Autriche 1918 – 1945
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Julius Deutsch – Der Bürgerkrieg in Österreich
(La guerre civile en Autriche)

 

Julius Deutsch : Der Bürgerkrieg in Österreich (Extrait) [1]

Als am Morgen des 12. Februar 1934, es war ein Montag, die Arbeiter Wiens in die Betriebe gingen, flogen wilde, aufregende Gerüchte durch die Stadt. Man erzählte sich, daß tags vorher sämtliche Bezirksführer des aufgelösten republikanischen Schutzbundes verhaftet worden seien und daß eben jetzt große Waffensuchen in proletarischen Bezirken im Gange wären. Beide Nachrichten erwiesen sich als richtig.

Daraufhin wollten die Arbeiter einiger Großbetriebe die Arbeit sofort einstellen. Nur mit großer Mühe gelang es den Betriebsräten, die Arbeiter von diesem Schritte abzuhalten und den Ausbruch des Streiks fürs erste zu verhindern.

Während aber noch über die Wiener Ereignisse verhandelt wurde, platzte plötzlich eine neue Nachricht herein, die wie ein in ein Pulverfaß geschleuderter Funke wirkte, die Nachricht : In Linz wird geschossen!

Was war geschehen? Eine Abteilung Polizei und Bundesheer war in das Linzer Parteihaus, das "Hotel Schiff", eingedrungen, um dort nach Waffen zu suchen. Die im Parteihaus anwesenden Schutzbündler widersetzten sich; es kam zu einem blutigen Zusammenstoß. Die ersten Todesopfer fielen. Nun gab es kein Halten mehr. Den Kämpfen im "Hotel Schiff" folgten Zusammenstöße in der ganzen Stadt.

Wien wurde von den Linzer Ereignissen telephonisch verständigt. Zwischen den Arbeitern der beiden Städte hat es seit jeher eine enge Verbindung gegeben, und so war es nur selbstverständlich, daß die Linzer ihre Wiener Genossen sofort von dem, was geschehen war, in Kenntnis setzten. Dies um so mehr, als in den dem 12. Februar vorangegangenen Tagen wiederholt Besprechungen zwischen Wiener und Linzer Vertrauensmännern stattgefunden hatten, die sich mit der Abwehr der fortgesetzten Provokationen und Verfolgungen durch die Regierung beschäftigten. Die Linzer Vertrauensmänner berichteten über die Stimmung in den Kreisen der oberösterreichischen Arbeiter, die das "Bremsen" der Parteileitung nicht mehr verstünden. Immer wieder sagten sie, daß beim nächsten Angriff der Regierung die Arbeiterschaft nicht mehr zu halten sein würde. Ob nun die Parteileitung wolle oder nicht, werde es zu einem Zusammenstoß kommen, weil die Maßnahmen der Regierung darauf angelegt seien, ihn herbeizuzwingen.

Nun war es tatsächlich zu dieser Situation gekommen, die Lawine war im Rollen und nichts vermochte sie aufzuhalten. Ob nun die Arbeiterschaft eine noch größere Lammsgeduld bewiesen oder ob der Parteivorstand noch energischer "gebremst" hätte   das alles vermochte die Entwicklung, die durch die Maßnahmen der Regierung zwangsläufig gegeben war, nicht zu ändern. Jetzt galt es, aus der der österreichischen Arbeiterklasse aufgezwungenen Lage die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, mochten daraus welche Folgen immer entstehen.

Für das Ehrgefühl der Wiener Arbeiter war es schlechthin untragbar, ihre Linzer Genossen, die wahrlich nicht durch eigene Schuld in einen tragischen Konflikt verwickelt waren, im Stiche zu lassen. Abgesehen von dem moralischen Moment der Treue, die zu halten sich die Wiener Arbeiter verpflichtet fühlten, mußte sie auch eine kühl abwägende, verstandesmäßige Ueberlegung an die Seite der Linzer Genossen führen. Jeder Wiener Arbeiter wußte, daß die blutige Niederwerfung der Linzer eine rücksichtslose Strafexpedition im ganzen Bundesgebiet der Republik zur Folge haben würde. War Linz von der Soldateska geschlagen, dann kamen unweigerlich die anderen Städte daran. So war denn das Geschick des österreichischen Proletariats untrennbar mit dem der Linzer Arbeiter verknüpft.

Ein Betrieb in Wien nach dem anderen stellte die Arbeit ein. Licht und Straßenbahn funktionierten nicht, auch das städtische Gaswerk stellte den Betrieb ein, der Generalstreik war da. Die Mitglieder des ehemaligen Republikanischen Schutzbundes sammelten sich an den ihnen für den Fall eines Generalstreikes angewiesenen Sammelplätzen. Noch waren sie nicht bewaffnet. Sie standen abwartend, ließen den Generalstreik, die wirtschaftliche Kampfmaßnahme der Arbeiterklasse, seine Wirkung tun und warteten. Wieder war es die Regierung, die den Stein ins Rollen brachte.

In der aufs äußerste gespannten Situation, in der es jedem Menschen klar war, daß die kleinste Unvorsichtigkeit zur Katastrophe führen mußte, fuhr die Regierung mit brutaler Faust drein. Sie setzte Polizei gegen die Streikenden in Bewegung.

Auch jetzt noch versuchten sozialdemokratische Abgeordnete zu vermitteln. Der Landeshauptmannstellvertreter von Niederösterreich, Oskar Helmer, wandte sich an den christlichsozialen Landeshauptmann Josef Reither und beschwor ihn, in letzter Stunde einen Versuch zu friedlicher Bereinigung des Konfliktes zu machen. Reither tat es, er wandte sich persönlich an den Bundeskanzler und an den Bundespräsidenten. An dem Starrsinn der Regierung scheiterte aber auch dieser letzte Rettungsversuch. Das Verhängnis nahm seinen Lauf. Noch bevor es in Wien zu irgend einer Gewaltmaßnahme gekommen war, verhängte die Regierung über die Stadt das Standrecht. In der amtlichen Publikation, die am Montag, den 12. Februar, nachmittags erschien, heißt es : "In Wien haben Teile der sozialdemokratisch organisierten Arbeiter der städtischen Elektrizitätswerke die Arbeit niedergelegt. Deshalb wurde auch in Wien das Standrecht verhängt. Die Bundesregierung hat unter Bereitstellung des gesamten Machtapparates alle Maßnahmen getroffen, um diese planmäßigen verbrecherischen Anschläge bolschewikischer Elemente im Keime zu ersticken." Aus dieser amtlichen Verlautbarung ist der Verlauf der Ereignisse mit voller Deutlichkeit zu erkennen. Die Regierung war es, die zum Angriff überging. Sie beantwortete einen bloßen Streik mit der Verhängung des Standrechtes! Man vergegenwärtige sich, um die Frevelhaftigkeit dieses Beginnens in seiner ganzen Größe zu ermessen, daß am gleichen Tage auch in Frankreich ein Generalstreik durchgeführt wurde, ohne daß die französische Regierung deshalb gleich das Standrecht proklamiert hätte. Dabei war nach den Behauptungen der österreichischen Regierung der Streik in Wien gar kein vollständiger, sondern wie man amtlicherseits immer wieder versicherte   nur ein Teilstreik. Wenn dem so war, wozu also die sofortige Verhängung des Standrechtes? Es war offenbar, daß Dollfuß und Fey den Streik als eine Gelegenheit erachteten, um nun, wie Fey sich ausdrückte, "ganze Arbeit" zu tun. Dieser Absicht entsprachen die weiteren, sofort eingeleiteten Maßnahmen der Regierung. Schon in den ersten Nachmittagsstunden begann die Polizei mit der Verhaftung aller sozialdemokratischen Mandatare, derer sie habhaft werden konnte. Nationalräte, Bundesräte, Stadträte und andere Gemeindefunktionäre wanderten ins Polizeigefangenenhaus. Das Rathaus wurde von Militär umstellt und alsbald auch der Bürgermeister Karl Seitz gewaltsam aus seiner Kanzlei geschleppt.

Nicht nur in Wien, sondern im ganzen Gebiete der Republik erfolgte gleichzeitig die Verhaftung aller Mandatare. Selbst in den entlegensten Orten wurden schon zwischen ein und zwei Uhr mittags die Abgeordneten festgenommen. Was ein weiterer Beweis dafür ist, daß die Regierung den Schlag vorbereitet hatte. Es wurde zum Beispiel in Dornbirn in Vorarlberg, wo es überhaupt zu keinem Streik und auch zu keiner anderen Aktion der Arbeiter gekommen war, der dortige Hauptvertrauensmann, Bundesrat Anton Linder, um 13 Uhr 50 von der Gendarmerie aus seiner Wohnung geholt. Mit ihm auch alle anderen Funktionäre der Arbeiterbewegung Vorarlbergs.

Wohlgemerkt, bevor noch ein Schuß in Wien gefallen war, auf die bloße Ankündigung des Generalstreiks hin, setzte die Regierung mit den schärfsten Repressalien ein, mit der Verhängung des Standrechtes und der Verhaftung der Vertrauensmänner im ganzen Bundesgebiet.

Zugleich rückten Militär- und Polizeiabteilungen, bis an die Zähne bewaffnet, in die Wiener Vorstädte ein. Ueberall, wo die Polizei Schutzbündler vermutete, wurden die Häuser umstellt. Die Exekutivorgane drangen ein, suchten die Schutzbündler zu verjagen, wobei von der Waffe rücksichtslos Gebrauch gemacht wurde. Die Schutzbündler setzten sich zur Wehr, die ersten Schüsse fielen. Das blutige Ringen begann.

 

 



[1]. Julius Deutsch, Der Bürgerkrieg in Österreich – eine Darstellung von Mitkämpfern und Augenzeugen; Karlsbad, Verlagsanstalt Graphia, 1934; S. 26.