vor Eröffnung des Feuers war den Frauen und Kindern gestattet worden, mit ihren Sachen das Gemeindehaus zu verlassen. Von den Schutzbündlern wurde aus allen Fenstern das Feuer heftig erwidert. Eine Frau wurde durch Querschläger getötet. Der Kampf ist zur Stunde noch im Gange.

Die Krönung
36 sozialdemokratische Verbände und Vereine aufgelöst

Wien, 14. Febr. Die amtliche Nachrichtenstelle teilt mit: Das Bundeskanzleramt hat die Auflösung von insgesamt 36 sozialdemokratischen Vereinen verfügt. Darunter befinden sich sämtliche Zentralorganisationen der österreichischen sozialdemokratischen Partei, einschließlich der freien Gewerkschaften, deren Spitzenverband, der Bund der Freien Gewerkschaften Österreichs, ebenfalls der Auflösung verfallen ist. Die übrigen sind die sozialistischen Arbeitervereine, die Touristen- und Sportvereinigungen sowie die gesellschaftlichen Vereinigungen, die unmittelbar der sozialdemokratischen Partei angegliedert waren.

Held Munichreither
Der Schwerverwundete gehängt…

Wien, 14. Febr. Das vom Standgericht gegen den Schutzbündler Karl Munichreither verhängte Todesurteil ist um 16.41 Uhr durch den Strang vollzogen worden.

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Drei Stunden nach dem ungeheuerlichen Urteil des Wiener Standgerichtes wurde im Namen des Verfassungsbruches, im Namen des Staatsstreichs der Schutzbundführer Munichreither "gerichtet". Der Schwerverwundete mußte also die Rache der entmenschten Soldateska sehr schnell über sich ergehen lassen. Eine Ungeheuerlichkeit, die die ganzen verbrecherischen Methoden der österreichischen Gewaltmenschen und Faschisten der großen Oeffentlichkeit enthüllt. Das ist kein Richten, das ist grausamer barbarischster Mord.

Der Schutzbündler Munichreither war ein Held. Er wurde von der Meute der Reaktion kaltblütig und wohlüberlegt gemordet. Wie das die christlichen Heuchler, die in Oesterreich triumphieren wollen, mit ihrer Religion in Einklang bringen, bleibt allen religiös und menschlich Empfindenden unerklärlich. Munichreither ist tot. Die kämpfende Arbeiterschaft der ganzen Welt wird ihn und die Helden des Kampfes um Wien in ewiger Erinnerung behalten.

Auf der Tragbahre…

Wien, 14. Febr. Der Senat des Standgerichtes, der aus drei Oberlandesgerichtsräten zusammengesetzt ist, trat heute zum ersten politischen Standgerichtsprozeß zusammen. Gegen zehn Mitglieder des Sozialistischen Schutzbundes ist Anklage auf Aufruhr im Sinne des Standrechtes erhoben worden. Zwei der Angeklagten, die bei den letzten Kämpfen schwere Verletzungen erlitten hatten, mußten auf Tragbahren in den Sitzungssaal gebracht werden, sie wurden jedoch vom Gericht für verhandlungsfähig erklärt.

Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um erwerbslose Arbeiter. Ein Abschluß der Verhandlung ist für heute noch nicht zu erwarten.

Weitere Standgerichte zusammengetreten

Wien, 14. Febr. Am Nachmittag sind drei weitere Standgerichte zusammengetreten. Angeklagt ist u. a. der Kommandant der Hauptfeuerwache in Floridsdorf, Ingenieur Weizel. Von dieser Wache wurde die Polizei wiederholt beschossen, wobei zehn Wachbeamte, darunter der Stabshauptmann Friedrich, getötet wurden.

*** Seite 7 ***

Labour bekundet Solidarität
Helft durch Taten

Der britische Gewerkschaftskongreß und die britische Labourpartei haben einen Hilfsaufruf veröffentlicht. In ihm sieht die organisierte britische Arbeiterschaft nunmehr ein, daß "die österreichische Regierung nicht einmal behaupten kann, von mehr als einem kleinen Bruchteil des Volkes gestützt zu werden." Die Abwehr gegen den Nationalsozialismus sei zur Entschuldigung für die Zerstörung der Freiheit und der parlamentarischen Demokratie gemacht worden. Die österreichische Arbeiterschaft habe ihr Aeußerstes zur Vermeidung eines Bürgerkrieges getan. Die österreichische Regierung habe darauf bestanden, sie zu provozieren. Deshalb erklärt die britische Arbeiterbewegung von neuem ihre Solidarität mit den österreichischen Arbeitern und deren Führern. Der Aufruf schließt mit der Bitte um Unterstützungsgelder für die Opfer der österreichischen Arbeiterklasse. Der "Daily Herald", das britische Arbeiterblatt, schließt seinen Leitartikel zu diesem Aufruf mit dem Satze: "Länder, die bisher geneigt waren, hilfsbereit gegenüber Oesterreich zu sein, werden sich nun eine neue Ansicht über einen Staat bilden, in welchem die Männer und Frauen des Volkes nicht die Freiheit haben, ihre Seelen ihr eigen zu nennen."

Ein geschichtliches Dokument
Wortlaut des Verbots der österreichischen Sozialdemokratie

Die Verordnung der Bundesleitung vom 12. Februar, wodurch der Sozialdemokratischen Partei die Betätigung verboten wird, hat folgenden Wortlaut:

§ 1. Der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs wird jede Betätigung verboten. Die bestehenden Organisationen dieser Partei sind aufgelöst; die Bildung neuer sozialdemokratischer Organisationen ist verboten. Es ist jedermann untersagt, sich irgendwie außerhalb dieser Organisationen für diese Partei zu betätigen. Das Tragen von Abzeichen dieser Partei ist untersagt.

§ 2. Auch die Ausübung eines Mandats im Sinne der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs gilt als Betätigung für die Sozialdemokratische Partei und unterliegt dem Verbot des § 1.

§ 3. Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften des § 1 werden unbeschadet der allfälligen strafrechtlichen Verfolgung von der politischen Bezirksbehörde bzw. Bundespolizei mit Geldstrafe bis zu 2000 Schilling oder mit Arrest bis zu sechs Monaten bestraft. Diese Strafen können auch nebeneinander verhängt werden.

Ernster Konflikt in Aussicht"
Der "Sieger" Dollfuß

Paris, 15. Febr. Die Vorgänge in Oesterreich bilden weiter eines der Hauptthemata der französischen Presse.

In einem Artikel des "Journal" wird einleitend bemerkt, trotz der vorbeugenden Verhaftung einiger Führer hätten die Sozialdemokraten sehr beachtliche Kampfdisziplin bewiesen. Daß sie über Waffen verfügten, sei ein Beweis für die "Wirksamkeit" der Abrüstung und Kontrolle. England vertrete den Standpunkt, daß der Völkerbundsrat, wenn ihm der Streit vorgelegt werde, zunächst einmal wissen müsse, was Deutschland zu sagen habe, gerade als ob Deutschland etwas zu sagen habe, wenn die Ereignisse zu seinen Gunsten arbeiten, solange Italien nicht freimütig mit der Kleinen Entente zusammenarbeite und solange England nicht auf die Pontius Pilatus-Rolle verzichte. Es sei höchste Zeit, eine entschiedene französische Leitung zum Zusammenschluß der Energie und des gesunden Menschenverstandes aufzurufen. Der französische Außenminister Barthou habe da eine schöne Rolle vor sich.

Der sozialistische "Populaire" schreibt, Bundeskanzler Dollfuß habe durch seinen Gewaltstreich Oesterreich Hitler ausgeliefert. Wenn das österreichische Proletariat unterliege, würden sich die österreichischen Nationalsozialisten mit Unterstützung der deutschen Nationalsozialisten leicht der Regierungsgewalt bemächtigen. Die Sozialdemokratie sei die einzige demokratische Stütze in Oesterreich. Dadurch, daß Dollfuß sie verräterischerweise angegriffen und zur Erhebung gezwungen habe, habe er die Unabhängigkeit Oesterreichs verraten. Da Italien niemals zulassen werde, daß Deutschland Oesterreich mit Beschlag belege, sei ein ernster Konflikt in Aussicht.

"Le Jour" schreibt, selbst wenn die besiegten Sozialdemokraten nicht zu den Hitleranhängern überlaufen, würden Dollfuß und seine Verbündeten mit den Männern in Berlin sich um ihre Diktatur streiten müssen. Italien scheine an der Brennergrenze Truppen ausammenzuziehen. Würde sich aber das österreichische Nationalgefühl, das bisher den Anschluß verschmähte, sich nicht noch mehr gegen die Schutzherrschaft der Welschen auflehnen? Würde es sich nicht lieber den Brüdern im Norden hingeben?

Die ersten Flüchtlingsberichte
"Bis zu Ruinen zerschossene Häuser"

Dem Deutschen Nachrichtenbüro wird aus Preßburg gemeldet: Von Teilnehmern an den Kämpfen der beiden letzten Tage in Oesterreich erhält man hier eine Reihe von Tatsachenberichten, die in einer ganzen Reihe von Fällen mit den amtlichen Verlautbarungen der Wiener Regierung nicht im Einklang stehen. Besonders heftig tobten darnach die Kämpfe bis in die späten Nachmittagsstunden vom Dienstag um die ausgedehnten Wohnungsbauanlagen der Gemeinde Wien. Diese Wohnhausanlagen beherbergen Zehntausende von Mietern, meist Arbeiter, darunter auch zahlreiche Nationalsozialisten, die sich am Kampfe nicht beteiligten, trotzdem aber die Gebäude nicht verlassen konnten, weil sie teils durch die schwerbewaffneten Schutzbündler, teils durch die Belagerung durch das Militär daran gehindert wurden. Unter den Hunderten von Toten und Verletzten, die in diesem riesigen Gebäudekomplex eingeschlossen sind, befinden sich auch zahlreiche unschuldige, an den Kämpfen überhaupt nicht beteiligte Opfer, die selbst Antimarxisten waren. Nachdem eines der vielen Häuser am Dienstagnachmittag von Polizei und Militär besetzt war, ergab sich, daß es bereits vollkommen zusammengeschossen und sämtliche Insassen entweder tot oder schwer verletzt waren. Erst dann gelang es den Regierungstruppen, dieses zur Ruine zerschossene Gebäude zu besetzen. Unausgesetzt fuhren dann auch Sanitätsautos und Leichenwagen vor, um die Opfer fortzuschaffen.

Besonders heftig tobten die Kämpfe um das marxistische Arbeiterheim Ottakring, das ebenfalls als Festung ausgebaut war. Es verlautet gerüchtweise, daß die Explosion des Gasometers durch einen Fehlschuß der Regierungsartillerie verursacht wurde. Nicht minder heftig waren die Kämpfe um die größte Gemeindewohnbauanlage in Heiligenstadt und um den Bahnhof dieses Vorortes. Die Polizei stürmte am Dienstag mehrmals den Bahnhof, der im Laufe des Tages öfters den Besitzer wechselte. Auf beiden Seiten muß es Dutzende von Toten und Verwundeten gegeben haben. Der Karl-Marx-Hof, dieser einer mächtigen natürlichen Festung gleichende Wohnbaukomplex, wurde am Dienstag in den Nachmittagsstunden unter Artilleriefeuer genommen. Die Marxisten erwiderten das Feuer heftig. Einige Gebäudeteile wurden vom Artilleriefeuer umgelegt. Was alles unter den Trümmern liegt, läßt sich noch nicht feststellen. Auch hier sind zahlreiche Nichtmarxisten dem Kampf zum Opfer gefallen. In den Dienstagvormittagsstunden fuhr in gedeckter Stellung eine Batterie von Feldhaubitzen an, die den Schlingerhof unter Feuer nahm.

Bewaffnete Aktion?
Italien und Oesterreich

dnb. Paris, 15. Febr. Havas berichtet aus Rom: Entgegen gewissen ausländischen Nachrichten, wonach die italienische Regierung bei den Regierungen in London und Paris wegen eines militärischen Eingreifens zugunsten der österreichischen Regierung sondiert habe, scheine es, daß Italien weder mit Gewalt noch anderswie in die österreichischen Ereignisse einzugreifen gedenke, die ausschließlich in den Bereich der Innenpolitik gehörten. Jedenfalls ließe sich, so erkläre man, eine Unterstützung Oesterreichs von außen her nur rechtfertigen, wenn Oesterreich von außen her militärisch bedroht wäre. Nichts aber erlaube die Annahme, daß diese Frage für den Augenblick ins Auge gefaßt werden könne.

Nach einer römischen Meldung der Radioagentur erkläre man dort hinsichtlich der Eventualität eines bewaffneten Eingreifens Italiens, daß Italien jedenfalls nicht zu einer isolierten Aktion schreiten werde.

Deutsche Freiheit
Nummer 40 – 2. Jahrgang 
[9]
Saarbrücken, Samstag, den 17. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Gegenrevolution und Kriegsgefahr
Europäische Folgen der österreichischen Blutarbeit gegen die Sozialdemokratie

Mitteleuropäische Explosion

Paris, 16. Februar.

A. Sch. Wenn die Banden Feys und Starhembergs das ganze Wien besetzen werden, wird die Faschisierung des deutschen Mitteleuropa restlos durchgeführt werden. Aber es wird kein endgültiger Sieg des Faschismus sein. Erst jetzt wird sich die ganze Schwäche und Faulheit des Systems Dollfuß-Fey-Starhemberg erweisen. In wenigen Tagen werden die blutbefleckten Sieger, die Gallifets in Lederhosen, von neun Zehnteln des österreichischen Volkes abgelehnt und veranlaßt, sich mit dem echten, dem hitlerschen Faschismus auseinandersetzen müssen. Ohne jede Massengrundlage im Lande, mit dem zerfetzten Staatsapparat, innenpolitisch ausgehöhlt, außenpolitisch auf tönernen Füßen, wird der Heimwehrfaschismus das blutende Land und den angriffslustigen, gierig auf seine Beute lauernden Hitlerfaschismus vor sich […] [10] den Anfang der mitteleuropäischen Explosion. Der Abschluß bedeutet den Krieg, wie auch der Kampf um die österreichische Erbschaft, einmal zwischen Deutschland, Italien und der Kleinen Entente entbrannt, zum Krieg führen muß.

Der deutsche Faschismus wollte die "Süd-Nord"-Richtung von Schleswig bis Sizilien durchstoßen und für seine Bündnispläne offenhalten, auf solche Weise die "West-Ost-Richtung der europäischen Politik durchbrechen, Frankreich von seinen Verbündeten im Osten trennen. Jetzt hat er diese "Nord-Süd"-Richtung vor sich, kann aber ihre inneren Gegensätze nicht bewältigen. Der Traum Hitlers, sich in Braunau feiern zu lassen oder gar im Stefansdom in Wien zum deutschen "Volkskaiser" proklamiert zu werden, kann teuer bezahlt werden. Jetzt wird ganz Europa erfahren, und selbst die konservative englische und französische Presse muß das heute gestehen, daß die österreichische Sozialdemokratie der letzte Schutzwall des Friedens in Mitteleuropa war. Mit der Besitzergreifung Oesterreichs schlägt sich die Gegenrevolution in den Krieg um. Die Heimwehrfahne über dem Wiener Rathaus bedeutet nicht den Anfang der faschistischen Stabilisierung, sondern die Heraufsetzung des roten Hahnes auf das Dach des faschistischen Mitteleuropa. Das in Oesterreich einmal gestörte europäische Gleichgewicht kann mit den Mitteln der kapitalistischen Außenpolitik nicht mehr hergestellt werden. Der über die Leichen der österreichischen Arbeiter marschierende Heimwehrfaschismus ist der Brandstifter Europas. Zum zweiten Male wird der europäische Krieg in den Kämpfen um die Donau vorbereitet.

Bewaffnete Intervention?
"Für den Augenblick" nicht – Die Lage beunruhigend

dnb. Paris, 16. Febr. Der offiziöse "Petit Parisien" tritt dem Gerücht eines bevorstehenden militärischen Eingreifens Italiens bzw. der vier Mächte, die durch den Vertrag von 1922 die Unabhängigkeit Oesterreichs garantiert haben (Frankreich, England, Italien, Tschechoslowakei), entgegen. Dieses Gerücht beruhe für den Augenblick auf keiner ernsten Grundlage. Es sei gegenwärtig nur von der Anrufung des Völkerbundes die Rede, die durch den Bundeskanzler auch noch nicht offiziell vorgenommen worden sei. Immerhin sei die Lage beunruhigend. Sie beschäftige in starkem Maße auch das englische Kabinett, das bisher in der österreichischen Frage eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau getragen.

Kein Einmarsch
Aber…

Prag, 16. Febr. Zu den Ereignissen in Oesterreich erklärte Minister Dr. Krofta, daß die Nachrichten und Gerüchte, wonach die Tschechoslowakei in Oesterreich einmarschieren würde, um dort Ordnung zu machen, nicht zuträfen. Wenn aber irgendein Staat die Grenze überschreite oder in die österreichischen Verhältnisse eingreifen würde, so würde die tschechoslowakische Regierung nicht schweigen.

Große diplomatische Aktion?

dnb. Paris, 16. Febr. Dem "Matin" wird aus Rom gemeldet: Man fühle dort, daß die Niederzwingung des Aufstandes in Oesterreich nicht das Problem löse, das darin bestehe, das Ansehen und die Unabhängigkeit des Staates restlos wiederherzustellen. Man wisse, daß die Hitlersche Propaganda das Spiel nicht verloren gebe, im Gegenteil, das Nationalsozialismus werde die Unterdrückungsmaßnahmen auszubeuten suchen und verssuchen, den Volkshaß für sich auszunutzen. Aus all diesen Gründen sei Rom der Ansicht, daß es höchste Zeit sei, eine internationale Verständigung und Aktion zu unternehmen, um in Oesterreich die Zentralregierungsmacht zu stärken und Deutschland einzuschüchtern. Der Meinungsaustausch der letzten beiden Tage scheine zu einer gemeinsamen feierlichen Erklärung der Mächte führen zu sollen. England, Frankreich und Italien würden gemeinsam ihren entschiedenen Willen betonen, die Wiener Regierung zu stützen und nicht zuzulassen, daß der Sicherheit der kleinen österreichischen Republik Abbruch getan werde. Was die Inanspruchnahme des Völkerbundes anbetreffe, so scheine Italien, obwohl es dieses nicht als das beste Mittel, zu einem positiven Ergebnis zu kommen, betrachte, sich mit einer Anrufung des Völkerbundes einverstanden erklären, wenn die österreichische Regierung dies wolle.

Das "Echo de Paris" wirft übrigens die Frage auf, ob es nicht angebracht wäre, daß angesichts des Zögerns der österreichischen Regierung eine andere Macht als gerade Oesterreich den notwendigen Antrag beim Völkerbund stelle.

Vandervelde an den Völkerbund
Eingreifen des Völkerbundes gefordert

Genf, 16. Febr. Der Präsident der 2. Internationale hat an den Generalsekretär des Völkerbundes ein Telegramm gerichtet, worin der Völkerbund ersucht wird, unverzüglich in den Konflikt zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und der Exekutive einzugreifen, der eine öffentliche Bedrohung des Friedens darstelle und internationale Verhandlungen nach sich ziehen könne.

Henderson hat gewarnt

dnb. London, 16. Febr. Dr. Hugh Dalton, der in der letzten Arbeiterregierung Unterstaatssekretär des Aeußern war, sagte am Donnerstagabend in einer Rede: Als Henderson noch Staatssekretär des Aeußern war, richtete er an die österreichische Regierung eine ruhige Warnung, die besagte, wenn die Regierung einen Bürgerkrieg hervorrufe, werde sie mit einer ungünstigen Haltung der britischen Regierung zu rechnen haben. Hätte die jetzige Regierung gemeinsam mit der französischen Regierung eine solche Warnung ergehen lassen, so hätte dem Blutvergießen in Wien Einhalt getan werden können. Dalton fügte hinzu, Hendersons Warnung sei privatim erfolgt.

"Hinrichtungsorgie"

dnb. London, 16. Febr. In der Presse, deren Hauptinteresse nach wie vor den österreichischen Vorgängen gilt, wird allgemein die Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht zu der von den Sozialisten vorausgesagten "Hinrichtungsorgie" kommen werde. Der diplomatische Korrespondent des "Daily Telegraph" erfährt, die britische Regierung habe in der diskretesten und freundschaftlichsten Weise dem Bundeskanzler und der österreichischen Regierung gegenüber der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese Milde zeigen werde. Die neue französische Regierung habe, wie es heißt, in Wien ähnliche Ratschläge gegeben. Großbritanniens Rat sei im Verlaufe diplomatischer Erörterungen gegeben worden und habe keinen formellen Schritt bedeutet.

12. Februar 1934
Von Marius Alter

(mit der Fortsetzung von S. 2)

An demselben Tage, an dem die Pariser Arbeiter in der langersehnten Einheitsfront den friedlichen Demonstrationsstreik von imponierender Wucht durchführten, bricht ein anderer Generalstreik auf Tod und Leben aus. Nein, er wird eigentlich schon mit der Gewißheit des heldenhaften Unterganges von der österreichischen Arbeiterschaft unternommen. Die tragische Stunde der österreichischen Sozialdemokratie kommt heran – der niederträchtige Faschismus der Mussolini-Heimwehren holt zum Schlage aus. Der Austro-Marxismus, der stets auf Vorposten der 2. Internationale stand, rettet diesmal wirklich in heldenhaftem Todeskampfe die Ehre des deutschen, ja des gesamten europäischen Proletariats. Die Artilleriegeschosse der Mussolini-Banden zerstören die Wohnbauten, die sich die Wiener Arbeiterschaft in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut hatte. Aber die Maschinengewehre des Schutzbundes antworten ihnen.

Das Versagen deutscher Arbeiterführer am 20. Juli 1932 und bei anderen Gelegenheiten hat die österreichische Arbeiterklasse mit in diese Katastrophe hineingerissen. Aber einen neuen 20. Juli erlebt sie an ihrem 12. Februar nicht. Der Fleck der kampflosen Kapitulation, der die deutsche Arbeiterklasse brannte, wird an diesem Tage ausgetilgt. Schwerer ja noch als die physische war die moralische Niederlage des deutschen Proletariats gewesen. Und mehr noch als das Sinken seiner Kampfkraft in der Krise hatte die Verwirrung des Bewußtseins seine Niederlage verursacht. Auch die österreichische Arbeiterschaft muß physisch in einem ungleichen Kampfe unterliegen. Da sie in seelischer Einheit mit sich selbst und in starkem Glauben an die Wahrheit der sozialistischen Idee von momentaner Uebermacht bezwungen wird, kann ihr Endkampf nicht vergebens sein.

Der 12. Februar 1934 sah die Einheitsfront der Pariser Arbeiter und den Heldenkampf der Kommune von Wien. Von diesem Tage wird ein neuer Abschnitt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung beginnen. Die Fehler der Vergangenheit werden gesühnt, die Schwächen des Glaubens überwunden werden, die Zerrissenheit wird einem starken, in sich einigen Bewußtsein weichen.

Die Pariser Kommune, die 1871 unter dem Stiefel des Militärs verröchelte, erlebte ihre Auferstehung im Petersburger und Moskauer Sowjet. Die österreichische Sozialdemokratie wird wieder auferstehen in der revolutionären marxistischen Einheitspartei, die dem Faschismus den Todesstoß versehen wird. Nach dem entsetzlichen Kollaps der deutschen Arbeiterbewegung von 1933 war die Aufrichtung einer neuen Fahne notwendig, eine neue Tat mußte geschehen, an der sich die Gegenwart aufrichten, von der die Zukunft melden kann. Ein neuer Mythos mußte geschaffen werden, um ihn all den eklen Lügen-Mythen der Faschisten entgegenzustellen. Im Herbst 1933 wurde der Eine Dimitroff zum weithin sichtbaren Sinnbild. Jetzt aber ist endlich die Klasse selbst wieder kämpfend, wenn auch noch nicht siegend, auf den Plan der großen Geschichte getreten. So müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn dies kämpfende Ende nicht zugleich der Beginn würde für die Epoche des Gegenschlags. Es geht mit dem Teufel, denn es geht mit dem Faschismus zu! Aber noch immer ist eine mit der Zukunft im Bunde stehende Klasse mit solchen Teufeln fertig geworden! Höher zählt im Haushalt der Geschichte die Niederlage im Kampfe, selbst als der zufällige und nicht erkämpfte Sieg. Jawohl, Du lieber kämpfender Genosse und Sänger der Wiener Arbeiterschaft : "Das Gesetz der Zeit steht im Manifest und im 18. Brumaire!"[11] und wir grüßen Euch überall, wo ein sozialistisches Herz schlägt, Euch, "Bauvolk der kommenden Welt, Euch Arbeiter von Wien!" [12].

Der Marsch nach Ebensee

Die Stadt Ebensee im Salzkammergut ist vom Schutzbund besetzt worden In den frühen Morgenstunden überfielen Schutzbündler die Polizei und, ohne daß ein Schuß fiel, gelang es ihnen, die gesamten Polizeikräfte von etwa 15 bis 20 Mann zu entwaffnen und einzusperren, daraufhin besetzten sie die Salzwerke und die Textilfabrik, wo sie die Arbeiter zur Niederlegung der Arbeit zwangen. Dann wurden die Straßen zwischen Gmunden und Ebensee verbarrikadiert. Die Bergstraße, die an einer Felswand vorbeiführt, wurde durch eine Sprengung der Bergwand verschüttet. Das Postamt ist besetzt worden. Regierungstruppen befinden sich auf dem Marsch nach Ebensee, doch erwartet man, daß sie auf hartnäckigen Widerstand stoßen werden, da die Schutzbündler ausgezeichnet bewaffnet sind und sich in einer strategisch vorteilhaften Lage befinden. Auf der einen Seite ist das sogenannte Feuervogelgebirge, während auf der andern Seite von Ebensee der Traunsee liegt. Die verschiedenen Bergstraßen sind von Maschinengewehrnestern auf beiden Seiten der Wege besetzt, so daß herannahende Truppen ins Kreuzfeuer genommen werden können…

Vierzig Minen!
Auf einen einzigen Gebäudekomplex

Mit wahrer Tapferkeit und mit welchem eisernen Widerstandswillen von den sozialdemokratischen Schutzbündlern gekämpft wurde, zeigt die Tatsache, daß gegen den Schlingerhof im 21. Bezirk vierzig Minen geworfen wurden, ehe er sich ergab. Man erwäge, daß diese grauenhafte Kampfhandlung der Regierungstruppen sich gegen einen Hausblock abspielte, in dem sich viele hunderte Frauen und Kinder aufhielten.

Im belagerten Karl-Marx-Hof, der von über 2000 Familien bewohnt ist, vergiftete sich während der Kämpfe eine Mutter mit ihrem Kind, weil sie die furchtbaren Ereignisse nicht mehr ertragen konnte. Der als Schwerverwundeter zum Galgen geschleppte Schuzbündler Munichreither hinterläßt Frau und drei Kinder. In der Floridsdorfer Kampfzone soll ein Raubmörder die Gelegenheit zu einem persönlichen Racheakt benüzt haben, indem er ein Ehepaar aus dem Hinterhalt erschoß.

Nach bürgerlichen Pressemeldungen sollen bis Donnerstag: vormittag bei mehreren Polizeikommissaren und Wachstuben 34 Maschinengewehre, 1000 Gewehre, mehr als 40 000 Schuß Munition und eine große Anzahl von Handgranaten abgeliefert worden sein.

"Säuberung" und Raub
Nach deutschem Vorbild

Wien, 16. Febr. Wie das "Neuigkeits-Weltblatt" meldet, gibt die Generaldirektion der Bundesbahnen einen Dienstbefehl aus, wonach sämtliche Bahnbeamten die sozialdemokratischen Mandate innehaben, sich sofort bei ihren vorgesetzten Dienststellen zu melden haben. Gegen die Beamten werden eventuell ein Strafverfahren eingeleitet oder der Antrag auf Strafverfolgung durch die zuständigen Gerichte gestellt. Die Bediensteten würden zur effektiven Dienstleistung nicht zugelassen, sondern sofort suspendiert oder in den dauernden Ruhestand versetzt. Es besteht in Regierungskreisen die Absicht, zur Gutmachung der durch die Ereignisse der letzten Tage entstandenen wirtschaftlichen Schäden in Wien und einzelnen Bundesgebieten die Privatvermögen der geflüchteten oder verhafteten sozialdemokratischen Führer, die ein Mitverschulden an den Ausschreitungen trifft, einzuziehen. Der Besitz der sozialdemokratischen Gewerkschaften soll der Regierung verfallen.

Schüsse aus Nervosität

bnb, Wien, 16. Febr. Gegen Mitternacht kam es am Donnerstag in drei verschiedenen Stadtteilen zu Schießereien, die sich jedoch bei sorgfältiger Nachprüfung als Ergebnis der Uebermüdung und Nervenanspannung der Exekutivorgane darstellten. Ein Posten hatte aus einem kleinlichen Anlaß einen Schuß abgegeben und ganze Postenketten hatten darauf das Feuer aufgenommen. Aber zur gleichen Zeit begann bereits die Lockerung der Alarmbereitschaft. Zahlreiche Mannschaften sind in ihre Quartiere zurückgekehrt. Das Heerlager im Polizeipräsidium hat aufgehört.

"Ruhe"
Alarmzustand und Standrecht

Wien. 16. Febr. In den Abendstunden des Donnerstags herrschte in der Stadt Ruhe. Der allgemeine Alarmzustand und das Standrecht bleiben weiter bestehen, da immer noch mit der Möglichkeit eines neuen Aufflackerns der Kämpfe gerechnet wird. Die Entwaffnungsaktion gegen die Schutzbändler wird weiter fortgeführt. Die Anzahl der Toten steht immer noch nicht fest. Nach einer privaten Schätzung soll der Schutzbund ungefähr 1000 Tote in Wien und 500 Tote in den Ländern zu beklagen haben. Die Untersuchung nach der Herkunft der Waffen der Schutzbündler hat ergeben, daß ein Teil aus dem Weltkrieg kommt, ein anderer Teil jedoch ohne Zweifel tschechoslowakischer Herkunft ist.

Die Rettungsgesellschaft

dnb. Wien, 16. Febr. Einen gewissen Anhaltspunkt bei der Abschätzung der Verwundeten der gesamten Kampfhandlungen findet man in einem Bericht der Freiwilligen Rettungsgesellschaft, die die Zahl der Stadtausfahrten auf mehr als 500 angibt. 19 Aerzte, 11 Beamte, 60 Sanitätsgehilfen und 20 Chauffeure als Berufspersonen und außerdem eine stattliche Reihe von Aerzten als freiwillige außerordentliche Helfer seien ständig in Tätigkeit gewesen, und ununterbrochen seien die 20 Rettungsautos und außerdem freiwillige Automobilisten an die bedrohten Stellen gefahren.

Grenzsperre

dnb. Budapest, 16. Febr. Laut einer Meldung aus Oedenburg hat die österreichische Regierung das Ueberschreiten der österreichisch-ungarischen Grenze zu Fuß und mit Fahrzeugen bis auf weiteres verboten.

*** Seite 2 ***

Julius Deutsch – Otto Bauer
Die Führer bis zuletzt in der Kampflinie

Preßburg, 16. Februar 1984. (Eigener Bericht.)

Der Schutzbundführer Dr. Julius Deutsch und der österreichische Nationalratsabgeordnete Otto Bauer sind hier eingetroffen. Deutsch ist durch einen Granatsplitter verwundet.

Die beiden sozialdemokratischen Führer erklären, daß sie mit Rücksicht auf ihre in den Händen der Bundesregierung befindlichen Genossen noch keine näheren Angaben über die Kampftage in Wien und ihre persönlichen Erlebnisse machen wollen. Gegenüber unwahren Behauptungen der Regierung aber erklären Deutsch und Bauer:

Als der Justizminister Schuschnigg am Radio behauptete, beide Genossen seien geflohen und hätten die Arbeiter auf den Barrikaden allein gelassen, befanden sich Deutsch und Bauer inmitten der kämpfenden Arbeiter Wiens auf ihrem Posten.

Als der Vizekanzler Fey am Radio verkündete, Deutsch und Bauer seien in Prag eingetroffen, standen beide nach wie vor in der Wiener Kampflinie.

Erst als überall die Kampfhandlungen aufgehört hatten, die beiden Führer isoliert und abgeschnitten waren, haben sie, um der unmittelbar drohenden Gefahr der Gefangennahme und der Aburteilung zu entgehen, Wien verlassen und sind auf verschiedenen Wegen zur tschechoslowakischen Grenze gelangt.

In der Nähe von Preßburg haben auch 47 Floridsdorfer Schutzbündler, die sich auf dem Rückzug von Floridsdorf bis an die Grenze durchgeschlagen haben, tschechischen Boden betreten. Die Schutzbündler sind von den tschechsichen Behörden entwaffnet worden.

Der Uebermacht erlegen
Heimkehr der "siegreichen" Truppen

Wien, den 16. Februar 1934.

Nachdem der Laaer Berg und die Stützpunkte in Floridsdorf, Kagran, Stadlau und der Karl-Marx-Hof sich ergeben haben, sind die letzten Hauptwiderstandszentren der Schutzbündler durch die Uebermacht der Exekutive niedergekämpft. Aeußerlich herrscht vollständige Ruhe in Wien, und man sieht Artillerie, Infanterie und Polizeimannschaften abgekämpft in ihre Kasernen einrücken. In einzelnen Gemeindebauten, die noch gestern umkämpft waren, sind schon Handwerker an der Arbeit.

Es ist aber durchaus noch mit neuen Zusammenstößen zu rechnen, da große Gemeindehäuserblocks noch nicht nach Waffen durchsucht werden konnten. Die Reste der Schutzbundtruppen, die sich nach Kagran und Hirschstetten zurückgezogen haben, mußten sich am Donnerstagmittag den Regierungstruppen ergeben. Auf dem Karl-Marx-Hof und den anderen großen Gemeindehäusern wehen aus zahlreichen Fenstern und von den Dächern weiße Fahnen aus Leinentüchern.

Die Regierung meldet, daß aus den Gemeindehäusern in sechs Bezirken nach der Rundfunkansprache des Bundeskanzlers Abordnungen der Mietparteien bei der Polizei erschienen und ihre bedingungslose Unterwerfung unter die Staatsgewalt erklärt hätten. Nach derselben Meldung soll sich der frühere Kommandant des aufgelösten Republikanischen Schutzbundes der Polizei gestellt haben.

Das Vermögen der aufgelösten Sozialdemokratischen Partei, der freien Gewerkschaften und der sonstigen sozialdemokratischen Vereine, mit Ausnahme der Krankenkassen, wird vom Staate eingezogen und als verfallen erklärt.

Von dem geflüchteten Kommunistenführer Koloman Wallisch wird angenommen, daß er sich nach Südslawien in Sicherheit zu bringen trachte. Auch der sozialdemokratische Bürgermeister von Voitsberg, Steiner, ist geflüchtet.

Diktatorisches Vorgehen
Sicherung des "Sieges"

Klagenfurt, 16. Febr. Der Kärtner Landeshauptmann Kernmeier, der den Nationalsozialisten nahesteht, ist vom Bundeskanzler Dr. Dollfuß telegrafisch aufgefordert worden, seine Funktionen zurückzugeben. Daraufhin hat er, wie das "Neuigkeits-Weltblatt" meldet, geantwortet, daß er ein frei gewählter Vertreter der Bevölkerung sei und keinen Anlaß finde, der Aufforderung des Bundeskanzlers nachzukommen. Das Blatt erwartet, daß entweder die Bundesregierung von ihrer Autorität Gebrauch machen und den Landeshauptmann direkt abberufen werde, oder daß der Landtag dem widersätzlichen Landeshauptmann ein Mißtrauensvotum erteilen werde.

Wie das "Neuigkeits-Weltblatt" mitteilt, hat gestern vormittag die christlich-soziale Fraktion des Parlaments einstimmig das energische Vorgehen der Landesregierung gegen die Aufrührer sowie die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei gutgeheißen. Die Fraktion wird mit dem Bundeskanzler in den nächsten Tagen in Fühlung treten und ihn noch einmal der Unterstützung der Partei bei seinem Aufbauwerk versichern. Auch sei der Gedanke erwogen worden, das Parlament wieder einzuberufen, da ja durch die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei die sozialdemokratischen Mandate ruhen müssen und der Regierung zur Beschließung eines besonderen Vollmachtengesetzes eine absolute Mehrheit zur Verfügung stünde.

*** Seite 3 ***

Dollfuß, Beauftragter Mussolinis
Anklage gegen ihn aus der ganzen Welt

Der heldenmütige Kampf der österreichischen Sozialdemokratie hat in Frankreich und England eine lebhafte Erregung ausgelöst. Die Linksgruppen stehen überall mit ihren Sympathien auf der Seite der Freiheitskämpfer in Oesterreich. Aber auch die Rechtsgruppen erkennen, daß Dollfuß mit den Heimwehrverbrechern im Auftrage Mussolinis handelt, der ein von ihm abhängiges Oesterreich durch Dollfuß schaffen will, um so seinen Machtbereich in das Herz Europas zu erweitern. Die Staaten der Kleinen Entente fühlen sich durch diese Aktion stark beunruhigt und schließlich auch bedroht. Sie werden durch die Faschisierung Oesterreichs eingeklemmt in den Faschismus mussolinischer und nationalsozialistischer nationalsozialistischer Couleur. Benesch war in London und hat bestimmt bei dieser Gelegenheit auch das englische Außenministerium auf die in Zentraleuropa durch den Staatsstreich der Heimwehren heraufbeschworene gefährliche Situation aufmerksam gemacht. Simon hat auch im Unterhaus auf die Anfrage des Arbeiterparteilers Attlee von den "ernsten und sehr betrüblichen Ereignissen in Oesterreich" gesprochen, die die eng lische Regierung genau beobachte. Auch ist es so gut wie sicher, daß im Völkerbundsrat die Lage anläßlich des Anrufens dieser Institution durch Dollfuß wegen des Einbruchs der Nationalsozialisten ernstlich besprochen wird.

Die Attacke Fey-Starhemberg-Dollfuß zieht demnach auch ihre außenpolitischen Kreise.

Die englische Regierung bestürzt

London, 15. Febr. Im Unterhaus stellte der Abgeordnete Attlee im Namen der Opposition die Frage, ob der Außenminister angesichts der Ereignisse in Oesterreich Schritte zur Herbeiführung einer baldigen Sitzung des Völkerbundes tun wolle. Simon erwiderte hierauf, daß die "ernsten und sehr betrüblichen Ereignisse" in Oesterreich von der englischen Regierung genau beobachtet würden. Dem Unterhaus sei bekannt, daß die österreichische Regierung im Zusammenhang mit der internationalen Lage beschlossen habe, den Völkerbund anzurufen. Was die innere Lage Oesterreichs betreffe, so sei er überzeugt, das Haus werde den Grundsatz beherzigen, daß ein Land nicht berechtigt sei, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen. Der Arbeiterabgeordnete Gocks erklärte dazu, daß Oesterreich doch in einer besonderen Lage sei und daß die Mächte sich andauernd in seine Angelegenheiten einmischten. Der konservative Abgeordnete Soverville meinte, daß die sozialistische Agitation alle Verwirrung in Oesterreich verursacht habe. Hierauf ertönte lautes: "Nein, nein!" von den Bänken der Arbeiterpartei. Der Arbeiterparteiler Wedgwood fragte dann, ob die englische Regierung der österreichischen Regierung klar machen wolle, was für einen schlechten Eindruck das Aufhängen von österreichischen Sozialdemokraten in England mache. (Rufe von der Ministerbank: O, o!) Der Arbeiterabgeordnete Bevan fügte hinzu: "Und das Niederschießen von Frauen und Kindern!" Thorns (Arbeiterpartei) fragte schließlich: "Sind die Sozialisten nicht die friedlichsten Leute der Welt?" Auf die letzten Fragen wurde von der Regierung keine Antwort mehr erteilt.

Amerika sagt: "Dollfuß schwächt seine Lage"

Neuyork, 15. Febr. Ueber die Entwicklung der blutigen Ereignisse in Oesterreich wird von der Presse seitenlang mit großen Schlagzeilen berichtet. "Neuyork Times" bemerkt in einem Leitartikel, es sei nahezu unmöglich, aus der Ferne genau festzustellen, wer für den Bürgerkrieg verantwortlich sei. Hingegen urteilt "Herald Tribune", daß selbst aus den zensierten Nachrichten, die aus Oesterreich eintreffen, immer klarer hervorgehe, daß Dollfuß einen Fehler begangen habe. Das Vertrauen der Welt in Dollfuß sei erschüttert, und dadurch, daß er nunmehr Haß gegen sich selber erzeuge, schwäche er seine Lage.

Der Mord an Schwerverletzten
Die Welle der Empörung

Preßburg, 15. Febr. Es werden jetzt Einzelheiten über die Hinrichtung des Schutzbundführers Munichreiter bekannt. Die Hinrichtung dieses Schwerverletzten durch die Wiener Exekutivbehörde hat die Erbitterung der Bevölkerung ins Unermeßliche gesteigert. Munichreither, der durch mehrere Schüsse schwer verletzt war, wurde danach auf einer Tragbahre zum Standgericht, ebenfalls auf einer Tragbahre zum Galgen geschafft, von der Bahre aus unter den Galgen gesetzt und – obwohl fast bewußtlos – erhängt. Auch zahlreiche Ausländer haben ihrer ungeheuren Empörung über die bestialische Hinrichtung eines Schwerverletzten durch die Regierung Dollfuß Ausdruck gegeben und erklärt, daß damit auch die letzten Sympathien für das Gewaltsystem Dollfuß bei ihnen geschwunden seien.

"Begnadigt"
Zehn Jahre Kerker

Wien, 15. Febr. Der am Donnerstag vom Standgericht zum Tode durch den Strang verurteilte Schutzbündler Kalab ist zu 10 Jahren schweren Kerkers begnadigt worden. In Regierungskreisen wird jetzt zu den in Wien, Steyr und St. Pölten einberufenen Standgerichtsverhandlungen die Auffassung vertreten, daß Todesurteile nur für die Führer (von denen man aber doch verleumderisch behauptete, daß sie geflohen seien) des Schutzbundes, nicht aber für die von den Führern zur Teilnahme am Aufstand "gezwungenen"(Das ist eine niederträchtige Verleumdung der Freiheitskämpfer. D. Red.) Arbeiter in Frage kommen können.

Wettrennen um Faschistengunst
Jeder wollte der Erste sein…

Das DNB. bringt folgende Enthüllungen über das Techtelmechteln der Heimwehrführer mit den Nazis, das das Intrigantenspiel, das dem Fey-Putsch vorausging, in ein neues Licht setzt. Demnach haben die Heimwehrakteure zwischen Hitler und Mussolini geschwankt und sich dann so eingesetzt, wie es der Meistbietende wollte. Hier die Meldung:

dnb. Berlin, 15. Febr. Es ist bereits bekannt, daß die drei österreichischen Machthaber Dollfuß, Fey und Starhemberg sich gegenseitig mißtrauen und jeder hinter dem Rüden des anderen versucht, mit den Nationalsozialisten Fühlung zu nehmen. Dollfuß hat vor einiger Zeit auch die Fühlungnahme mit den Sozialdemokraten versucht, bis die Ereignisse ihn dann in die jetzige Richtung gedrängt haben.

Bekanntlich stellte der niederösterreichische Heimwehrführer Graf Alberti, der in der Wohnung des Wiener Gauleiters der NSDAP, Frauenfeld, verhaftet und in das Konzentrationslager Wöllersdorf gebracht worden war, fest, daß er die Verhandlungen mit Frauenfeld im Auftrage von Starhemberg geführt habe. Er ließ einen Aufruf an den niederösterreichischen Heimatschutz herausgehen, in dem er bereits feststellte, daß er die Verhandlungen mit Frauenfeld im Auftrage Starhembergs geführt habe. Er sei nur zurückgetreten, um dem Heimatschutz die Lage zu erleichtern. Starhemberg stritt alles ab, beschimpfte Graf Alberti und bezichtigte ihn der Anzettelung einer Verschwörung hinter seinem Rüden.

Die nationalsozialistische "Schlesische Tageszeitung" in Breslau ist nun in der Lage, eine Erklärung Graf Albertis über diese Vorgänge im Faksimile zum Abdruck zu bringen. Damit ist der schlüssige Beweis erbracht, daß Starhemberg seine eigenen Untergebenen verrät und ins Konzentrationslager schickt, wenn es ihm gerade gut erscheint, obwohl sie docj nurin seinem Auftrage handelten.

Der Brief hat folgenden Wortlaut:

16. Januar 1984.

Für den Fall meiner Verhaftung erkläre ich, daß ich die Niederlegung der Landesführerstelle widerrufe.

Ich habe alle Besprechungen mit den Nazis mit Kenntnis und Zustimmung des Bundesführers geführt und ihm über alles berichtet. Die Niederlegung meiner Führerstelle in NÖ. erfolgte nur deshalb, um dem BF. und dem Hesch die Situation zu erleichtern.

Graf Albert

"BF." ist der Bundesführer, "Hesch" der Heimatschutz und "NÖ" bedeutet Niederösterreich.

"Wehe, wir haben gesiegt"
Bis zuletzt heldenhafter Widerstand

Wien, 15. Februar 1934.

Die Regierung bemüht sich "Siegeskundgebungen" zu veröffentlichen.

Der Bezirk Simmering ist jetzt bis zu der von den Truppen gezogenen Sperrlinie, dem Bahndamm der Aspern-Bahn, gesäubert worden. Das jenseits liegende Gebiet soll heute nacht gesäubert werden.

Der Bezirk Simmering zeigt überall die Spuren der schweren Kämpfe der letzten Tage. Fast alle Häuser weisen Spuren von Schüssen auf. Besonders schwer sind die Gemeindehäuser mitgenommen, um die einzeln gekämpft worden ist. Granaten haben tiefe Löcher in das Mauerwerk geschlagen. Maschinengewehrsalven haben überall deutliche Spuren hinterlassen. Hier wurde Gebirgsartillerie eingesetzt.

Die Einnahme des seit Tagen schwer umkämpften Laaer Berges vollzog sich, wie verlautet, am Donnerstagnachmittag entgegen allen Erwartungen ohne weitere Kampfhandlung. Auf die Aufforderung der Truppen zur Uebergabe räumten die Schutzbündler den Laaer Berg und flohen in großer Zahl über Zäune und Mauern. Die Besetzung des Laaer Berges, der als strategisch wichtiger Punkt angesehen wurde, vollzog sich dann in aller Ruhe. Auch der Karl-Marx-Hof ist jetzt ohne Kampf von den Truppen besetzt worden. Die Waffensuche ist dort in vollem Gange.

Es braucht nicht alles richtig zu sein, was hier die Regierung für das österreichische Publikum zurechtmacht. Jedenfalls geht aber auch aus diesen Meldungen hervor, daß die Sozialdemokraten die Positionen bis zuletzt gehalten haben und die Verteidiger sich nach verlorenen Gefechten zurückziehen mußten. Wäre es anders, dann hätte bestimmt der Regierungsbericht auch eine größere Zahl von Gefangenen aufgeführt.

Das Land Tirol
Kalter Putsch im Landtag

Innsbruck, 15. Febr. Der Donnerstag nachmittag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentretende Tiroler Landtag soll, wie bekannt wird, die Auflösung des Landtages beschließen. Dadurch wäre der Weg zur Einsetzung der von der Tiroler Heimatwehr geforderten autoritären Landesregierung freigemacht. Die neue Landesregierung dürfte vom Bundeskanzler ernannt werden. Außer dem bisherigen Landeshauptmann Dr. Stumpf und seinem Stellvertreter Dr. Peer sollen je ein Vertreter der Heimatwehr und der Christlich-Sozialen Arbeiterschaft sowie des Bauernbundes der neuen Landesregierung angehören.

Die Landesregierung hat den infolge der Auflösung der sozialdemokratischen Partei beschlußunfähig gewordenen Gemeinderat der Landeshauptstadt Innsbruck aufgelöst und den bisherigen Bürgermeister Franz Fischer zum Regierungskommissar bestellt. Weiter hat die Landesregierung die Gemeindevertretungen von Hütting, Wörgl, Kirchbichl und Häring aufgelöst.

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Deutsche Freiheit
Nummer 47 – 2. Jahrgang 
[13]
Saarbrücken, Sonntag-Montag, 25.-26. Februar 1934

*** Seiten 3,4,7 ***

Ein Mitkämpfer berichtet über Wien
Vorgeschichte und Verlauf des Bürgerkrieges – Persönliches Heldentum und sachliche Fehler – Ernste Lehren für alle!

Der nachfolgende sehr ausführliche, aber auch sehr inhaltsreiche Bericht über den österreichischen Bürgerkrieg stammt von einem Mitkämpfer, der nicht zu den "Bonzen" gehört. Er stand bis vor kurzem als Arbeiter im Betrieb und ist seit einiger Zeit erwerbslos. Seine Niederschrift ist unmittelbar nach den letzten Schüssen verfaßt. Es ist daher um so bewunderswerter, wie nüchtern und mit welcher Distanz der proletarische Verfasser über die Vorgänge urteilt. Darin unterscheidet er sich von vielen, die fern vom Schuß aufgeregte illusionäre Betrachtungen über die Kampftage und ihre Möglichkeiten anstellten.

Ob der Kamerad in allen Einzelheiten recht hat, bleibe dahingestellt. Jedenfalls zeigt er die sehr schwierigen Fragen militärtechnischer und psychologischer Art auf, die jeder zum Bürgerkrieg sich steigernde Aktion den Führern und den Massen stellt; Fragen, die lange vor dem Ausbruch des Kampfes geklärt sein müssen. Auch der Bürgerkrieg bedarf der gründlichsten Vorbereitung an Menschen und Material, und ist schon deshalb kein Gebiet für Dilettanten und gern in blutigen Worten schreibenden Literaten, weil es um Leben oder Tod, um Sieg oder Niederlage für das Arbeitsvolk geht. Bei so furchtbar schweren Ereignissen wie denen in Oesterreich und ihren Auswirkungen für die sozialistische Bewegung muß möglichste Klarheit auch über die Fehler der Offiziere und der Mannschaften gewonnen werden. Wenn über manches, schon aus Rücksicht auf die vielen Gefangenen, zur Zeit nur mit Zurückhaltung gesprochen werden kann und auch unser Kamerad diese Zurückhaltung übt, erfordert die stürmische Anteilnahme der Antifaschisten überall an den Vorgängen in Oesterreich doch, daß jetzt schon gesagt wird, was möglich und notwendig ist.

Redaktion der "Deutschen Freiheit".

I. Die entscheidenden Tage

Heldenmütig geschlagen

Ueber die Ereignisse in Wien und Oesterreich mit der gebotenen Objektivität und Leidenschaftslosigkeit zu berichten, ist, wo man noch unmittelbar unter dem Eindrucke der erschütternden Ereignisse dieser Tage steht, fast unmöglich. Es soll aber dennoch geschehen, schon aus dem Grunde geschehen, damit unsere Freunde des Auslandes, welche von ihrer bürgerlichen Presse nur die stark und tendenziös gefärbten Berichte der österreichischen amtlichen Stellen oder gar die unverschämten Fälschungen durch das österreichische Radio erhalten haben, ein Bild der Ereignisse bekommen, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben. Eines sei gleich vorweggenommen: die österreichische Arbeiterschaft hat sich heldenmütig geschlagen; sie hat die Fahne der Internationale, die sie 1926 verliehen erhielt, nicht feige verraten; die österreichische Sozialdemokratie wurde geschlagen, aber nicht vernichtet.

Ehrenvoller Friede verhindert

Die politischen Verhältnisse dieses Landes ließen die Wahrscheinlichkeit einer friedlichen Lösung des seit dem März 1933 währenden Verfassungskonfliktes in den letzten Wochen nicht als unwahrscheinlich erscheinen. Mußte doch Bundeskanzler Dollfuß erkennen, daß trotz des ungeheuren Terrors, der auf die öffentlichen Angestellten ausgeübt wurde, die Sozialdemokratie weder inneren Kämpfen ausgesetzt wurde noch den fortgesetzten Provokationen der Regierungsstellen hereinfiel. Mit geradezu bewunderungswerter Geduld hielt Parteimitgliedschaft Disziplin. Das im Frühsommer über die Nazis verhängte Parteiverbot bewies nur zu deutlich, daß diese nicht schwächer, sondern stärker wurden. Dasselbe Experiment mit uns zu versuchen, schien schon aus Gründen der einfachsten politischen Vernunft ausgeschlossen. Dollfuß wußte genau, daß er nur in der Sozialdemokratie auf Hilfe bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Nazis rechnen konnte, ist doch selbst die nunmehr zu so trauriger Berühmtheit gelangte Staatsexekutive ‑ Polizei, Gendarmerie, Militär ‑ bis in die höchsten Beamtengrade nazidurchseucht. Alle sind wohl bei der "Vaterländischen Front " eingeschrieben; das ist aber auch alles. Wie wertvoll solche erpreßte und erzwungene Bundesgenossen sind, ist von Haus aus auszurechnen. Nur die engstirnige Verblendung der christlichsozialen Parteiführung, die sich immer mehr und mehr in die Abhängigkeit der unter aristokratischer Führung stehenden, faschistisch orientierten Heimwehr begab und wo es so weit kam, daß Dollfuß, vom Machtwahne berauscht, auch innerhalb der eigenen Partei eine schrankenlose Diktatur ausüben konnte, verhinderte einen ehrenvollen Frieden mit der Sozialdemokratie, welche wahrlich genug Opfer an Ansehen gebracht hatte, um dem Lande den Frieden zu erhalten.

Noch war es Zeit zur Einkehr und Umkehr, als im Januar offenkundig wurde, daß große Teile der Heimwehr unter Führung des Grafen Alberti zu den Nazi hinüber gewechselt hatten. Zu dieser Zeit hielt Dollfuß seine Rede an die Arbeiterschaft, die allgemein als Weg zur Verständigung betrachtet wurde, die Arbeiterschaft selbst antwortete durch ihren Parteirat, dem nur Leute aus den Betrieben, also weder Parteibeamte noch öffentliche Mandatare, also keine "Volksverhetzer" oder "Bonzen" angehörten, in versöhnlicher Form. Zwei Tage später kam wieder eine Dollfuß-Rede, die von gänzlicher Vernichtung der Partei sprach. Ein Besuch des Heimwehrführers Starhemberg bei Dollfuß und der unglaubliche Einfluß des Heimwehrführers und Vizekanzlers Fey, eines alten Berufsmilitärs, des eigentlichen Führers der Regierung, bewirkte diesen Umschwung. Die Heimwehr, zahlenmäßig schwach (bei den Wahlen des Jahres 1930 erhielt sie nicht einmal 10 Prozent der Stimmen und hatte im Nationalrat nur 6 Mandate von 165), jedoch dank italienischen Geldes gut ausgerüstet, ging zur Offensive über; in allen Bundesländern wurde die sofortige Auflösung der Landtage und die Einsetzung der Landeshauptleute als autoritäre Führer unter fast ausschließlichem Einfluß eines beratenden Ausschusses von Faschisten gefordert. Tirol, das kulturell rückständigste und reaktionärste Bundesland, ging damit voran. Steiermark und das Burgenland folgten. In allen Ländern wurde auch die Forderung nach Auflösung der Sozialdemokratie als erster und wichtigster Punkt gestellt. Dollfuß wollte die Behandlung dieser Forderungen hinausschieben und fuhr nach Budapest; die Verhandlung über die Forderungen der Heimwehr sollte am 12. Februar beginnen.

"Morgen gehen wir an die Arbeit"

Am 11. Februar hielt der Vizekanzler Fey in einem unbedeutenden Provinzneste eine Rede, die in die Worte ausklang: "Morgen gehen wir an die Arbeit!" Dieser Satz konnte nicht mehr mißverstanden werden. So kam es am Montagvormittag in der Hauptstadt des Bundeslandes Oberösterreich zum Zusammenstoß, welcher die anderen Ereignisse auslösen wollte. Eine Abteilung Heimwehr, welche den Ausspruch ihres Führers nicht richtig verstanden hatte[14], ging zum Angriff auf das Parteihaus über; sie wurde aber mit Maschinengewehrfeuer empfangen und in die Flucht geschlagen. Die Nachricht von den Ereignissen verbreitet sich innerhalb einer halben Stunde in ganz Oesterreich. In Wien traten die Arbeiter des Elektrizitätswerkes in Streik und legten vorerst den Straßenbahnverkehr still. Dies war das Zeichen für den Republikanischen Schutzbund zum Generalalarm. In allen bedeutenderen Orten Oesterreichs entbrannten gleich der Bundeshauptstadt sofort heftige Kämpfe zwischen der Staatsexekutive einerseits und dem Schutzbund andererseits.

Die Schlacht in Wien

In Wien tobten die Kämpfe am heftigen am Dienstag. Die großen Wohnhausbauten der Gemeinde Wien lagen stundenlang unter schwerstem Artilleriefeuer mit 15-Zentimeter-Haubitzen und Minenwerfern. Nur dem elenden Schießen der Artillerie ist es zu danken, daß die Gebäude nicht dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Besatzung wehrte sich wahrhaft heroisch, wußten sie doch, daß ihnen der Galgen drohte, wenn sie gefangen werden – denn mittlerweile wurde das Standrecht verkündet. Als Brennpunkte des Kampfes seien angeführt: der riesige Gebäudekomplex Sandleiten, eine kleine Stadt für sich; dort wurden auch in der vorgelagerten Parkanlage unserseits Schützengräben ausgeworfen, desgleichen in der roten Hochburg Favoriten am Laaerberg; sehr schwere Kämpfe spielten sich in dem rein proletarischen Floridsdorf und in Simmering ab; ersteres konnte erst nach zweitägigem erbitterten Kampfe nach heftigster Artillerievorbereitung genommen werden. Das gleiche galt für den herrlichen Goethehof gegenüber der Reichsbrücke. Die größte Heldentat wurde aber im Marxhof vollbracht. Dieser Riesenbau, von fünf mächtigen, gut 50 Meter hohen Türmen gekrönt, ist mehr als ein Kilometer lang. Dort wurde noch am Donnerstagmittag gekämpft; Artillerie war auf der gegenüber liegenden Anhöhe "Hohe Warte" aufgefahren und hielt den Bau ununterbrochen im schwersten Feuer. Außerdem waren gut 2000 Mann Ordnungstruppen aufgeboten; sie waren nicht in der Lage, die Kämpfer zum Schweigen zu bringen. Noch heute würde dort gekämpft werden, wenn man die Frauen und Kinder (gegen 2500 an der Zahl) hätte abziehen lassen; die Ordnungsbestie des Herrn Dollfuß hielt die Bedauernswerten inmitten des Artilleriefeuers gefangen! Erst als ein Schrei der Empörung durch ganz Wien ging, als auch in bürgerlichen Kreisen dieses beispiellos barbarische Verhalten aufs schärfste verurteilt wurde, als die Auslandspresse diese unerhörte Lumperei anprangerte, konnten die Wohnungen und Keller geräumt werden. Zahllose Opfer sind dort unter den Nichtkämpfern zu beklagen. Wieviele Regimenter Schutzbund haben also diesen Bau gehalten und haben sich nicht ergeben und konnten ungehindert abziehen? Acht Mann mit drei Maschinengewehren waren die Besatzung auf dem berühmten Mittelturm! Noch Donnerstagmittag, als an den meisten Kampfplätzen Ruhe eintrat, wurde von dort aus geschossen, am Nachmittag war die Besatzung spurlos verschwunden. Hut ab vor solchem Heldentum! Diese drei Maschinengewehre reichten aus, den Eisenbahnverkehr auf der Strecke nach der Tschechoslowakei vollkommen zu unterbinden. Der Bau hat sehr schwer unter dem Feuer gelitten, nur die solide Eisenbeton-Bauweise und die miserable Artillerie haben ihn davor bewahrt, ein Trümmerhaufen zu werden. Das Floridsdorfer Arbeiterheim wurde in Brand geschossen, das Ottakringer Arbeiterheim nach 48stündigem schwersten Feuer im Sturm genommen, nachdem zwei Stunden vorher das Feuer unsererseits eingestellt wurde und den Stürmenden sich niemand entgegenstellte, da die Kämpfer durch die Kanäle davongingen. So ließen sich in die Hunderte Episoden erzählen und werden einst mit goldenen Lettern in die ruhmvolle Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie eingetragen werden. Auch die Provinz hielt sich überaus tapfer, voran die steirische Arbeiterschaft des Mürz- und Murtales. In Kapfenberg und Bruck an der Mur tobten tagelange Kämpfe; nur die Artillerie vermochte die Stellungen zu erschüttern.

Schwere Versager

Es darf nicht verhehlt werden, daß Wut und Erbitterung die Kämpfer über das Versagen der Führung befallen hat. Zahlreiche Wiener Bezirke wurden gar nicht in den Kampf eingesetzt, da sie keine Befehle erhielten. Erst Dienstagabends begann der Verbindungsdienst zu funktionieren und frohe Hoffnung erfüllte die Parteimitgliedschaft aufs neue, um am Mittwoch eine neue Enttäuschung zu erfahren. Die Unterführer waren viel zu wenig selbständig und verließen sich viel zu sehr auf die Befehle des Generalstabes, die aber nicht kommen wollten. Gut 10.000 Mann wurden auf diese Art in Wien nicht in den Kampf eingesetzt und wurden dadurch mutlos und verdrossen. Waffen und Munition gab es – aber vielfach wurden die Lagerplätze, welche naturgemäß nur wenigen Leuten bekannt waren, gar nicht gefunden. Von den Provinzkräften, insbesondere des ausgezeichnet organisierten Wiener Neustädter Gebietes, welches vor den Toren Wiens liegt, gar nicht zu reden. Dort kam es überhaupt zu keinen ernstlichen Kämpfen, aber leider auch nicht zum dringend notwendigen Entsatze Wiens. Noch Mittwoch früh wäre die Situation zu retten gewesen. Allerdings hat die Regierung maßgebende Schutzbundführer einige Tage vorher verhaftet. Der Oberkommandant, Nationalrat Deutsch, und sein Sekretär Heinz haben getan, was sie konnten aber es war zu wenig, trotz aller Hingabe und persönlicher Aufopferung. Nicht vergessen darf aber bei einer objektiven Würdigung die vollkommene Erschöpfung der Kämpfer werden, welche fast 72 Stunden bei gar keiner oder sehr mangelhafter Verpflegung in der grimmigen Kälte, ohne auch nur eine Viertelstunde schlafen zu können, ausgeharrt haben. Sie haben wirklich bis zum äußersten ihre Pflicht erfüllt.

Die Lügenhetze

Verschiedene andere Umstände, welche schließlich zum Erlöschen des Kampfes geführt haben, seien noch erwähnt: das Radio brachte halbstündlich die entstellten Berichte; so daß die Führer geflohen wären und die Arbeiterschaft im Stiche ließen. In einem Atemzuge wurde aber auch verkündet, daß Bürgermeister Seitz und alle Abgeordneten, Stadträte, Gemeinderäte, Bezirksvorsteher, Bezirksräte und was es sonst noch an öffentlichen Funktionären gibt, soweit man sie erwischte, verhaftet wurden. Immerhin trugen diese Nachrichten bei, eine gewisse Mutlosigkeit zu erzeugen; durch das bereits geschilderte Versagen der obersten Führung erhielt diese Tatarennachricht einen Schein von Glaubwürdigkeit. Einen außerordentlich geschickten Schachzug machte Dollfuß mit dem bis Donnerstagmittag befristeten Generalpardon, die Führer ausgenommen. Donnerstagmittag waren denn auch die Kampfhandlungen (mit Ausnahme des Marxhofes) beendet.

"Nein, auch die Massen!"

Hat nur die Führung versagt? Nein, auch die Massen der Nichtkämpfer! Das ist die sehr traurige Wahrheit, wenn man über die Durchführung des Generalstreikes reden will. Schon Dienstag funktionierte wieder die Stromversorgung, aber nicht durch technische Nothilfe: die 100prozentig organisierten Arbeiter der Elektrizitätswerke standen wieder auf ihren Plätzen; die Straßenbahn begann Donnerstag zu fahren, aber nicht aus dem Willen der Streikenden heraus, sondern weil es die Regierung aus strategischen Gründen nicht früher wollte. Die Großbetriebe begannen ebenfalls Donnerstag zu arbeiten. Der Generalstreik ‑ eigentlich richtiger Teilstreik, denn er erfaßte nur die Großbetriebe ‑ war zusammengebrochen und eine alte Lehre wurde aufs neue bestätigt, daß ein Generalstreik nur dann zum Ziele führt, wenn er innerhalb 24 Stunden durchgreift. Die staatlichen und städtischen Aemter, Post und Telefon, arbeiteten fast normal, desgleichen die Eisenbahnen, sofern nicht der Schutzbund die Bahnhöfe besetzt und unter Feuer hielt, was bei den meisten Bahnen der Fall war. Gestreikt hat die einst so berühmte Elitetruppe der Eisenbahner nicht ‑ sie allein hätte dem Kampfe ein anderes Gesicht geben können. Warum hat also die sonst so geschlossene Arbeiterschaft der Streikparole nicht Folge geleistet?

Zwei Gründe liegen vor: 1. Man wartete auf die Parole; 2. Furcht vor Verlust des Arbeitsplatzes. Bei 1. sieht man, was allzugute Disziplin unter Umständen an schädlichen Wirkungen haben kann; 2. in einem Lande mit fast 600.000 Arbeitslosen, also zirka 30 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, wo jeder Arbeitsplatz doppelt und dreifach besetzt werden kann, ist die Durchführung eines Streiks nicht mehr Sache der politischen Ueberzeugung, sondern der kühl abwägenden Vernunft. Wenn Hunger Weib und Kind bedroht, wenn jahrelange Arbeitslosigkeit mit allen ihren Schrecken drohend aufsteigt, dann wird selbst der radikalste Versammlungsschreier, dem die Parteiführung nie radikal genug war, im Ernstfalle besonnen wie ein gelernter Staatsmann. Das ist die bittere Erkenntnis, die viele nicht für wahr halten wollten: Streiks zu führen ist in Zeiten normaler Wirtschaft leicht, jedoch doppelt zu überlegen bei den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen auf der ganzen Erde! Die Lehren, die Oesterreich daraus gezogen hat, mögen unsere Freunde wohl beachten, denn sie wurden mit dem Blute Tausender bezahlt.

II. Die Schuldfrage

Nach 1918

Der Oesterreicher ist ein von Haus aus friedliebender und umgänglicher Mensch, der sich nicht gerne in das Getriebe der großen Politik mengt. Er ist zufrieden, wenn er sein materielles Auskommen findet und hält sich im übrigen an den alten Wiener Grundsatz "Leben und leben lassen" und "Menschen san ma alle, Fehler hab’n ma jeder gnua (genug)." Zum Unterschiede von seinen reichsdeutschen Stammesbrüdern ist er weicher, fast möchte man sagen, lyrischer gestimmt, vor allem der Wiener. Er ist kein Freund rascher Entscheidungen, neigt eher zu Kompromissen um des lieben Friedens willen. Der Anblick eines mißhandelten Tieres kann ihn zur Raserei bringen; und dennoch diese blutigen Tage? Ein innerer Widerspruch tut sich da auf, dem Ausländer, welcher Wien und die Wiener zu kennen glaubt, ganz unverständlich. Diese Tage waren auch gänzlich unösterreichisch und auch deren Grundursachen. Um alles zu verstehen, müßte man schon in die Lage des Novemberumsturzes 1918 zurückgreifen. Der Oesterreicher wird nie diese Zeit mit "Revolution" bezeichnen und mit Recht; die alten Gewalten der kaiserlichen Monarchie brachen nach dem vierjährigen Morden des Krieges wie ein ausgehöhlter Baum von selbst zusammen. Alle bürgerlichen Parteien hatten gründlich beim Volke abgewirtschaftet, waren sie doch die Hauptschuldigen, vor allem die Christlichsoziale Partei. Die einzige wirklich vorhandene Macht war die Sozialdemokratie mit ihrer straffen Organisation; ihre entschiedene Kriegsgegnerschaft hatte ihr Sympathie in weitesten Kreisen eingebracht. Alle Macht im Staate fiel uns von selbst zu, die gesamte Exekutive gehorchte bedingungslos den neuen Führern. Die Kriegsschuldigen, die Generale, Politiker und Kriegsverdiener verkrochen sich vor dem Zorne des Volkes; die Christlichsoziale Partei, gestützt auf die mächtige katholische Kirche des katholischen Oesterreich, welche die rückständigen Massen der Gebirgsbauern vollkommen beherrscht, erholte sich am raschesten. Schon die ersten Wahlen des Februar 1919 brachten uns nicht die erhoffte Mehrheit; es war uns eben nicht beschieden, die Riesennot der Kriegszeit mit einem Schlage zu beseitigen.

Nach 1920

1920 brachte die notwendige Klärung, wir traten aus der Regierung aus und seither regieren im Bunde ausschließlich Bürgerliche! Der Austritt aus der Regierung war eine befreiende Tat und Rettung der Parteieinheit in letzter Minute; die damals hochgehenden kommunistischen Wogen hatten uns bereits hart bedroht. Jede Wahl brachte uns trotz des zu einer Einheitsliste zusammengeschlossenen Bürgertums neue Erfolge und brachte uns der Mehrheit ziemlich nahe (zuletzt 42 Prozent aller abgegebenen Stimmen). Unsere Position wurde durch die Eroberung des Wiener Rathauses mit stets größer werdender [Mehrheit ziemlich nahe (zuletzt 42 Prozent aller abgege [15]] gebessert; eine musterhafte Finanzverwaltung, die rigorose Erfassung des Besitzes und die Verwendung der Steuergelder zu wahrhaft volkstümlicher Aufbauarbeit, man denke nur an die 60.000 erbauten, prächtigen Volkswohnungen, wurde weltbekannt und war den Bürgerlichen ein Dorn im Auge.

Die Ausraubung Wiens

Seit Jahren bemühten sich die Zentralstellen, dem roten Wiener Rathause die Einnahmen zu beschneiden und damit die Aufbauarbeit unmöglich zu machen. Solange es noch ein Parlament gab, waren alle diese Bemühungen fast erfolglos; mit Riesenschritten ging es ab März 1933 abwärts. Vor Ausbruch der proletarischen Erhebung hatte die Gemeinde Wien mehr als ein Drittel der Einnahmen an die Staatskassen zur Stopfung des riesigen Bundesdefizits begeben müssen; dies alles geschah nicht auf Grund eines Gesetzes sondern einer Verordnung aus der Kriegszeit "zur Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Bedarfsartikeln". Richtiger gesagt: die Gemeinde wurde einfach ausgeraubt.

[Bundeskommissär nichts anfangen.

griffe [16]] auf das von den Arbeitern über alles geliebte rote Wien brachte die politischen Leidenschaften bedenklich zum Sieden und war eine der Ursachen des Aufstandes. Doch darüber ein andermal.

Der Ruf nach Gewalt

Als im März 1933 das Parlament durch einen Gewaltstreich der Regierung am Zusammentritt verhindert und so der Auftakt zu den Fieberereignissen des Jahres 1934 gegeben wurde, scholl immer stürmischer der Ruf aus der Arbeiterschaft, die Entscheidung durch die Gewalt der Waffen zu suchen; heute wird behauptet, daß damals die Erhebung siegreich gewesen wäre. Vieles spricht dafür, vieles dagegen.

Was dafür spricht, ist der Umstand, daß die Staatsexekutive zu diesem Zeitpunkt bei weitem nicht die heutige Stärke erlangt hatte. Damals gab es nur Polizei, Gendarmerie und Militär als gesetzliche, jene der Heimwehr als ungesetzliche Formationen. Die Gesamtstärke in ganz Oesterreich dürfte zirka 30-35.000 Mann betragen haben, denen allein in Wien 20.000 gut ausgebildete Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes, davon die meisten gediente Soldaten des Krieges, gegenüberstanden. Die Gesamtstärke des Schutzbundes hat man begreiflicherweise nie erfahren; es dürften in ganz Oesterreich 60.000 bis 70.000 Mann gewesen sein. Rein ziffernmäßig betrachtet, waren wir also zweifellos unter der Voraussetzung überlegen, daß der Aufstand in ganz Oesterreich zu gleicher Zeit losbricht. In der Bewaffnung war uns die Exekutive schon durch das Vorhandensein von Artillerie überlegen, die auch die wirkliche Entscheidung in diesen Kämpfen gebracht hatte. Es fehlte aber auch an der notwendigen Bewaffnung; Gewehre und Maschinengewehre waren nur unzulänglich vorhanden; auch an Munition fehlte es. Es war also zweifellos richtig, daß die militärischen Führer des Schutzbundes, durchweg ehemalige Offiziere, den Zeitpunkt als noch nicht gegeben erachteten und fieberhaft aufrüsteten; es war allen klar, daß nur ein Wunder oder die Rückkehr zu verfassungsmäßigen Zuständen die Austragung des Verfassungskonfliktes ohne Waffengewalt unnötig machen.

Aber auch schwere politische Bedenken Sprachen zu diesem Zeitpunkte gegen das Losschlagen. Die Nazis, durch die Machtergreifung Hitlers in Deutschland gewaltig in ihrem Selbstgefühl gesteigert, wuchsen täglich und hatten vor allem aus den Mittelschichten kolossalen Zulauf. Hätten wir uns in einen bewaffneten Konflikt eingelassen, dann hätten die Nazis jederzeit als die lachenden Dritten den Kampf für sich entscheiden können. Wer immer gesiegt hätte, die Nazis hätten ihm um die Früchte des Sieges gebracht. Hätten wir gesiegt, dann hätte Hitler erst recht einen Vorwand zum Einmarsche gehabt; sein Freund Mussolini hätte nicht gezögert, sich diesem Beispiele anzuschließen; die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien hätten versucht, sich ihren Beuteteil zu sichern. Unabsehbar wären die Folgen dieses Kampfes gewesen, ein neuer Weltbrand hätte daraus entstehen können. Unseren Lesern wird vielleicht damit klar, welche ungeheure Verantwortung die Parteiführer auf sich lasten hatten und welchem Drucke sie ausgesetzt waren. Auf der einen Seite das unzufriedene, hocherregte Proletariat, auf der anderen Seite die immer mehr ins faschistische Fahrwasser geratende Regierung und im Rücken die braune Gefahr! Die vielgeschmähten Volksverhetzer haben damals dem Vaterlande wahrlich einen wertvolleren Dienst erwiesen als alle die großmauligen faschistischen Heimatschützer.

Der Kurs gegen Rot

Diese staatsmännische Klugheit wurde uns schlecht gelohnt. Der Kurs gegen Rot wurde trotz der immer drohender werdenden braunen Gefahr immer schärfer; die Regierung, wohl wissend, daß wir uns niemals mit den Nazis gegen sie verbünden können, nützte unsere Zurückhaltung in ihrem Kampfe gegen die Braunen in der unverschämtesten und undankbarsten Art aus. Ja, eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob es zu einer Koalitionsregierung mit den Braunen kommen würde; nur die allzuhohen Ansprüche der Nazis machten das Geschäft unmöglich, Dollfuß und seine Kumpane hatten inzwischen den Wert gutgepolsterter Ministersessel schätzen gelernt. Als nun die Nazis zu offener Gewalt griffen, als es Sprengstoffattentate gab, wurde die Nazipartei verboten. Da sie aber zahlreiche Freunde in der hohen Bürokratie, in allen Aemtern und vor allem in der Exekutive hat, wurde jede ernstliche Maßnahme prompt verraten. Zu Weihnachten und am Beginn des neuen Jahres, als große Teile des Heimatschutzes in das Lager der Nazis abgewandert waren, schien Dollfuß einen Moment zu Besinnung zu kommen, daß er ohne uns im Kampfe gegen die Nazis verloren wäre; er hielt eine vernünftige Rede. Am nächsten Tage hatte er sich eines Besseren besonnen und die Angriffe gegen uns wurden aufs neue verschärft.

Wettrüsten

Der Schutzbund war schon im Frühjahr aufgelöst worden; daß er damit nicht beseitigt wurde, wußte die Regierung sehr genau, ebenso war sie von den Rüstungen des Schutzbundes unterrichtet; nur über das Ausmaß war sie sich im unklaren. Sie traf nun ihrerseits fieberhaft Gegenmaßnahmen. Die Heeresstärke wurde vermehrt, es wurde ein Assistenzkorps durch freiwillige Werbung aufgestellt, Arbeitslose wurden zum Eintritt in die Heimwehr mit ganzer Verpflegung und einem Tagessolde aufgefordert und leisteten dem Rufe auch zahlreich Folge; viele gute Parteigenossen waren in dieser Formation, so daß wir über alle Vorgänge genau unterrichtet waren und anderseits der Kampfeswert dieser Truppe bedenklich herabgesetzt wurde. Herrn Mussolinis Geld war also schlecht angewendet. Die Turnvereine und die sonstigen reaktionären Formationen, wie Frontkämpfer, die christlichsozialen Sturmscharen, der Freiheitsbund und zum Schlusse auch die Kriegervereine wurden für das Freiwillige Schutzkorps aufgeboten. Die Kosten zahlte freigebig die Regierung; große Teile der mühselig zusammengebrachten Trefferanleihe wurden so zum Fenster hinausgeworfen und damit die Möglichkeit wirklicher Arbeitsbeschaffung verschüttet. Mittlerweile stellte die Heimwehr in den ersten Februartagen in allen Bundesländern ultimative Forderungen rein faschistischer Art; Ausschaltung aller Landtage und Bestellung eines Landesführers, Auflösung aller Parteien, vor allem der sozialdemokratischen, Reinigung der Aemter von allen Staatsfeinden, also Freimachung der Futterkrippe.

Auf Tod und Leben

Die Entscheidung darüber behielt sich Dollfuß für den 15. Februar vor. Wir wußten nunmehr: jetzt geht es auf Tod und Leben, die Spannung wuchs ins Unerträgliche! Am 11. Februar hielt der böse Geist der Regierung, Vizekanzler Fey, eine aufreizende Rede, die darin gipfelte: "Morgen machen wir Ordnung!". Seine Mannen verstanden ihn sehr richtig[17], so ging eine Abteilung Heimwehr bewaffnet gegen das Linzer Parteihaus vor, wo sie mit schwerstem Feuer empfangen wurden. Das Unheil hatte damit begonnen, die weiteren Ereignisse sind bekannt und müssen nicht mehr wiederholt werden.

Ursachen der Niederlage

Eine der Ursachen der Niederlage war der Umstand, daß die Bewegung nicht von Wien aus ihren Anfang genommen hatte; die Vorfälle in Linz kamen überraschend und mußten nunmehr auch die Aktion in Wien auslösen. Zahlreiche Führer wurden schon in der Vorwoche verhaftet, bis auf General Körner, der als Bundesrat, und Nationalrat Deutsch, der als Abgeordneter immun war. Am Beginn des Abwehrkampfes wurde auch General Körner in einer Sitzung des Parteivorstandes verhaftet! Dies ist bei einem so erfahrenen Militär wie Körner [es ist [18]] (er war Generalstabschef der Isonzo-Armeen im Weltkriege), das Unfaßbarste! Im übrigen hatte man die politischen Führer nicht lange suchen müssen; die Prominentesten, mit Bürgermeister Seitz an der Spitze, wurden alle in dieser historischen Sitzung auf einen Haufen verhaftet.

Die Kämpfe spielten sich an der Peripherie ab. Das war ein Fehler. Bei größeren Massen kann die Artillerie verheerend und demoralisierend wirken. Der Straßenkampf in Hunderten von Gruppen wäre vielleicht richtiger gewesen. Aber es kam überhaupt nicht zur Durchführung einer einheitlichen Aktion. Erst am Dienstagabend funktionierte der Nachrichtendienst, als schon in allen Bezirken ungemein verlustreiche Einzelaktionen der entschlossenen Unterführer eingesetzt hatten. Zehn Bezirke mit etwa 10.000 Mann haben nicht einen Schuß abgegeben, man wartete auf Befehle! Diese Kräfte hätten die Entscheidung schon aus dem Grunde bringen können, weil dadurch die Regierungstruppen an vielen Stellen gebunden gewesen wären. So konnte die Regierung ein Aufstandsgebiet nach dem anderen mit großer Kräftezahl niederkämpfen.

Die Provinz, vor allem Steiermark und Oberösterreich, allen voran Linz, die rote Stadt Steyr, Kapfenberg, Bruck a. Mur und die Umgebung von Graz, kämpften wie die Löwen. Auf sich allein gestellt, mußten sie aus dem gleichen Grunde wie die Wiener Arbeiter besiegt werden. Das größte Bundesland, Niederösterreich, das rund 12.000 Schutzbündler stellen sollte, kam, von unbedeutenden Einzelaktionen abgesehen, überhaupt nicht ins Gefecht. Der Landesführer, Abgeordneter Püchler, wurde einige Tage vorher wegen einer kleinen Rauferei verhaftet. Wien wartete umsonst auf Entsatz.

Das Problem der Führung ist nicht bloß eines der Offiziere, sondern noch mehr der Unteroffiziere. Die Unterführer waren durchwegs kriegsgediente Leute; jedoch die wenigsten hatten wirkliche Führerqualitäten. Es fehlte an Selbständigkeit, Entschlußkraft und Initiative; man wartete immer auf die Befehle, die niemals kommen sollten. Dabei war kein Mangel an Waffen aller Art; Freund und Feind waren von der glänzenden Ausrüstung mit Maschinengewehren und Handfeuerwaffen sowie Handgranaten überrascht. Wir waren da der Exekutive weit überlegen. Im rein Technischen hätte es geklappt und auch bei den taktischen Uebungen… Versagt hat auch der Verpflegungsdienst; die Kämpfer waren oft 72 Stunden ohne einen Bissen Eßwaren, ohne einen warmen Schluck. Dabei herrschte bittere Kälte, Ablösung der abgekämpften Truppen gab es nicht, weil keine Verbindung herzustellen war; daher gab es auch keine Minute Schlaf. Die Gefangenen fielen bei der Einlieferung auf der Stelle in tiefen Schlaf. So mußte aus vielen Unterlassungssünden, aus echt österreichischer Oberflächlichkeit, Schlamperei und Sorglosigkeit heraus eine so heroisch kämpfende Arbeiterarmee geschlagen werden. Der Abend des 15. Februar war der bitterste im Leben Zehntausender von Parteigenossen.

Der fromme Miklas

Noch am Montagmittag, als der Generalstreik einsetzte, schien es, als ob das Aeußerste vermieden werden könnte. Bürgerliche Politiker erschienen beim Bundespräsidenten Miklas und beschworen ihn um seine Vermittlung; er lehnte rundweg ab! Herr Miklas, Ritter des Christusordens, frommer Katholik, der täglich in der Kirche Gott um Beistand anfleht: ein Wort hätte genügt, um die Waffen zu senken, um Herrn Dollfuß zur Besinnung zu rufen. Dieses Wort wurde nicht gesprochen; Herr Miklas, Sie Hauptschuldiger an all den Wirren dieses Landes, Sie, der Sie unverschämt entgegen Ihrem Eide die Verfassung gebrochen haben, Hundertemale gebrochen haben, Sie, der indirekt das Leben Tausender Söhne dieses Landes auf dem Gewissen hat: um Ihre Sterbestunde beneide ich sie nicht! Auch Ihr Gott kann Ihnen dieses Verbrechen nicht verzeihen!

Die Rache der "Sieger"

Die Regierung, auf einen raschen Sieg hoffend und die um ihre Freiheit kämpfenden Arbeiter als "Verbrecher" beschimpfend, die zu besiegen eine Musikkapelle und ein nasser Fetzen genüge, mußte es bald billiger geben. Am Mittwochabend erschienen die Gesandten der Großmächte bei Dollfuß und verlangten kategorisch, daß mit dem Morden und mit den Standgerichtsurteilen Schluß gemacht wird; Dollfuß versprach den Kämpfern ‑ nicht aber den Führern ‑ Pardon; damit wurde weiteres und nunmehr nach der taktischen Lage auch unnützes Blutvergießen vermieden. Aber die Ausbeute an gefangenen Kämpfern war sehr mager; die meisten verzichteten auf die "Gnade" und nahmen die Waffen in die Verstecke wieder mit. Welche schlotternde Angst die Regierung vor der Arbeiterschaft noch immer hat, beweisen die Waffenprämien: für ein Maschinengewehr werden S. 50,- für eine Handfeuerwaffe S. 20,- bezahlt und Straflosigkeit zugesichert. Fieberhaft wird nach den versteckten Depots gesucht, Tag und Nacht werden Hausdurchsuchungen vorgenommen, der Erfolg ist sehr kläglich. Um der Welt ihre "Stärke" zu beweisen, wurde alles, was irgendwie eine höhere Funktion in der Arbeiterbewegung oder in den Gewerkschaften bekleidet, verhaftet. So alle öffentliche Mandatare, die allermeisten Gewerkschaftsführer, Rechtsanwälte, Aerzte, ja sogar die Angestellten der Partei. Gegen 100 Arbeiterorganisationen, darunter sämtliche Gewerkschaften, alle Kulturvereine welcher Art immer, sogar der Arbeiter-Tierschutzverein, wurden aufgelöst. Das Vermögen soll eingezogen werden, bis auf jenes der Gewerkschaften. Diese sind meist auf versicherungstechnischer Grundlage aufgebaut; ein Raub dieser Gelder würde die kaum gebändigte Arbeiterschaft aufs neue aufbringen. Da wird von Staats wegen vorgesorgt, in welcher Art, ist noch nicht feststehend. Ebenso wurden die Kollektivverträge durch Notverordnungen verlängert. Die bedeutenden Vermögenswerte der Partei und Gewerkschaften sind aber schon vor Monaten in den Besitz ausländischer Arbeiterorganisationen übergegangen; der beutehungrige Faschismus wird viele fette Brocken davonschwimmen sehen… Die berühmten Wiener Arbeiterbüchereien wurden sämtlich ausgeräumt und "sichergestellt", wahrscheinlich will man sorgfältig sichten, ehe man den Arbeiter wieder lesen läßt. Arbeiterblätter gibt es nicht mehr, die Zeitungen unter dem Regierungsdrucke bringen nur die der Regierung genehme Nachrichten. Nach den Beschimpfungen des ersten Tages bekamen aber die bürgerlichen Blätter doch ein wenig Achtung vor den heldenhaften Gesinnungstreue der Wiener Arbeiterschaft und die Beschimpfungen beschränken sich je nach Konfession auf die "Bonzen" oder "jüdischen Führer", welche die Masse im Stich gelassen hätten. Im gleichen Atem berichtet man, daß mehr als tausend Führer, darunter der gesamte Parteivorstand verhaftet ist. Auf den Kommandanten des Schutzbundes, Nat.-Rat Deutsch, richtete sich die Wut und Verleumdung ganz besonders; er wäre feige ins Ausland geflohen und hätte die Truppe im Stich gelassen. Bis offizielle tschechische Behörden mitteilten, daß Deutsch schwer verwundet am Donnerstagabend also nach Schluß der Kämpfe in Preßburg angekommen sei.

Die Volksstimmung

Die Bevölkerung stand in ihrer erdrückenden Mehrheit auf seiten der Arbeiterschaft; auch streng bürgerliche Menschen, welche ansonsten für uns nichts übrig haben, bewunderten die Gesinnungstreue und den Idealismus der Kämpfenden. Für die Heimwehr hat man sehr wenig übrig; es befinden sich sehr zweifelhafte Elemente krimineller Art in ihr. So wurde in den erstürmten Gemeindebauten gehaust wie im Feindesland, Kleider und Wäsche zerschnitten, Geschirr zertrümmert, alles kurz und klein geschlagen, wo man auch nur ein Seitz-Bild vorfand, ja selbst Kinderspielzeug wurde sinnlos vernichtet. Und dabei haben die Ordnungsstützen gestohlen wie die Raben. Ich habe Wohnungen im Karl-Marx-Hof gesehen, die meine Behauptungen beweisen. Auf diese "Kämpfer" in fremden Taschen braucht sich Herr Dollfuß wahrlich ebensowenig wie auf seine "brave Exekutive" etwas einzubilden. Wehrlose Gefangene bestialisch zu schlagen: das haben nicht einmal die Kosaken im Weltkriege getan. Auch Frauen und Kinder wurden nicht in von der Artillerie beschossenen Gebäuden gewaltsam und mit vorgehaltenem Gewehr zurückgehalten. Dem Kämpfer hat man den ehrlichen Soldatentod durch Pulver und Blei, nicht den schimpflichen Galgen wie dem Offizier der Feuerwehr, Weissel, gegeben, der sich wie ein Mann verantwortet hat und wie ein Mann gestorben ist, um den selbst Bürgerliche Tränen vergossen haben. Auch über Herrn Dollfuß wird das Blut der Arbeiter kommen; schon rinnen über den Plakaten mit seinem Bilde rote Blutspuren, außerordentlich geschickt gemacht, herab. Auf dem Blatt Papier, das er hält, steht groß: "Arbeitermörder!".

Um zur gestellten Schuldfrage wieder zurückzukommen: nach meinem Dafürhalten war das Losschlagen weder von der politischen noch von der militärischen Führung am 12. Februar gewollt, wenn auch diese Woche wahrscheinlich die Entscheidung durch die Gewalt der Waffen gebracht hätte. Hatte doch die Regierung sämtlichen Angehörigen der Brachialformationen eine Woche vorher je S. 100.- ohne weitere Begründung ausbezahlen lassen, was bei dieser absolut angestelltenfeindlichen Regierung unbedingt seinen Grund hatte. Dieser Betrag war Bestechung und Judaslohn zugleich. Zweifellos versagt hat die militärische Führung. Inwieweit daran eine Verkettung unglücklicher Umstände Ursache des Versagens ist, kann derzeit nicht festgestellt werden. Vieles liegt an der zweiten Führergarnitur, welche sich ihrer Stunde nicht gewachsen gezeigt hat. Das Verschulden der politischen Führung? Man sagt, die alten Herren der Parteiführung waren der politischen Situation nicht gewachsen; ihre allzugroße Besonnenheit wäre ein schwerer Fehler gewesen. Wenn man alles mit den Märztagen 1933 rückschauend betrachtet, so kann man keine Schuldbeweise finden. Es war richtig gehandelt, die beste taktische Situation abzuwarten, eine Zeit schien es, als ob der Gegner an seinen inneren Streitigkeiten scheitern solle. Der Faschismus wurde eben in Oesterreich auf kaltem Wege erzeugt; das Aufflammen der blutigen Februartage war der letzte Aufschrei der Empörung über das verlegte und mit Füßen getretene Recht, das man so schnöde durch die Ausschaltung des Verfassungsgerichtshofes vergewaltigt hat. Wenn der Arbeiter sehen muß, daß ihm auf dem legalen Rechtsboden nirgends mehr Schutz und Hilfe in seinen gerechten Ansprüchen wird, dann muß er sein Recht mit der Waffe in der Faust zu erobern suchen. Wenn dies auch diesmal mißlungen ist, wenn noch einmal die Reaktion stärker war und nun versucht, die Rechtsverweigerung zu verewigen: es kommt der Tag, wo das Volk sich seine ewigen Rechte von den Sternen holt, es kommt der Tag, früher, als es sich manche erhoffen und die anderen in Träumen ihres schlechten Gewissens sich mit Schrecken ausmalen: es kommt der Gerichtstag mit den blutbefleckten Schergen der Freiheit! Es wird ein fürchterlicher Gerichtstag werden, wo ganze Rechnung für immer und ewig gemacht werden wird!

 

 

 

Deutsche Freiheit.
Nummer 37 – 2. Jahrgang
 [19]
Saarbrücken, Mittwoch, den 14. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Freiheitsschlacht der Sozialdemokratie
Oesterreichs bewaffnete Arbeiter retten die Ehre und zeigen den Zukunftsweg

D. F. Die Sozialdemokratie Oesterreichs kämpft. Mit dem politischen Generalstreik nicht nur, sondern mit der Waffe in der Hand. Sie hat wahr gemacht, was sie immer warnend angekündigt hat: die waffenfähigen Mannschaften verteidigen die Volksrechte unter Einsatz des Lebens. Es ist in der Geschichte der Sozialdemokratie aller Länder das erste Mal, daß die sozialdemokratische Arbeiterpartei im Bürgerkrieg steht. Auch die österreichische Sozialdemokratie hat gezögert, bis ihr nur noch die Entscheidung blieb, kampf- und ruhmlos abzutreten, oder alle ihre außerparlamentarischen Machtmittel einzusetzen. Sie hat sich für den bewaffneten Widerstand entschieden. Wie der Kampf enden wird, ist zur Stunde unentschieden. Gewiß aber ist, daß die mutige zu allem entschlossene Haltung der österreichischen Sozialdemokratie das durch den deutschen Zusammenbruch schwer erschütterte Vertrauen in den Ernst des Kampfwillens der Sozialisten wieder beleben wird. Auch wenn der heldenmütige Widerstand der österreichischen Sozialdemokraten gegen überlegen bewaffnete Polizei- und Heerestruppen mit dem militärischen Siege der Bundesregierung erden sollte, bleibt das Beispiel sozialistischen Heroismus, das von Oesterreich her gegeben ist, bleiben die unversiegbaren Glaubens und Kampfkräfte, die dieses Heldentum neu in die Reihen der Sozialisten und insbesondere ihrer Jugend tragen wird. Die österreichische Sozialdemokratie zeigt den Geist und die Moral, die für die harten Entscheidungen der kommenden Jahre unerläßlich sind. Sie stellt den Soldaten der faschistischen Diktatur die Soldaten der sozialistischen Freiheit entgegen: Anders als durch militante Demokratie und militanten Sozialismus werden die drängenden Lösungen in den großen Gesellschaftskonflikten des überlebten europäischen Kapitalismus nicht zu finden sein.

Die österreichischen Nationalsozialisten haben, wie niemand anders erwartet hat, jede Solidarität mit den kämpfenden Sozialdemokraten abgelehnt und gleichzeitig erklärt, daß sie die Regierung Dollfuß "mit aller Macht" bekämpfen würden. Daran ist soviel wahr, daß die Nationalsozialisten hoffen, der Schlag des Bundeskanzlers gegen Links werde den Austrofaschismus stürzen und den reichsdeutschen Faschsimus zur Macht bringen. Die einen wie die anderen aber hetzen mit der Verleumdung, die Sozialdemokratie befinde sich "im bolschewistischen Aufstand". Das ist die große Lüge, die den in Oesterreich fehlenden Reichstagsbrand ersetzen soll. Wahr ist indes, daß die Bundesregierung sich im Aufstand befindet gegen die von ihr beschworene demokratische Verfassung und [daß] die Sozialdemokratie gegen Staatsverbrecher, die Polizei und Heer zum Staatsstreich mißbrauchen, die Volksrechte und Volksfreiheiten verteidigt.

Das Ziel der Sozialdemokratie ist, die legale Bundesverfassung aufrechtzuerhalten, das Ziel der Regierung und ihrer Verbündeten aller Art ist, illegal dem Volke eine faschistische Verfassung aufzuzwingen. Das sind die beiden großen Gegensätze. Innerhalb der faschistischen Front bestehen nur Kämpfe um die Verteilung der Beute. Die Austrofaschisten wollen eine österreichische Diktatur unter Anlehnung an Italien, die Hitlerfaschisten wollen die diktatorische Gleichschaltung mit Deutschland und die Ausschaltung aller ihrer Gegner, auch der Klerikalen, nach deutschem Muster. Beide erstreben Verfassungszustände, die von den jetzigen parlamentarisch-demokratischen Formen nichts mehr übrig lassen. Beide können ihre Ziele nur durch Gewalt und Eidbruch erreichen. Die Sozialdemokratie hat von Millionen verfassungstreuen Oesterreichern das Mandat, diese Anschläge zu vereiteln. Wenn sie nun das Wirtschaftsleben Oesterreichs stillzulegen und die Staatsverbrecher mit Flinten und Maschinengewehren abzuwehren versucht, führt sie diesen Volksauftrag aus. Die Sozialdemokratie erfüllt ihre staatsbürgerliche Pflicht. Sie ist Verfassung und Gesetz. Der Bundeskanzler und die Seinen stehen außerhalb der Gesetze. Wenn sie sich behaupten oder andere Faschisten an ihre Stelle treten sollten, so lehrt das die Sozialisten aller Länder nur eindringlicher denn je, daß jedes Recht verloren ist, wenn es gegen seine Feinde nicht mit überlegener Gewalt geschützt werden kann.

Die nach der ersten Kampfnacht vorliegenden amtlichen Meldungen berichten von vielen Toten und Verwundeten der Regierungstruppen und der Polizei.

Wieviele Sozialdemokraten ihre Treue zum Arbeitsvolk und dessen Freiheitsidealen mit ihrem Blute und ihrem Leben besiegelten, ist noch nicht zu erfahren. Da die Bundesregierung alle Heereswaffen, auch Artillerie, eingesetzt hat, wird der Bürgerkrieg in den Reihen der Sozialdemokraten viele Tote und Verletzte gefordert haben. Die Sozialisten, die Republikaner, die Antifaschisten in aller Welt ehren diese Opfer und grüßen Österreichs heldenmutige Sozialdemokratie.

Keine Kapitulation!
Widerstand bis zum Letzten

Wien, den 13. Februar 1934. (Eig. Bericht.)

In den Vormittagsstunden entwickelten sich neue Kämpfe in den Außenbezirken, von wo man lebhaftes Maschinengewehrfeuer hört. Der Rückzug der Sozialdemokraten auf die Vorstädte entspricht dem Plan, die innere Stadt und die bürgerlichen Bezirke preiszugeben und sich in den proletarischen Stadtteilen festzusetzen, wo die Bevölkerung den kämpfenden Arbeitern einen Rückhalt im Widerstand bietet. Die Versorgung mit Elektrizität ist im Laufe des Vormittags zum Teil wieder ermöglicht worden, jedoch nur sehr unregelmäßig und sehr unvollkommen. Der gesamte Straßenbahnverkehr liegt still. Die polizeilichen und militärischen Absperrungen nehmen noch zu. Ueberall werden Maschinengewehre in Stellung gebracht. Die Bundesregierung läßt verkünden, daß sie Herrin der Lage sei, doch trifft dies zur Stunde keinesfalls zu. Mindestens in Wien, in Linz und in dem steiermärkischen Industriezentrum Bruck wird erbittert gekämpft und ist der Widerstand der Sozialdemokraten ungebrochen. Die Bundesregierung versucht, durch Zweckmeldungen die Arbeiterschaft zu verwirren und einen Teil der Führer zu diffamieren. So wurde erst gemeldet, Dr. Deutsch und Otto Bauer seien verhaftet. Dann hieß es, sie seien ins Ausland geflohen. Beides ist unrichtig. Dr. Deutsch und Otto Bauer befinden sich dort, wohin sie in dieser Stunde gehören: bei den kämpfenden Arbeitern.

Der Generalstreik wird weithin durchgeführt, allerdings sind heute Vormittag die Zeitungen, die gestern durch den Setzerstreik lahmgelegt waren, wieder erschienen. Es ist also gelungen, ein Teil des Buchdruckereipersonals aus der Streikfront loszubrechen. Gegen mittag ist es überraschend auch in der inneren Stadt Wien zu schweren Zusammenstößen gekommen, über deren Charakter und Umfang im Augenblick noch nichts zu ermitteln ist.

Artilleriekämpfe
Generalstreik und Bürgerkrieg

Wien, 13. Febr. Die Wiener Zeitungen sind am Dienstag infolge des Streiks in wesentlich kleinerem Umfang erschienen. Die beiden sozialdemokratischen Blätter, die "Arbeiterzeitung" und das "Kleine Blatt" sind natürlich nicht erschienen.

In den Morgenstunden bietet die Umgebung der Polizeidirektion das Bild strengster Absperrung und Bewachung. Die Straßenbahnen und die Autobusse haben den Verkehr noch nicht wieder aufgenommen. Aus der Ferne hört man weiterhin Kanonendonner.

Das Fahrkorps der Vaterländischen Front ist aufgeboten worden, um einen Verbindungsdienst aufrechtzuerhalten. Auf diese Weise sei es, wie die Vaterländische Front mitteilt, gelungen, auch in den Ländern die Landesleitungen und Bezirksstellen in Verbindung zu halten und darüber hinaus einen Relaisdienst für das gesamte Bundesgebiet vorzusehen. Die Vaterländische Front hat ferner ein Aufgebot Arbeitswilliger veranlaßt, und sich mit der Leitung des staatlichen Arbeitsdienstes ins Einvernehmen gesetzt, um für eine ausreichende technische Nothilfe Vorsorge zu treffen. Mit ihrer Hilfe sei es gelungen, in allen staatlichen Betrieben wie Post, Telegraf, Bundesbahnen und dergleichen einen beschränkten Betrieb sicherzustellen.

Die Heimwehren haben ihre gesamten Kräfte mobil gemacht. Die für Dienstag einberufene Bundesführertagung, an der auch die befreundeten vaterländischen Organisationen hätten teilnehmen sollen, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Die Wiener Polizeidirektion gibt bekannt, daß die Exekutive in Oesterreich am Montag den Verlust von 21 Mann zu verzeichnen hat. Die Verluste der Aufrührer sind noch nicht bekannt. Es ist aber anzunehmen, daß die Zahl der Toten und Verletzten ziemlich erheblich ist.

Es beginnt erst in Wien!
Die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei

(mit der Fortsetzung von Seite 2)

Wien, 13. Febr. (Eig. Drahtb.) Bei der Verhängung des Standrechts in Wien, über ganz Nieder-Oesterreich, Kärnten und die Steiermark sind die verzweifelten Versuche der österreichischen Arbeiterschaft, sich gegen den Heimwehrterror zu wehren, noch verschärft worden. Im ganzen Lande erfolgen Einzelaktionen mit vielfach blutigen Kämpfen. Wien befindet sich in vollkommener Panikstimmung. Ueberall Stacheldrahtverhaue und militärische Kordons. Nur an bestimmten Stellen dürfen die Straßen passiert werden. Alle Geschäfte sind von Käufern überfüllt. Jeder will sich noch schnell mit Brot, Mehl und Kerzen eindecken. Die Stadt ist erfüllt von Gerüchten über Schießereien und Blutvergießen. An mehreren Stellen der Stadt sieht man Panzerwagen.

Am Dienstagmorgen erfuhren die Wiener Arbeiter die in der Nacht vom Kabinett beschlossene Auflösung der österreichischen Sozialdemokratischen Partei. Die Meldungen über Verhaftungen der Führer widersprechen sich. Angeblich soll Bürgermeister Seitz festgenommen worden sein; nach andern Nachrichten ist er noch im besetzten Rathause unter polizeilicher Aufsicht. In den Randbezirken sind die Arbeiter noch vielfach Herren der Lage. Im Arbeiter-bezirk Simmering, wo sich die wichtigsten städtischen Werke befinden, wurde noch in den Morgenstunden heftig gekämpft. Vor allem befindet sich das Elektrizitätswert nach wie vor in der Hand der sozialdemokratischen Arbeiter. Polizei und Militär umringen die Gebäude und erwarten Verstärkungen des Bundesheeres, das angeblich mit Artillerie anrücken soll. Ein Hauptmann des Bundesheeres und fünf Polizeibeamte wurden bei verschiedenen Zusammenstößen getötet. Die Zahl der Gesamtopfer ist bis zur Stunde nicht festzustellen. Die Erbitterung der Kämpfe wächst ständig. Während aus der Provinz gemeldet wird, daß es hier im allgemeinen wieder ruhiger geworden sei, scheint es in Wien jetzt erst richtig loszugehen. Starhemberg hat das Aufgebot des gesamten österreichischen Heimatschutzes angeordnet, der an der Seite des Bundesheeres, der Gendarmerie und der Polizei gegen die sozialdemokratischen Arbeiter eingesetzt werden soll. Mit der Verhängung des Standrechts wurden in Oesterreich sämtliche Schulen geschlossen.

*** Seite 2 ***

Die wogende Schlacht
Die blutige Fastnacht

dnb. Wien, 13. Febr. Die strengen militärischen Absperrungen und Kontrollmaßnahmen werden in der ganzen Stadt aufrechterhalten. Der Straßenbahnverkehr ruht vollständig. Dagegen ist der Fernsprechverkehr ebenso wie Wasser- und Gaszufuhr wieder im Gange, zum Teil auch die Elektrizitätsversorgung. Die Läden sind zum größten Teil bis auf die Lebensmittelgeschäfte geschlossen. Die Bevölkerung bewahrt große Ruhe.

Artillerie- und Maschinengewehrfeuer sind ununterbrochen zu hören. Die Regierung geht jetzt mit rücksichtsloser Schärfe und mit allen vorhandenen militärischen Mitteln unter besonderem Einsatz von Artillerie und Haubitzen vor.

Die Stellen, an denen in Wien noch am Vormittag gekämpft wird, befinden sich in Ottakring, Simmering und Döbling. Im Bezirk Ottakring handelt es sich um die große Wohnbauanlage Sandleiten und um das Arbeiterheim. Hier konnte am Montagabend nur ein Teilerfolg erzielt werden. Der Kampf ging unter fortdauerndem Maschinengewehr- und Minenwerferfeuer und Einsatz von Artillerie die ganze Nacht weiter.

Gegen 8 Uhr Morgens setzte verstärktes Artilleriefeuer aus zwei Haubitzen, zwei kleinen Geschützen und Minenwerfern ein. Auch um den Karl-Marx-Hof in Döbling wird noch immer heftig gekämpft. Auch hier spielt Artillerievorbereitung die Hauptrolle. Die Geschütze sind auf einem beherrschenden Punkt, der sogenannten Hohen Warte, aufgefahren worden.

Nach Berichten aus Graz ist aus Eggenberg noch Artilleriefeuer zu hören. In Bruck a. d. Mur hatten sich die Truppen bereits in den späten Abendstanden der Stadt bemächtigt. Im Laufe der Nacht sind sie jedoch ans einigen Stadtteilen wieder verdrängt worden. Durch Einsatz erheblicher Artilleriekräfte ist die Wiedereinnahme dieser Teile gelungen. Aus dem obersteirischen Industriegebiet liegen in Graz Berichte nicht vor, da die Fernsprechverbindungen dorthin unterbrochen sind.

Die Gesamtverluste im Grazer Stadtgebiet wurden von den örtlichen Behörden Montag abend auf 50 Tote geschätzt.

"Vorläufig"….
37 Tote

Wien, 18. Febr. Die Regierung hat in einem Ministerrat das Verbot der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs beschlossen. Die Verluste bei den Kämpfen in Wien werden auf Regierungsseite vorläufig mit 20 Toten und 60 Schwerverletzten angegeben. Der Kampf konzentrierte sich in den späten Nachtstunden auf den Ostbahnhof, wo von den Truppen ein Panzerzug und Artillerie eingelegt worden sind. Die Regierung hat der Presse einen Aufruf übermittelt, in dem erklärt wird, daß sie Herr der Lage sei. Der Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien, Seitz, ist verhaftet und in das Polizeigefängnis eingeliefert worden. Nach Meldungen aus Steiermark sind bei den dortigen Zusammenstößen 87 Tote zu verzeichnen.

Wechselreiche Straßenkämpfe

Wien, 18. Febr. Polizei und Militär ist es gelungen, das Arbeiterheim im Bezirk Ottakring zu besetzen. Dafür flammte allerdings der Widerstand an anderen Stellen wieder auf. So hat bei der im gleichen Bezirk liegenden Wohnbauanlage Sandleiten der Kampf neuerdings begonnen. Bei einer Säuberungsaktion in Floridsdorf wurden zehn Wachbeamte und ein Stabshauptmann getötet. Im gleichen Bezirk sind Panzerwagen eingesetzt worden. In einer der dortigen großen Wohnanlage der Gemeinde, im Schlingerhof, haben sich die Sozialdemokraten verbarrikadiert. Auch in Meidling müssen drei wiederum von den Roten besetzte Gemeindehäuser erstürmt werden.

Im Umspannwerk in Ottakring ist die militärische Besatzung eingeschlossen und wird von Sozialdemokraten unter Feuer gehalten. In Simmering geht die Säuberungsaktion nur langsam vor sich. Der Schlachtviehhof in St. Marx ist in die Hände der Roten gefallen.

*

Nach Meldungen aus Linz flammt dort der Kampf auf dem Freienberg wieder auf. Ueber Tirol ist das Standrecht verhängt worden.

*** Seite 3 ***

Oesterreichs Arbeiter
im Kampf um die Freiheit

Fey gibt das Signal
Generalstreik und Standrecht

Wien, 12. Februar. (Eig. Meldung.)

Was zu erwarten war, ist eingetroffen. Dollfuß ist nach den "Einerseits" und "Andererseits" in die Klemme geraten und hat dem Vizekanzler Fey freie Hand gegeben, um den neuen Austrofaschismus einzuführen. Nach den Methoden Görings geht Fey vor. Seit Mittwoch voriger Woche werden systematisch die sozialdemokratischen Büros durchstöbert, die Häuser der Arbeiterschaft durchsucht. Es wird nach berühmtem Beispiel wie in Berlin vor einem Jahre gearbeitet. "Katakomben" werden "entdeckt", die zwar nachher keine sind, aber immerhin für den Moment braucht man das zur Stimmungsmache. Es werden Waffenlager "entdeckt" und in Wirklichkeit wurde nichts gefunden. Die Reichstagsbrandpsychose soll auch in Oesterreich angefeuert werden.

*

Der Hergang

Freitag abend im Ministerrat wurden scheidende Beschlüsse gefaßt, die die Einführung eines diktatorischen Regiments in den Bundesländern und in Wien, also in ganz Oesterreich bezwecken und die als erste Vorauslegung das Verbot und die Vernichtung der Sozialdemokratischen Partei anstrebt. Grundsätzlich ist auch demgemäß beschlossen worden, wie aus zuverlässiger Quelle berichtet wird. Bundeskanzler Dollfuß hat zwar in diesem Kabinettsrat mit Fey ernstlich gerungen, da er mit der Erhebung der Arbeiterschaft gegen den Verfassungsbruch rechnete und weil Fey mit brutaler Gewalt die faschistische Alleinherrschaft aufrichten will. Aber zuletzt hat Dollfuß keine Schritte gegen Fey unternommen und so hatte dieser freie Hand.

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Verhaftungen

Im Laufe des Samstags wurden in Wien allein 36 führende Sozialisten, darunter alle Bezirksobmänner des ehemaligen Schutzbundes, verhaftet. Das Bundeskanzleramt hat durch einen Geheimbefehl an sämtliche Bezirkshauptmannschaften diese beauftragt, sofort Listen aller sozialdemokratischen Vertrauensmänner anzufordern, die nach der Auflösung der Partei in Konzentrationslager überführt werden sollen. Samstag und Sonntag häuften sich dann auch die Aktionen gegen die Sozialdemokratie, die eindeutig erkennen ließen, was bezweckt war, nämlich die Vernichtung und Auflösung der Partei und der Arbeiterorganisationen in ihrer Gesamtheit.

*

Die ersten Streiks

Noch Samstag in später Abendstunde fand wieder eine vertrauliche Sitzung des Bundeskanzleramtes statt. Teilnahmen Dollfuß, Fey, Starhemberg und ein Vertreter der monarchistischen Sturmscharen. In dieser Sitzung wurde erwogen, wie die Beschlüsse des gestrigen (also vom Freitag) Ministerrats schneller in die Tat umgesetzt werden können und welche Form für die "Gleichschaltung" gewählt werden solle. Schon Samstag abend wurde der Landtagsabgeordnete und sozialdemokratische Vizebürgermeister der niederösterreichischen Industriestadt Wiener Neustadt unter Mißachtung seiner Immunität verhaftet. Die Arbeiterschaft von Wiener-Neustadt legte sofort die Arbeit nieder und veranstaltete auf dem Hauptplatz der Stadt eine mächtige Kundgebung gegen den Faschismus.

*

Letzter Appell

Die Sozialdemokratie hat gegenüber dem offenen Verfassungsbruch in der Nacht zum Montag einen Aufruf an das österreichische Volk gerichtet und durch Flugzettel über ganz Oesterreich verbreitet. Der Aufruf befaßt sich mit den Verfassungsbruchaktionen des Vizekanzlers Fey, der von einer "Verschwörung des republikanischen Schutzbundes gegen die Sicherheit des Staates" redet, um sich damit den Vorwand für einen entscheidenden Schlag gegen das Wiener Rathaus und gegen die Sozialdemokratische Partei zu schaffen. Es heißt in diesem Aufruf:

Herr Fey, der die Arbeiterschaft bis aufs Blut reizt, wagt es von einem "verbrecherischen Anschlag bolschewistisch-marxistischer Elemente" gegen die Bevölkerung zu reden. Die Wahrheit ist, daß die Sozialdemokratie niemanden, weder Bürgern, noch Bauern, angreife. Sie halte sich aber zum Kampf mit der Waffe für den Fall bereit, falls Faschisten es wagen sollten, die beschworene Verfassung der Republik vernichten zu wollen. Wenn der Eid und die Verfassung gebrochen würden und die Freiheit in Gefahr geriete, dann werde die Arbeiterschaft zu den Waffen greifen.

Fey hat auf die warnenden Stimmen der Sozialdemokratie nicht gehört. Er will sein Werk des Verfassungsbruches vollenden und Oesterreich in die Arme des Nationalsozialismus treiben. Denn Hitler wird der Sieger dieser Aktion sein. Ein Austro-Faschismus ist die Einbildung der Starhemberg-Fey-Männer, hinter der keine Massen stehen, die sich lediglich mit Hilfe der Polizei- und Militärmacht vorläufig betätigen können. Die Herrschaften werden sich irren. Für Oesterreich gibt es nur zwei Gruppen, die einander gegenüberstehen. Die eine ist der nationalsozialistische Faschismus nach Hitlers Muster und die andere Gruppe ist die Sozialdemokratie, die für Verteidigung der Verfassung und der in der Verfassung niedergelegten Rechte des gesamten österreichischen Volkes kämpft. Dieser Bürgerkrieg, dessen erste Zusammenstöße heute erfolgt sind, ist voraussichtlich nicht in den ersten Tagen und Wochen zu Ende.

Blutiger Kampf in Linz
Schwere Feuergefechte mit Artillerie- Zahlreiche Tote

Linz an der Donau, 12. Febr. In den Morgenstunden des heutigen Montags ist es hier zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der Bundespolizei und dem sozialistisch- republikanischen Schutzbund gekommen. Als die Polizei am Montag früh vom Schutzbund die Räumung des Hauses und die freiwillige Herausgabe sämtlicher Waffen verlangte, wurde vom Parteihaus mit scharfen Schüssen geantwortet. Die Polizeibeamten zogen sich zurück, gingen, nachdem Verstärkung eingetroffen war, wiederum vor und verlangten erneut die Herausgabe der Waffen und die Räumung. Aus dem Parteihaus wurde abermals als Antwort auf die Polizei gefeuert. Die Polizei schritt nun zusammen mit militärischer Verstärkung zum Sturm auf das Parteihaus. Der Kampf ist zur Stunde noch im Gange.

Linz an der Donau, 12. Febr. Der Kampf mit den sozialistischen Schutzbündlern nimmt immer größere Ausdehnung an. In verschiedenen Stadtteilen sind gegenwärtig heftige Straßenkämpfe im Gange.

Eine Polizeiwache im Innern der Stadt wurde von den Schutzbündlern mit Maschinengewehren überrascht, jedoch nach längerem Kampf von Heimwehr und Polizisten wieder zurückgenommen. Ferner soll seit den Mittagsstunden ein Feuergefecht auf dem oberhalb der Stadt gelegenen Freien Berge im Gange sein, wo sich die Sozialdemokraten im Laufe der Nacht verschanzt hatten. Ueber Linz ist das Standrecht verhängt worden. Läden und Restaurants sind geschlossen. Aus der Umgebung soll ein starker Zuzug von Sozialdemokraten im Gange sein. Die Zahl der Toten und Verwundeten läßt sich jedoch bisher noch nicht feststellen.

Vor dem sozialdemokratischen Parteihaus sind zwei Alpenjägerkompanien mit Maschinengewehren eingesetzt worden, die aus Dachböden und Luken heraus das Haus beschießen und den verschanzten Sozialdemokraten mit Handgranaten zu Leibe rücken. Im Parteihaus werden vier Polizeibeamte von den Sozialdemokraten als Geiseln gefangen genommen.

Wien, 12. Febr. Nach noch nicht bestätigten Meldungen aus Linz hat das Militär nach heftigem Kampf das sozialdemokratische Parteihaus, das Hotel Schiff, im Sturm genommen. Angeblich sollen bisher 15 Tote festgestellt worden sein. (Nach anderen Meldungen wird die Zahl der Toten zwischen 20 und 50 angegeben.)

Gegen eine Schule, die z. Z. noch von Sozialdemokraten besetzt ist, ist eine größere Aktion im Gange, bei der Artillerie eingesetzt worden ist.

*

"Ruhe"

Um 18 Uhr ist die Ruhe in Linz im großen hergestellt worden. An einzelnen Punkten sind jedoch Zusammenrottungen noch im Gange. Trotz der starken Ausbreitung der Bewegung sind das Militär und die Polizei nach wie vor Herren der Lage und konnten bisher den Widerstand brechen. Eine weitere amtliche Mitteilung aus Linz besagt, daß der Widerstand der Sozialdemokratie jetzt im großen als zusammengebrochen angesehen werden könne, jedoch wird aus Linz berichtet, daß bewaffnete Sozialdemokraten sich immer noch an einzelnen Stellen der Stadt, am Gaswerk und an der Neuen Brücke, halten und daß das Feuer auch an den Stellen, wo die Polizei die Ordnung hergestellt hat, immer wieder aufflackert. Die Lage in Linz wird daher noch nicht als endgültig geklärt beurteilt. Nähere Angaben über die Verluste an Toten und Verwundeten auf beiden Seiten liegen bisher noch nicht vor. Weiter wird von Regierungsseite erklärt, daß die meisten in Linz und Oberösterreich von den Sozialdemokraten besetzten Plätze jetzt von den Truppen und der Polizei genommen worden seien. In Steyr ist es gleichfalls zu heftigen Zusammenstößen zwischen Schutzbündlern und der Polizei gekommen.

*

Auch in Graz

Wien, 12. Febr. Nach Berichten aus Graz liegt auch dort die Hauptstadt im Dunkeln. In einem Grazer Arbeiterviertel haben Schutzbündler eine Wachstube gestürmt und sich dort verschanzt. Sie werden gegenwärtig von Polizei und Militär belagert. Bei den Kämpfen in Eggenberg sind nach den bisher vorliegenden Berichten drei Personen getötet und 14 schwer verletzt worden. Auch der Kampf in Bruck an der Mur gestaltet sich sehr blutig und dauert noch an. Meldungen über Einzelheiten fehlen, da der Fernsprechverkehr unterbrochen ist. Auch aus Leoben und dem ganzen obersteirischen Industriegebiet werden Zusammenstöße gemeldet, bei denen auch Militär eingreifen mußte.

Die Besetzung des Wiener Rathauses
Generalstreik – Die Stadt ohne Licht

dnb. Wien, 12. Febr. Das Wiener Rathaus ist in den heutigen Abendstunden von einem größeren Aufgebot von Truppen, Polizei und Gendarmerie besetzt worden, ohne daß von sozialdemokratischer Seite ein ernsthafter Widerstand geleistet wurde. Hierbei ist eine Reihe von sozialdemokratischen Beamten verhaftet worden. Ebenso ist der Vizebürgermeister der Stadt Wien, Emmerling, der Leiter der gesamten städtischen Betriebe, in den Abendstunden verhaftet worden.

Die Regierung beabsichtigt, wie verlautet, dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Wien, Seiz, ein Ultimatum zu stellen, entweder freiwillig zurückzutreten und die Macht sofort der Regierung zu übergeben, andernfalls er der Gewalt werde weichen müssen. Weiter soll nach der Besetzung des Rathauses ein Regierungskommissar für Wien ernannt werden.

Ohne Licht

Wien, 12. Febr. Ein allgemeiner Proteststreit der Wiener Arbeiterschaft ist Montag mittag hier infolge der Vorfälle in Linz ausgebrochen. In den Betrieben erschienen kurz vor 12 Uhr die sozialdemokratischen Betriebsräte und teilten den Arbeitgebern mit, daß die Arbeiterschaft einer allgemeinen Streikparole folgend die Arbeit Punkt 12 Uhr mittags niederlegen werde. Der gesamte Wiener Straßenbahnverkehr ist damit um Punkt 12 Uhr zum Stillstand gekommen. Die Elektrizitäts- und Gaswerke sind gleichfalls in den Proteststreit eingetreten. Punkt 12 Uhr setzte gleichfalls der elektrische Strom in der ganzen Stadt aus. Die Polizeidirektion hat eigene Strommaschinen für den telegrafischen und telefonischen Polizeidienst in Kraft gelegt. In dem lokalen Telefonverkehr sind gleichfalls Störungen infolge der Ausschaltung des elektrischen Stromes eingetreten. Die Dauer des Proteststreites ist zur Stunde noch nicht zu übersehen.

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Ausgestorben…

Aeußerst strenge Absperrungsmaßnahmen sind in der ganzen Stadt mit einem riesigen Aufgebot von Polizei und Militär, Maschinengewehren und Drahtverhauen durchgeführt worden. Die Stadt macht einen ausgestorbenen Eindruck. Die auf den Schienen stehenden, von der Mannschaft verlassenen Straßenbahnwagen sind in den Abendstunden von der Polizei mit Kraftwagen abgeschleppt worden. In den Straßen ist die Polizeikontrolle außergewöhnlich scharf. Alle verdächtigen Personen werden durchsucht. In den Hauptstraßen ist der Personenverkehr vollständig gesperrt. Die Vorstellungen der Theater und Kinos sind ausnahmslos abgesagt worden. Alle Restaurants müssen bis 8 Uhr abends geschlossen sein. In der Stadt herrscht vollständige Ruhe, jedoch ist es in den einzelnen äußeren Arbeiterbezirken zu heftigen Zusammenstößen und Schießereien zwischen der Polizei und den Arbeitern gekommen, bei denen von Arbeiterseite Maschinengewehre verwendet worden sind. Die Polizeiaktion in den äußeren Stadtbezirken ist bisher noch nicht zum Abschluß gelangt. Seit den Mittagsstunden sind keine Zeitungen mehr erschienen.

Bewaffneter Widerstand

Wien, 12. Febr. In den Montagabendstunden haben die Unruhen in den Wiener Arbeiterbezirken wieder erheblich zugenommen. Stärkere Schießereien sollen in den Bezirken Ottakring, Simmering und in Dornbach zur Stunde im Gange sein. Die bisherigen Polizeiangaben von 2 toten und 18 verletzten Polizisten werden bereits als überholt bezeichnet. Polizei und Truppen sollen bisher nicht stark genug sein, um den stündlich zunehmenden Widerstand der bewaffneten Sozialdemokraten gewachsen zu sein. Erhebliche Truppenverstärkungen sind infolgedessen in die Vororte entsandt worden.

Seitz, Deutsch, Renner verhaftet?

Wien, 12. Febr. In den späten Abendstunden wurden der Wiener sozialdemokratische Bürgermeister Seitz und acht Stadtratsmitglieder verhaftet. Gerüchtweise verlautet, daß auch die Sozialistenführer Deutsch und Renner sowie General Körner verhaftet find.

In den Vororten Wiens dauern die Schießereien in der Nacht an. An einigen Punkten habe die Polizei und die Truppe den Aufstand niedergeschlagen. Auf seiten der Polizei werden vier Tote gemeldet.

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Deutsche Freiheit.
Nummer 38 – 2. Jahrgang
 [20]
Saarbrücken, Donnerstag, den 15. Februar 1934

Ruhmvolle Niederlage
Ende der sozialdemokratischen Freiheitsschlacht in Oesterreich – Heldentum der Arbeiter und ihrer Frauen – Der Austro-Klerikalismus eidbrüchig und mörderisch – Ende der europäischen Demokratie – Heroischer Auftakt der sozialistischen Revolution

*** Seite 1 ***

Ehrenvoll geschlagen
Das Niederwerfen der Arbeiter

Wien, 14. Febr. (Eig. Bericht.) Um 12 Uhr mittags wird in Floridsdorf und an einigen anderen Stellen der äußeren Stadt noch gekämpft. Auch in einigen Teilen der Provinz find noch Gefechte im Gange. Die sozialdemokratischen Gruppen, die ohne Verbindung mit andern Teilen der Front sind und die Gesamtlage daher nicht überblicken können, setzen an manchen Stellen den Widerstand mit großer Erbitterung fort. Da und dort handelt es sich auch nur um überlegte Rückzugsgefechte. Es darf aber kein Zweifel obwalten, daß die Bundesregierung tatsächlich militärisch gesiegt hat, und die Kämpfe noch im Laufe dieses Tages mit dem Niederwerfen der verfassungstreuen Sozialdemokraten enden müssen.

Die Versuche, sozialdemokratische Führer zur diffamieren, werden diesmal nicht gelingen. Ohne Widerstand verhaftet wurden nur greise Veteranen der Partei, die auf ihren politischen Posten in der inneren Stadt auf Parteibefehl aushalten mußten, wie etwa der siebzigjährige Bürgermeister Seitz, der schwer herzleidend im Gefängnislazarett liegt. Dr. Julius Deutsch und Otto Bauer haben sich führend und aktiv an den Kämpfen beteiligt und den Arbeitern ein Beispiel persönlicher Tapferkeit gegeben. Otto Bauer konnte sich nach dem Zusammenbruch seines Frontabschnittes in Sicherheit bringen. Ueber das Schicksal von Dr. Julius Deutsch, dem Gründer und Führer des Schutzbundes und früheren Wehrminister ist zur Stunde nichts bekannt.

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D. F. Geit 48 Stunden tobt an vielen Stellen die Verteidigungsschlacht der Sozialdemokratie um die Freiheit in Oesterreich. Mit Erstaunen und auch dort, mo fie den Sozialismus haßt, mit Bewunderung blickt die Welt auf das Heldentum der österreichischen Arbeiter klasse. Dieses Arbeitsvolk bietet in Generalstreik und Bürgerkrieg seit Tagen ein Schauspiel von unerhörtem Opfergeist und todbereiter Ueberzeugungstreue. Die an Truppenzahl und Waffen weit überlegenen Kräfte des Mördertrios Dollfuß- Frey- Starhemberg haben bisher den Widerstand nicht ganz brechen können. Alle militärischen Mittel, die der Friedensvertrag von St. Germain Defter reich erlaubt, sind gegen die kämpfende Sozialdemokratie eingesetzt, auch Artillerie und Minenwerfer. Sogar Flugzeuge find zur Erkundung aufgestiegen. Daß es nicht Bombenflugzeuge sein können, die reihenweise Arbeiterhäuser in Trümmer legen würden, wird der fromme Bundeskanzler Dollfuß gewiß recht bedauern. Der Friedensvertrag hat auch Oesterreich Bombenflugzeuge versagt. Sonst würden ihre Gasbomben ebenso gewiß Frauen und Kinder in dichtbewohnten Stadtvierteln vergiften, wie jetzt Granaten in den Arbeiterbezirken österreichischer Städte Frauen und Kinder zermalmen und zerreißen.

Es ist ein grandioses Symbol des kämpfenden Sozialismus, daß die Schlacht um Wien gerade dort sich konzentrierte, wo unter sozialistischer Gemeinderegierung Wohnsiedlungen, vorbildlich für die ganze Welt, errichtet worden sind. In den Häuserblocks und Straßen, deren Namen die großen Denker und Kämpfer des Sozialismus ehren, leisten die sozialdemokratischen Schutzbündler ihren heldenhaften Widerstand. Die Grünflächen, auf denen Wiens Arbeiterkinder, die so lange in die engen Höfe der Grundstücksspekulation gesperrt waren, spielten, werden nun vom Blute ihrer Väter gedüngt. Die Feinde sozialistischer friedlicher Aufbaupolitik schießen die Siedlungshäuser zusammen und töten ihre Verteidiger. Der Haß gegen sozialistische Gemeinschaft, lange schon wach, ist aufgestanden, um sein Vernichtungswerk zu vollführen.

Die Verluste sind, wie uns ein Privattelefonat mit Wien mitteilt, grauenhaft. Es fehlt in den Reihen der sozial. demokratischen Arbeiter an dem Nötigsten zur Pflege und zur Rettung der Verwundeten. Nur ein kleiner Teil ist in ärztlicher Pflege. Die Krankenhäuser sind überfüllt, soweit sie überhaupt für die verwundeten Sozialdemokraten erreichbar sind. Verbandstoff ist kostbar wie Munition. Arbeiterfrauen und Arbeitermädchen bemühen sich im Kugelregen um die Opfer der Freiheitsschlacht. Wie hoch die Zahl der verletzten Frauen und Mädchen und Kinder ist, kann einstweilen nicht übersehen werden. Gewiß ist, daß Frauen und Mädchen während ihrer Hilfe für Verwundete den Kugeln und Granaten zum Opfer gefallen sind. Die Arbeiter- Sanitätskolonnen arbeiten ohne fallen sind. Die Arbeiter- Sanitätskolonnen arbeiten ohne Pause und finden hilfsbereit Unterstützung bei der Arbeiterbevölkerung, die freiwillig ihre letzte Habe für die ruhmvoll Verwundeten hergibt.

Wie schwer die Kämpfe sind und welche Uebermacht die Bundesregierung braucht, wenn sie ihr blutiges Staatsverbrechen vollenden will, beweist die Tatsache, daß der Bundeskanzler alle ehemaligen Kriegsteilnehmer aufgerufen hat, sich als Freiwillige sich in die Schlacht gegen die Sozialdemokratie einzureihen. Bundestruppen, Polizei und Gendarmerie reichen nicht aus, den Mordbefehl an der österreichischen Sozialdemokratie zu vollstrecken. Unter Bruch des Friedensvertrages verstärkt der Bundeskanzler die Armee gegen Oesterreichs sozialdemokratische Arbeiter und vermehrt so die blutige Schmach, in die er das unglückliche Land gerissen hat. Arbeiter und vermehrt so die blutige Schmach, in die er das unglückliche Land gerissen hat.

Als Arbeitermörder steht nun Dollfuß mindestens ebenbürtig neben den Hitler und Göring. Die drei und ihre Kreaturen können sich brüderlich die blutbesudelten Hände reichen. Dollfuß ist den österreichischen Nationalsozialisten im Arbeiterschlachten nur zuvorgekommen. Die Nationalsozialisten würden eine nicht geringere Blutarbeit geleistet haben. Wie auch Austrofaschismus und Nationalsozialismus sich unterscheiden mögen, einig sind sie in ihrem Haß gegen jede wirklich sozialistische Neugestaltung. Der Bürgerkrieg, den Dollfuß gegen die Sozialdemokratie begonnen hat, ist ein Verzweiflungsstreich auch gegen die Nationalsozialisten. Dollfuß und die Seinen lassen nicht auf die Nationalsozialisten schießen, mit denen sie viele Berührungspunkte haben. Dollfuß hofft, sich so gegen den Nationalsozialismus behaupten zu können. Die Nationalsozialisten aber bewahren wohlwollende Neutralität im Bürgerkrieg, weil sie hoffen, wahrscheinlich mit Recht, daß Dollfuß ihnen durch seine Mordarbeit gegen den Marxismus die Tore zur Macht öffnen wird.

Der Bundeskanzler versucht, die Verantwortung an der großen österreichischen Schlacht auf die Sozialdemokraten abzuwälzen. Das wird ihm bei keinem Urteilsfähigen gelingen. Der Kampf ist durch den längst fälligen Heimwehrputsch und durch die gewaltsame Unterdrückung der Sozialdemokratie, durch ihr gewalttätiges Hinausdrängen aus ihren Positionen ausgebrochen. Die klerikale österreichische Regierung hat bedenkenlos ihre Eide gebrochen und gewissenlos einen mörderischen Machtkampf entfesselt.

Wir geben uns keinen Illusionen hin und wollen keine Illusionen hervorrufen: Oesterreichs Sozialdemokratie hat die Schlacht verloren. Die Arbeiter und mit ihnen die Bauern und der kleine Mittelstand sind niedergeschlagen. Eine ideenlose Schicht der hohen Bürokratie des degenerierten Aristokratentums und internationaler Kapitalisten steht als Sieger auf dem Schlachtfeld. Einstweilen. Keine Stunde werden sie sich ihres Erfolges freuen. Der Machtkampf wird nun zwischen der Bundesregierung Dollfuß und den Nationalsozialisten erst recht entbrennen, und die Gefahr nationaler Wirren mit internationalen Folgen ist unvermindert. Die Dollfuß und Fey und Starhemberg sind die fluchbeladenen Nachfolger des Fürsten Windischgrätz, der 1848 mit seinen kroatischen Truppen die demokratischen Bürger Wiens massakrierte und den deutschen demokratischen Revolutionär Robert Blum auf der Brigittenau standrechtlich erschießen ließ.

Die damals gemeuchelte Demokratie kehrte in jahrzehntelangem Ringen wieder. Nun ist sie auch in Oesterreich dahin. Eine große geschichtliche Epoche ist abgeschlossen. Das Bürgertum hat die Arbeiter, die um die Reste demokratischer Rechte kämpften, auch in Oesterreich niedergeworfen. Nun ist in ganz Europa die historische Bindung des sozialistischen Willens an die alten Formen der Demokratie vorüber: Die legale internationale Sozialdemokratie wird durch sozialrevolutionäre Aktionen mit dem nahen Ziele des Volkssozialismus abgelöst.

Die Schlacht in Oesterreich, in der alle waffenfähigen Führer mit den waffenfähigen Mannschaften der Arbeiterklasse zusammenstanden, ist der großartige Auftakt kommender revolutionärer Umgestaltungen in Europa. Die Freiheitsschlacht in Oesterreich ist ruhmvoll zu Ende. Das Ringen um die sozialistische Herrschaft über Europa in neuen Formen und mit neuen Kampfmitteln beginnt.

Widerstand bis zum äußersten
Die letzten Gefechtsberichte

Otto Bauer und Deutsch an der Spitze
Frische Schutzbündler im Kampfe

Wien, 14. Febr. (Eig. Drahtbericht). Das Ottakringer Arbeiterheim ist von den Sozialdemokraten erneut besetzt worden. Dem Schutzbund gelang es ferner, Polizei nebst Hilfstruppen in die Polizeikaserne in Simmering hineinzudrängen und einzuschließen. Die Kaserne wird von den Schutzbündlern unter Feuer gehalten. Bei einem Ausfallversuch der Polizei wurden 5 Polizisten erschossen. Es wird bestätigt, daß die sozialdemokratischen Führer Otto Bauer und Julius Deutsch nicht verhaftet sind, sondern den Kampf von außerhalb leiten. Auf ihre Tätigkeit wird es vor allem zurückgeführt, daß immer neue Schutzbündler und sozialdemokratische Arbeiter eingesetzt werden, während die Polizei- und Militärkräfte bereits Ermüdungserscheinungen aufweisen.

"Wir ergeben uns nicht!"
Die Gasarbeiter an die Regierung…

Wien, 14. Febr. (Eig. Drahtbericht). Besonders kritisch ist für die Regierung die Lage beim Gaswerk. Das Ultimatum zur Uebergabe wurde von den Arbeitern des Gaswerks mit einer Gegenerklärung beantwortet. Sie ließen der Regierung mitteilen, daß sie sich nicht ergeben würden. In dem Augenblick, wo der erste Schuß gegen sie falle, und sie gezwungen seien, die Schüsse zu beantworten, würden sie das ganze Gaswerk in die Luft sprengen "um uns und die ganze Bevölkerung der Stadt, die eine solche Regierung toleriert, in die Ewigkeit zu befördern." Diese Ankündigung hat ungeheure Beunruhigung hervorgerufen, und gleichzeitig den Widerstandswillen der Kämpfenden gestärkt. Auch United Preß berichtet, daß es an verschiedenen Stellen der Stadt dem Schutzbund gelungen sei, die Truppen zu umzingeln und sie schwer zu bedrängen.

Der Kampf um die Höfe
Artillerie beschießt Häuserblocks – Pioniere in Aktion

(mit der Fortsetzung von Seite 2)

Wien, 14. Februar (Eig. Drahtbericht). Mit einem Heldenmut von weltgeschichtlicher Bedeutung setzen die Wiener Arbeiter ihren Widerstand gegen den Heimwehrterror fort. Ihre Burgen sind in den Wiener Vororten vor allem jene großen Bauhöfe, die dem schöpferischen Geist der sozialdemokratischen verwalteten Wiener Gemeinde immer das höchste Zeugnis ausstellen werden. Gegen diese Höfe hat in verschiedenen Vorstädten das Artilleriefeuer des Bundesheeres eingesetzt. Es kam zu richtigen Sturmangriffen, so etwa gegen den Karl-Marx- Hof, der von nicht weniger als 2000 Mietsparteien bewohnt wird. Der mittlere Komplex der Bauten ist schwer von Artillerietreffern mitgenommen, aber noch immer wird aus den Wohnungen geschossen. Die eigentliche Besatzung des Gebäudes soll in den Nachtstunden zum Mittwoch angeblich wegen Munitionsmangel die Waffen gestreckt haben. Aus Floridsdorf und Ottakring werden Kämpfe gemeldet, die noch von größerer Furchtbarkeit waren. Auf beiden Seiten fielen zahlreiche Opfer. Der Floridsdorfer Bahnhof, der einer der Hauptstützpunkte der Arbeiterschaft war, ist durch mehrstündige Artilleriebeschießung dem Erdboden gleichgemacht worden. An andern Stellen der Stadt jedoch halten die kämpfenden Arbeiter nach wie vor ihre Position. Dies wird von Stadelau und Jedlesee gemeldet. An der Reichsbrücke versuchen Pioniere Umgehungsmanöver auf Pontons, um nicht durch Artilleriefeuer die Brücke zerstören zu müssen.

In Simmering und Favoriten, wo angeblich die Exekutive Herr der Lage ist, finden immer noch Einzelkämpfe und Beschießungen von Polizisten statt. Ein großer Teil der Geschäfte ist geschlossen. Die Lebensmittelläden sind nahezu ausverkauft. Von den Wiener Theatern und Kinos wird berichtet, daß sie ihre Pforten die ganze Woche hindurch nicht öffnen werden. Ebenso bleiben die Schulen geschlossen.

*** Seite 2 ***

500 Tote
Die Kämpfe dauern fort

Wien, 13. Febr. Die Kämpfe in den einzelnen Vororten in Wien hielten in den ersten Nachtstunden weiter an. Nur in der Innenstadt verstummte das Artillerie- und Maschinengewehrfeuer. Aus verschiedenen Vororten Wiens werden Ansammlungen von Schutzbündlern gemeldet, die sich zum Marsch auf die Bundeshauptstadt sammeln. Nach einer anderen Lesart soll es nicht zutreffen, daß von den Vororten aus Schutzbündler den Marsch auf Wien antreten wollen.

Ueber die Zahl der Toten ist bisher noch keine Klarheit vorhanden. Eine Schätzung lautet auf 384 Todesopfer. Im Allgemeinen Krankenhaus sollen 123 Personen ihren Verletzungen erlegen sein. Ferner heißt es, daß 100 Leichen beim Anatomischen Institut eingeliefert worden seien.

Aus den Bundesländern liegen ebenfalls Nachrichten vor, denen zufolge die Kämpfe noch keineswegs abgeschlossen sind.

London. Nach Informationen des Wiener Reutervertreters soll die Zahl der Todesopfer in ganz Oesterreich nicht unter 500 anzusehen sein.

Wie Seitz verhaftet wurde!

Einem Schweizer sozialistischen Journalisten gelang es, mit dem Bürgermeister Seitz im Rathause Verbindung zu erhalten. Er gab folgende Erklärung ab:

"Eine halbe Stunde nach der Besetzung des Rathauses durch Militär erschienen in meinem Büro zehn Polizeikommissäre in Zivil und zwei Polizisten in Uniform unter Führung eines Polizeirates. In diesem Augenblick befanden sich die Stadträte Speiser, Weber und Honay und der ehemalige Stadtrat Breitner bei mir. Der Polizeirat erklärte, er habe den Befehl, den Bürgermeister und die sämtlichen Stadträte zu verhaften.

Er ersuchte uns, ihm, dem Polizeirat, zu folgen. Ich erklärte ihm, daß ich seiner Anordnung nicht Folge leisten werde. Als Gewählter des Volkes von Wien, als Bürgermeister und Landeshauptmann des Landes Wien werde ich auf meinem Posten bleiben und daß ich mich durch niemanden und durch nichts, es sei denn das Volk Wiens selbst, in der Ausübung meiner Pflichten werde behindern lassen. Der Polizeirat erklärte, er müsse in diesem Falle neue Instruktionen einholen. Er kam bald wieder und erklärte uns, er müsse auf unsern Verhaftungen bestehen, zumindest müßten die anwesenden Stadträte ihm folgen. Die Verhaftung müßte unter Umständen gewaltsam erfolgen. Inzwischen hatte die Polizei bereits zwei Autos requiriert, in denen die bei mir anwesenden Personen abgeführt wurden. Sie waren der Polizei gefolgt, nachdem diese darauf verzichtet hatte, mich ebenfalls sofort abzuführen. Um 20 ist das Militär, das das Rathaus besetzt hielt, abgezogen und wurde durch Heimwehrabteilungen ersetzt.

Wie mir von einem Beamten berichtet wird, begab sich Stadtrat Danneberg (Finanzdirektor von Wien) zum Finanzminister Buresch, um Auskunft von ihm zu verlangen, wie weit die Dinge getrieben werden sollten. Als er von dort nach Hause ging, wurde er in seinem Domizil ebenfalls verhaftet."

Seitz – Renner- Breitner

Der frühere Finanzreferent des Wiener Gemeinderates Breitner und der Landesrat Petznek, der Gatte der sogenannten "roten Prinzessin", der Fürstin Windischgrätz, einer Enkelin des Kaisers Franz Josef, sind am Dienstag verhaftet worden.

Der Bürgermeister von Wien, Seitz (er ist mindestens 70 Jahre alt), hat nach Angabe des behandelnden Arztes einen Schwächeanfall, also keinen Schlaganfall, erlitten. Seit befand sich bis Dienstag nachmittag im Nathans. Darauf wurde er ins Polizeigefängnis gebracht.

Wien, 18. Febr. Wie amtlich mitgeteilt wird, hat am Dienstag vormittag Minister Schmitz seine Tätigkeit als Bundeskommissar im Rathaus aufgenommen. Wie bestimmt verlautet, wurde auch Bürgermeister Seitz in Schußhaft genommen. Auch der Präsident des Nationalrates Dr. Renner und der Präsident des Bundesrates Körner seien verhaftet worden.

Teilweise Wiederaufnahme des Verkehrs

dnb. Wien, 14. Febr. Im ganzen Stadtgebiet ist die Nacht ruhig verlaufen. Auch im Floridsdorfer Gebiet, wo sich bekanntlich die Gegner noch gegenüberstehen, kam es während der Nacht zu keinen Kämpfen. Auch in den ersten Morgenstunden hörte man nur vereinzelt das Explodieren einer schweren Mine. Erst gegen 8 Uhr nahm das Artillerie- und Minenfeuer wieder zu. Straßenbahn und Stadtbahn verkehren wieder. Am Ring allerdings ruht noch der Verkehr, um die dort besonders in der Umgebung des Polizeipräsidiums getroffenen Absperrungsmaßregeln aufrechterhalten zu können.

Der Landeshauptmann von Kärnten, Kernmayer, der dem Landbund angehört, ist wie es heißt vom Bundeskanzler telegrafisch aufgefordert worden, zurückzutreten. Darüber wird eine Sitzung des Landbundes entscheiden, die im Laufe des heutigen Tages zusammentritt. – Kernmayer ist, nachdem Seitz in Wien beseitigt ist, der letzte Landeshauptmann, der, obwohl rechtsstehend, der Heimwehrdiktatur nicht genehm ist.

Echo aus Prag

In Prag werden die österreichischen Ereignisse mit außerordentlicher Spannung verfolgt. Die Erregung des Landes ergibt sich schon aus seiner geographischen Lage. Dauernd berichten Extrablätter über die Kämpfe in Oesterreich und Wien. Die Auffassung, daß der Regierung Dollfuß die Schuld an den Ereignissen zuzuschreiben sei, ist nahezu allgemein. Die Vorstände der tschechischen und deutschen sozialdemokratischen Partei haben sich in einer gemeinschaftlichen Sympathiekundgebung für die Sache der kämpfenden Arbeiter in Oesterreich erklärt. Gerüchte, daß tschechoslowakische Arbeiterhilfskorps die österreichische Grenze überschritten hätten, oder überschreiten wollten, werden dementiert.

Anfrage in Unterhaus

dnb. London, 18. Febr. Der englische Außenminister Simon nahm am Dienstag nachmittag zur Lage in Oesterreich Stellung und machte dem Hause Mitteilung über die Nachrichten, die ihm von der österreichischen Regierung zugegangen waren. Der Abg. Mander fragte daraufhin, ob die englische Regierung bereit sei, der österreichischen Regierung klarzumachen, daß jede Unterdrückung verfassungsmäßiger Einrichtungen durch die öffentliche Meinung Englands nicht unterstützt würde. Simon erteilte auf diese Frage keine Antwort. Ferner stellte das Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei Marton die Frage an Simon, ob und wann der Völkerbund in der Lage sein werde, die österreichischen Schwierigkeiten au erörtern. Simon erwiderte darauf: Ich glaube, die Lage ist so, daß zwar die österreichische Regierung grundsätzlich beschlossen hat, den Völkerbund anzurufen, daß sie aber Dr. Dollfuß die Entscheidung überlassen hat, in welchem Augenblick dies getan werden solle. Sobald die Anrufung erfolgt, wird, wie ich annehme, eine Sondersitzung des Völkerbundsrates stattfinden. Auf die Frage Martons, ob der Völkerbund nicht zu den beunruhigenden Ereignissen in Oesterreich Stellung nehmen würde, bevor sie ihm durch Dollfuß vorgelegt werden, antwortete Simon, er sehe im Augenblick keine Möglichkeit für den Völkerbund, aus eigenem Antrieb in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Indessen kam es in Frankreich wieder zu einer Linksregierung, in der Paul-Boncour zwar nicht mehr Außenminister aber als Kriegsminister weiterhin ein sehr gewichtiges Mitglied der französischen Regierung geworden ist.

Komplikation durch die deutsche Note

Herr Dollfuß war, wie man erfährt, trotz des Protestes der Mächte entschlossen, den Staatsstreich zu führen, wenn nicht just am selben Tag die deutsche Antwortnote eingetroffen wäre, die offenbar Herr Dollfuß zu einem späteren Termin erwartet hatte. Nun hatte sich aber die internationale Lage geändert, nun bedurfte Dollfuß in seiner Aktion gegen Deutschland die Hilfe der Westmächte – in diesem Augenblick konnte er es nicht wagen, den Bürgerkrieg zu entfesseln.

So unterblieb diesmal der Schlag gegen Wien.

So scheint der Staatsstreich in Tirol fehlzuschlagen.

So scheint es aber nur zur Stunde, da wir diesen Bericht verfassen.

Am nachmittag des Montag, den 5. Februar, ist wieder Heimwehr in Innsbruck eingerückt und zur Stunde ist nicht zu übersehen, ob die Verbrecher nicht doch den Funken des Bürgerkrieges in das Pulverfaß Oesterreich schleudern.

Appell zum Generalstreik

Die Arbeiterschaft war jedenfalls gerüstet, den Schlag gegen Wien mit dem Generalstreit zu beantworten. Schon am 2. Februar wurde Oesterreich mit ungeheueren Massen illegaler Flugblätter überschwemmt, in der die unmittelbar drohende Gefahr eines Staatsstreiches in Wien alarmiert und der Generalstreit für diesen Fall angekündigt wurde.

Ein Aufruf der Tiroler Sozialdemokratie

Am 4. Februar erließ die sozialdemokratische Partei Tirols folgenden Aufruf:

Der Versuch verblendeter Elemente, die Verfassung des Landes Tirol gewaltsam zu ändern, hat in den Reihen der Tiroler Arbeiter und Bauern schärfsten Widerspruch und ungeheure Empörung hervorgerufen. Spontan hat sich die übergroße Mehrheit des Volkes zu Recht, Gesetz und Verfassung bekannt, und in nachdrücklichen Kundgebungen ihre Auffassung kundgetan. Das Land braucht dringend Ruhe und Frieden, um aus der ungeheuren wirtschaftlichen Not herauszukommen. Darum müssen die Friedensbrecher, gleichviel aus welchem Lager sie stammen, entschieden zur Ordnung gerufen werden. Die Tiroler Arbeiterschaft leidet neben den Bauern am meisten unter der Not der Zeit. Sie warnt deshalb nochmals davor, die Dinge zum Aeußersten zu treiben. Die Gegner des Selbstbestimmungsrechtes in der Jahrhunderte alten Freiheit des Tiroler Volkes mögen ein für alles mal wissen, daß die Tiroler Arbeiterschaft nicht duldet, daß sie und ihr gutes Recht mit Füßen getreten werden. Die Gefahren sind noch nicht endgültig gebannt. Größte Wachsamkeit ist weiterhin geboten.

Die Arbeiterschaft Oesterreichs ist entschlossen, den Staatsstreich in irgendeinem der Bundesländer mit dem Generalstreik zu begegnen. Wenn die Verbrecher es wagen sollten, in einem Bundesland den Staatsstreich zu unters nehmen, so wird von dort aus der Generalstreik und der Bürgerkrieg in ganz Oesterreich aufgerollt werden.

Die Entscheidung rückt heran!

Arbeiter! Laßt Euch nicht alarmmüde machen!

Haltet Euch bereit, um die Freiheit zu kämpfen! Hinter dieser Regierung der Desperados steht nichts als einige tausend unsichere Bajonette. Gegen diese Regierung steht das ganze Volk!

Darum: Fällt die Entscheidung, so kämpft mit allen Waffen, denn es geht um Eure Freiheit, es geht um Eure Kinder, es geht um Eure Zukunft!

Wir wollen nicht Sklaven werden!

Frei wollen wir bleiben!

Für uns streitet geheiligtes, beschworenes Recht!

*

Mobilmachung der Heimwehr

Die Heimwehr hat – man beachte das Datum! – am 27. Jänner den folgenden Mobilisierungsbefehl erlassen. Uns liegt dieser Befehl im Original der Margaretner- Heimwehr vor; er ist mit entsprechenden Varianten am selben Tag von allen Abteilungen und Unterabteilungen der Heimwehr an alle ihre Mitglieder ergangen; er lautet:

Wiener Heimatschnutz

Jägerbaon III

Kompagnie.

Herr Kamerad (folgt der Name) …

Die Bundesregierung ist nunmehr gewillt, unter allen Umständen die Entscheidung herbeizuführen. Sie wird in den nächsten Tagen alle Angehörigen der im Schutzkorps eingegliederten Wehrformationen zur aktiven Dienstleistung in das Schutzkorps einberufen.

Unser Landesführer, Vizekanzler Major a. D. Emil Fey, als Chef des Sicherheitswesens, fordert daher alle Heimatschützer auf, unter möglichster Rücksstellung aller beruflichen Rücksichten in dieser entscheidenden Stunde sich dem Staate durch Eintreten in das freiwillige Schutzkorps zur Verfügung zu stellen.

Diese Rufe, bzw. Befehle unseres Führers Folge zu leisten, ist uns Margaretner Heimatschützern selbstverständliche Pflicht, unser Gelöbnis, als freiwillige Kämpfer für Heimat und Volk, für ein freies christliches, deutsches Oesterreich, einzulösen.

Sie werden daher aufgefordert, sich unbedingt am Montag, den 29. d. M. um halb 8 Uhr abends im Heime 4., Hauslabgasse 2, behufs Zusammenstellung der neu aufzustellenden Formation des Schutzkorps pünktlich einzufinden.

Das unentschuldigte Fernbleiben wird als Austritt ans dem Heimatschutze ohne Rücksicht auf die Dauer der Zugehörigkeit zum Heimatschutze angesehen.

In diesen entscheidenden Stunden gehören alle wahren Kämpfer für unsere Idee in die Front.

Heil Starhemberg!   Heil Oesterreich!

Wien, am 27. Jänner 1934.

Der Baonskmdt.:

Karl Biedermann e. h.

Dieses Dokument beweist, daß die Regierung Dollfuß-Fey die Heimwehr nicht aufgeboten hat, um einen von den Nazi drohenden Putsch abzuwehren, sondern um selbst eine "Entscheidung" herbeizuführen – nämlich den Staatsstreich.

Vorgeschichte des Staatsstreichs
Material aus der Illegalen österreichischen Wochenschrift

In Oesterreich wird illegal eine sozialdemokratische Wochenschrift "Ruf zur Freiheit" verbreitet. Die letzte Nummer, die uns heute erreichte, ist vom 11. Februar datiert[21]. Sie bringt eingehendes Material darüber, daß der Bundeskanzler Dollfuß und sein Vizekanzler Fey schon für Ende Januar oder Anfang Februar den Staatsstreich geplant hatten. Durch die Putschgefahr von den Nazis her sollte eine Panikstimmung der Bevölkerung erzeugt werden, die Heimwehr sollte in Tirol "revoltieren" und von dort aus sollte sich die Bewegung bis nach Wien wälzen. Gleichzeitig sollte in der Bundeshauptstadt das Rathaus besetzt und die sozialistische Landesregierung verjagt werden.

Bundeskanzler Dollfuß wählte diesen Zeitpunkt, weil am 26. Januar gemeldet wurde, daß der Sturz der französischen Regierung Chautemps unmittelbar bevorstehe. Gegenüber Paul Boncour, dem Außenminister des Kabinetts Chautemps hatte nämlich Dollfuß die Verpflichtung eingegangen, entscheidende Maßnahmen[22] gegen die sozialdemokratische Partei zu treffen, um Oesterreich vor der Katastrophe des Bürgerkrieges zu bewahren. Diese Verpflichtung bindet natürlich die österreichische Regierung an die französische Regierung und nicht nur an eines ihrer Mitglieder. Der jesuitische Dollfuß stellte sich aber so, als hätte er sich nur gegenüber dem Außenminister Paul-Boncour und nicht gegenüber der französischen Regierung gebunden. Und da mit Chautemps auch Paul-Boncour demmissioniert hatte, so glaubte sich Herr Dollfuß dieser Verpflichtung entbunden und war entschlossen, die kurze Spanne Zeit der französischen Regierungsbildung zum Staatsstreich auszunützen, um die neue französische Regierung einfach vor die vollendete Tatsache des Staatsstreiches zu stellen.

Der seine Plan des Herrn Dollfuß war also, in der Zeitspanne zwischen der Demmission der Regierung Chautemps und der Vorstellung der neuen Regierung in der Kammer, die Wiener Rathausregierung zu stürzen und gleichzeitig von Tirol aus den Staatsstreich über ganz Oefterreich zu tragen.

Der Schritt der Mächte

Gegen diesen Plan protestierten nun, wie man aus dem "Prager Tagblatt" vom 8. Februar[23] erfuhr, der englische und der französische Gesandte. Diese ungemein wichtige Meldung, die der österreichischen Bevölkerung auf Weisung der Preßpolizei natürlich verheimlicht wurde, lautete:

Wien, 2. Februar. Gestern sprachen der englische und der französische Gesandte beim Bundeskanzler vor, um ihn über die Vorfälle in Innsbruck zu befragen. Gegenüber dem französischen Gesandten soll sich Bundeskanzler Dr. Dollfuß geäußert haben, daß er sich angesichts der geänderten politischen Lage in Frankreich nicht mehr gebunden fühle, die er seinerzeit dem damaligen französischen Außenminister gegenüber eingegangen sei, nämlich keine entscheidenden Maßnahmen gegen die sozialdemokratische Partei zu treffen. Der französische Gesandte Puaux soll dieser Auffassung des Bundeskanzlers entgegengetreten sein und gemeint haben, daß der Regierungswechsel in Frankreich kein Anlaß sei, diese Zusicherung zurückzunehmen.

*** Seite 3 ***

Der große Freiheitskampf
Namenlose Helden

In ganz Oesterreich kämpfen sie, die namenlosen Helden. In ganz Oesterreich verteidigen sie Freiheit, Republik und Sozialismus gegen das faschistische Verbrechen, das von Amts wegen das Oesterreich der Freiheit, das Oesterreich der sozialistischen Kultur, das kulturelle Oesterreich überhaupt, niederschlagen will.

Es sind die Arbeiter aus den Betrieben, aus den Büros. Es sind die Arbeiter auf der ganzen Linie, die ihr Leben einsetzen in diesem Kampf gegen das faschistische Verbrechen. Wer weiß was von dem Mut dieser Männer, der von ihren Gegnern zum Verbrechen gestempelt wird? Wer weiß etwas von dem Heldentum, das in den Straßen Wiens, von Graz und überall in Oesterreich verzweifelt ringt gegen eine ungeheure Macht, gegen die Macht des Militarismus, gegen Polizei und die ganze Staatsmacht überhaupt? Kämpft gegen das von oben dirigierte Verbrechen am österreichischen Volk?

Kein Dichter singt ihnen Heldenoden. Ihnen wird man keine Ruhmesdenkmäler setzen in Stein und Erz. Jeder von ihnen weiß das, der mit der Waffe in der Hand kämpft. Nicht für Orden und Ehren, nicht für klingenden Lohn, nicht für Rangstufe, Titel und Beförderungskram, womit die Helden des Krieges sonst geködert werden. Diese namenlosen Helden kämpfen nicht für religiös verbrämten mittelalterlichen Tand. Sie kämpfen nur und setzen ihr Leben ein, daß die Luft freibleibt um sie, damit sie atmen können, damit sie in Freiheit arbeiten und ihr Brot verdienen können, wovon sie leben müssen.

*

Sie stehen fest, die österreichischen Arbeiter und Helden. Jetzt zeigt sich schon, daß in diesem Bürgerkrieg nicht gekämpft wird um Stadtteile, einzelne Gebäude, Bahnhöfe, sondern überall, wo die Möglichkeit besteht. Wenn ein Bahnhof erobert wurde von den Faschisten, wenn eine Höhe gestürmt wurde, dann melden die österreichischen Verfassungsbrecher und blutbesudelten Fey- Starhemberg-Faschisten ihren Sieg in die Welt, um dann eine Stunde später wieder der aufhorchenden Menschheit verkünden zu müssen, daß sich die sozialistischen Kämpfer wieder an anderer Stelle gesammelt haben und erneut weiter ringen in hartem, erbittertem Kampfe.

Daß selbst die verfassungsbrecherische Regierung ihre Lage anfängt ängstlicher zu beurteilen, geht schon daraus hervor, daß der hauptfaschistische Akteur, Major Fey, einen Runderlag an sämtliche Militärkommandanten und Sicherheitsbehörden herausgab, in dem er rücksichtslos jeden Versuch des Widerstandes mit "allen Mitteln niederzuschlagen" befiehlt und hinzufügt: Jm ganzen Bundesgebiet müsse bis zum Dienstag abend die "Ruhe wieder hergestellt sein". Daraus kann man ersehen, daß es den faschistischen Verbrechern angst und bange wird, zumal sie befürchten müssen, daß das Militär auf längere Zeit den ungeheuren Spannungen, denen der einzelne Soldat ausgesetzt ist, wenn er auf seinen Volksbruder schießt, nicht mehr gewachsen ist. Wenn aber schon der österreichische Rundfunk in Bewegung gesetzt werden muß, um Freiwillige von den ehemaligen Kriegsteilnehmern aufzubieten gegen die kämpfende Arbeiterschaft, dann weiß man, wie die Lage in Oesterreich ist.

So kämpfen Oesterreichs Sozialdemokraten gegen den Faschismus!

NSDAP gegen Dollfuß
Kein Waffenstillstand mit den Heimwehren

München, 14. Febr. Wie die Landesleitung der NSDAP. mitteilt, sind die Gerüchte, wonach zwischen Heimwehr und NSDAP. Waffenstillstandsverhandlungen geführt wurden, unzutreffend. Der Kampf der NSDAP. gegen das System Dollfuß wird kompromißlos weitergeführt.

In ihrer Stellungnahme zu den blutigen Ereignissen in Oesterreich erklärt die nationalsozialistische Parteikorrespondenz, daß es nur eine Möglichkeit gebe, dem Chaos in Oesterreich ein Ende zu setzen, nämlich einen Schlußstrich unter das Willkürregiment Dollfuß- Fey zu ziehen und dem österreichischen Volk selbst das Bestimmungsrecht über sein Schicksal in die Hand zu geben.

Die Blutopfer
Viele Hunderte

Wien, 18. Febr. Auch die amtlichen Berichte geben jetzt zu, daß die Kämpfe sehr schwere Blutopfer fordern. Die Verluste in Wien werden jetzt mit 33 Toten und 163 Schwerverletzten angegeben. In Wien ist in der Lage im Laufe des Vormittags keine wesentliche Aenderung eingetreten. Für eine Anzahl von Bezirken sind dringend Verstärkungen angefordert worden.

In Ottakring explodierte durch einen Treffer ein Gasometer. In diesem Bezirke wurden Truppen von den Dächern und einem Feuerwehrturm aus beschossen, worauf die Truppen zum Sturm ansetzten. Aus einem Gemeindehaus eröffneten die Verteidiger der Freiheit scharfes Maschinengewehrfeuer, worauf Haubitzen die Stellung unter Feuer nahmen. Bei der Besetzung eines ebenfalls in diesem Bezirk gelegenen großen Gemeindehause, das durch Artilleriefeuer schwer beschädigt war, wurden 50 Schutzbündler verhaftet, bei denen man jedoch keine Munition mehr vorfand. Schutzbündler, die verhaftet worden sind, sollen vor das Standgericht gestellt werden. Der Adjutant des Staatsverbrechers Fey, Major Wrabel, ist durch einen Schuß in den Arm verletzt worden. Nach einer privaten Mitteilung ist die Frau des bekannten sozialdemokratischen Nationalrats Abgeordneten Sever bei der Erstürmung des Arbeiterhauses in Ottakring erschossen worden.

Jedes Haus ist eine Festung ….

Nach dem amtlichen Bericht wird bekannt, daß in Linz nach wie vor die Arbeiterschaft weiterkämpft. Es heißt da: "gegenwärtig wird der Bahnhof gesäubert". Der Güterbahnhof ist noch in Händen der Freiheitskämpfer, denn der amtliche Bericht kündigt erst noch eine "Aktion" an. In Steyr wurde während der Kampfhandlungen ein Direktor der Steyrwerke erschossen. Auch hier ist es den militärischen Abteilungen und dem Heimatschutz bisher nicht gelungen, die Kämpfenden aus dem Ort herauszudrängen. Der amtliche Bericht kündigt an, daß man mit der "Säuberung" "noch" beschäftigt sei. In Bruck an der Mur wurde zwar der Schloßberg nach schwerem Artilleriefeuer von der verfassungsbrecherischen Soldateska erstürmt, aber in den Straßen wird nach wie vor der Kampf erbittert fortgesetzt. Jedes Haus ist eine Festung.

In Katzenberg (Steiermark) wurde das Gendarmeriepostenkommando von Schutzbündlern eingeschlossen. Die Freiheitskämpfer sind Herren der Lage. Heeresabteilungen und starke Abteilungen der Heimwehr sind nach Katzenberg unterwegs. Der amtliche Bericht spricht davon: "Zur Befreiung des Gendarmeriepostenkommandos". Daraus ist zu erkennen, daß in Katzenberg und Umgebung die ganze Polizei und Gendarmerie festgelegt und entwaffnet ist.

In Eggenberg bei Graz haben sich die Schutzbündler in der Fabrik Wagner und im Büro der Schienenwalzwerke festgesetzt. Auch hier ist es bisher nicht gelungen, weder mit Polizei, noch mit Militärabteilungen die Verteidiger aus ihren Positionen herauszubringen. In Graz soll vorläufig noch Ruhe herrschen.

In Niederösterreich soll noch Ruhe herrschen.

In Judenburg fanden Barrikadenkämpfe statt. Angeblich sollen die Barrikaden vom Bundesheer gestürmt worden sein.

In Wien gehen die Kämpfe weiter. Im 19. Bezirk, also im Marxhof, und im 16. Bezirk, den städtischen Wohnungsanlagen Sandleiten und im Arbeiterheim sowie an einigen Stellen im 11. und 21. Bezirk finden zur Zeit heftige Kämpfe statt. Die Verteidiger erwidern das Feuer der Polizei des Militärs und des Heimatschutzes und schlagen die Angriffe der faschistischen Verbrecher überall zurück. Selbst Artillerie ist eingesetzt worden. Die Freiheitskämpfer wehren sich mit Heldenmut.

*

Das war die Lage in Oesterreich Dienstag vormittag. Nach einem amtlichen Bericht. Man sieht daraus, wie erbittert in ganz Oesterreich gerungen wird, und daß der verbrecherische Staatsstreich der Heimwehrfaschisten unter Dollfuß’ Duldung trotz Aufgebot der ganzen österreichischen Armee, Polizei, Gendarmerie und der Heimwehr, bisher nicht vermochte, die das freie Oesterreich verteidigende Arbeiterschaft niederzuschlagen.

Die Kämpfe um Floridsdorf und Ottakring
Die Arbeiter nicht besiegt

Wien, 13. Febr. In Floridsdorf, dem jenseits der Donau gelegenen Bezirk, waren am Dienstag um 19 Uhr noch einige für den Verkehr nach Norden wichtige Punkte im Besitz der Sozialdemokraten, so auch das Leopoldsauer Gaswerk. Ein doppelseitiger Angriff, sowohl aus dem Innern der Stadt wie von der niederösterreichischen Seite her gegen diese Stellung der Sozialdemokraten ist im Gange. Von offiziöser Seite wird erklärt, die beiden großen Gemeindebauten im  10. Bezirk in der Quellenstraße seien teils gestürmt, teils auch durch die Uebergabe in den Besitz der Regierungstruppen gekommen.

Seit 18 Uhr ist ein neuer Kampf um das Arbeiterheim Ottakring ausgebrochen. Wie es heißt,  sollen die Sozialdemokraten, die durch "unterirdische Gänge" in die Nachbarhäuser geflüchtet waren, nachdem sie von dort aus das Arbeiterheim unter Maschinengewehrfeuer genommen hatten, die schwache Polizeibesatzung wieder hinausgedrängt und das Heim erneut besetzt haben. Polizei geht nun erneut gegen das Arbeiterheim vor.

Der Staatssekretär für das Heerwesen hat im Rundfunk eine Ansprache gehalten, in der er alle ehemaligen Kriegsteilnehmer aufforderte, sich bei den zuständigen Militärstellen oder beim vaterländischen Dienst als Freiwillige zu melden.

Artillerie und Pioniere!

Wien, 18. Febr. Die Kampfhandlungen der Regierungstruppen gegen die Freiheitskämpfer ballen sich in den Abendstunden in dem jenseits der Donau gelegenen 21. Gemeindebezirk Floridsdorf zusammen. Die Regierung hat zur Säuberung dieses Bezirks schwere Artillerie und Pioniere eingesetzt.

Als ernst wird die Lage in Steyr bezeichnet, wo jetzt ein motorisiertes Bataillon eingesetzt worden ist. Heimwehrabteilungen unter Führung Starhembergs find nach Steyr im Vormarsch. Nach Artillerievorbereitung soll alsdann die Infanterie zum Sturm auf Steyr eingelegt werden.

Im Inntal wird noch gekämpft

Innsbruck, 18. Febr. In dem Industrieort Wörgl im Inntal sollte am Dienstag das sozialdemokratische Arbeiterheim besetzt werden. Die Arbeiterschaft versammelte sich darauf und leistete Widerstand, demgegenüber sich die in Wörgl verfügbaren Machtmittel als zu schwach erwiesen. In dem in der Nähe gelegenen Bergwerksort Häring ist ein Teil der Bergleute in den Streik getreten. Die Streikenden sind gemeinsam mit dem Republikanischen Schutzbund von Häring im Anmarsch auf Wörgl. Der Ort ist gegenwärtig von der Außenwelt abgeschnitten. Von Innsbruck aus ist Heimwehr und Gendarmerie abgesandt worden. Die Lage ist kritisch.

Mit allen Mitteln

Wien, 13. Febr. Vizekanzler Major Fey hat einen Runderlaß an sämtliche Militärkommandanten und Sicherheitsbehörden herausgegeben mit der Aufforderung, rücksichtslos jeden Versuch eines Widerstandes mit allen Mitteln niederzuschlagen. Die Ruhe im ganzen Bundesgebiet müsse bis zum heutigen Dienstag abend wiederhergestellt sein.

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Nach den bisherigen Berichten aus Wien sollen 24 Tote und 72 Schwerverletzte allein in dem Allgemeinen Krankens haus festgestellt worden sein.

In Graz find 600 Personen verhaftet worden. Die Zahl der Toten in Graz wird mit 70 angegeben.

Auch in Vöcklabruck ist ein großer Unruheherd vorhanden.

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Deutsche Freiheit.
Nummer 39 – 2. Jahrgang 
[24]
Saarbrücken, Freitag, den 16. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Schlachtfeld des Heldenkampfs
Kampf bis zum letzten Mann – Die Regierung läßt Frauen und Kinder erschießen – Rachefeldzug der Mörder

Tausende Tote
350 Opfer im Karl-Marx-Hof

dnb. London, 15. Februar. Der Wiener Korrespondent der "Times" sagt in einem Bericht: Die Verlustliste muß eine schreckliche Höhe erreicht haben. Schätzungen der Sozialisten geben die Zahl ihrer Toten nur bis Dienstagabend auf nicht weniger als 1500 an, und es ist bekannt, daß die Schlacht, die jetzt in Floridsdorf tobt, die blutigste von allen ist. Es heißt, daß in dem Karl-Marx-Hof genannten großen Wohngebäude allein 350 Personen getötet wurden, nicht nur Schutzbündler, sondern auch Bewohner. Die Regierungsstreitkräfte haben ebenfalls schwere Verluste erlitten. Im weiteren Verlauf seiner Schilderung sagt der Korrespondent: Eine derartige Zusammendrängung menschlichen Leidens auf engem Raum kann es in ganz Europa seit dem Kriege kaum gegeben haben.

"Abgeschlachtet"
Die Schuld der Mörder

(Mit der Fortsetzung von Seite 2)

dnb. London, 15. Februar. Zu den blutigen Ereignissen in Oesterreich veröffentlicht Reuter eine Meldung, in der es heißt, unzweifelhaft seien viele von den Toten und Verwundeten nicht am Kampf beteiligt gewesen. Ein höherer Offizier der regulären Armee habe in Floridsdorf im Gespräch mit einem Vertreter des Reuterbüros zugegeben, daß die meisten Verluste wahrscheinlich unter unschuldigen Personen zu verzeichnen seien, die nicht aus ihren von der Artillerie des Bundesheeres beschossenen Wohnhäusern entkommen konnten. Die Reutermeldung gibt der Ansicht Ausdruck, daß ein Ergebnis der Abschlachtung von Nichtkämpfern eine Zunahme der Erbitterung der Arbeiterklasse gegen die Regierung Dollfuß sein werden.

"Daily Telegraph" bringt einen Aufsatz seines Korrespondenten für Zentraleuropa Gedye, in dem ausgeführt wird, daß man in Oesterreich nicht von einem kommunistischen Aufruhr sprechen könne. Der Aufruhr sei vielmehr von den Heimwehrführern ausgegangen, die Dr. Dollfuß gezwungen hätten, die Bestrebungen durchzuführen, die sie in ihrem eigenen Putsch vom 13. September 1929 [25] erfolglos zu verwirklichen versucht hätten, einen Putsch, aus den keine Todesurteile und nicht einmal Verurteilungen zu Gefängnisstrafen gefolgt seien. Der Korrespondent sagt, die Regierungsartillerie führe jetzt das Ende der demokratischen Republik herbei, wenn auch für einen furchtbaren Preis von Menschenleben. Wenn Dr. Dollfuß dieses Schlachtfeld hinter sich habe, werde er sich einem anderen von äußerster Tatkraft und Entschlossenheit erfüllten Feinde gegenübersehen, nämlich dem Nationalsozialismus.

*

Wien, 15. Februar. (Eigener Bericht.) In der Nacht zum Donnerstag hat der Bundeskanzler Dollfuß höchst persönlich im Wiener Rundfunk einen Bericht über seine Mordarbeit gegeben. Die Zahl der Toten und der Verwundeten, unter denen sich viele Frauen und Kinder befinden, hat er verschwiegen. Die furchtbare Ziffer wird amtlich niemals wahrheitsgemäß bekannt- gegeben werden. Als der Bundeskanzler sprach, war der Kampf zwar militärisch schon zugunsten des Heeres und der Polizei entschieden, wie bei deren Uebermacht niemand hatte anders erwarten können, aber die sozialdemokratischen Schutzbündler leisteten und leisten noch immer an zahlreichen Stellen heldenhaften Widerstand.

Der Bundeskanzler brachte nicht einmal die ritterliche Geste auf, den tapferen Kämpfern freien Abzug zu gewähren. Er machte ihnen ein verletzendes Angebot, das die gemeine Gesinnung der Bundesregierung deutlich offenbart: "Wer sich von jetzt ab, 11 Uhr abends, jeder ungesetzlichen oder feindseligen Handlung strikte enthält, und morgen, Donnerstag, den 15. Februar von 7 Uhr früh bis 12 Uhr mittags den Exekutivorganen stellt, kann, ausgenommen die verantwortlichen Führer, auf Pardon rechnen." Dollfuß will also die sozialdemokratischen Kämpfer aus ihren Positionen herauslocken, um sich dann diejenigen auszusuchen, die er vor seinen Standgerichten aburteilen und wenige Stunden nach dem Urteilsspruch hängen lassen will. Schon hat der Henker seine Arbeit begonnen und viele, viele wird der fromme Bundeskanzler Dollfuß den Weg zum Galgen antreten lassen.

Nach amtlichen Meldungen sind allein in Wien 2000 Personen festgenommen worden. Dieselbe Meldung behauptet, daß die Sozialdemokraten einen Angriff mit Chlorgas geplant gehabt hätten. Wenn das der Fall gewesen sein sollte, so würden sie sich lediglich ähnlicher Waffen wie die Regierung bedient haben, denn deren Truppen haben die Wohnblocks vergast, in denen sich die Verteidiger von Gesetz und Recht und Freiheit verschanzt hielten. Ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder sind die Regierungstruppen mit den furchtbarsten Mitteln moderner Kriegführung vorgegangen. Viele Frauen und Kinder befinden sich unter den Toten. Wenn es wahr ist, was die Regierung behauptet, daß Frauen auch aktiv an den Kämpfe« sich beteiligt haben, und wie es heißt, "also keineswegs unschuldige Opfer waren", so ist dies ein hohes Heldenlied auf die kämpfenden Proletarierinnen. Die Regierung will aber mit ihrer Behauptung nur darüber hinwegtäuschen, daß die Frauen und Kinder, die nicht aus den umkämpften Wohnungen hinauskommen konnten, von den Kugeln und Granaten der Regierung getötet worden sind.

Die Verheerungen in den Kampfgebieten sind furchtbar. Das Floridsdorfer Arbeiterheim liegt vollständig in Trümmern. Nach einer Behauptung haben es die Verteidiger vor der Uebergabe in Brand gesteckt, nach einer andern ist das Gebände durch eine Explosion gesprengt worden. Die Straßen von Floridsdorf sehen aus wie eine Stadt im Kriegsgebiet. Viele Häuser sind durch Granatfeuer zerschossen und die Straßen sind mit Schutt und Scherben bedeckt. Viele Tote konnten noch nicht beiseite geschafft werden, obwohl man immer wieder Totenautos durch die Stadt fahren sieht. Breite Blutlachen zeugen von den erbitterten Kämpfen.

Auch in den Bezirken, in denen nach den Angaben der Regierung die Truppen und die Polizei vollständig Herrin der Lage sein soll, und wo man in der Tat zahlreiche lange weiße Fahnen aus halb zerstörten Häusern wehen sieht, bleiben Truppenteile und Artillerie schußfertig. Mindestens in Simmering, in Meidling und in Floridsdorf gibt es noch mit unerhörter Tapferteit verteidigte Widerstandsnester. Der einer Festung gleichende Karl-Marr-Hof ist zum Teil und einige andere Häuserblocks sind noch nicht genommen, und es wird jeder Bewaffnete, der sich nähert, von den Verteidigern beschossen. Im Karl-Marx-Hof wird um jedes Zimmer gekämpft. Ein Teil der Schutzbündler haben sich nach Kagran zurückgezogen, wo sie angeblich Schützengräben ausgeworfen haben sollen. Die Regierung hat auf dem Bisamberg eine Batterie Haubitzen in Stellung gebracht, um den Widerstand an brechen.

Die Bundesregierung geht mit der grausamster Brutalität vor, weil sie befürchtet, daß bei einer Fortdauer der Kämpfe ihre Position gegenüber den Nationalsozialisten unhaltbar werben könnte. Die Truppenkonzentrationen richten sich jetzt gegen Wiener Neustadt, Kagran, Stadlau und Kirchenstädten.

*** Seite 2 ***

"Siegesbulletin"
Die erste Kopfprämie

Wien, 15. Febr. Das Bundeskanzleramt teilt mit: "Die rote Revolte ist vollkommen niedergebrochen. Aus allen Teilen des Bundesgebiets laufen die Meldungen über einen vollständigen Zusammenbruch der roten Revolte ein. Es wird überall normal gearbeitet und fast keinerlei Widerstand geleistet. Selbst in den Hauptzentren des bisherigen Widerstandes, wie in Obersteiermark z. B. befindet sich der Schutzbund auf der Flucht. Der Leiter des dortigen Widerstandes, der frühere sozialistische Abgeordnete Koloman Wallisch, ist mit etwa 120 Schutzbündlern flüchtig und hat sich in die Wälder der Umgebung von Bruck an der Mur zurückgezogen. Auf seine Ergreifung ist von Vizekanzler Fey eine Prämie von 1000 Schilling ausgesetzt worden.

In Wien hat die Eröffnung des Artilleriefeuers auf die von den Sozialdemokraten besetzten Teile von Floridsdorf bewirkt, daß sie ihre Stellung verlassen haben und auf einer Anzahl von Gemeindehäusern weiße Fahnen hißten. Die letzten Widerstandsnester werden rücksichtslos niedergekämpft werden. Auch in Simmering wurde auf mehreren roten Gemeindehäusern die weiße Fahne gehißt. Die Sicherheitswache, Schutzkorps und Bundesheer haben in Linz eine vollständige Säuberung vorgenommen."

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Trotzdem bleibt wahr, daß noch immer tausende Schutzbündler die Waffen nicht gestreckt haben und sich wehren bis zum letzten Mann.

"Widerstand bis zum Aeußersten"
Im Gebirge

Paris, 15. Febr. Die Agentur Sud-Est berichtet aus Wien, daß es 2000 Schutzbündlern gelungen ist, sich auf dem Laaer Berg südlich von Wien zu sammeln. Sie schienen reichlich über Waffen und Munition zu verfügen.

Nach der gleichen Quelle sollen die Sozialdemokraten zahlreiche Flugschriften zur Verteilung gebracht haben, in denen zum Widerstand bis zum Aeußersten aufgefordert und angekündigt werde, daß demnächst 40 000 Schutzbündler in Wien eintreffen würden, um die belagerten Punkte zu verstärken und um zu versuchen, gegen die Regierungsstreitkräfte die Offensive zu ergreifen.

Schönfärberei und Rache
Halbamtliche Berichte

bnb. Wien, 15. Februar. Der Wiener Industriellenverband hat bekanntgegeben, daß am Mittwoch in allen Betrieben, soweit sie nicht in den umkämpften Gebieten liegen, die Arbeit bereits wieder aufgenommen worden sei. Die Generalstreikparole habe keinen Widerhall gefunden. Vielmehr seien die Belegschaften nahezu vollständig wieder erschienen. Wie die halbamtliche Politische Korrespondenz meldet, stünden in jedem Bundesland höchstens noch die Belegschaften von ein bis zwei Betrieben im Streit; lediglich in Steiermark hätten fünf bis zehn Betriebe die Arbeit noch nicht wieder aufgenommen.

In Wien ist der Direktor der Städtischen Leichenbestattungshalle seines Amtes enthoben worden, weil es unter seiner Leitung möglich gewesen sei, daß der Republikanische Schutzbund auf dem Zentralfriedhof ein Waffenlager angelegt habe.

In Niederösterreich sind die Mandate von 4121 sozialdemokratischen Gemeindevertretern erloschen. Rund 150 Gemeindevertretungen sind aufgelöst worden. In anderen Bundesländern, die weniger stark industrialisiert sind, sind die entsprechenden Ziffern geringer. In politischen Kreisen ist man der Ansicht, daß es der Regierung nach Aberkennung der sozialdemokratischen Mandate keine Schwierigkeiten mehr bereiten würde, den Nationalrat einzuberufen und auf diesem Wege eine Verfassungsänderung auf "legalem" Wege durchzuführen.

Die "Reichspost" macht den Vorschlag, aus dem Vermögen der Austro-Marxisten einen Fonds zu bilden, der dann zur Wiedergutmachung der durch die Kämpfe angerichteten Schäden zu verwenden sei.

Amtliche Greuelmeldung
Schutzbündler "massenhaft" niedergemacht

Wie amtlich mitgeteilt wird, wurden in Thomasroith (Oberösterreich) vier Wehrleute, die einen schwer: verlegtzten Kameraden bergen wollten, von Schutzbündlern beschossen, so daß drei von den Wehrmännern fielen. Als das Bundesheer in das dortige Arbeiterheim eindrang, das die weiße Fahne gehißt hatte, wurde es wiederum beschossen. Die Soldaten erwiderten das Feuer und machten alle Schutzbündler an Ort und Stelle nieder.

In Linz wurde ein Auto, in dem ein Oberleutnant eines Alpenjägerregiments, drei Mann und der Chauffeur saßen, beschossen. Alle fünf Insassen des Antos wurden getötet.

Selbst diese zweifellos gefärbte amtliche Meldung läßt erkennen, mit welcher Grausamkeit die Regierungstruppen Rache nehmen. Die entschuldigenden Angaben in der Meldung sind zweifellos nur eingefügt worden, um das furchtbare Massakre an den Schutzbündlern einigermaßen zu rechtfertigen.

Die Verhafteten
50 sozialdemokratische Führer in Oesterreich verhaftet

Wien, 14. Febr. Außer dem ehemaligen Bürgermeister von Wien Seitz sind jetzt über 50 sozialdemokratische Führer verhaftet worden, unter denen sich der bekannte Sozialdemokrat Dr. Karl Renner, ferner der ehemalige General und Schutzbundführer Theodor Körner, zwei Bundesräte, fünf Stadträte, zahlreiche Gemeinderäte und Bürgermeister, Magistratsdirektoren, der Obmann der sozialdemokratischen Parteiorganisation Frey, der Oberinspektor des Elektrizitätswertes, der Chefredakteur des sozialistischen "Kleinen Blattes" befinden. Weitere Verhaftungen von sozialdemokratischen Führern sollen bevorstehen.

16 Beamte des "Reichsvereins der Bankbeamten" sind unter dem Verdacht verhaftet worden, Gelder aus den Depots des Reichsvereins abgehoben und dem Schutzbund zugeführt zu haben.

Die zweite Hinrichtung

Wien, 15. Febr. Nachdem das Todesurteil an dem aufständischen Führer Munichreither bereits am Nachmittag vollstreckt worden war, ist um 0,42 Uhr auch der zum Tode verurteilte Kommandant der Floridsdorfer Hauptfeuerwache, Ingenieur Weissel, hingerichtet worden.

Die Gewerkschaftsinternationale
Solidarität,
gleichviel wie der Kampf auslaufen möge

dnb. Paris, 15. Febr. Der Vorstand der Gewerkschaftsinternationale hat in Paris eine dringliche Sitzung abgehalten und in einer Entschließung beschlossen, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um praktisch die internationale Arbeitersolidarität gegenüber dem österreichischen Proletariat zu zeigen, gleich viel wie der Kampf auslaufen möge. Die Entschließung erhebt Einspruch gegen das Vorgehen der Polizei und der Truppen gegen Frauen und Kinder sowie gegen die Repressalien gegen Männer, die ihre Freiheiten verteidigten, Vorkommnisse, die internationale Verwicklungen hervorriefen.

Zwei Urteile
Kommunisten

In einer eigenen Meldung aus Wien vom 14. Februar, die durch Vermittlung eines österreichischen Vertrauensmannes unmittelbar aus dem Kampfgebiet stammte, haben wir berichtet:

Die Versuche, sozialdemokratische Führer zu diffamieren, werden diesmal nicht gelingen. Ohne Widerstand verhaftet wurden nur greise Veteranen der Partei, die auf ihren politischen Posten in der inneren Stadt auf Parteibefehl aushalten mußten, wie etwa der siebzigjährige Bürgermeister Seitz, der schwer herzleidend im Gefängnislazarett liegt. Dr. Julius Deutsch und Otto Bauer haben sich führend und aktiv an den Kämpfen beteiligt und den Arbeitern ein Beispiel persönlicher Tapferkeit gegeben. Otto Bauer konnte sich nach dem Zusammenbruch seines Frontabschnittes in Sicherheit bringen. Ueber das Schicksal von Dr. Julius Deutsch, den Gründer und Führer des Schutzbundes und früheren Wehrminister, ist zur Stunde nichts bekannt.

Das kommunistische Blatt in Saarbrücken nimmt aus dieser Meldung den vorletzten Satz heraus und fälscht also die Tatsachen in ihr Gegenteil um. Selbst die Faschisten haben die Tapferkeit von sozialdemokratischen Führern und Massen in Oesterreich anerkannt. Es genügt, die Gemeinheit einer solchen Leistung der kommunistischen Presse wiederzugeben.

Faschisten

(mit der Fortsetzung von S. 7)

In einem Berliner Telefonat über das Echo der österreichischen Kämpfe sagt die Basler "National- Zeitung", daß die tapfere Haltung der österreichischen Sozialisten, die ganz anders als die deutschen für ihr Ideal zu sterben wissen, weit herum, ja selbst bei Nationalsozialisten, Bewunderung errege. Offen wird ausgesprochen, daß die österreichische Sozialdemokratie, auch wenn sie jetzt von den Kanonen des Bundesheeres niederkartätscht wird, im Gegensatz zur deutschen geistig weiter leben werde und eines Tages wieder auferstehen könne. Nach hier allgemein verbreiteter Ansicht ist es ganz ausgeschlossen, daß das Regime Dollfuß nach den furchtbaren Ereignissen, auch wenn es momentan obsiegen sollte, noch von Dauer sein könnte. Die allernächste Zeit schon werde die Entscheidung bringen.

Ignotus:
Blutiges Geschäft

Helden und Händler stehen gegeneinander. Auf der einen Seite der heldenhafte Kampf für die Idee, noch ein Todeskampf der Freiheit. Auf der anderen Seite ein schmutziges und blutiges Geschäft. Die Händler siegen, die Helden sterben. Das ist österreichische Tragödie. Ein telefonischer Bericht, den "Le Temps" am 13. Februar aus Rom erhalten hat, enthüllt das Geschäft. "Politische Kreise (in Rom) erklären sich zufrieden mit den energischen Maßnahmen der Regierung Dollfuß. Sie sind der Auffassung, daß der Aufstand als gescheitert betrachtet sein kann, und sie begrüßen ("ils applaudissent"; sie klatschen Beifall!) die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei. Man darf nicht vergessen, daß Italien immer von der Auffassung ausging, daß eines der besten Mittel für Oesterreich, den Widerstand gegen die rote sowie die hitlersche Gefahr zu leisten, die Uebernahme der faschistischen Methoden sei. Aus diesem Grunde hat Rom immer die Heimwehren ermuntert, die ihm als die repräsentativsten Elemente des österreichischen Faschismus erschienen."

Die Regierung Dollfuß macht Oesterreich zum faschistischen Vasallenstaat. Das ist der Preis, den Italien für den Schutz Oesterreichs gegen Hitler erhalten soll. Der französische Senator Berenger, der Vorsitzende der auswärtigen Kommission des Senates, also ein außergewöhnlich gut informierter Politiker, schreibt sogar in einem Artikel, daß Oesterreich von italienischer Seite ganz bestimmte Versprechen erhalten hat im Sinne der Besetzung irgend welcher Form des österreichischen Bodens durch Italien, um auf diese Weise diesen Boden gegen die deutschen Unternehmungen zu schützen. Italien benutzt die verzweifelte Lage Oesterreichs, um es faktisch zu seiner Provinz zu machen.

Nun hätte die Lage Oesterreichs gar nicht so verzweifelt werden müssen, hätte nicht Italien von vornherein auf die Faschisierung Oesterreichs gedrängt, d. h. auf die Unterdrückung des großen Teils des Volkes und eben des Teiles, der für den Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Unabhängigkeit Oesterreichs in erster Linie in Frage kam. Italien hat eine an sich nicht bedeutende Minderheit unterstützt, die bereit war, sich als eine besondere österreichische Abart des Faschismus zur Verfügung zu stellen. Die Massen, soweit sie hinter diesem Austrofaschismus stehen, werden noch ihre bitteren Enttäuschungen erleben. Nutznießer des Geschäfts hoffen die machtlustigen, reaktionären politischen Cliquen zu werden, die nicht imstande wären, ohne italienische Unterstützung an der Macht zu bleiben. Sie hoffen es. Sie hoffen, daß sie, nachdem sie sich im Marxistenblut gebadet haben, gegen die Angriffe des Nationalsozialismus immun geworden sind. Sie glauben: der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr… darf bleiben.

Herr Dollfuß war gebunden durch die Verpflichtungen, die er dem französischen Außenminister Paul Boncour gegenüber übernommen hatte. Er benutzte den Regierungswechsel in Frankreich, um seine Verpflichtungen zu brechen und den Bürgerkrieg, dem in Rom Beifall geklatscht wird, auszulösen. Er hat feierlich den österreichischen Schritt bei dem Völkerbund angekündigt, hat sich durch sein Kabinett die Vollmacht zu diesem Schritte geben lassen und ist dann nach Budapest gefahren. Es wurde allgemein anerkannt, daß diese Reise an sich ohne irgendwelche politische Bedeutung war. Offenbar diente sie nur dem Zweck, den Schritt bei dem Völkerbund zu verzögern. Italien war nämlich gegen den österreichischen Schritt. In Paris ist stark die Auffassung vertreten, daß Dollfuß vielleicht überhaupt auf die Anrufung des Völkerbundes verzichten und sich allein auf den versprochenen Schutz Italiens, voraussichtlich durch die italienische Okkupation, verlassen wird. Die andere Möglichkeit ist, daß Italien eine "Bereinigung" der inneren Lage, d. h. die Vernichtung der Sozialdemokratie und die Sicherung der faschistischen Gleichschaltung vor der Anrufung des Völkerbundes verlangte. Auf jeden Fall wollte Dollfuß vor dieser "Bereinigung" den Völkerbund nicht anrufen. Er fuhr nach Budapest und seine Mitarbeiter bereiteten die Aktion gegen die österreichische Arbeiterschaft vor.

Werden sich die Hoffnungen des Herrn Dollfuß erfüllen? Wird der Mohr, der seine Schuldigkeit mit solchem Aufwand von Blut getan hat, bleiben oder gehen? Es bleibt noch die dritte Macht, mit der abgerechnet werden muß: der deutsche Nationalsozialismus. Wird nicht Italien versuchen, mit Hitler zum Kompromiß in der österreichischen Frage zu kommen, und wird es nicht bereit sein, zu diesem Zwecke seine heutigen Werkzeuge morgen zu opfern? Italien ist auch schärfster Gegner des Anschlusses. Es liegt nahe, daß Italien ein Kompromiß mit Hitler zu erreichen versuchen wird, etwa auf der Grundlage: Oesterreich unter dem italienischen Protektorat, "unabhängig", d. h. vom "dritten Reiche" getrennt, aber mit ihm eng verbündet, und auf anderer Seite deutsche Aufrüstung, von Italien tatkräftig unterstützt, vielleicht auch ein formelles deutsch-italienisches Bündnis. Wozu wird Italien dann noch den von der übergroßen Mehrheit des österreichischen Volkes gehaßten Dollfuß brauchen? Es wird schon für die italienische Provinz ein besserer Statthalter zu finden sein.

Trotz aller Zurückhaltung, die in Paris geübt wird, läßt die französische Presse durchblicken, daß die Besorgnisse außerordentlich stark sind. Die Faschisierung Oesterreichs unter dem italienischen Protektorat muß auch in Frankreich als ein ungeheurer Schlag gegen die französische Politik empfunden werden. Auch wenn es wirklich gelingt, was noch gar nicht sicher ist, den nationalsozialistischen Anschlag auf Oesterreich abzuwehren, so erscheint auch die Perspektive eines faschistischen Blocks, der das Mitteleuropa von Meer zu Meer beherrschen würde, als sehr gefährlich. Die Kleine Entente und Polen, von Frankreich durch faschistisch begrenzten Raum abgetrennt, würden dann diesem Faschistenblock völlig ausgeliefert. Namentlich würde dann faktisch Italien zwischen der Tschechoslowakei und Jugoslawien liegen. Jugoslawien würde durch Italien, die Tschechoslowakei durch Deutschland, Ungarn und Italien auf bedrohlichste Weise umzingelt sein. Wenn man dieses Bild vor Augen hat, so spürt man schon die Fronten des neuen Weltkrieges.

Diese verhängnisvolle Entwicklung kann nur durch eine wirklich energische politische Gegenoffensive aufgehalten werden, und die Mitwirkung Englands wäre für diese Gegenoffensive von entscheidender Bedeutung. Vorläufig äußert sich die italienische Politik in Orakelsprüchen. Wird es Frankreich gelingen, die Klarheit über die Haltung Englands herbeizuführen? Wird es ihm gelingen, England für die tatkräftige Unterstützung seiner Bemühungen zu gewinnen? Das sind heute die Fragen, von denen unendlich viel abhängt.

Händler siegen, Helden sterben. Das unheimliche Geschäft geht weiter. Es ist aber neue Kraft in der Welt entstanden: Die Fahne der Freiheit, die noch einmal vom Blute der sozialistischen Arbeiter rot geworden ist. Unsere österreichischen Brüder haben gezeigt, wie gekämpft wird. Diese Lehre wird ab heute den Gang der Geschichte beeinflussen. Es wird die Stunde der Helden kommen.

*** Seite 3 ***

Verzweifelt wird weitergekämpft
Die Lage in der Provinz

Das Deutsche Nachrichten-Büro meldet aus München, 14. Februar: Nach den dem österreichischen Pressedienst vorliegenden Nachrichten aus Oesterreich ist die Lage im ganzen Lande nach wie vor sehr ernst.

In der Stadt Steyr in Oberösterreich sind die Aufständischen immer noch Herren der Lage, nachdem sie lediglich einen Teil der Stadt nach heftigem Artilleriefeuer räumen mußten. Die Stadt ist vom Bahnverkehr abgeschnitten, da die Marxisten die Bahngleise nach St. Valentin gesprengt haben. Eine Gendarmerieabteilung wurde von den Marxisten überfallen und ließ elf Tote am Plage zurück.

Im Salzburger Bahnhof wurde am Mittwoch eine Lokomotive auf der Drehscheibe vor dem Lokomotivschuppen umgestürzt, so daß die anderen Lokomotiven nicht ausfahren konnten. Der Bahnhof wurde später von einer Abteilung des Schutzkorps besetzt. In der Nähe von Puch sprengten die Marxisten einen Elektrizitätsmast der wichtigen Bahnstrecke Salzburg-Bischofshofen, so daß der Verkehr nur noch eingleisig aufrechterhalten werden kann. In Zell am See weigerten sich Angehörige der Heimwehren, zum Schutzkorps einzurücken und weinten, als sie dazu gezwungen wurden. In Hallein befürchtet man den Ausbruch von Unruhen. 90 Mann der Salzburger Garnison wurden dorthin abkommandiert.

Die Stadt Graz war am Dienstag abend ohne Licht. Die Straßenbahn und die Bundesbahn konnten nicht verkehren. Die Fernsprechverbindungen sind zum größten Teil unterbrochen. Die Stimmung auf der Regierungsseite ist äußerst gedrückt. Der Kommandant der berittenen Polizei ist in den Kämpfen gefallen. Die Heimwehr wurde bisher lediglich zur Bewachung von Parkplätzen eingesetzt.

In Eggenberg bei Graz war es am Dienstag nachmittag erneut zu schweren Kämpfen gekommen. Die Kasernen der Gendarmerie und Polizei wurden von Sozialdemokraten gestürmt. Was sich zur Wehr setzte, wurde niedergemacht, die übrigen gefangen genommen. Je ein Ueberfallauto der Polizei und der Gendarmerie, die zur Hilfe geeilt waren, mußten sich nach kurzem Handgemenge ergeben. Später wurden Alpenjäger und weitere Verstärkungen der Gendarmerie eingesetzt, worauf sich die Sozialdemokraten in der Richtung auf Gösting [26] zurückzogen. Auf seiten der Marxisten wurden hier in den Straßenkämpfen auch Minenwerfer benutzt, die unter den Regierungstruppen verheerend gewirkt haben sollen. Schließlich wurde Artillerie eingesetzt, die die Stellungen der Marxisten die ganze Nacht über ununterbrochen beschossen. Die Glasfabrik Gösting ist nur noch ein Trümmerhaufen. Bisher wurden über 60 Tote gezählt. Größere Unruhen werden auch aus Obersteiermark gemeldet. Im oberen Ennstal hat die Gendarmerie mehrere Tote zu verzeichnen.

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In Bruck an der Mur haben die Schutzbündler noch immer die wichtigsten Punkte in der Hand. Der Eisenbahnverkehr ist teilweise lahmgelegt.

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In Wien, wo die ganze Nacht zum Mittwoch und auch am Mittwoch vormittag unausgesetzt Maschinengewehrfeuer und Kanonendonner zu hören war, befinden sich das Leopoldsauer Gaswerk und das Elektrizitätswerk immer noch in den Händen des Republikanischen Schutzbundes. Die Regierung wagt es nicht, diese städtischen Anlagen mit schwerem Feuer zu belegen, um diese lebenswichtigen Anlagen nicht der Gefahr der Vernichtung auszusetzen.

In den Wiener Vororten
Ottakring – Meidling – Floridsdorf

Wien, 14. Februar.

Die Kampfhandlungen haben am Mittwochvormittag wieder in größerem Umfange eingesetzt. Die Kämpfe erstrecken sich jetzt hauptsächlich auf den Abschnitt Floridsdorf. Die Regierungstruppen nahmen nach längerer Artillerievorbereitung die Gartenstadt sowie einen größeren Gemeindebau.

Floridsdorf soll gegenwärtig von allen Seiten von den Regierungstruppen eingeschlossen sein. Den Schutzbündlern soll ein um 12 Uhr ablaufendes Ultimatum gestellt worden sein, die Waffen abzuliefern und sich zu ergeben, andernfalls das gesamte Gebiet, in dem sich die Schutzbündler verschanzt haben, vollständig mit Artillerie zusammengeschossen würde. Aus St. Pölten sind am Vormittag die Artillerie und Regierungstruppen eingetroffen und sofort in Floridsdorf in den Kampf eingelegt worden. Die Zahl der Schutzbündler in Floridsdorf wird halbamtlich mit 3000 Mann angegeben. Schwere Kämpfe sollen gegenwärtig auch an der Philadelphiabrücke im Gange sein.

Auch aus Ottakring werden Kämpfe gemeldet.

In den Mittagsstunden des Mittwoch wird von amtlicher Seite (daher braucht es auch nicht so ganz zu stimmen) mitgeteilt, daß der letzte Kampfabschnitt, der noch in größerem Ausmaße im Besitz der Schutzbündler war, nämlich die Stellungen in Floridsdorf, von ihnen geräumt worden sind und sich nunmehr vollständig im Besitze der Regierungstruppen befinden. Die Schutzbündler haben sich in Floridsdorf ergeben und die weiße Fahne gehißt. Auch die Kämpfe an der Philadelphiabrücke sind gegen Mittag zu Ende gegangen. Auch in den anderen Kampfabschnitten sind die Schutzbündler im Rückzug. Aus einzelnen Arbeiterhäusern sind bereits weiße Fahnen gehißt. Bei der Besetzung wurden Mengen von Waffen und Munition aufgefunden. Im 12. Bezirk ergab sich ebenfalls eine große Anzahl von Schutzbündlern. Da die Polizei zum Abtransport der Gefangenen nicht ausreichte, wurden die in der Umgebung liegenden Magazine besetzt und die Gefangenen dort sofort eingesperrt. Die Truppen haben am Vormittag eine systematische Durchsuchung sämtlicher roten Gemeindehäuser vorgenommen, die von den sozialdemokratischen Gemeindeverwaltungen seit Jahren mit öffentlichen Mitteln als strategische Stützpunkte für einen etwaigen Bürgerkrieg hergerichtet waren.

Das Gaswerk Leopoldsau an der Grenze von Floridsdorf, das bisher ununterbrochen von Schutzbündlern besetzt war, ist ebenfalls in die Hände der Regierungstruppen gefallen. Im Judenhof, ebenfalls in Floridsdorf, versuchten sich die Schutzbündler zunächst in Stellungen einzugraben. Das Polizeikommissariat im Bezirk Floridsdorf, das seit Beginn des Aufstandes inmitten des Schutzfeldes sowohl von seiten der Regierungstruppen wie auch der Schutzbündler lag, hatte schon in den Vormittagsstunden Luft bekommen, so daß es zum erstenmal seit diesen Tagen verlassen werden konnte. Bei dieser Einzelaktion sollen 100 Gefangene gemacht worden sein. Die Leiche des am Dienstag getöteten Bezirkshauptmannes Friedrich wurde in Floridsdorf gefunden. Im Schlingerhof (Floridsdorf), der von den Regierungstruppen mit Minen beschossen worden war, sind jetzt 50 Tote aufgefunden worden.

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In Meidling haben die Schutzbündler noch den Wiener Berg besetzt.

Wien, 14. Febr. Im Bezirk Meidling setzten heute mittag Regierungstruppen zum Angriff auf das Meidlinger Gemeindehaus, einen ausgedehnten Gebäudekomplex, an, in dem sich die Schutzbündler verschanzt hatten. Die Regierungstruppen beschossen das Gebäude zwei Stunden lang mit Maschinengewehren. Schließlich wurde ein Panzerwagen eingesezt. Vor Eröffnung des Feuers war den Frauen und Kindern gestattet worden, mit ihren Sachen das Gemeindehaus zu verlassen. Von den Schutzbündlern wurde aus allen Fenstern das Feuer heftig erwidert. Eine Frau wurde durch Querschläger getötet. Der Kampf ist zur Stunde noch im Gange.

Die Krönung
36 sozialdemokratische Verbände und Vereine aufgelöst

Wien, 14. Febr. Die amtliche Nachrichtenstelle teilt mit: Das Bundeskanzleramt hat die Auflösung von insgesamt 36 sozialdemokratischen Vereinen verfügt. Darunter befinden sich sämtliche Zentralorganisationen der österreichischen sozialdemokratischen Partei, einschließlich der freien Gewerkschaften, deren Spitzenverband, der Bund der Freien Gewerkschaften Österreichs, ebenfalls der Auflösung verfallen ist. Die übrigen sind die sozialistischen Arbeitervereine, die Touristen- und Sportvereinigungen sowie die gesellschaftlichen Vereinigungen, die unmittelbar der sozialdemokratischen Partei angegliedert waren.

Held Munichreither
Der Schwerverwundete gehängt…

Wien, 14. Febr. Das vom Standgericht gegen den Schutzbündler Karl Munichreither verhängte Todesurteil ist um 16.41 Uhr durch den Strang vollzogen worden.

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Drei Stunden nach dem ungeheuerlichen Urteil des Wiener Standgerichtes wurde im Namen des Verfassungsbruches, im Namen des Staatsstreichs der Schutzbundführer Munichreither "gerichtet". Der Schwerverwundete mußte also die Rache der entmenschten Soldateska sehr schnell über sich ergehen lassen. Eine Ungeheuerlichkeit, die die ganzen verbrecherischen Methoden der österreichischen Gewaltmenschen und Faschisten der großen Oeffentlichkeit enthüllt. Das ist kein Richten, das ist grausamer barbarischster Mord.

Der Schutzbündler Munichreither war ein Held. Er wurde von der Meute der Reaktion kaltblütig und wohlüberlegt gemordet. Wie das die christlichen Heuchler, die in Oesterreich triumphieren wollen, mit ihrer Religion in Einklang bringen, bleibt allen religiös und menschlich Empfindenden unerklärlich. Munichreither ist tot. Die kämpfende Arbeiterschaft der ganzen Welt wird ihn und die Helden des Kampfes um Wien in ewiger Erinnerung behalten.

Auf der Tragbahre…

Wien, 14. Febr. Der Senat des Standgerichtes, der aus drei Oberlandesgerichtsräten zusammengesetzt ist, trat heute zum ersten politischen Standgerichtsprozeß zusammen. Gegen zehn Mitglieder des Sozialistischen Schutzbundes ist Anklage auf Aufruhr im Sinne des Standrechtes erhoben worden. Zwei der Angeklagten, die bei den letzten Kämpfen schwere Verletzungen erlitten hatten, mußten auf Tragbahren in den Sitzungssaal gebracht werden, sie wurden jedoch vom Gericht für verhandlungsfähig erklärt.

Bei den Angeklagten handelt es sich überwiegend um erwerbslose Arbeiter. Ein Abschluß der Verhandlung ist für heute noch nicht zu erwarten.

Weitere Standgerichte zusammengetreten

Wien, 14. Febr. Am Nachmittag sind drei weitere Standgerichte zusammengetreten. Angeklagt ist u. a. der Kommandant der Hauptfeuerwache in Floridsdorf, Ingenieur Weizel. Von dieser Wache wurde die Polizei wiederholt beschossen, wobei zehn Wachbeamte, darunter der Stabshauptmann Friedrich, getötet wurden.

*** Seite 7 ***

Labour bekundet Solidarität
Helft durch Taten

Der britische Gewerkschaftskongreß und die britische Labourpartei haben einen Hilfsaufruf veröffentlicht. In ihm sieht die organisierte britische Arbeiterschaft nunmehr ein, daß "die österreichische Regierung nicht einmal behaupten kann, von mehr als einem kleinen Bruchteil des Volkes gestützt zu werden." Die Abwehr gegen den Nationalsozialismus sei zur Entschuldigung für die Zerstörung der Freiheit und der parlamentarischen Demokratie gemacht worden. Die österreichische Arbeiterschaft habe ihr Aeußerstes zur Vermeidung eines Bürgerkrieges getan. Die österreichische Regierung habe darauf bestanden, sie zu provozieren. Deshalb erklärt die britische Arbeiterbewegung von neuem ihre Solidarität mit den österreichischen Arbeitern und deren Führern. Der Aufruf schließt mit der Bitte um Unterstützungsgelder für die Opfer der österreichischen Arbeiterklasse. Der "Daily Herald", das britische Arbeiterblatt, schließt seinen Leitartikel zu diesem Aufruf mit dem Satze: "Länder, die bisher geneigt waren, hilfsbereit gegenüber Oesterreich zu sein, werden sich nun eine neue Ansicht über einen Staat bilden, in welchem die Männer und Frauen des Volkes nicht die Freiheit haben, ihre Seelen ihr eigen zu nennen."

Ein geschichtliches Dokument
Wortlaut des Verbots der österreichischen Sozialdemokratie

Die Verordnung der Bundesleitung vom 12. Februar, wodurch der Sozialdemokratischen Partei die Betätigung verboten wird, hat folgenden Wortlaut:

§ 1. Der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs wird jede Betätigung verboten. Die bestehenden Organisationen dieser Partei sind aufgelöst; die Bildung neuer sozialdemokratischer Organisationen ist verboten. Es ist jedermann untersagt, sich irgendwie außerhalb dieser Organisationen für diese Partei zu betätigen. Das Tragen von Abzeichen dieser Partei ist untersagt.

§ 2. Auch die Ausübung eines Mandats im Sinne der Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs gilt als Betätigung für die Sozialdemokratische Partei und unterliegt dem Verbot des § 1.

§ 3. Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften des § 1 werden unbeschadet der allfälligen strafrechtlichen Verfolgung von der politischen Bezirksbehörde bzw. Bundespolizei mit Geldstrafe bis zu 2000 Schilling oder mit Arrest bis zu sechs Monaten bestraft. Diese Strafen können auch nebeneinander verhängt werden.

Ernster Konflikt in Aussicht"
Der "Sieger" Dollfuß

Paris, 15. Febr. Die Vorgänge in Oesterreich bilden weiter eines der Hauptthemata der französischen Presse.

In einem Artikel des "Journal" wird einleitend bemerkt, trotz der vorbeugenden Verhaftung einiger Führer hätten die Sozialdemokraten sehr beachtliche Kampfdisziplin bewiesen. Daß sie über Waffen verfügten, sei ein Beweis für die "Wirksamkeit" der Abrüstung und Kontrolle. England vertrete den Standpunkt, daß der Völkerbundsrat, wenn ihm der Streit vorgelegt werde, zunächst einmal wissen müsse, was Deutschland zu sagen habe, gerade als ob Deutschland etwas zu sagen habe, wenn die Ereignisse zu seinen Gunsten arbeiten, solange Italien nicht freimütig mit der Kleinen Entente zusammenarbeite und solange England nicht auf die Pontius Pilatus-Rolle verzichte. Es sei höchste Zeit, eine entschiedene französische Leitung zum Zusammenschluß der Energie und des gesunden Menschenverstandes aufzurufen. Der französische Außenminister Barthou habe da eine schöne Rolle vor sich.

Der sozialistische "Populaire" schreibt, Bundeskanzler Dollfuß habe durch seinen Gewaltstreich Oesterreich Hitler ausgeliefert. Wenn das österreichische Proletariat unterliege, würden sich die österreichischen Nationalsozialisten mit Unterstützung der deutschen Nationalsozialisten leicht der Regierungsgewalt bemächtigen. Die Sozialdemokratie sei die einzige demokratische Stütze in Oesterreich. Dadurch, daß Dollfuß sie verräterischerweise angegriffen und zur Erhebung gezwungen habe, habe er die Unabhängigkeit Oesterreichs verraten. Da Italien niemals zulassen werde, daß Deutschland Oesterreich mit Beschlag belege, sei ein ernster Konflikt in Aussicht.

"Le Jour" schreibt, selbst wenn die besiegten Sozialdemokraten nicht zu den Hitleranhängern überlaufen, würden Dollfuß und seine Verbündeten mit den Männern in Berlin sich um ihre Diktatur streiten müssen. Italien scheine an der Brennergrenze Truppen ausammenzuziehen. Würde sich aber das österreichische Nationalgefühl, das bisher den Anschluß verschmähte, sich nicht noch mehr gegen die Schutzherrschaft der Welschen auflehnen? Würde es sich nicht lieber den Brüdern im Norden hingeben?

Die ersten Flüchtlingsberichte
"Bis zu Ruinen zerschossene Häuser"

Dem Deutschen Nachrichtenbüro wird aus Preßburg gemeldet: Von Teilnehmern an den Kämpfen der beiden letzten Tage in Oesterreich erhält man hier eine Reihe von Tatsachenberichten, die in einer ganzen Reihe von Fällen mit den amtlichen Verlautbarungen der Wiener Regierung nicht im Einklang stehen. Besonders heftig tobten darnach die Kämpfe bis in die späten Nachmittagsstunden vom Dienstag um die ausgedehnten Wohnungsbauanlagen der Gemeinde Wien. Diese Wohnhausanlagen beherbergen Zehntausende von Mietern, meist Arbeiter, darunter auch zahlreiche Nationalsozialisten, die sich am Kampfe nicht beteiligten, trotzdem aber die Gebäude nicht verlassen konnten, weil sie teils durch die schwerbewaffneten Schutzbündler, teils durch die Belagerung durch das Militär daran gehindert wurden. Unter den Hunderten von Toten und Verletzten, die in diesem riesigen Gebäudekomplex eingeschlossen sind, befinden sich auch zahlreiche unschuldige, an den Kämpfen überhaupt nicht beteiligte Opfer, die selbst Antimarxisten waren. Nachdem eines der vielen Häuser am Dienstagnachmittag von Polizei und Militär besetzt war, ergab sich, daß es bereits vollkommen zusammengeschossen und sämtliche Insassen entweder tot oder schwer verletzt waren. Erst dann gelang es den Regierungstruppen, dieses zur Ruine zerschossene Gebäude zu besetzen. Unausgesetzt fuhren dann auch Sanitätsautos und Leichenwagen vor, um die Opfer fortzuschaffen.

Besonders heftig tobten die Kämpfe um das marxistische Arbeiterheim Ottakring, das ebenfalls als Festung ausgebaut war. Es verlautet gerüchtweise, daß die Explosion des Gasometers durch einen Fehlschuß der Regierungsartillerie verursacht wurde. Nicht minder heftig waren die Kämpfe um die größte Gemeindewohnbauanlage in Heiligenstadt und um den Bahnhof dieses Vorortes. Die Polizei stürmte am Dienstag mehrmals den Bahnhof, der im Laufe des Tages öfters den Besitzer wechselte. Auf beiden Seiten muß es Dutzende von Toten und Verwundeten gegeben haben. Der Karl-Marx-Hof, dieser einer mächtigen natürlichen Festung gleichende Wohnbaukomplex, wurde am Dienstag in den Nachmittagsstunden unter Artilleriefeuer genommen. Die Marxisten erwiderten das Feuer heftig. Einige Gebäudeteile wurden vom Artilleriefeuer umgelegt. Was alles unter den Trümmern liegt, läßt sich noch nicht feststellen. Auch hier sind zahlreiche Nichtmarxisten dem Kampf zum Opfer gefallen. In den Dienstagvormittagsstunden fuhr in gedeckter Stellung eine Batterie von Feldhaubitzen an, die den Schlingerhof unter Feuer nahm.

Bewaffnete Aktion?
Italien und Oesterreich

dnb. Paris, 15. Febr. Havas berichtet aus Rom: Entgegen gewissen ausländischen Nachrichten, wonach die italienische Regierung bei den Regierungen in London und Paris wegen eines militärischen Eingreifens zugunsten der österreichischen Regierung sondiert habe, scheine es, daß Italien weder mit Gewalt noch anderswie in die österreichischen Ereignisse einzugreifen gedenke, die ausschließlich in den Bereich der Innenpolitik gehörten. Jedenfalls ließe sich, so erkläre man, eine Unterstützung Oesterreichs von außen her nur rechtfertigen, wenn Oesterreich von außen her militärisch bedroht wäre. Nichts aber erlaube die Annahme, daß diese Frage für den Augenblick ins Auge gefaßt werden könne.

Nach einer römischen Meldung der Radioagentur erkläre man dort hinsichtlich der Eventualität eines bewaffneten Eingreifens Italiens, daß Italien jedenfalls nicht zu einer isolierten Aktion schreiten werde.

Deutsche Freiheit
Nummer 40 – 2. Jahrgang 
[27]
Saarbrücken, Samstag, den 17. Februar 1934

*** Seite 1 ***

Gegenrevolution und Kriegsgefahr
Europäische Folgen der österreichischen Blutarbeit gegen die Sozialdemokratie

Mitteleuropäische Explosion

Paris, 16. Februar.

A. Sch. Wenn die Banden Feys und Starhembergs das ganze Wien besetzen werden, wird die Faschisierung des deutschen Mitteleuropa restlos durchgeführt werden. Aber es wird kein endgültiger Sieg des Faschismus sein. Erst jetzt wird sich die ganze Schwäche und Faulheit des Systems Dollfuß-Fey-Starhemberg erweisen. In wenigen Tagen werden die blutbefleckten Sieger, die Gallifets in Lederhosen, von neun Zehnteln des österreichischen Volkes abgelehnt und veranlaßt, sich mit dem echten, dem hitlerschen Faschismus auseinandersetzen müssen. Ohne jede Massengrundlage im Lande, mit dem zerfetzten Staatsapparat, innenpolitisch ausgehöhlt, außenpolitisch auf tönernen Füßen, wird der Heimwehrfaschismus das blutende Land und den angriffslustigen, gierig auf seine Beute lauernden Hitlerfaschismus vor sich […] [28] den Anfang der mitteleuropäischen Explosion. Der Abschluß bedeutet den Krieg, wie auch der Kampf um die österreichische Erbschaft, einmal zwischen Deutschland, Italien und der Kleinen Entente entbrannt, zum Krieg führen muß.

Der deutsche Faschismus wollte die "Süd-Nord"-Richtung von Schleswig bis Sizilien durchstoßen und für seine Bündnispläne offenhalten, auf solche Weise die "West-Ost-Richtung der europäischen Politik durchbrechen, Frankreich von seinen Verbündeten im Osten trennen. Jetzt hat er diese "Nord-Süd"-Richtung vor sich, kann aber ihre inneren Gegensätze nicht bewältigen. Der Traum Hitlers, sich in Braunau feiern zu lassen oder gar im Stefansdom in Wien zum deutschen "Volkskaiser" proklamiert zu werden, kann teuer bezahlt werden. Jetzt wird ganz Europa erfahren, und selbst die konservative englische und französische Presse muß das heute gestehen, daß die österreichische Sozialdemokratie der letzte Schutzwall des Friedens in Mitteleuropa war. Mit der Besitzergreifung Oesterreichs schlägt sich die Gegenrevolution in den Krieg um. Die Heimwehrfahne über dem Wiener Rathaus bedeutet nicht den Anfang der faschistischen Stabilisierung, sondern die Heraufsetzung des roten Hahnes auf das Dach des faschistischen Mitteleuropa. Das in Oesterreich einmal gestörte europäische Gleichgewicht kann mit den Mitteln der kapitalistischen Außenpolitik nicht mehr hergestellt werden. Der über die Leichen der österreichischen Arbeiter marschierende Heimwehrfaschismus ist der Brandstifter Europas. Zum zweiten Male wird der europäische Krieg in den Kämpfen um die Donau vorbereitet.

Bewaffnete Intervention?
"Für den Augenblick" nicht – Die Lage beunruhigend

dnb. Paris, 16. Febr. Der offiziöse "Petit Parisien" tritt dem Gerücht eines bevorstehenden militärischen Eingreifens Italiens bzw. der vier Mächte, die durch den Vertrag von 1922 die Unabhängigkeit Oesterreichs garantiert haben (Frankreich, England, Italien, Tschechoslowakei), entgegen. Dieses Gerücht beruhe für den Augenblick auf keiner ernsten Grundlage. Es sei gegenwärtig nur von der Anrufung des Völkerbundes die Rede, die durch den Bundeskanzler auch noch nicht offiziell vorgenommen worden sei. Immerhin sei die Lage beunruhigend. Sie beschäftige in starkem Maße auch das englische Kabinett, das bisher in der österreichischen Frage eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau getragen.

Kein Einmarsch
Aber…

Prag, 16. Febr. Zu den Ereignissen in Oesterreich erklärte Minister Dr. Krofta, daß die Nachrichten und Gerüchte, wonach die Tschechoslowakei in Oesterreich einmarschieren würde, um dort Ordnung zu machen, nicht zuträfen. Wenn aber irgendein Staat die Grenze überschreite oder in die österreichischen Verhältnisse eingreifen würde, so würde die tschechoslowakische Regierung nicht schweigen.

Große diplomatische Aktion?

dnb. Paris, 16. Febr. Dem "Matin" wird aus Rom gemeldet: Man fühle dort, daß die Niederzwingung des Aufstandes in Oesterreich nicht das Problem löse, das darin bestehe, das Ansehen und die Unabhängigkeit des Staates restlos wiederherzustellen. Man wisse, daß die Hitlersche Propaganda das Spiel nicht verloren gebe, im Gegenteil, das Nationalsozialismus werde die Unterdrückungsmaßnahmen auszubeuten suchen und verssuchen, den Volkshaß für sich auszunutzen. Aus all diesen Gründen sei Rom der Ansicht, daß es höchste Zeit sei, eine internationale Verständigung und Aktion zu unternehmen, um in Oesterreich die Zentralregierungsmacht zu stärken und Deutschland einzuschüchtern. Der Meinungsaustausch der letzten beiden Tage scheine zu einer gemeinsamen feierlichen Erklärung der Mächte führen zu sollen. England, Frankreich und Italien würden gemeinsam ihren entschiedenen Willen betonen, die Wiener Regierung zu stützen und nicht zuzulassen, daß der Sicherheit der kleinen österreichischen Republik Abbruch getan werde. Was die Inanspruchnahme des Völkerbundes anbetreffe, so scheine Italien, obwohl es dieses nicht als das beste Mittel, zu einem positiven Ergebnis zu kommen, betrachte, sich mit einer Anrufung des Völkerbundes einverstanden erklären, wenn die österreichische Regierung dies wolle.

Das "Echo de Paris" wirft übrigens die Frage auf, ob es nicht angebracht wäre, daß angesichts des Zögerns der österreichischen Regierung eine andere Macht als gerade Oesterreich den notwendigen Antrag beim Völkerbund stelle.

Vandervelde an den Völkerbund
Eingreifen des Völkerbundes gefordert

Genf, 16. Febr. Der Präsident der 2. Internationale hat an den Generalsekretär des Völkerbundes ein Telegramm gerichtet, worin der Völkerbund ersucht wird, unverzüglich in den Konflikt zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und der Exekutive einzugreifen, der eine öffentliche Bedrohung des Friedens darstelle und internationale Verhandlungen nach sich ziehen könne.

Henderson hat gewarnt

dnb. London, 16. Febr. Dr. Hugh Dalton, der in der letzten Arbeiterregierung Unterstaatssekretär des Aeußern war, sagte am Donnerstagabend in einer Rede: Als Henderson noch Staatssekretär des Aeußern war, richtete er an die österreichische Regierung eine ruhige Warnung, die besagte, wenn die Regierung einen Bürgerkrieg hervorrufe, werde sie mit einer ungünstigen Haltung der britischen Regierung zu rechnen haben. Hätte die jetzige Regierung gemeinsam mit der französischen Regierung eine solche Warnung ergehen lassen, so hätte dem Blutvergießen in Wien Einhalt getan werden können. Dalton fügte hinzu, Hendersons Warnung sei privatim erfolgt.

"Hinrichtungsorgie"

dnb. London, 16. Febr. In der Presse, deren Hauptinteresse nach wie vor den österreichischen Vorgängen gilt, wird allgemein die Hoffnung ausgesprochen, daß es nicht zu der von den Sozialisten vorausgesagten "Hinrichtungsorgie" kommen werde. Der diplomatische Korrespondent des "Daily Telegraph" erfährt, die britische Regierung habe in der diskretesten und freundschaftlichsten Weise dem Bundeskanzler und der österreichischen Regierung gegenüber der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese Milde zeigen werde. Die neue französische Regierung habe, wie es heißt, in Wien ähnliche Ratschläge gegeben. Großbritanniens Rat sei im Verlaufe diplomatischer Erörterungen gegeben worden und habe keinen formellen Schritt bedeutet.

12. Februar 1934
Von Marius Alter

(mit der Fortsetzung von S. 2)

An demselben Tage, an dem die Pariser Arbeiter in der langersehnten Einheitsfront den friedlichen Demonstrationsstreik von imponierender Wucht durchführten, bricht ein anderer Generalstreik auf Tod und Leben aus. Nein, er wird eigentlich schon mit der Gewißheit des heldenhaften Unterganges von der österreichischen Arbeiterschaft unternommen. Die tragische Stunde der österreichischen Sozialdemokratie kommt heran – der niederträchtige Faschismus der Mussolini-Heimwehren holt zum Schlage aus. Der Austro-Marxismus, der stets auf Vorposten der 2. Internationale stand, rettet diesmal wirklich in heldenhaftem Todeskampfe die Ehre des deutschen, ja des gesamten europäischen Proletariats. Die Artilleriegeschosse der Mussolini-Banden zerstören die Wohnbauten, die sich die Wiener Arbeiterschaft in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut hatte. Aber die Maschinengewehre des Schutzbundes antworten ihnen.

Das Versagen deutscher Arbeiterführer am 20. Juli 1932 und bei anderen Gelegenheiten hat die österreichische Arbeiterklasse mit in diese Katastrophe hineingerissen. Aber einen neuen 20. Juli erlebt sie an ihrem 12. Februar nicht. Der Fleck der kampflosen Kapitulation, der die deutsche Arbeiterklasse brannte, wird an diesem Tage ausgetilgt. Schwerer ja noch als die physische war die moralische Niederlage des deutschen Proletariats gewesen. Und mehr noch als das Sinken seiner Kampfkraft in der Krise hatte die Verwirrung des Bewußtseins seine Niederlage verursacht. Auch die österreichische Arbeiterschaft muß physisch in einem ungleichen Kampfe unterliegen. Da sie in seelischer Einheit mit sich selbst und in starkem Glauben an die Wahrheit der sozialistischen Idee von momentaner Uebermacht bezwungen wird, kann ihr Endkampf nicht vergebens sein.

Der 12. Februar 1934 sah die Einheitsfront der Pariser Arbeiter und den Heldenkampf der Kommune von Wien. Von diesem Tage wird ein neuer Abschnitt in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung beginnen. Die Fehler der Vergangenheit werden gesühnt, die Schwächen des Glaubens überwunden werden, die Zerrissenheit wird einem starken, in sich einigen Bewußtsein weichen.

Die Pariser Kommune, die 1871 unter dem Stiefel des Militärs verröchelte, erlebte ihre Auferstehung im Petersburger und Moskauer Sowjet. Die österreichische Sozialdemokratie wird wieder auferstehen in der revolutionären marxistischen Einheitspartei, die dem Faschismus den Todesstoß versehen wird. Nach dem entsetzlichen Kollaps der deutschen Arbeiterbewegung von 1933 war die Aufrichtung einer neuen Fahne notwendig, eine neue Tat mußte geschehen, an der sich die Gegenwart aufrichten, von der die Zukunft melden kann. Ein neuer Mythos mußte geschaffen werden, um ihn all den eklen Lügen-Mythen der Faschisten entgegenzustellen. Im Herbst 1933 wurde der Eine Dimitroff zum weithin sichtbaren Sinnbild. Jetzt aber ist endlich die Klasse selbst wieder kämpfend, wenn auch noch nicht siegend, auf den Plan der großen Geschichte getreten. So müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn dies kämpfende Ende nicht zugleich der Beginn würde für die Epoche des Gegenschlags. Es geht mit dem Teufel, denn es geht mit dem Faschismus zu! Aber noch immer ist eine mit der Zukunft im Bunde stehende Klasse mit solchen Teufeln fertig geworden! Höher zählt im Haushalt der Geschichte die Niederlage im Kampfe, selbst als der zufällige und nicht erkämpfte Sieg. Jawohl, Du lieber kämpfender Genosse und Sänger der Wiener Arbeiterschaft : "Das Gesetz der Zeit steht im Manifest und im 18. Brumaire!"[29] und wir grüßen Euch überall, wo ein sozialistisches Herz schlägt, Euch, "Bauvolk der kommenden Welt, Euch Arbeiter von Wien!" [30].

Der Marsch nach Ebensee

Die Stadt Ebensee im Salzkammergut ist vom Schutzbund besetzt worden In den frühen Morgenstunden überfielen Schutzbündler die Polizei und, ohne daß ein Schuß fiel, gelang es ihnen, die gesamten Polizeikräfte von etwa 15 bis 20 Mann zu entwaffnen und einzusperren, daraufhin besetzten sie die Salzwerke und die Textilfabrik, wo sie die Arbeiter zur Niederlegung der Arbeit zwangen. Dann wurden die Straßen zwischen Gmunden und Ebensee verbarrikadiert. Die Bergstraße, die an einer Felswand vorbeiführt, wurde durch eine Sprengung der Bergwand verschüttet. Das Postamt ist besetzt worden. Regierungstruppen befinden sich auf dem Marsch nach Ebensee, doch erwartet man, daß sie auf hartnäckigen Widerstand stoßen werden, da die Schutzbündler ausgezeichnet bewaffnet sind und sich in einer strategisch vorteilhaften Lage befinden. Auf der einen Seite ist das sogenannte Feuervogelgebirge, während auf der andern Seite von Ebensee der Traunsee liegt. Die verschiedenen Bergstraßen sind von Maschinengewehrnestern auf beiden Seiten der Wege besetzt, so daß herannahende Truppen ins Kreuzfeuer genommen werden können…

Vierzig Minen!
Auf einen einzigen Gebäudekomplex

Mit wahrer Tapferkeit und mit welchem eisernen Widerstandswillen von den sozialdemokratischen Schutzbündlern gekämpft wurde, zeigt die Tatsache, daß gegen den Schlingerhof im 21. Bezirk vierzig Minen geworfen wurden, ehe er sich ergab. Man erwäge, daß diese grauenhafte Kampfhandlung der Regierungstruppen sich gegen einen Hausblock abspielte, in dem sich viele hunderte Frauen und Kinder aufhielten.

Im belagerten Karl-Marx-Hof, der von über 2000 Familien bewohnt ist, vergiftete sich während der Kämpfe eine Mutter mit ihrem Kind, weil sie die furchtbaren Ereignisse nicht mehr ertragen konnte. Der als Schwerverwundeter zum Galgen geschleppte Schuzbündler Munichreither hinterläßt Frau und drei Kinder. In der Floridsdorfer Kampfzone soll ein Raubmörder die Gelegenheit zu einem persönlichen Racheakt benüzt haben, indem er ein Ehepaar aus dem Hinterhalt erschoß.

Nach bürgerlichen Pressemeldungen sollen bis Donnerstag: vormittag bei mehreren Polizeikommissaren und Wachstuben 34 Maschinengewehre, 1000 Gewehre, mehr als 40 000 Schuß Munition und eine große Anzahl von Handgranaten abgeliefert worden sein.

"Säuberung" und Raub
Nach deutschem Vorbild

Wien, 16. Febr. Wie das "Neuigkeits-Weltblatt" meldet, gibt die Generaldirektion der Bundesbahnen einen Dienstbefehl aus, wonach sämtliche Bahnbeamten die sozialdemokratischen Mandate innehaben, sich sofort bei ihren vorgesetzten Dienststellen zu melden haben. Gegen die Beamten werden eventuell ein Strafverfahren eingeleitet oder der Antrag auf Strafverfolgung durch die zuständigen Gerichte gestellt. Die Bediensteten würden zur effektiven Dienstleistung nicht zugelassen, sondern sofort suspendiert oder in den dauernden Ruhestand versetzt. Es besteht in Regierungskreisen die Absicht, zur Gutmachung der durch die Ereignisse der letzten Tage entstandenen wirtschaftlichen Schäden in Wien und einzelnen Bundesgebieten die Privatvermögen der geflüchteten oder verhafteten sozialdemokratischen Führer, die ein Mitverschulden an den Ausschreitungen trifft, einzuziehen. Der Besitz der sozialdemokratischen Gewerkschaften soll der Regierung verfallen.

Schüsse aus Nervosität

bnb, Wien, 16. Febr. Gegen Mitternacht kam es am Donnerstag in drei verschiedenen Stadtteilen zu Schießereien, die sich jedoch bei sorgfältiger Nachprüfung als Ergebnis der Uebermüdung und Nervenanspannung der Exekutivorgane darstellten. Ein Posten hatte aus einem kleinlichen Anlaß einen Schuß abgegeben und ganze Postenketten hatten darauf das Feuer aufgenommen. Aber zur gleichen Zeit begann bereits die Lockerung der Alarmbereitschaft. Zahlreiche Mannschaften sind in ihre Quartiere zurückgekehrt. Das Heerlager im Polizeipräsidium hat aufgehört.

"Ruhe"
Alarmzustand und Standrecht

Wien. 16. Febr. In den Abendstunden des Donnerstags herrschte in der Stadt Ruhe. Der allgemeine Alarmzustand und das Standrecht bleiben weiter bestehen, da immer noch mit der Möglichkeit eines neuen Aufflackerns der Kämpfe gerechnet wird. Die Entwaffnungsaktion gegen die Schutzbändler wird weiter fortgeführt. Die Anzahl der Toten steht immer noch nicht fest. Nach einer privaten Schätzung soll der Schutzbund ungefähr 1000 Tote in Wien und 500 Tote in den Ländern zu beklagen haben. Die Untersuchung nach der Herkunft der Waffen der Schutzbündler hat ergeben, daß ein Teil aus dem Weltkrieg kommt, ein anderer Teil jedoch ohne Zweifel tschechoslowakischer Herkunft ist.

Die Rettungsgesellschaft

dnb. Wien, 16. Febr. Einen gewissen Anhaltspunkt bei der Abschätzung der Verwundeten der gesamten Kampfhandlungen findet man in einem Bericht der Freiwilligen Rettungsgesellschaft, die die Zahl der Stadtausfahrten auf mehr als 500 angibt. 19 Aerzte, 11 Beamte, 60 Sanitätsgehilfen und 20 Chauffeure als Berufspersonen und außerdem eine stattliche Reihe von Aerzten als freiwillige außerordentliche Helfer seien ständig in Tätigkeit gewesen, und ununterbrochen seien die 20 Rettungsautos und außerdem freiwillige Automobilisten an die bedrohten Stellen gefahren.

Grenzsperre

dnb. Budapest, 16. Febr. Laut einer Meldung aus Oedenburg hat die österreichische Regierung das Ueberschreiten der österreichisch-ungarischen Grenze zu Fuß und mit Fahrzeugen bis auf weiteres verboten.

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Julius Deutsch – Otto Bauer
Die Führer bis zuletzt in der Kampflinie

Preßburg, 16. Februar 1984. (Eigener Bericht.)

Der Schutzbundführer Dr. Julius Deutsch und der österreichische Nationalratsabgeordnete Otto Bauer sind hier eingetroffen. Deutsch ist durch einen Granatsplitter verwundet.

Die beiden sozialdemokratischen Führer erklären, daß sie mit Rücksicht auf ihre in den Händen der Bundesregierung befindlichen Genossen noch keine näheren Angaben über die Kampftage in Wien und ihre persönlichen Erlebnisse machen wollen. Gegenüber unwahren Behauptungen der Regierung aber erklären Deutsch und Bauer:

Als der Justizminister Schuschnigg am Radio behauptete, beide Genossen seien geflohen und hätten die Arbeiter auf den Barrikaden allein gelassen, befanden sich Deutsch und Bauer inmitten der kämpfenden Arbeiter Wiens auf ihrem Posten.

Als der Vizekanzler Fey am Radio verkündete, Deutsch und Bauer seien in Prag eingetroffen, standen beide nach wie vor in der Wiener Kampflinie.

Erst als überall die Kampfhandlungen aufgehört hatten, die beiden Führer isoliert und abgeschnitten waren, haben sie, um der unmittelbar drohenden Gefahr der Gefangennahme und der Aburteilung zu entgehen, Wien verlassen und sind auf verschiedenen Wegen zur tschechoslowakischen Grenze gelangt.

In der Nähe von Preßburg haben auch 47 Floridsdorfer Schutzbündler, die sich auf dem Rückzug von Floridsdorf bis an die Grenze durchgeschlagen haben, tschechischen Boden betreten. Die Schutzbündler sind von den tschechsichen Behörden entwaffnet worden.

Der Uebermacht erlegen
Heimkehr der "siegreichen" Truppen

Wien, den 16. Februar 1934.

Nachdem der Laaer Berg und die Stützpunkte in Floridsdorf, Kagran, Stadlau und der Karl-Marx-Hof sich ergeben haben, sind die letzten Hauptwiderstandszentren der Schutzbündler durch die Uebermacht der Exekutive niedergekämpft. Aeußerlich herrscht vollständige Ruhe in Wien, und man sieht Artillerie, Infanterie und Polizeimannschaften abgekämpft in ihre Kasernen einrücken. In einzelnen Gemeindebauten, die noch gestern umkämpft waren, sind schon Handwerker an der Arbeit.

Es ist aber durchaus noch mit neuen Zusammenstößen zu rechnen, da große Gemeindehäuserblocks noch nicht nach Waffen durchsucht werden konnten. Die Reste der Schutzbundtruppen, die sich nach Kagran und Hirschstetten zurückgezogen haben, mußten sich am Donnerstagmittag den Regierungstruppen ergeben. Auf dem Karl-Marx-Hof und den anderen großen Gemeindehäusern wehen aus zahlreichen Fenstern und von den Dächern weiße Fahnen aus Leinentüchern.

Die Regierung meldet, daß aus den Gemeindehäusern in sechs Bezirken nach der Rundfunkansprache des Bundeskanzlers Abordnungen der Mietparteien bei der Polizei erschienen und ihre bedingungslose Unterwerfung unter die Staatsgewalt erklärt hätten. Nach derselben Meldung soll sich der frühere Kommandant des aufgelösten Republikanischen Schutzbundes der Polizei gestellt haben.

Das Vermögen der aufgelösten Sozialdemokratischen Partei, der freien Gewerkschaften und der sonstigen sozialdemokratischen Vereine, mit Ausnahme der Krankenkassen, wird vom Staate eingezogen und als verfallen erklärt.

Von dem geflüchteten Kommunistenführer Koloman Wallisch wird angenommen, daß er sich nach Südslawien in Sicherheit zu bringen trachte. Auch der sozialdemokratische Bürgermeister von Voitsberg, Steiner, ist geflüchtet.

Diktatorisches Vorgehen
Sicherung des "Sieges"

Klagenfurt, 16. Febr. Der Kärtner Landeshauptmann Kernmeier, der den Nationalsozialisten nahesteht, ist vom Bundeskanzler Dr. Dollfuß telegrafisch aufgefordert worden, seine Funktionen zurückzugeben. Daraufhin hat er, wie das "Neuigkeits-Weltblatt" meldet, geantwortet, daß er ein frei gewählter Vertreter der Bevölkerung sei und keinen Anlaß finde, der Aufforderung des Bundeskanzlers nachzukommen. Das Blatt erwartet, daß entweder die Bundesregierung von ihrer Autorität Gebrauch machen und den Landeshauptmann direkt abberufen werde, oder daß der Landtag dem widersätzlichen Landeshauptmann ein Mißtrauensvotum erteilen werde.

Wie das "Neuigkeits-Weltblatt" mitteilt, hat gestern vormittag die christlich-soziale Fraktion des Parlaments einstimmig das energische Vorgehen der Landesregierung gegen die Aufrührer sowie die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei gutgeheißen. Die Fraktion wird mit dem Bundeskanzler in den nächsten Tagen in Fühlung treten und ihn noch einmal der Unterstützung der Partei bei seinem Aufbauwerk versichern. Auch sei der Gedanke erwogen worden, das Parlament wieder einzuberufen, da ja durch die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei die sozialdemokratischen Mandate ruhen müssen und der Regierung zur Beschließung eines besonderen Vollmachtengesetzes eine absolute Mehrheit zur Verfügung stünde.

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Dollfuß, Beauftragter Mussolinis
Anklage gegen ihn aus der ganzen Welt

Der heldenmütige Kampf der österreichischen Sozialdemokratie hat in Frankreich und England eine lebhafte Erregung ausgelöst. Die Linksgruppen stehen überall mit ihren Sympathien auf der Seite der Freiheitskämpfer in Oesterreich. Aber auch die Rechtsgruppen erkennen, daß Dollfuß mit den Heimwehrverbrechern im Auftrage Mussolinis handelt, der ein von ihm abhängiges Oesterreich durch Dollfuß schaffen will, um so seinen Machtbereich in das Herz Europas zu erweitern. Die Staaten der Kleinen Entente fühlen sich durch diese Aktion stark beunruhigt und schließlich auch bedroht. Sie werden durch die Faschisierung Oesterreichs eingeklemmt in den Faschismus mussolinischer und nationalsozialistischer nationalsozialistischer Couleur. Benesch war in London und hat bestimmt bei dieser Gelegenheit auch das englische Außenministerium auf die in Zentraleuropa durch den Staatsstreich der Heimwehren heraufbeschworene gefährliche Situation aufmerksam gemacht. Simon hat auch im Unterhaus auf die Anfrage des Arbeiterparteilers Attlee von den "ernsten und sehr betrüblichen Ereignissen in Oesterreich" gesprochen, die die eng lische Regierung genau beobachte. Auch ist es so gut wie sicher, daß im Völkerbundsrat die Lage anläßlich des Anrufens dieser Institution durch Dollfuß wegen des Einbruchs der Nationalsozialisten ernstlich besprochen wird.

Die Attacke Fey-Starhemberg-Dollfuß zieht demnach auch ihre außenpolitischen Kreise.

Die englische Regierung bestürzt

London, 15. Febr. Im Unterhaus stellte der Abgeordnete Attlee im Namen der Opposition die Frage, ob der Außenminister angesichts der Ereignisse in Oesterreich Schritte zur Herbeiführung einer baldigen Sitzung des Völkerbundes tun wolle. Simon erwiderte hierauf, daß die "ernsten und sehr betrüblichen Ereignisse" in Oesterreich von der englischen Regierung genau beobachtet würden. Dem Unterhaus sei bekannt, daß die österreichische Regierung im Zusammenhang mit der internationalen Lage beschlossen habe, den Völkerbund anzurufen. Was die innere Lage Oesterreichs betreffe, so sei er überzeugt, das Haus werde den Grundsatz beherzigen, daß ein Land nicht berechtigt sei, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen. Der Arbeiterabgeordnete Gocks erklärte dazu, daß Oesterreich doch in einer besonderen Lage sei und daß die Mächte sich andauernd in seine Angelegenheiten einmischten. Der konservative Abgeordnete Soverville meinte, daß die sozialistische Agitation alle Verwirrung in Oesterreich verursacht habe. Hierauf ertönte lautes: "Nein, nein!" von den Bänken der Arbeiterpartei. Der Arbeiterparteiler Wedgwood fragte dann, ob die englische Regierung der österreichischen Regierung klar machen wolle, was für einen schlechten Eindruck das Aufhängen von österreichischen Sozialdemokraten in England mache. (Rufe von der Ministerbank: O, o!) Der Arbeiterabgeordnete Bevan fügte hinzu: "Und das Niederschießen von Frauen und Kindern!" Thorns (Arbeiterpartei) fragte schließlich: "Sind die Sozialisten nicht die friedlichsten Leute der Welt?" Auf die letzten Fragen wurde von der Regierung keine Antwort mehr erteilt.

Amerika sagt: "Dollfuß schwächt seine Lage"

Neuyork, 15. Febr. Ueber die Entwicklung der blutigen Ereignisse in Oesterreich wird von der Presse seitenlang mit großen Schlagzeilen berichtet. "Neuyork Times" bemerkt in einem Leitartikel, es sei nahezu unmöglich, aus der Ferne genau festzustellen, wer für den Bürgerkrieg verantwortlich sei. Hingegen urteilt "Herald Tribune", daß selbst aus den zensierten Nachrichten, die aus Oesterreich eintreffen, immer klarer hervorgehe, daß Dollfuß einen Fehler begangen habe. Das Vertrauen der Welt in Dollfuß sei erschüttert, und dadurch, daß er nunmehr Haß gegen sich selber erzeuge, schwäche er seine Lage.

Der Mord an Schwerverletzten
Die Welle der Empörung

Preßburg, 15. Febr. Es werden jetzt Einzelheiten über die Hinrichtung des Schutzbundführers Munichreiter bekannt. Die Hinrichtung dieses Schwerverletzten durch die Wiener Exekutivbehörde hat die Erbitterung der Bevölkerung ins Unermeßliche gesteigert. Munichreither, der durch mehrere Schüsse schwer verletzt war, wurde danach auf einer Tragbahre zum Standgericht, ebenfalls auf einer Tragbahre zum Galgen geschafft, von der Bahre aus unter den Galgen gesetzt und – obwohl fast bewußtlos – erhängt. Auch zahlreiche Ausländer haben ihrer ungeheuren Empörung über die bestialische Hinrichtung eines Schwerverletzten durch die Regierung Dollfuß Ausdruck gegeben und erklärt, daß damit auch die letzten Sympathien für das Gewaltsystem Dollfuß bei ihnen geschwunden seien.

"Begnadigt"
Zehn Jahre Kerker

Wien, 15. Febr. Der am Donnerstag vom Standgericht zum Tode durch den Strang verurteilte Schutzbündler Kalab ist zu 10 Jahren schweren Kerkers begnadigt worden. In Regierungskreisen wird jetzt zu den in Wien, Steyr und St. Pölten einberufenen Standgerichtsverhandlungen die Auffassung vertreten, daß Todesurteile nur für die Führer (von denen man aber doch verleumderisch behauptete, daß sie geflohen seien) des Schutzbundes, nicht aber für die von den Führern zur Teilnahme am Aufstand "gezwungenen"(Das ist eine niederträchtige Verleumdung der Freiheitskämpfer. D. Red.) Arbeiter in Frage kommen können.

Wettrennen um Faschistengunst
Jeder wollte der Erste sein…

Das DNB. bringt folgende Enthüllungen über das Techtelmechteln der Heimwehrführer mit den Nazis, das das Intrigantenspiel, das dem Fey-Putsch vorausging, in ein neues Licht setzt. Demnach haben die Heimwehrakteure zwischen Hitler und Mussolini geschwankt und sich dann so eingesetzt, wie es der Meistbietende wollte. Hier die Meldung:

dnb. Berlin, 15. Febr. Es ist bereits bekannt, daß die drei österreichischen Machthaber Dollfuß, Fey und Starhemberg sich gegenseitig mißtrauen und jeder hinter dem Rüden des anderen versucht, mit den Nationalsozialisten Fühlung zu nehmen. Dollfuß hat vor einiger Zeit auch die Fühlungnahme mit den Sozialdemokraten versucht, bis die Ereignisse ihn dann in die jetzige Richtung gedrängt haben.

Bekanntlich stellte der niederösterreichische Heimwehrführer Graf Alberti, der in der Wohnung des Wiener Gauleiters der NSDAP, Frauenfeld, verhaftet und in das Konzentrationslager Wöllersdorf gebracht worden war, fest, daß er die Verhandlungen mit Frauenfeld im Auftrage von Starhemberg geführt habe. Er ließ einen Aufruf an den niederösterreichischen Heimatschutz herausgehen, in dem er bereits feststellte, daß er die Verhandlungen mit Frauenfeld im Auftrage Starhembergs geführt habe. Er sei nur zurückgetreten, um dem Heimatschutz die Lage zu erleichtern. Starhemberg stritt alles ab, beschimpfte Graf Alberti und bezichtigte ihn der Anzettelung einer Verschwörung hinter seinem Rüden.

Die nationalsozialistische "Schlesische Tageszeitung" in Breslau ist nun in der Lage, eine Erklärung Graf Albertis über diese Vorgänge im Faksimile zum Abdruck zu bringen. Damit ist der schlüssige Beweis erbracht, daß Starhemberg seine eigenen Untergebenen verrät und ins Konzentrationslager schickt, wenn es ihm gerade gut erscheint, obwohl sie docj nurin seinem Auftrage handelten.

Der Brief hat folgenden Wortlaut:

16. Januar 1984.

Für den Fall meiner Verhaftung erkläre ich, daß ich die Niederlegung der Landesführerstelle widerrufe.

Ich habe alle Besprechungen mit den Nazis mit Kenntnis und Zustimmung des Bundesführers geführt und ihm über alles berichtet. Die Niederlegung meiner Führerstelle in NÖ. erfolgte nur deshalb, um dem BF. und dem Hesch die Situation zu erleichtern.

Graf Albert

"BF." ist der Bundesführer, "Hesch" der Heimatschutz und "NÖ" bedeutet Niederösterreich.

"Wehe, wir haben gesiegt"
Bis zuletzt heldenhafter Widerstand

Wien, 15. Februar 1934.

Die Regierung bemüht sich "Siegeskundgebungen" zu veröffentlichen.

Der Bezirk Simmering ist jetzt bis zu der von den Truppen gezogenen Sperrlinie, dem Bahndamm der Aspern-Bahn, gesäubert worden. Das jenseits liegende Gebiet soll heute nacht gesäubert werden.

Der Bezirk Simmering zeigt überall die Spuren der schweren Kämpfe der letzten Tage. Fast alle Häuser weisen Spuren von Schüssen auf. Besonders schwer sind die Gemeindehäuser mitgenommen, um die einzeln gekämpft worden ist. Granaten haben tiefe Löcher in das Mauerwerk geschlagen. Maschinengewehrsalven haben überall deutliche Spuren hinterlassen. Hier wurde Gebirgsartillerie eingesetzt.

Die Einnahme des seit Tagen schwer umkämpften Laaer Berges vollzog sich, wie verlautet, am Donnerstagnachmittag entgegen allen Erwartungen ohne weitere Kampfhandlung. Auf die Aufforderung der Truppen zur Uebergabe räumten die Schutzbündler den Laaer Berg und flohen in großer Zahl über Zäune und Mauern. Die Besetzung des Laaer Berges, der als strategisch wichtiger Punkt angesehen wurde, vollzog sich dann in aller Ruhe. Auch der Karl-Marx-Hof ist jetzt ohne Kampf von den Truppen besetzt worden. Die Waffensuche ist dort in vollem Gange.

Es braucht nicht alles richtig zu sein, was hier die Regierung für das österreichische Publikum zurechtmacht. Jedenfalls geht aber auch aus diesen Meldungen hervor, daß die Sozialdemokraten die Positionen bis zuletzt gehalten haben und die Verteidiger sich nach verlorenen Gefechten zurückziehen mußten. Wäre es anders, dann hätte bestimmt der Regierungsbericht auch eine größere Zahl von Gefangenen aufgeführt.

Das Land Tirol
Kalter Putsch im Landtag

Innsbruck, 15. Febr. Der Donnerstag nachmittag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentretende Tiroler Landtag soll, wie bekannt wird, die Auflösung des Landtages beschließen. Dadurch wäre der Weg zur Einsetzung der von der Tiroler Heimatwehr geforderten autoritären Landesregierung freigemacht. Die neue Landesregierung dürfte vom Bundeskanzler ernannt werden. Außer dem bisherigen Landeshauptmann Dr. Stumpf und seinem Stellvertreter Dr. Peer sollen je ein Vertreter der Heimatwehr und der Christlich-Sozialen Arbeiterschaft sowie des Bauernbundes der neuen Landesregierung angehören.

Die Landesregierung hat den infolge der Auflösung der sozialdemokratischen Partei beschlußunfähig gewordenen Gemeinderat der Landeshauptstadt Innsbruck aufgelöst und den bisherigen Bürgermeister Franz Fischer zum Regierungskommissar bestellt. Weiter hat die Landesregierung die Gemeindevertretungen von Hütting, Wörgl, Kirchbichl und Häring aufgelöst.

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Deutsche Freiheit
Nummer 47 – 2. Jahrgang 
[31]
Saarbrücken, Sonntag-Montag, 25.-26. Februar 1934

*** Seiten 3,4,7 ***

Ein Mitkämpfer berichtet über Wien
Vorgeschichte und Verlauf des Bürgerkrieges – Persönliches Heldentum und sachliche Fehler – Ernste Lehren für alle!

Der nachfolgende sehr ausführliche, aber auch sehr inhaltsreiche Bericht über den österreichischen Bürgerkrieg stammt von einem Mitkämpfer, der nicht zu den "Bonzen" gehört. Er stand bis vor kurzem als Arbeiter im Betrieb und ist seit einiger Zeit erwerbslos. Seine Niederschrift ist unmittelbar nach den letzten Schüssen verfaßt. Es ist daher um so bewunderswerter, wie nüchtern und mit welcher Distanz der proletarische Verfasser über die Vorgänge urteilt. Darin unterscheidet er sich von vielen, die fern vom Schuß aufgeregte illusionäre Betrachtungen über die Kampftage und ihre Möglichkeiten anstellten.

Ob der Kamerad in allen Einzelheiten recht hat, bleibe dahingestellt. Jedenfalls zeigt er die sehr schwierigen Fragen militärtechnischer und psychologischer Art auf, die jeder zum Bürgerkrieg sich steigernde Aktion den Führern und den Massen stellt; Fragen, die lange vor dem Ausbruch des Kampfes geklärt sein müssen. Auch der Bürgerkrieg bedarf der gründlichsten Vorbereitung an Menschen und Material, und ist schon deshalb kein Gebiet für Dilettanten und gern in blutigen Worten schreibenden Literaten, weil es um Leben oder Tod, um Sieg oder Niederlage für das Arbeitsvolk geht. Bei so furchtbar schweren Ereignissen wie denen in Oesterreich und ihren Auswirkungen für die sozialistische Bewegung muß möglichste Klarheit auch über die Fehler der Offiziere und der Mannschaften gewonnen werden. Wenn über manches, schon aus Rücksicht auf die vielen Gefangenen, zur Zeit nur mit Zurückhaltung gesprochen werden kann und auch unser Kamerad diese Zurückhaltung übt, erfordert die stürmische Anteilnahme der Antifaschisten überall an den Vorgängen in Oesterreich doch, daß jetzt schon gesagt wird, was möglich und notwendig ist.

Redaktion der "Deutschen Freiheit".

I. Die entscheidenden Tage

Heldenmütig geschlagen

Ueber die Ereignisse in Wien und Oesterreich mit der gebotenen Objektivität und Leidenschaftslosigkeit zu berichten, ist, wo man noch unmittelbar unter dem Eindrucke der erschütternden Ereignisse dieser Tage steht, fast unmöglich. Es soll aber dennoch geschehen, schon aus dem Grunde geschehen, damit unsere Freunde des Auslandes, welche von ihrer bürgerlichen Presse nur die stark und tendenziös gefärbten Berichte der österreichischen amtlichen Stellen oder gar die unverschämten Fälschungen durch das österreichische Radio erhalten haben, ein Bild der Ereignisse bekommen, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben. Eines sei gleich vorweggenommen: die österreichische Arbeiterschaft hat sich heldenmütig geschlagen; sie hat die Fahne der Internationale, die sie 1926 verliehen erhielt, nicht feige verraten; die österreichische Sozialdemokratie wurde geschlagen, aber nicht vernichtet.

Ehrenvoller Friede verhindert

Die politischen Verhältnisse dieses Landes ließen die Wahrscheinlichkeit einer friedlichen Lösung des seit dem März 1933 währenden Verfassungskonfliktes in den letzten Wochen nicht als unwahrscheinlich erscheinen. Mußte doch Bundeskanzler Dollfuß erkennen, daß trotz des ungeheuren Terrors, der auf die öffentlichen Angestellten ausgeübt wurde, die Sozialdemokratie weder inneren Kämpfen ausgesetzt wurde noch den fortgesetzten Provokationen der Regierungsstellen hereinfiel. Mit geradezu bewunderungswerter Geduld hielt Parteimitgliedschaft Disziplin. Das im Frühsommer über die Nazis verhängte Parteiverbot bewies nur zu deutlich, daß diese nicht schwächer, sondern stärker wurden. Dasselbe Experiment mit uns zu versuchen, schien schon aus Gründen der einfachsten politischen Vernunft ausgeschlossen. Dollfuß wußte genau, daß er nur in der Sozialdemokratie auf Hilfe bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Nazis rechnen konnte, ist doch selbst die nunmehr zu so trauriger Berühmtheit gelangte Staatsexekutive ‑ Polizei, Gendarmerie, Militär ‑ bis in die höchsten Beamtengrade nazidurchseucht. Alle sind wohl bei der "Vaterländischen Front " eingeschrieben; das ist aber auch alles. Wie wertvoll solche erpreßte und erzwungene Bundesgenossen sind, ist von Haus aus auszurechnen. Nur die engstirnige Verblendung der christlichsozialen Parteiführung, die sich immer mehr und mehr in die Abhängigkeit der unter aristokratischer Führung stehenden, faschistisch orientierten Heimwehr begab und wo es so weit kam, daß Dollfuß, vom Machtwahne berauscht, auch innerhalb der eigenen Partei eine schrankenlose Diktatur ausüben konnte, verhinderte einen ehrenvollen Frieden mit der Sozialdemokratie, welche wahrlich genug Opfer an Ansehen gebracht hatte, um dem Lande den Frieden zu erhalten.

Noch war es Zeit zur Einkehr und Umkehr, als im Januar offenkundig wurde, daß große Teile der Heimwehr unter Führung des Grafen Alberti zu den Nazi hinüber gewechselt hatten. Zu dieser Zeit hielt Dollfuß seine Rede an die Arbeiterschaft, die allgemein als Weg zur Verständigung betrachtet wurde, die Arbeiterschaft selbst antwortete durch ihren Parteirat, dem nur Leute aus den Betrieben, also weder Parteibeamte noch öffentliche Mandatare, also keine "Volksverhetzer" oder "Bonzen" angehörten, in versöhnlicher Form. Zwei Tage später kam wieder eine Dollfuß-Rede, die von gänzlicher Vernichtung der Partei sprach. Ein Besuch des Heimwehrführers Starhemberg bei Dollfuß und der unglaubliche Einfluß des Heimwehrführers und Vizekanzlers Fey, eines alten Berufsmilitärs, des eigentlichen Führers der Regierung, bewirkte diesen Umschwung. Die Heimwehr, zahlenmäßig schwach (bei den Wahlen des Jahres 1930 erhielt sie nicht einmal 10 Prozent der Stimmen und hatte im Nationalrat nur 6 Mandate von 165), jedoch dank italienischen Geldes gut ausgerüstet, ging zur Offensive über; in allen Bundesländern wurde die sofortige Auflösung der Landtage und die Einsetzung der Landeshauptleute als autoritäre Führer unter fast ausschließlichem Einfluß eines beratenden Ausschusses von Faschisten gefordert. Tirol, das kulturell rückständigste und reaktionärste Bundesland, ging damit voran. Steiermark und das Burgenland folgten. In allen Ländern wurde auch die Forderung nach Auflösung der Sozialdemokratie als erster und wichtigster Punkt gestellt. Dollfuß wollte die Behandlung dieser Forderungen hinausschieben und fuhr nach Budapest; die Verhandlung über die Forderungen der Heimwehr sollte am 12. Februar beginnen.

"Morgen gehen wir an die Arbeit"

Am 11. Februar hielt der Vizekanzler Fey in einem unbedeutenden Provinzneste eine Rede, die in die Worte ausklang: "Morgen gehen wir an die Arbeit!" Dieser Satz konnte nicht mehr mißverstanden werden. So kam es am Montagvormittag in der Hauptstadt des Bundeslandes Oberösterreich zum Zusammenstoß, welcher die anderen Ereignisse auslösen wollte. Eine Abteilung Heimwehr, welche den Ausspruch ihres Führers nicht richtig verstanden hatte[32], ging zum Angriff auf das Parteihaus über; sie wurde aber mit Maschinengewehrfeuer empfangen und in die Flucht geschlagen. Die Nachricht von den Ereignissen verbreitet sich innerhalb einer halben Stunde in ganz Oesterreich. In Wien traten die Arbeiter des Elektrizitätswerkes in Streik und legten vorerst den Straßenbahnverkehr still. Dies war das Zeichen für den Republikanischen Schutzbund zum Generalalarm. In allen bedeutenderen Orten Oesterreichs entbrannten gleich der Bundeshauptstadt sofort heftige Kämpfe zwischen der Staatsexekutive einerseits und dem Schutzbund andererseits.

Die Schlacht in Wien

In Wien tobten die Kämpfe am heftigen am Dienstag. Die großen Wohnhausbauten der Gemeinde Wien lagen stundenlang unter schwerstem Artilleriefeuer mit 15-Zentimeter-Haubitzen und Minenwerfern. Nur dem elenden Schießen der Artillerie ist es zu danken, daß die Gebäude nicht dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Besatzung wehrte sich wahrhaft heroisch, wußten sie doch, daß ihnen der Galgen drohte, wenn sie gefangen werden – denn mittlerweile wurde das Standrecht verkündet. Als Brennpunkte des Kampfes seien angeführt: der riesige Gebäudekomplex Sandleiten, eine kleine Stadt für sich; dort wurden auch in der vorgelagerten Parkanlage unserseits Schützengräben ausgeworfen, desgleichen in der roten Hochburg Favoriten am Laaerberg; sehr schwere Kämpfe spielten sich in dem rein proletarischen Floridsdorf und in Simmering ab; ersteres konnte erst nach zweitägigem erbitterten Kampfe nach heftigster Artillerievorbereitung genommen werden. Das gleiche galt für den herrlichen Goethehof gegenüber der Reichsbrücke. Die größte Heldentat wurde aber im Marxhof vollbracht. Dieser Riesenbau, von fünf mächtigen, gut 50 Meter hohen Türmen gekrönt, ist mehr als ein Kilometer lang. Dort wurde noch am Donnerstagmittag gekämpft; Artillerie war auf der gegenüber liegenden Anhöhe "Hohe Warte" aufgefahren und hielt den Bau ununterbrochen im schwersten Feuer. Außerdem waren gut 2000 Mann Ordnungstruppen aufgeboten; sie waren nicht in der Lage, die Kämpfer zum Schweigen zu bringen. Noch heute würde dort gekämpft werden, wenn man die Frauen und Kinder (gegen 2500 an der Zahl) hätte abziehen lassen; die Ordnungsbestie des Herrn Dollfuß hielt die Bedauernswerten inmitten des Artilleriefeuers gefangen! Erst als ein Schrei der Empörung durch ganz Wien ging, als auch in bürgerlichen Kreisen dieses beispiellos barbarische Verhalten aufs schärfste verurteilt wurde, als die Auslandspresse diese unerhörte Lumperei anprangerte, konnten die Wohnungen und Keller geräumt werden. Zahllose Opfer sind dort unter den Nichtkämpfern zu beklagen. Wieviele Regimenter Schutzbund haben also diesen Bau gehalten und haben sich nicht ergeben und konnten ungehindert abziehen? Acht Mann mit drei Maschinengewehren waren die Besatzung auf dem berühmten Mittelturm! Noch Donnerstagmittag, als an den meisten Kampfplätzen Ruhe eintrat, wurde von dort aus geschossen, am Nachmittag war die Besatzung spurlos verschwunden. Hut ab vor solchem Heldentum! Diese drei Maschinengewehre reichten aus, den Eisenbahnverkehr auf der Strecke nach der Tschechoslowakei vollkommen zu unterbinden. Der Bau hat sehr schwer unter dem Feuer gelitten, nur die solide Eisenbeton-Bauweise und die miserable Artillerie haben ihn davor bewahrt, ein Trümmerhaufen zu werden. Das Floridsdorfer Arbeiterheim wurde in Brand geschossen, das Ottakringer Arbeiterheim nach 48stündigem schwersten Feuer im Sturm genommen, nachdem zwei Stunden vorher das Feuer unsererseits eingestellt wurde und den Stürmenden sich niemand entgegenstellte, da die Kämpfer durch die Kanäle davongingen. So ließen sich in die Hunderte Episoden erzählen und werden einst mit goldenen Lettern in die ruhmvolle Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie eingetragen werden. Auch die Provinz hielt sich überaus tapfer, voran die steirische Arbeiterschaft des Mürz- und Murtales. In Kapfenberg und Bruck an der Mur tobten tagelange Kämpfe; nur die Artillerie vermochte die Stellungen zu erschüttern.

Schwere Versager

Es darf nicht verhehlt werden, daß Wut und Erbitterung die Kämpfer über das Versagen der Führung befallen hat. Zahlreiche Wiener Bezirke wurden gar nicht in den Kampf eingesetzt, da sie keine Befehle erhielten. Erst Dienstagabends begann der Verbindungsdienst zu funktionieren und frohe Hoffnung erfüllte die Parteimitgliedschaft aufs neue, um am Mittwoch eine neue Enttäuschung zu erfahren. Die Unterführer waren viel zu wenig selbständig und verließen sich viel zu sehr auf die Befehle des Generalstabes, die aber nicht kommen wollten. Gut 10.000 Mann wurden auf diese Art in Wien nicht in den Kampf eingesetzt und wurden dadurch mutlos und verdrossen. Waffen und Munition gab es – aber vielfach wurden die Lagerplätze, welche naturgemäß nur wenigen Leuten bekannt waren, gar nicht gefunden. Von den Provinzkräften, insbesondere des ausgezeichnet organisierten Wiener Neustädter Gebietes, welches vor den Toren Wiens liegt, gar nicht zu reden. Dort kam es überhaupt zu keinen ernstlichen Kämpfen, aber leider auch nicht zum dringend notwendigen Entsatze Wiens. Noch Mittwoch früh wäre die Situation zu retten gewesen. Allerdings hat die Regierung maßgebende Schutzbundführer einige Tage vorher verhaftet. Der Oberkommandant, Nationalrat Deutsch, und sein Sekretär Heinz haben getan, was sie konnten aber es war zu wenig, trotz aller Hingabe und persönlicher Aufopferung. Nicht vergessen darf aber bei einer objektiven Würdigung die vollkommene Erschöpfung der Kämpfer werden, welche fast 72 Stunden bei gar keiner oder sehr mangelhafter Verpflegung in der grimmigen Kälte, ohne auch nur eine Viertelstunde schlafen zu können, ausgeharrt haben. Sie haben wirklich bis zum äußersten ihre Pflicht erfüllt.

Die Lügenhetze

Verschiedene andere Umstände, welche schließlich zum Erlöschen des Kampfes geführt haben, seien noch erwähnt: das Radio brachte halbstündlich die entstellten Berichte; so daß die Führer geflohen wären und die Arbeiterschaft im Stiche ließen. In einem Atemzuge wurde aber auch verkündet, daß Bürgermeister Seitz und alle Abgeordneten, Stadträte, Gemeinderäte, Bezirksvorsteher, Bezirksräte und was es sonst noch an öffentlichen Funktionären gibt, soweit man sie erwischte, verhaftet wurden. Immerhin trugen diese Nachrichten bei, eine gewisse Mutlosigkeit zu erzeugen; durch das bereits geschilderte Versagen der obersten Führung erhielt diese Tatarennachricht einen Schein von Glaubwürdigkeit. Einen außerordentlich geschickten Schachzug machte Dollfuß mit dem bis Donnerstagmittag befristeten Generalpardon, die Führer ausgenommen. Donnerstagmittag waren denn auch die Kampfhandlungen (mit Ausnahme des Marxhofes) beendet.

"Nein, auch die Massen!"

Hat nur die Führung versagt? Nein, auch die Massen der Nichtkämpfer! Das ist die sehr traurige Wahrheit, wenn man über die Durchführung des Generalstreikes reden will. Schon Dienstag funktionierte wieder die Stromversorgung, aber nicht durch technische Nothilfe: die 100prozentig organisierten Arbeiter der Elektrizitätswerke standen wieder auf ihren Plätzen; die Straßenbahn begann Donnerstag zu fahren, aber nicht aus dem Willen der Streikenden heraus, sondern weil es die Regierung aus strategischen Gründen nicht früher wollte. Die Großbetriebe begannen ebenfalls Donnerstag zu arbeiten. Der Generalstreik ‑ eigentlich richtiger Teilstreik, denn er erfaßte nur die Großbetriebe ‑ war zusammengebrochen und eine alte Lehre wurde aufs neue bestätigt, daß ein Generalstreik nur dann zum Ziele führt, wenn er innerhalb 24 Stunden durchgreift. Die staatlichen und städtischen Aemter, Post und Telefon, arbeiteten fast normal, desgleichen die Eisenbahnen, sofern nicht der Schutzbund die Bahnhöfe besetzt und unter Feuer hielt, was bei den meisten Bahnen der Fall war. Gestreikt hat die einst so berühmte Elitetruppe der Eisenbahner nicht ‑ sie allein hätte dem Kampfe ein anderes Gesicht geben können. Warum hat also die sonst so geschlossene Arbeiterschaft der Streikparole nicht Folge geleistet?

Zwei Gründe liegen vor: 1. Man wartete auf die Parole; 2. Furcht vor Verlust des Arbeitsplatzes. Bei 1. sieht man, was allzugute Disziplin unter Umständen an schädlichen Wirkungen haben kann; 2. in einem Lande mit fast 600.000 Arbeitslosen, also zirka 30 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, wo jeder Arbeitsplatz doppelt und dreifach besetzt werden kann, ist die Durchführung eines Streiks nicht mehr Sache der politischen Ueberzeugung, sondern der kühl abwägenden Vernunft. Wenn Hunger Weib und Kind bedroht, wenn jahrelange Arbeitslosigkeit mit allen ihren Schrecken drohend aufsteigt, dann wird selbst der radikalste Versammlungsschreier, dem die Parteiführung nie radikal genug war, im Ernstfalle besonnen wie ein gelernter Staatsmann. Das ist die bittere Erkenntnis, die viele nicht für wahr halten wollten: Streiks zu führen ist in Zeiten normaler Wirtschaft leicht, jedoch doppelt zu überlegen bei den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen auf der ganzen Erde! Die Lehren, die Oesterreich daraus gezogen hat, mögen unsere Freunde wohl beachten, denn sie wurden mit dem Blute Tausender bezahlt.

II. Die Schuldfrage

Nach 1918

Der Oesterreicher ist ein von Haus aus friedliebender und umgänglicher Mensch, der sich nicht gerne in das Getriebe der großen Politik mengt. Er ist zufrieden, wenn er sein materielles Auskommen findet und hält sich im übrigen an den alten Wiener Grundsatz "Leben und leben lassen" und "Menschen san ma alle, Fehler hab’n ma jeder gnua (genug)." Zum Unterschiede von seinen reichsdeutschen Stammesbrüdern ist er weicher, fast möchte man sagen, lyrischer gestimmt, vor allem der Wiener. Er ist kein Freund rascher Entscheidungen, neigt eher zu Kompromissen um des lieben Friedens willen. Der Anblick eines mißhandelten Tieres kann ihn zur Raserei bringen; und dennoch diese blutigen Tage? Ein innerer Widerspruch tut sich da auf, dem Ausländer, welcher Wien und die Wiener zu kennen glaubt, ganz unverständlich. Diese Tage waren auch gänzlich unösterreichisch und auch deren Grundursachen. Um alles zu verstehen, müßte man schon in die Lage des Novemberumsturzes 1918 zurückgreifen. Der Oesterreicher wird nie diese Zeit mit "Revolution" bezeichnen und mit Recht; die alten Gewalten der kaiserlichen Monarchie brachen nach dem vierjährigen Morden des Krieges wie ein ausgehöhlter Baum von selbst zusammen. Alle bürgerlichen Parteien hatten gründlich beim Volke abgewirtschaftet, waren sie doch die Hauptschuldigen, vor allem die Christlichsoziale Partei. Die einzige wirklich vorhandene Macht war die Sozialdemokratie mit ihrer straffen Organisation; ihre entschiedene Kriegsgegnerschaft hatte ihr Sympathie in weitesten Kreisen eingebracht. Alle Macht im Staate fiel uns von selbst zu, die gesamte Exekutive gehorchte bedingungslos den neuen Führern. Die Kriegsschuldigen, die Generale, Politiker und Kriegsverdiener verkrochen sich vor dem Zorne des Volkes; die Christlichsoziale Partei, gestützt auf die mächtige katholische Kirche des katholischen Oesterreich, welche die rückständigen Massen der Gebirgsbauern vollkommen beherrscht, erholte sich am raschesten. Schon die ersten Wahlen des Februar 1919 brachten uns nicht die erhoffte Mehrheit; es war uns eben nicht beschieden, die Riesennot der Kriegszeit mit einem Schlage zu beseitigen.

Nach 1920

1920 brachte die notwendige Klärung, wir traten aus der Regierung aus und seither regieren im Bunde ausschließlich Bürgerliche! Der Austritt aus der Regierung war eine befreiende Tat und Rettung der Parteieinheit in letzter Minute; die damals hochgehenden kommunistischen Wogen hatten uns bereits hart bedroht. Jede Wahl brachte uns trotz des zu einer Einheitsliste zusammengeschlossenen Bürgertums neue Erfolge und brachte uns der Mehrheit ziemlich nahe (zuletzt 42 Prozent aller abgegebenen Stimmen). Unsere Position wurde durch die Eroberung des Wiener Rathauses mit stets größer werdender [Mehrheit ziemlich nahe (zuletzt 42 Prozent aller abgege [33]] gebessert; eine musterhafte Finanzverwaltung, die rigorose Erfassung des Besitzes und die Verwendung der Steuergelder zu wahrhaft volkstümlicher Aufbauarbeit, man denke nur an die 60.000 erbauten, prächtigen Volkswohnungen, wurde weltbekannt und war den Bürgerlichen ein Dorn im Auge.

Die Ausraubung Wiens

Seit Jahren bemühten sich die Zentralstellen, dem roten Wiener Rathause die Einnahmen zu beschneiden und damit die Aufbauarbeit unmöglich zu machen. Solange es noch ein Parlament gab, waren alle diese Bemühungen fast erfolglos; mit Riesenschritten ging es ab März 1933 abwärts. Vor Ausbruch der proletarischen Erhebung hatte die Gemeinde Wien mehr als ein Drittel der Einnahmen an die Staatskassen zur Stopfung des riesigen Bundesdefizits begeben müssen; dies alles geschah nicht auf Grund eines Gesetzes sondern einer Verordnung aus der Kriegszeit "zur Versorgung der Bevölkerung mit wichtigen Bedarfsartikeln". Richtiger gesagt: die Gemeinde wurde einfach ausgeraubt.

[Bundeskommissär nichts anfangen.

griffe [34]] auf das von den Arbeitern über alles geliebte rote Wien brachte die politischen Leidenschaften bedenklich zum Sieden und war eine der Ursachen des Aufstandes. Doch darüber ein andermal.

Der Ruf nach Gewalt

Als im März 1933 das Parlament durch einen Gewaltstreich der Regierung am Zusammentritt verhindert und so der Auftakt zu den Fieberereignissen des Jahres 1934 gegeben wurde, scholl immer stürmischer der Ruf aus der Arbeiterschaft, die Entscheidung durch die Gewalt der Waffen zu suchen; heute wird behauptet, daß damals die Erhebung siegreich gewesen wäre. Vieles spricht dafür, vieles dagegen.

Was dafür spricht, ist der Umstand, daß die Staatsexekutive zu diesem Zeitpunkt bei weitem nicht die heutige Stärke erlangt hatte. Damals gab es nur Polizei, Gendarmerie und Militär als gesetzliche, jene der Heimwehr als ungesetzliche Formationen. Die Gesamtstärke in ganz Oesterreich dürfte zirka 30-35.000 Mann betragen haben, denen allein in Wien 20.000 gut ausgebildete Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes, davon die meisten gediente Soldaten des Krieges, gegenüberstanden. Die Gesamtstärke des Schutzbundes hat man begreiflicherweise nie erfahren; es dürften in ganz Oesterreich 60.000 bis 70.000 Mann gewesen sein. Rein ziffernmäßig betrachtet, waren wir also zweifellos unter der Voraussetzung überlegen, daß der Aufstand in ganz Oesterreich zu gleicher Zeit losbricht. In der Bewaffnung war uns die Exekutive schon durch das Vorhandensein von Artillerie überlegen, die auch die wirkliche Entscheidung in diesen Kämpfen gebracht hatte. Es fehlte aber auch an der notwendigen Bewaffnung; Gewehre und Maschinengewehre waren nur unzulänglich vorhanden; auch an Munition fehlte es. Es war also zweifellos richtig, daß die militärischen Führer des Schutzbundes, durchweg ehemalige Offiziere, den Zeitpunkt als noch nicht gegeben erachteten und fieberhaft aufrüsteten; es war allen klar, daß nur ein Wunder oder die Rückkehr zu verfassungsmäßigen Zuständen die Austragung des Verfassungskonfliktes ohne Waffengewalt unnötig machen.

Aber auch schwere politische Bedenken Sprachen zu diesem Zeitpunkte gegen das Losschlagen. Die Nazis, durch die Machtergreifung Hitlers in Deutschland gewaltig in ihrem Selbstgefühl gesteigert, wuchsen täglich und hatten vor allem aus den Mittelschichten kolossalen Zulauf. Hätten wir uns in einen bewaffneten Konflikt eingelassen, dann hätten die Nazis jederzeit als die lachenden Dritten den Kampf für sich entscheiden können. Wer immer gesiegt hätte, die Nazis hätten ihm um die Früchte des Sieges gebracht. Hätten wir gesiegt, dann hätte Hitler erst recht einen Vorwand zum Einmarsche gehabt; sein Freund Mussolini hätte nicht gezögert, sich diesem Beispiele anzuschließen; die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien hätten versucht, sich ihren Beuteteil zu sichern. Unabsehbar wären die Folgen dieses Kampfes gewesen, ein neuer Weltbrand hätte daraus entstehen können. Unseren Lesern wird vielleicht damit klar, welche ungeheure Verantwortung die Parteiführer auf sich lasten hatten und welchem Drucke sie ausgesetzt waren. Auf der einen Seite das unzufriedene, hocherregte Proletariat, auf der anderen Seite die immer mehr ins faschistische Fahrwasser geratende Regierung und im Rücken die braune Gefahr! Die vielgeschmähten Volksverhetzer haben damals dem Vaterlande wahrlich einen wertvolleren Dienst erwiesen als alle die großmauligen faschistischen Heimatschützer.

Der Kurs gegen Rot

Diese staatsmännische Klugheit wurde uns schlecht gelohnt. Der Kurs gegen Rot wurde trotz der immer drohender werdenden braunen Gefahr immer schärfer; die Regierung, wohl wissend, daß wir uns niemals mit den Nazis gegen sie verbünden können, nützte unsere Zurückhaltung in ihrem Kampfe gegen die Braunen in der unverschämtesten und undankbarsten Art aus. Ja, eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob es zu einer Koalitionsregierung mit den Braunen kommen würde; nur die allzuhohen Ansprüche der Nazis machten das Geschäft unmöglich, Dollfuß und seine Kumpane hatten inzwischen den Wert gutgepolsterter Ministersessel schätzen gelernt. Als nun die Nazis zu offener Gewalt griffen, als es Sprengstoffattentate gab, wurde die Nazipartei verboten. Da sie aber zahlreiche Freunde in der hohen Bürokratie, in allen Aemtern und vor allem in der Exekutive hat, wurde jede ernstliche Maßnahme prompt verraten. Zu Weihnachten und am Beginn des neuen Jahres, als große Teile des Heimatschutzes in das Lager der Nazis abgewandert waren, schien Dollfuß einen Moment zu Besinnung zu kommen, daß er ohne uns im Kampfe gegen die Nazis verloren wäre; er hielt eine vernünftige Rede. Am nächsten Tage hatte er sich eines Besseren besonnen und die Angriffe gegen uns wurden aufs neue verschärft.

Wettrüsten

Der Schutzbund war schon im Frühjahr aufgelöst worden; daß er damit nicht beseitigt wurde, wußte die Regierung sehr genau, ebenso war sie von den Rüstungen des Schutzbundes unterrichtet; nur über das Ausmaß war sie sich im unklaren. Sie traf nun ihrerseits fieberhaft Gegenmaßnahmen. Die Heeresstärke wurde vermehrt, es wurde ein Assistenzkorps durch freiwillige Werbung aufgestellt, Arbeitslose wurden zum Eintritt in die Heimwehr mit ganzer Verpflegung und einem Tagessolde aufgefordert und leisteten dem Rufe auch zahlreich Folge; viele gute Parteigenossen waren in dieser Formation, so daß wir über alle Vorgänge genau unterrichtet waren und anderseits der Kampfeswert dieser Truppe bedenklich herabgesetzt wurde. Herrn Mussolinis Geld war also schlecht angewendet. Die Turnvereine und die sonstigen reaktionären Formationen, wie Frontkämpfer, die christlichsozialen Sturmscharen, der Freiheitsbund und zum Schlusse auch die Kriegervereine wurden für das Freiwillige Schutzkorps aufgeboten. Die Kosten zahlte freigebig die Regierung; große Teile der mühselig zusammengebrachten Trefferanleihe wurden so zum Fenster hinausgeworfen und damit die Möglichkeit wirklicher Arbeitsbeschaffung verschüttet. Mittlerweile stellte die Heimwehr in den ersten Februartagen in allen Bundesländern ultimative Forderungen rein faschistischer Art; Ausschaltung aller Landtage und Bestellung eines Landesführers, Auflösung aller Parteien, vor allem der sozialdemokratischen, Reinigung der Aemter von allen Staatsfeinden, also Freimachung der Futterkrippe.

Auf Tod und Leben

Die Entscheidung darüber behielt sich Dollfuß für den 15. Februar vor. Wir wußten nunmehr: jetzt geht es auf Tod und Leben, die Spannung wuchs ins Unerträgliche! Am 11. Februar hielt der böse Geist der Regierung, Vizekanzler Fey, eine aufreizende Rede, die darin gipfelte: "Morgen machen wir Ordnung!". Seine Mannen verstanden ihn sehr richtig[35], so ging eine Abteilung Heimwehr bewaffnet gegen das Linzer Parteihaus vor, wo sie mit schwerstem Feuer empfangen wurden. Das Unheil hatte damit begonnen, die weiteren Ereignisse sind bekannt und müssen nicht mehr wiederholt werden.

Ursachen der Niederlage

Eine der Ursachen der Niederlage war der Umstand, daß die Bewegung nicht von Wien aus ihren Anfang genommen hatte; die Vorfälle in Linz kamen überraschend und mußten nunmehr auch die Aktion in Wien auslösen. Zahlreiche Führer wurden schon in der Vorwoche verhaftet, bis auf General Körner, der als Bundesrat, und Nationalrat Deutsch, der als Abgeordneter immun war. Am Beginn des Abwehrkampfes wurde auch General Körner in einer Sitzung des Parteivorstandes verhaftet! Dies ist bei einem so erfahrenen Militär wie Körner [es ist [36]] (er war Generalstabschef der Isonzo-Armeen im Weltkriege), das Unfaßbarste! Im übrigen hatte man die politischen Führer nicht lange suchen müssen; die Prominentesten, mit Bürgermeister Seitz an der Spitze, wurden alle in dieser historischen Sitzung auf einen Haufen verhaftet.

Die Kämpfe spielten sich an der Peripherie ab. Das war ein Fehler. Bei größeren Massen kann die Artillerie verheerend und demoralisierend wirken. Der Straßenkampf in Hunderten von Gruppen wäre vielleicht richtiger gewesen. Aber es kam überhaupt nicht zur Durchführung einer einheitlichen Aktion. Erst am Dienstagabend funktionierte der Nachrichtendienst, als schon in allen Bezirken ungemein verlustreiche Einzelaktionen der entschlossenen Unterführer eingesetzt hatten. Zehn Bezirke mit etwa 10.000 Mann haben nicht einen Schuß abgegeben, man wartete auf Befehle! Diese Kräfte hätten die Entscheidung schon aus dem Grunde bringen können, weil dadurch die Regierungstruppen an vielen Stellen gebunden gewesen wären. So konnte die Regierung ein Aufstandsgebiet nach dem anderen mit großer Kräftezahl niederkämpfen.

Die Provinz, vor allem Steiermark und Oberösterreich, allen voran Linz, die rote Stadt Steyr, Kapfenberg, Bruck a. Mur und die Umgebung von Graz, kämpften wie die Löwen. Auf sich allein gestellt, mußten sie aus dem gleichen Grunde wie die Wiener Arbeiter besiegt werden. Das größte Bundesland, Niederösterreich, das rund 12.000 Schutzbündler stellen sollte, kam, von unbedeutenden Einzelaktionen abgesehen, überhaupt nicht ins Gefecht. Der Landesführer, Abgeordneter Püchler, wurde einige Tage vorher wegen einer kleinen Rauferei verhaftet. Wien wartete umsonst auf Entsatz.

Das Problem der Führung ist nicht bloß eines der Offiziere, sondern noch mehr der Unteroffiziere. Die Unterführer waren durchwegs kriegsgediente Leute; jedoch die wenigsten hatten wirkliche Führerqualitäten. Es fehlte an Selbständigkeit, Entschlußkraft und Initiative; man wartete immer auf die Befehle, die niemals kommen sollten. Dabei war kein Mangel an Waffen aller Art; Freund und Feind waren von der glänzenden Ausrüstung mit Maschinengewehren und Handfeuerwaffen sowie Handgranaten überrascht. Wir waren da der Exekutive weit überlegen. Im rein Technischen hätte es geklappt und auch bei den taktischen Uebungen… Versagt hat auch der Verpflegungsdienst; die Kämpfer waren oft 72 Stunden ohne einen Bissen Eßwaren, ohne einen warmen Schluck. Dabei herrschte bittere Kälte, Ablösung der abgekämpften Truppen gab es nicht, weil keine Verbindung herzustellen war; daher gab es auch keine Minute Schlaf. Die Gefangenen fielen bei der Einlieferung auf der Stelle in tiefen Schlaf. So mußte aus vielen Unterlassungssünden, aus echt österreichischer Oberflächlichkeit, Schlamperei und Sorglosigkeit heraus eine so heroisch kämpfende Arbeiterarmee geschlagen werden. Der Abend des 15. Februar war der bitterste im Leben Zehntausender von Parteigenossen.

Der fromme Miklas

Noch am Montagmittag, als der Generalstreik einsetzte, schien es, als ob das Aeußerste vermieden werden könnte. Bürgerliche Politiker erschienen beim Bundespräsidenten Miklas und beschworen ihn um seine Vermittlung; er lehnte rundweg ab! Herr Miklas, Ritter des Christusordens, frommer Katholik, der täglich in der Kirche Gott um Beistand anfleht: ein Wort hätte genügt, um die Waffen zu senken, um Herrn Dollfuß zur Besinnung zu rufen. Dieses Wort wurde nicht gesprochen; Herr Miklas, Sie Hauptschuldiger an all den Wirren dieses Landes, Sie, der Sie unverschämt entgegen Ihrem Eide die Verfassung gebrochen haben, Hundertemale gebrochen haben, Sie, der indirekt das Leben Tausender Söhne dieses Landes auf dem Gewissen hat: um Ihre Sterbestunde beneide ich sie nicht! Auch Ihr Gott kann Ihnen dieses Verbrechen nicht verzeihen!

Die Rache der "Sieger"

Die Regierung, auf einen raschen Sieg hoffend und die um ihre Freiheit kämpfenden Arbeiter als "Verbrecher" beschimpfend, die zu besiegen eine Musikkapelle und ein nasser Fetzen genüge, mußte es bald billiger geben. Am Mittwochabend erschienen die Gesandten der Großmächte bei Dollfuß und verlangten kategorisch, daß mit dem Morden und mit den Standgerichtsurteilen Schluß gemacht wird; Dollfuß versprach den Kämpfern ‑ nicht aber den Führern ‑ Pardon; damit wurde weiteres und nunmehr nach der taktischen Lage auch unnützes Blutvergießen vermieden. Aber die Ausbeute an gefangenen Kämpfern war sehr mager; die meisten verzichteten auf die "Gnade" und nahmen die Waffen in die Verstecke wieder mit. Welche schlotternde Angst die Regierung vor der Arbeiterschaft noch immer hat, beweisen die Waffenprämien: für ein Maschinengewehr werden S. 50,- für eine Handfeuerwaffe S. 20,- bezahlt und Straflosigkeit zugesichert. Fieberhaft wird nach den versteckten Depots gesucht, Tag und Nacht werden Hausdurchsuchungen vorgenommen, der Erfolg ist sehr kläglich. Um der Welt ihre "Stärke" zu beweisen, wurde alles, was irgendwie eine höhere Funktion in der Arbeiterbewegung oder in den Gewerkschaften bekleidet, verhaftet. So alle öffentliche Mandatare, die allermeisten Gewerkschaftsführer, Rechtsanwälte, Aerzte, ja sogar die Angestellten der Partei. Gegen 100 Arbeiterorganisationen, darunter sämtliche Gewerkschaften, alle Kulturvereine welcher Art immer, sogar der Arbeiter-Tierschutzverein, wurden aufgelöst. Das Vermögen soll eingezogen werden, bis auf jenes der Gewerkschaften. Diese sind meist auf versicherungstechnischer Grundlage aufgebaut; ein Raub dieser Gelder würde die kaum gebändigte Arbeiterschaft aufs neue aufbringen. Da wird von Staats wegen vorgesorgt, in welcher Art, ist noch nicht feststehend. Ebenso wurden die Kollektivverträge durch Notverordnungen verlängert. Die bedeutenden Vermögenswerte der Partei und Gewerkschaften sind aber schon vor Monaten in den Besitz ausländischer Arbeiterorganisationen übergegangen; der beutehungrige Faschismus wird viele fette Brocken davonschwimmen sehen… Die berühmten Wiener Arbeiterbüchereien wurden sämtlich ausgeräumt und "sichergestellt", wahrscheinlich will man sorgfältig sichten, ehe man den Arbeiter wieder lesen läßt. Arbeiterblätter gibt es nicht mehr, die Zeitungen unter dem Regierungsdrucke bringen nur die der Regierung genehme Nachrichten. Nach den Beschimpfungen des ersten Tages bekamen aber die bürgerlichen Blätter doch ein wenig Achtung vor den heldenhaften Gesinnungstreue der Wiener Arbeiterschaft und die Beschimpfungen beschränken sich je nach Konfession auf die "Bonzen" oder "jüdischen Führer", welche die Masse im Stich gelassen hätten. Im gleichen Atem berichtet man, daß mehr als tausend Führer, darunter der gesamte Parteivorstand verhaftet ist. Auf den Kommandanten des Schutzbundes, Nat.-Rat Deutsch, richtete sich die Wut und Verleumdung ganz besonders; er wäre feige ins Ausland geflohen und hätte die Truppe im Stich gelassen. Bis offizielle tschechische Behörden mitteilten, daß Deutsch schwer verwundet am Donnerstagabend also nach Schluß der Kämpfe in Preßburg angekommen sei.

Die Volksstimmung

Die Bevölkerung stand in ihrer erdrückenden Mehrheit auf seiten der Arbeiterschaft; auch streng bürgerliche Menschen, welche ansonsten für uns nichts übrig haben, bewunderten die Gesinnungstreue und den Idealismus der Kämpfenden. Für die Heimwehr hat man sehr wenig übrig; es befinden sich sehr zweifelhafte Elemente krimineller Art in ihr. So wurde in den erstürmten Gemeindebauten gehaust wie im Feindesland, Kleider und Wäsche zerschnitten, Geschirr zertrümmert, alles kurz und klein geschlagen, wo man auch nur ein Seitz-Bild vorfand, ja selbst Kinderspielzeug wurde sinnlos vernichtet. Und dabei haben die Ordnungsstützen gestohlen wie die Raben. Ich habe Wohnungen im Karl-Marx-Hof gesehen, die meine Behauptungen beweisen. Auf diese "Kämpfer" in fremden Taschen braucht sich Herr Dollfuß wahrlich ebensowenig wie auf seine "brave Exekutive" etwas einzubilden. Wehrlose Gefangene bestialisch zu schlagen: das haben nicht einmal die Kosaken im Weltkriege getan. Auch Frauen und Kinder wurden nicht in von der Artillerie beschossenen Gebäuden gewaltsam und mit vorgehaltenem Gewehr zurückgehalten. Dem Kämpfer hat man den ehrlichen Soldatentod durch Pulver und Blei, nicht den schimpflichen Galgen wie dem Offizier der Feuerwehr, Weissel, gegeben, der sich wie ein Mann verantwortet hat und wie ein Mann gestorben ist, um den selbst Bürgerliche Tränen vergossen haben. Auch über Herrn Dollfuß wird das Blut der Arbeiter kommen; schon rinnen über den Plakaten mit seinem Bilde rote Blutspuren, außerordentlich geschickt gemacht, herab. Auf dem Blatt Papier, das er hält, steht groß: "Arbeitermörder!".

Um zur gestellten Schuldfrage wieder zurückzukommen: nach meinem Dafürhalten war das Losschlagen weder von der politischen noch von der militärischen Führung am 12. Februar gewollt, wenn auch diese Woche wahrscheinlich die Entscheidung durch die Gewalt der Waffen gebracht hätte. Hatte doch die Regierung sämtlichen Angehörigen der Brachialformationen eine Woche vorher je S. 100.- ohne weitere Begründung ausbezahlen lassen, was bei dieser absolut angestelltenfeindlichen Regierung unbedingt seinen Grund hatte. Dieser Betrag war Bestechung und Judaslohn zugleich. Zweifellos versagt hat die militärische Führung. Inwieweit daran eine Verkettung unglücklicher Umstände Ursache des Versagens ist, kann derzeit nicht festgestellt werden. Vieles liegt an der zweiten Führergarnitur, welche sich ihrer Stunde nicht gewachsen gezeigt hat. Das Verschulden der politischen Führung? Man sagt, die alten Herren der Parteiführung waren der politischen Situation nicht gewachsen; ihre allzugroße Besonnenheit wäre ein schwerer Fehler gewesen. Wenn man alles mit den Märztagen 1933 rückschauend betrachtet, so kann man keine Schuldbeweise finden. Es war richtig gehandelt, die beste taktische Situation abzuwarten, eine Zeit schien es, als ob der Gegner an seinen inneren Streitigkeiten scheitern solle. Der Faschismus wurde eben in Oesterreich auf kaltem Wege erzeugt; das Aufflammen der blutigen Februartage war der letzte Aufschrei der Empörung über das verlegte und mit Füßen getretene Recht, das man so schnöde durch die Ausschaltung des Verfassungsgerichtshofes vergewaltigt hat. Wenn der Arbeiter sehen muß, daß ihm auf dem legalen Rechtsboden nirgends mehr Schutz und Hilfe in seinen gerechten Ansprüchen wird, dann muß er sein Recht mit der Waffe in der Faust zu erobern suchen. Wenn dies auch diesmal mißlungen ist, wenn noch einmal die Reaktion stärker war und nun versucht, die Rechtsverweigerung zu verewigen: es kommt der Tag, wo das Volk sich seine ewigen Rechte von den Sternen holt, es kommt der Tag, früher, als es sich manche erhoffen und die anderen in Träumen ihres schlechten Gewissens sich mit Schrecken ausmalen: es kommt der Gerichtstag mit den blutbefleckten Schergen der Freiheit! Es wird ein fürchterlicher Gerichtstag werden, wo ganze Rechnung für immer und ewig gemacht werden wird!

 

 



[1]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217046

[2]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217055

[4]. Der Satz ist fehlerhaft widergegeben. Es muß heißen "keine entscheidenden Maßnahmen".

Siehe Dokumente : Österreich – 12. Februar 1934 – Die unmittelbare Vorgeschichte .

[6]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217064

[7]. Die Jahreszahl ist falsch Es handelt sich um eine Putschversuch, den der Landesleiter des Steirischen Heimatschutzes, Walter Pfrimer, am 12. und 13. September 1931 unternahm. Er ließ 14.000 Angehörige der Heimwehr mobilisieren und proklamierte die Machtergreifung im Staat. Der Heimatschutz besetzte einen großen Teil der Obersteiermark. Nach Vorbild des italienischen Faschismus als Marsch auf Wien geplant, rückten aber nur 600 Mann bis Amstetten vor. Der Putsch brach vor allem wegen der fehlenden Unterstützung durch die Heimwehrverbände der anderen Bundesländer zusammen.

[8]. Gösting ist der 13. Stadtbezirk der steirischen Landeshauptstadt Graz.

[9]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217073

[10]. Hier eine Zeile in der Quelle unleserlich.

[11]. "Das Gesetz der Zeit steht im Manifest und im 18. Brumaire!" ist eine Zeile aus einem von Fritz Brügel geschriebenen Lied.

https://theodorkramer.at/site/assets/files/1047/fbr_iv_45.pdf

[12]. 1927 schrieb Fritz Brügel das Lied "Die Arbeiter von Wien" In manchen Liedbüchern findet es sich auch unter dem Titel "Wir sind das Bauvolk".

"Bauvolk der kommenden Welt, Euch Arbeiter von Wien!" ist die erste Zeile des Textes.

https://genius.com/Erich-weinert-ensemble-arbeiter-von-wien-annotated

[13]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217137

[14]. "…welche den Ausspruch ihres Führers nicht richtig verstanden hatte" : die Formulierung ist unklar. Siehe weiter unten.

[15]. Die Worte in Klammern [] sind durch einen Setzfehler wiederholt.

[16]. So im Original.

[17]. "Seine Mannen verstanden ihn sehr richtig" : diese Formulierung trifft auf die tatsächliche Bedeutung der Rede von Fey zu, im Unterschied zu dem was weiter oben steht.

[18]. So im Original.

[19]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217046

[20]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217055

[22]. La phrase est mal retranscrite. Il faut lire "keine entscheidenden Maßnahmen".

Voir Dokumente : Österreich – 12. Februar 1934 – Die unmittelbare Vorgeschichte .

[24]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217064

[25]. La date est erronée Il s’agit d’une tentative de putsch menée par le chef régional du Heimatschutz styrien, Walter Pfrimer, les 12 et 13 septembre 1931. Il a fait mobiliser 14.000 membres de la Heimwehr et a proclamé la prise du pouvoir dans l’État. Le Heimatschutz occupa une grande partie de la Haute-Styrie. Prévue comme une marche sur Vienne, sur le modèle du fascisme italien, elle n’a cependant avancé que de 600 hommes jusqu’à Amstetten. Le putsch s’est effondré principalement en raison du manque de soutien des associations de défense de la patrie des autres Länder.

[26]. Gösting est le 13e arrondissement de Graz, la capitale de la Styrie.

[27]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217073

[28]. Ici, une ligne illisible dans la source.

[29]. "Das Gesetz der Zeit steht im Manifest und im 18. Brumaire!" est une phrase d’une chanson écrite par Fritz Brügel.

https://theodorkramer.at/site/assets/files/1047/fbr_iv_45.pdf

[30]. En 1927, Fritz Brügel a écrit la chanson "Die Arbeiter von Wien" (Les ouvriers de Vienne). Dans certains recueils de chansons, on la trouve également sous le titre « Wir sind das Bauvolk » (Nous sommes le peuple de bâtisseurs).

"Bauvolk der kommenden Welt, Euch Arbeiter von Wien!" est la première ligne du texte.

https://genius.com/Erich-weinert-ensemble-arbeiter-von-wien-annotated

[31]https://collections.fes.de/historische-presse/periodical/zoom/217137

[32]. "…welche den Ausspruch ihres Führers nicht richtig verstanden hatte" : la formulation n’est pas claire. Voir plus loin.

[33]. Les mots entre parenthèses [] sont répétés en raison d’une erreur de composition.

[34]. Ainsi dans l’original.

[35]. "Ses hommes l’ont très bien compris" : cette formulation correspond à la signification réelle du discours de Fey, contrairement à ce qui est écrit plus haut.

[36]Ainsi dans l’original.