Autriche 1918 – 1945
Documents :
Wien, juillet 1927 – Représentation social-democrate

 

"Mitteilungs-Blatt", édité par le SDAPDÖ, 17 juillet 1927.
Titre :
"Kommunisten und Plattenbrüder* überfallen den Schutzbund"
[1]

Eine Bande jugendlicher Kommunisten und anderes Gesindel terrorisierten in den Nachmittagsstunden [Samstag 16. Juli] die äußeren Gegenden von Hernals. In kleinen Gruppen zogen die verantwortungslosen Burschen durch die Straßen und entfesselten, wo sie hinkamen, einen Wirbel. Oftmals von der Polizei zerstreut, rotteten sie sich immer wieder zusammen und versetzten den Bezirk in heftige Erregung. In der Kinderfreundebaracke in der Hernalser Hauptstraße war der Hernalser Schutzbund untergebracht. Die Strolche stürmten gegen die Einfriedung los, zertrümmerten das Gitter, schlugen Fenster und Türen ein und gingen gegen den Schutzbund los. Um neues Blutvergießen zu vermeiden, zogen sich die Ordner in das Bezirkssekretariat in der Rötzergasse zurück. Die wilde Horde versuchte nun die schon gestern ausgebrannte Wachstube Rasensteingasse neuerlich in Brand zu stecken. Von Polizisten im Auto verjagt, zogen sie sich zurück, errichteten zwischen dem Viadukt der Vorortelinie und der Rosensteingasse Barrikaden aus Eisenschienen und Gartenbänken von denen sie immer wieder hervorbrachen. Dabei kam es fortwährend zu Schießereien zwischen der Wache und den Plattenbrüdern, deren Opfer friedfertige Menschen wurden. Die Wache fuhr in Gesellschaftswagen durch die Straßen, hatte an den Wänden rechts und links die Gewehre in Anschlag und schoß. Dabei wurde ein braver Hernalser Schutzbündler Franz Müller, der, eben vor den exzedierenden Kommunisten flüchtend, nach Hause gehen wollte, tödlich getroffen. Außerdem wurde ein Straßenbahner und eine Frau, die zum Fenster ihrer Wohnung herausschaute, erschossen. Ein Wachinspektor wurde von den Radaubrüdern erstochen, ein anderer erschossen. Insgesamt gab es sechs Tote. Viele Verletzte wurden in die Spitäler geschafft.

* "Die Platte" (féminin) est une expression dialectale en Autriche pour "bande de criminels, bande". Le membre d’une "Platte" est appelé "Plattenbruder" ou "Plattner".

Nationalrat, 26 juillet 1927. À l’ordre du jour figurent les évènements des 15, 16 et 17 juillet.
Otto Bauer dépose une motion visant à créer une commission d’enquête, ainsi qu’une motion visant à retirer sa confiance au gouvernement.
Intervention de Bauer (extraits)[2] :

[…] Aber, meine Herren, begreifen Sie einmal, warum wir diese Forderung stellen. Ich weiß nicht, ob Sie sich das vergegenwärtigt haben, was heute in der Seele von hunderttausend Menschen lebt. Denken Sie einmal nach, Sie haben es am 15. Juli doch erlebt, welche entsetzliche Gefahr es ist, wenn sich in der Seele breiter Menschenmassen der Haß, die Erbitterung über erlittenes Unrecht, über Verweigerung des Rechtes einnistet. Nun denken Sie einmal nach, in welcher Stimmung diese Menschen, die damals schon so aufgeregt waren, heute erst sind. An diesem Tage sind doch zwischen das Feuer der Polizei Tausende und aber Tausende Menschen gekommen, nicht nur Demonstranten, sondern neugierige Zuschauer, zufällige Passanten, alles mögliche. Sie haben ja gar keine Vorstellung, was das hervorgerufen hat. Jeder, der dieses Davonlaufen vor den Gewehren, der diese Flucht vor dem Tod, diese Flucht in der schrecklichsten Angst einmal mitgemacht hat, in dem lebt noch jetzt ein Gefühl der Erniedrigung, ein Gefühl der Demütigung, ein Gefühl der Verbitterung, ein Gefühl des Hasses, und ich fürchte, meine Herren, in vielen Fällen das Schlimmste : nämlich ein Gefühl der Rachsucht. Diese Menschen gehen jetzt stumm dahin, sie gehen früh in die Fabrik, wenn sie Arbeit haben, und abends nach Hause und leben ihr kärgliches Leben weiter, sie stehen in den Arbeitsvermittlungsämtern herum, wenn sie arbeitslos sind, und tragen diese Not weiter, stumm, und fressen diesen Haß, diese Erbitterung und dieses Gefühl der Demütigung in sich hinein. Und nun denken Sie einmal, meine Herren, was kommen wird. Dann werden, wenn Sie nicht mit einer Amnestie vorgehen, die Prozesse kommen, nicht etwa nur die Prozesse gegen Plünderer, Brandstifter oder Totschläger, nein, die ganzen anderen Prozesse. Da werden jetzt jeden Tag Menschen verhaftet und werden Menschen angeklagt deswegen, weil sie Wachleuten, die auf die flüchtende Menge geschossen haben, "Pfui!" zugerufen haben. Da werden jetzt jeden Tag Menschen angeklagt und verurteilt werden deswegen, weil sie einem Wachmann in dem Gedränge, dort, wo es um Menschenleben ging, einen Stoß versetzt haben. Da werden Menschen jetzt wegen dieser Delikte, wie Auflauf u. dgl., verurteilt werden. Jetzt stellen Sie sich die Situation vor, denken Sie doch ein bißchen daran, daß es sich um Menschenleben, um Menschenschicksale handelt, und denken Sie, wenn Sie nicht menschlich denken wollen, rein vom Standpunkt der Staatsräson : Ist es wirklich nützlich, Menschen, die ohnehin in diesem Zustand der Erbitterung und des Hasses sind, nun auch monatelang durch solche Prozesse zu reizen, durch Prozesse zu reizen, wo jeden Tag jeder dieser unglücklichen erbitterten Menschen das Gefühl haben wird : Den Bruder haben sie ihm erschossen und dafür sperren sie ihn noch ein; die Mörder von Schattendorf haben sie freigelassen, aber den, der "Pfui!" gerufen hat, sperren sie ein. Glauben Sie, meine Herren, daß das im Interesse des Staates ist? Glauben Sie, daß das Gefahren mildern heißt, wenn man so verfährt? […] Aber daß der Herr Bundeskanzler irgendwie die Verpflichtung fühlen wird, dieses unermeßliche menschliche Leid auch irgendwie zu lindern, um eine gewisse Beruhigung zu schaffen, das habe ich gehofft. Nicht aus Mitleid. Ich weiß, Mitleid ist nicht die Tugend eines Staatsmannes. Nicht aus Humanität. Ich weiß : Autorität, nicht Humanität ist Ihre Parole. Nicht aus irgendwelcher religiöser Überzeugung. Ich weiß : Davon darf man sich nicht irremachen lassen, denn die Pflicht ist, fest zu sein. Nein, nur aus bloßer Staatsräson, meine Herren, nur aus der bloßen Staatsräson, daß man nicht zuviel Erbitterung in den Tiefen der Gesellschaft lassen soll. Gewiß, die Gemeinde Wien hat schon und wird auch weiter ihre Pflicht erfüllen. Aber begreifen Sie : Es handelt sich hier nicht um die Frage des Geldes, es handelt sich um eine moralische Frage, um die Frage, Beruhigung zu schaffen durch eine Gebärde wenigstens des Fühlens für dieses menschliche Leid. […] Der Herr Bundeskanzler hat uns eingeladen, wir sollen den Trennungsstrich ziehen zwischen uns und den Plünderern, Brandstiftern usw. Das haben wir nicht notwendig. Es hat eine Zeit gegeben in der österreichischen Arbeiterbewegung, wo eine Gruppe, eine zeitweilig einflußreiche Gruppe, vorhanden war, die mit solchen Mitteln, mit Plünderung und Brandstiftung und Raub und Mord glaubte, die Befreiung der Arbeiterklasse erkämpfen zu können. Diese Gruppe, die Gruppe der Anarchisten, der Radikalen, wurde niedergerungen, nicht durch die Polizei, sondern durch die Sozialdemokratie unter Viktor Adlers Führung. Wenn heute Unglückliche in die Irrtümer dieser Gruppe von einst verfallen, in Stunden großer Erregung, so werden wir nicht den Trennungsstrich ziehen zwischen ihnen und uns, sondern diese Unglücklichen zu belehren und zu erziehen suchen zu sozialdemokratischem Denken. Daß wir aber, wie der Herr Kanzler sich vorstellt, etwa in der Stunde, wo seine Polizei in diese Menschen hineingeschossen hat, in der Stunde, wo diese Menschen verwundet in den Spitälern liegen und ihre Witwen an Gräbern klagen, in der Stunde, wo man Massenverhaftungen unter diesen Menschen vornimmt, daß in dieser Stunde, wo diese Menschen sich bedrückt und erniedrigt fühlen und sich haßerfüllt auflehnen gegen die Ordnung, die ihnen auferlegt ist, daß wir in dieser Stunde den Trennungsstrich ziehen zwischen diesen Menschen und uns, nein, Herr Kanzler, das werden wir nicht tun, wir ziehen keinen Trennungsstrich zwischen leidenden Menschen und uns, und je schwerer sie leiden, in je schwereres Leid Unrecht sie gebracht hat, desto mehr ist unser Gedanke, nicht uns zu trennen von diesen Menschen, sondern im Gegenteil, für sie zu arbeiten und sie in eine wirtschaftliche Lage zu heben, daß sie leichter so weise werden können, wie der Satte ist, und ihnen Belehrung und Erziehung zu bringen und ihnen, selbst wenn sie irren und selbst wenn sie fehlen gegen die Gesellschaft, deren Opfer diese Menschen sind, nichts zu sein als die treuen und unermüdlichen Anwälte dieser arbeitenden und leidenden Menschen. […] Täuschen Sie sich nicht über die Tiefe des Grolles da unten und glauben Sie nicht, meine Herren, daß der Staat, daß die Republik Gefahren, die ihr drohen können, entrinnt, wenn Sie diesen Groll nicht beachten, nicht sehen wollen, wenn Sie diesen Menschen gegenüber nichts haben als den Wunsch der festen Gebärde, wie der Herr Bundeskanzler gesagt hat. […] Wie ich heute diese Versammlung, die Mehrheit dieses hohen Hauses, hier gesehen habe, wie ich insbesondere den Herrn Bundeskanzler reden gehört habe, da habe ich immer das Gefühl gehabt, ja, die sind blind, die wissen nicht, was in den Tiefen der Volksseele heute lebt, die lachen [sic! "Lacken"?] unerhörten Grolls und unerhörten Hasses, der sich da ansammelt, die ahnen gar nicht, wie gefährlich das ist, die ahnen nicht, die verstehen nicht, daß heute nicht Humanität, nicht Sentimentalität, sondern die primitivste Staatskunst nichts anderes suchen müßte, als die wildesten von den Leidenschaften, die leicht das Werkzeug von Dämonen werden können, wenigstens zu beruhigen, zu zähmen. Dazu weisen wir Ihnen den Weg. Suchen Sie nicht die falsche Gebärde der Festigkeit, geben Sie diesen Menschen, die so tief verwundet sind, geben Sie ihnen das Stück Genugtuung, das in einer strengen Untersuchung, das in der Amnestie, das in der Sorge für die Hinterbliebenen der Opfer und in der Sorge für die Krüppel liegt; geben Sie ihnen das – es ist wenig genug, nach dem was geschehen ist. Wenn Sie auch das nicht geben, wenn Sie den Groll da anwachsen lassen, ohne den geringsten Versuch zu machen, ihn durch eine Gebärde zu beruhigen, dann kann ich nur sagen, daß Sie wirklich handeln, ohne zu wissen, was die Wirkungen Ihrer Handlungen sind. Meine Herren! Stellen Sie sich doch einmal vor, wie sich das den Menschen darstellt. So sieben Jahre – wenn auch unter wechselnder Firma – regiert jetzt der Herr Bundeskanzler, und das Ergebnis dieser sieben Jahre, das sind diese 100 Toten. […]

5. Reichskonferenz des Republikanischen Schutzbundes,
15.-16. Oktober 1927 im Favoritner Arbeiterheim.
Interner Bericht
(Auszüge)[3] :

Vertrauliche Sitzung. Referent Heinz. […] Am 14. Juli [1927] hielt die Z.L. [Zentralleitung] 11 Uhr abends eine Sitzung ab und ersuchte die Partei um Genehmigung zu einer Bereitschaftsanordnung, wurde verweigert. Um 9 Uhr vormittag den 15. erhielt die Z.L. vom Parteivorstand Alarmierungsbefehl, erklärte sich sofort in Permanenz, verlegte den Sitz ins Parlament. Die alarmierten Bezirksgruppen erhielten Weisung, sofort zum Rathaus marschieren und Stand bei Gen. Heinz zu melden. Die abmarschierenden Abteilungen auf Waffen untersuchen. […] Auf diese Weise standen bis 1 Uhr 2.400 Mann im Dienst. […] Auch soll festgestellt werden, daß viele Schutzbündler dem Alarmierungsbefehl nicht Folge leisteten, sondern weiter unter den Demonstranten blieben und gegen die im Dienst Stehenden Stellung nehmen. […] Nachdem mit der Polizeidirektion Vereinbarung getroffen worden war, daß Wache zurückgezogen wird und Schutzbund die Ordnung wieder herstellen wird, erteilte die Z.L. an die in und um das Rathaus verteilten Formationen den Befehl zur Säuberung. Während es der unter dem Kommando des Gen. Hendl [Heinrich Heindl, Bezirkskommandant des Alsergrunder Schutzbundes] stehenden Gruppe gelang, die Lichtenfelsgasse zu säubern und der Feuerwehr den Weg freizumachen, konnte die Hauptgruppe unter Führung des Gen. Pokorny das Gelände vor dem Justizpalast nicht räumen und die Brandlegung nicht verhindern. Es gelang jedoch einer Alsergrunder Kompagnie, ich halte es für meine Pflicht ihrer hier lobend zu gedenken, unter Führung des Gen. Kersch in den Justizpalast einzudringen und nach den Anweisungen des Gen. Kömer das Gebäude zu räumen und Plünderungen zu verhüten. Da die Situation sich immer mehr verschärfte, entschloß sich die Z.L. zu einem Generalangriff gegen die Demonstranten vor dem Justizpalast und zog die inzwischen frei gewordene Gruppe des Gen. Hendl und die inzwischen eingetroffene Abteil, der Hauptwerkstätte der Straßenbahn heran und unter persönlicher Führung Deutsch wurde der Angriff unternommen, der auch zum Ziel geführt hätte, wenn nicht in diesem Augenblick der Gewehrangriff der Polizei erfolgt wäre.

Julius Deutsch, rétrospectivement[4] :

Die Ereignisse des 15. Juli 1927 […] An diesem unglückseligen Tag hatte es sich gezeigt, daß Polizei und Gendarmerie wie in der dunkelsten Zeit der Habsburger gegen das Volk eingesetzt werden konnten. Ein unbedeutender Straßenkrawall war zum Anlaß genommen worden, um "einzuschreiten".

 



[1]. Daniel Karl Rosenbaum, Walter Schneider, Elisabeth Thury : Die Schreckenstage von Wien – Geschichte und Darstellung der Wiener Julirevolte 1927; Wiener Allgemeine Zeitungs- und Verlags-Aktiengesellschaft, 1927; S. 36.

[2]. Stenographische Protokolle über die Sitzungen des Nationalrates, III. Gesetzgebungsperiode; S. 147‑149.

http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=spe&datum=0005&page=523

[3]. Wolfgang Maderthaner (Hrsg.) : Archiv – Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung, Jg. 3, 1987, S. 170.

[4]. Julius Deutsch : Alexander Eifler, ein Soldat der Freiheit; Wien, Wiener Volksbuchhandlung, 1947; S. 15.