Autriche 1918 – 1945
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République des conseils hongroise (21 mars – 1er aout 1919)

 

(Hongrie)
Appel
22 Mars 1919 [1]

An Alle!

Das Proletariat Ungarns hat mit dem heutigen Tage jede Macht in seine eigene Hand genommen. Der vollständige Zusammenbruch der bürgerlichen Welt und die Bankerotterklärung des Koalitionsregimes zwingen die Arbeiterschaft und die Bauernschaft Ungarns zu diesem entscheidenden Schritte. Die kapitalistische Produktion ist zusammengebrochen. Die Arbeiterschaft ist nicht geneigt, ihr Haupt auch fernerhin unter das Joch der Großkapitalisten und Großgrundbesitzer zu beugen. Das Land kann von der Anarchie des Zusammenbruches nur durch Schaffung des Sozialismus und Kommunismus gerettet werden. Zur selben Zeit steht die ungarische Revolution auch außenpolitisch vor der vollen Katastrophe. Die Pariser Friedenskonferenz hat dahin entschieden, daß nahezu das ganze Gebiet Ungarns militärisch besetzt werden soll. Sie erachtet die Linien der Besetzung als endgültige politische Grenze und macht hierdurch die Verpflegung und Kohlenversorgung des revolutionären Ungarn vollends unmöglich. In dieser Lage blieb der ungarischen Regierung zu ihrer eigenen Errettung als einziges Mittel die Diktatur des Proletariats, die Herrschaft der Arbeiter und der Armen des Ackerbaues. Die entscheidende Grundbedingung der Diktatur des Proletariats ist die vollkommene Einheit des Proletariats. Eben deshalb haben die ungarländischen Sozialisten und die ungarländische Partei der Kommunisten, der geschichtlichen Notwendigkeit gehorchend, ihre vollkommene Vereinigung ausgesprochen. An Stelle dieser Parteien wird hinfort die "Ungarländische Sozialistenpartei" jeden arbeitenden Mann und jede arbeitende Frau des Landes in sich aufnehmen. Die Regierungsgewalt übernimmt im Auftrage dieser Partei ein Revolutionärer Regierungsrat. Pflicht dieses Rates wird die Ausgestaltung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte sein. Die Macht der Gesetzgebung, die Exekutive und die Richtergewalt werden von der Diktatur der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte ausgeübt. Ungarn konstituiert sich zu einer Räterepublik. Der Revolutionäre Regierungsrat beginnt unverzüglich eine ganze Reihe der großen Arbeiten zur Vorbereitung und Verwirklichung des Sozialismus und Kommunismus. Er statuiert die Sozialisierung der Großgrundbesitze, der Bergwerke, der Großbetriebe, der Banken und der Verkehrsunternehmungen. Die Bodenreform führt er nicht durch eine Bodenaufteilung, die Rumpfgrundbesitze schafft, sondern im Wege von sozialistischen Produktionsgenossenschaften durch. Die Preistreiber, die Lebensmittelwucherer, die spekulativen Nutznießer des Hungers und der Kleiderlosigkeit der Massen verfolgt er mit unnachsichtlicher Schonungslosigkeit. Er fordert eiserne Disziplin. Er ahndet mit Todesstrafe die Banditen der Gegenrevolution und die Briganten der Plünderung. Er organisiert eine mächtige Proletarierarmee, die die Diktatur der Arbeiterschaft und der Bauernschaft gegenüber dem ungarischen Kapitalisten und dem ungarischen Großgrundbesitzer ebenso zur Geltung bringt wie gegenüber dem rumänischen Bojaren und dem tschechischen Bourgeois. Er erklärt seine volle ideelle und seelische Solidarität mit der russischen Sowjetregierung und bietet den Proletariern Rußlands ein Waffenbündnis an. Er entbietet der Arbeiterschaft Englands, Frankreichs, Italiens und Amerikas seinen Gruß. Zugleich fordert er sie auf, keinen Augenblick mehr den verruchten Feldzug ihrer kapitalistischen Regierungen gegen die ungarische Räterepublik zu dulden. Er fordert die Arbeiter und Ackerbautreibenden Böhmens, Rumäniens und Serbiens sowie Kroatiens zu einem bewaffneten Bündnis gegen die Bojaren, die Großgrundbesitzer und die Dynastien auf. Er fordert die Arbeiter Deutschösterreichs und des Deutschen Reiches auf, dem Beispiel der ungarländischen Arbeiterschaft zu folgen, mit Paris end gültig zu brechen und sich mit Moskau zu verbünden, die Räterepublik zu konstituieren und mit den Waffen in der Hand den imperialistischen Eroberern Trotz zu bieten. Die Ungarische Sozialistenpartei und der Revolutionäre Regierungsrat sind sich dessen bewußt, mit wie vielen Schwierigkeiten und Opfern die ungarische Arbeiterschaft zu kämpfen haben wird, wenn sie diesen mutigen und großartigen Weg beschreitet. Wir müssen aber den Krieg führen zur Befreiung unserer Lebensmittel und unserer Bergwerke. Wir müssen den Kampf ausfechten für die Freiheit unserer Proletarier und für die Freiheit unserer eigenen Existenz. Entbehrungen, Elend und Leiden harren unser auf diesem Wege. Trotzdem müssen wir ihn beschreiten, denn wir vertrauen dem Heldenmut und der Opferwilligkeit des ungarischen Proletariats. Wir müssen ihn gehen, denn nur so können wir der welterlösenden Sache, dem Sozialismus, zum Siege verhelfen. Wir fordern jeden Arbeiter und jeden Ackerbautreibenden auf, zu arbeiten und zu produzieren oder in die Proletarierarmee einzutreten und im Schweiße seines Angesichtes oder mit dem Blute seines Herzens für den Triumph der Idee Opfer zu bringen. Was unser auch harren möge die Sache des Sozialismus muß siegen! Hoch die Proletarierdiktatur! Hoch die ungarische Räterepublik!

Reichsvollzugsausschuss der Arbeiterräte Deutschösterreichs
Réponse à l’appel du Parti hongrois des socialistes
et du Conseil révolutionnaire au pouvoir (Hongrie)
22 Mars 1919 [2]

Genossen und Genossinnen!

Zur Sitzung des Reichsvollzugsausschusses der Arbeiterräte Deutschösterreichs versammelt, erreicht uns euer Aufruf : An alle!

Ihr habt die Staatsgewalt in eure Hand genommen, dem Imperialismus der Entente die Unerschrockenheit und Kampfbegeisterung des geeinigten ungarischen Proletariats entgegengestellt. Mit euch sind wir der Meinung, daß heute, nach dem Zusammenbruch des deutschen und österreichisch-ungarischen Imperialismus, der Hauptfeind der imperialistische Sieger ist. Die Konferenz der Sieger in Paris soll, wenn sie ganze Völker vergewaltigen und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen beugen will, auf den entschlossenen Widerstand der Arbeiter stoßen.

Ihr habt an uns den Ruf gerichtet, eurem Beispiel zu folgen. Wir täten es vom Herzen gern, aber zur Stunde können wir das leider nicht. In unserem Lande sind keine Lebensmittel mehr. Selbst unsere karge Brotversorgung beruht nur auf den Lebensmittelzügen, die die Entente uns schickt. Wenn wir heute eurem Rate folgen würden, dann würde uns der Entente-Kapitalismus mit grausamer Unerbittlichkeit die letzte Zufuhr abschneiden, uns der Hungerkatastrophe preisgeben. Wir sind überzeugt davon, daß die russische Räterepublik nichts unversucht lassen würde, uns zu helfen. Aber ehe sie uns helfen könnte, wären wir verhungert. Wir sind daher in einer noch wesentlich schwierigeren Lage als ihr. Unsere Abhängigkeit von der Entente ist eine vollständige.

Wohl aber ist es unsere heilige Pflicht, für alle Fälle gerüstet zu sein. Darum hat die Reichskonferenz unserer Arbeiterräte vor drei Wochen den Ausbau der Räteorganisation beschlossen. Wir haben an das arbeitende Volk den Appell gerichtet, überall Arbeiterräte einzusetzen, die Gründung von Bauernräten zu fördern sowie Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte mit den bestehenden bewährten Organisationen zusammenzufassen, um alles vorzubereiten, was die Stunde gebietet.

Neuerdings ergeht der Ruf an die Arbeiter aller Orte, die Räteorganisation schleunigst auszubauen. Wir haben auch bereits gefordert, daß der in den Beschlüssen der Reichskonferenz vorgesehene Zentralrat in den nächsten Tagen zusammentrete.

All unsere Wünsche sind bei euch. Mit heißem Herzen verfolgen wir die Ereignisse und hoffen, daß die Sache des Sozialismus siegen wird. Kampbereit stehen auch wir, gewillt zu erfüllen, was die geschichtliche Notwendigkeit fordern wird.

Es lebe die internationale Arbeitersolidarität!

Es lebe der Sozialismus!

Für den Reichsvollzugsausschuß der Arbeiterräte Deutschösterreichs :

Josef Benisch (Schriftführer), Friedrich Adler (Vorsitzender)

Ungarn und wir
Arbeiter-Zeitung, 23. März 1919 [3]

Die proletarische Revolution in Ungarn hat ihre besonderen, ihre eigentümlichen Züge. Sie ist nicht so sehr eine Erhebung gegen die Bourgeoisie des eigenen Landes als ein Aufstand gegen die Ententebourgeoisie. Die Entente hat den größten Teil Ungarns an Tschechen, Rumänen und Südslaven verschenkt. Das ungarische Volk lehnt sich gegen die Zerstückelung seines Landes, gegen die Preisgabe kernmagyarischer Städte an fremde Nationen auf. Es faßt den verzweifelten Entschluß, sich gegen die übermächtigen Sieger mit der Waffe in der Hand zur Wehr zu setzen. Aber werden die Arbeiter und die Bauern dem Rufe zu den Waffen folgen? Werden die kriegsmüden Soldaten todesbereit gegen Tschecho-Slovaken und Rumänen marschieren? Sie werden es nur dann, wenn Ungarn wirklich zu ihrem Vaterland wird : wenn der Staat ihr Eigentum wird, wenn die Fabriken und der Boden ihr Besitz werden. Die magyarische Bourgeoisie, deren wirtschaftliche Daseinsmöglichkeit die Zerstückelung des Landes zerstört, faßt den verzweifelten Entschluß, zeitweilig abzudanken, Arbeitern und Bauern kampflos die Staatsgewalt zu überlassen, weil sie darin das einzige Mittel erblickt, die Proletarier der Fabrik und der Scholle zu neuem Kampfe gegen den Landesfeind aufzubieten. So kann das Proletariat, ohne Widerstand zu finden, die Macht ergreifen. Die soziale Revolution dient hier der nationalen Verteidigung; der Uebergang der Macht aus den Händen der Bourgeoisie in die Hände des Proletariats dient der Verteidigung des Landes gegen den äußeren Feind. Es ist nicht zum erstenmal so : 1792 hat das französische Volk die Jakobiner zur Macht erhoben, weil es sie allein für befähigt hielt, den nationalen Widerstand gegen die koalierten Fürsten ganz Europas zu entfesseln; 1871 ist die Pariser Kommune aus der Bewegung der Patrioten hervorgegangen, die die Unterwerfung unter das Gebot des deutschen Siegers bekämpften, den Krieg gegen Deutschland fortsetzen wollten.

Das ungarische Proletariat ruft die Proletarier der Nachbarländer, auch die Proletarier Deutschösterreichs auf, seinem Beispiel zu folgen. Und schon leuchtet hier manches Auge Heller, schon schlägt hier lauter manches Herz! Ist unsere Lage nicht dieselbe wie die unserer ungarischen Brüder? Ist nicht auch hier ‑ in Deutschböhmen und im Sudetenland, in Südtirol, Kärnten und Untersteier ‑ deutsches Land vom übermütigen Sieger bedroht, der über Völker verfügt, als ob es Herden wären? Ist nicht auch für uns die Stunde gekommen, die Bourgeoisie zu stürzen, die Macht an uns zu reißen, die Fabriken und Bergwerke, den Boden des Adels und der Kirche mit einem Schlage dem Volke zuzueignen?

Und doch sind wir in ganz anderer, viel schlimmerer Lage als die Brüder in Ungarn. Gewiß, die Bourgeoisie des eigenen Landes könnten wir so leicht und so schnell entthronen wie sie; das würden ein paar Bataillone Volkswehr besorgen. Aber von der Ententebourgeoisie sind wir ganz anders gefesselt als das magyarische Proletariat. Die Diktatur des Proletariats würde hier wie dort eine Herausforderung der Entente, eine Kriegserklärung an sie bedeuten. Die Ungarn ertragen es, wenn die Ententemissionen Budapest verlassen; sie haben immerhin noch Lebensmittel im eigenen Lande. Wir würden es nicht ertragen. Wir haben kein Mehl mehr als das, das die Entente uns schickt. Wenn die Entente die Lebensmittelzüge einstellt, hätten wir kein Brot mehr. Die Ungarn raten uns, uns von Paris zu trennen, um uns mit Moskau zu verbünden; aber Moskau ist weit, die Sowjetarmeen stehen noch mehr als tausend Kilometer von uns, Polen und die Ukraine sperren uns jede Verbindung mit ihnen; wir sind an Paris gefesselt, weil nur Paris uns Brot geben kann.

Was täten wir, wenn die Entente uns kein Getreide, kein Mehl mehr schickt? Bei den Reichen requirieren? In Wien gibt es ungefähr 500.000 Haushaltungen, unter ihnen etwa ein Zehntel, also etwa 50.000 reiche. Nehmen wir an, daß jede reiche Familie für zehn Tage Mehl vorrätig habe. Wir könnten dieses Mehl requirieren. 50.000 Familien brauchen für zehn Tage so viel wie 500.000 für einen Tag. Wenn wir also die gehamsterten Vorräte der Reichen beschlagnahmen, so hätten wir gerade so viel Mehl, als das Wiener Volk für einen Tag braucht. Und dann?

Wir könnten bei den Bauern requirieren. Aber Deutschösterreich ist ein Gebirgsland; im größten Teile des Alpenlandes wächst kein Getreide. Wir haben auch im Frieden nie von deutschösterreichischen, sondern von ungarischem, galizischem, mährischem Getreide gelebt. Was heute bei den schärfsten Requisitionen aus den Bauernhöfen noch herauszuholen wäre, würde nicht einmal für einige Wochen, wahrscheinlich nicht für vierzehn Tage reichen. Und dann?

Ungarn kann uns nichts geben; seine getreidereichen Gebiete ‑ die Bacska, das Banat, die Slovakei ‑ sind von fremden Truppen besetzt. Oder sollen wir darauf rechnen, daß die Revolution auch nach Böhmen überschlagen wird, daß die Tschechen uns dann helfen werden? Nun, die Tschechen könnten uns Kohlen liefern, sie könnten uns vielleicht für ein paar Tage mit Kartoffeln versorgen, aber Getreide für uns hätten auch sie nicht! Oder sollen wir darauf bauen, daß die Revolution auch die Ententeländer erfassen, ihr Proletariat uns dann Getreide schicken wird? Aber wann wird das geschehen? Vielleicht nach Monaten, vielleicht in einem Jahre! Und wir haben nicht für zwei Wochen Vorräte!

So ist Deutschösterreich ganz auf die Zuschübe der Entente angewiesen. Durch den Hunger sind wir der Entente wehrloser ausgeliefert, als wir es durch eine Besatzungsarmee wären. Der Versuch, hier eine Rätediktatur aufzurichten, würde damit enden, daß wir in ein paar Tagen ganz ohne Brot wären, binnen kurzem durch die Hungersnot zur Kapitulation gezwungen würden. Darum keine Illusionen! Mit Bourgeoisie des eigenen Landes fertig zu werden wäre leicht; aber die Ententebourgeoisie hält uns in Fesseln, die wir nicht zu sprengen vermögen, und sie hält schützend ihre Hand über der heimischen Bourgeoisie!

Aber so wehrlos wir heute sind, wir brauchen darum nicht zu verzweifeln. Die Rätediktatur in Ungarn beweist trotz alledem, daß unsere Sache marschiert. Unaufhaltsam wälzt sich die Welle der sozialen Revolution vom Osten nach dem Westen. Die Stunde wird kommen, in der auch die Arbeiterklasse Englands und Amerikas, Frankreichs und Italiens die Fesseln sprengen wird! Der Ententebourgeoisie wehrlos unterworfen, sind wir heute noch ohnmächtig; aber wenn sich das Proletariat der Ententeländer selbst gegen seine Bourgeoisie erhebt, dann werden im Bunde mit ihm auch wir alle Fesseln brechen.

Rätediktatur oder Demokratie?
4. Der Weg der Demokratie.
Arbeiter-Zeitung, 28. März 1919 [4]

Die Revolution hat der deutschösterreichischen Arbeiterschaft die demokratische Republik, die Selbstregierung des Volkes im Staate, im Lande und in der Gemeinde gebracht und damit ihre Macht wesentlich erweitert. Aber der große politische Sieg konnte das wirtschaftliche Elend nicht bannen. Unsere Lebensmittelvorräte sind erschöpft; wir leben nur von den allzu kargen Zuschüben der Entente. Die Zufuhr der ausländischen Kohle, auf die wir angewiesen sind, stockt; daher ist unser Eisenbahnverkehr gedrosselt, unsere Fabriken können infolge des Mangels ausländischer Rohstoffe und Kohlen nicht arbeiten; Hunderttausende sind arbeitslos. Die Kriegskosten sind mit Milliarden Banknoten, die in den Umlauf gepreßt wurden, gezahlt worden; dadurch sind unsere Geldzeichen entwertet, die Preise steigen ins Unerhörte, die leeren Staatskassen und die Krise der Industrie machen es unmöglich, Löhne und Gehalte in gleichem Ausmaß zu erhöhen. Die Entente verweigert uns immer noch den Frieden, die Rückkehr unserer Gefangenen, die freie Einfuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln. An all dem kann keine Regierung etwas ändern, Aber die Massen, die hungern und leiden wie nie zuvor, sind verzweifelt und erbittert. Die Leidenschaft, durch die Not entfesselt, droht über besonnene Erwägung zu obsiegen. Das Vorbild Rußlands und Ungarns lockt Tausende. Die Bourgeoisie sieht, daß die Versuchung zu neuer Revolution, zur Proklamierung der Rätediktatur die Massen lockt, Die Bourgeoisie zittert davor, daß die Masse der Versuchung erliegt. So klammert sich die Bourgeoisie jetzt selbst an die Demokratie, gegen die sie sich vor wenigen Monaten noch mit Händen und Füßen gewehrt, die sie nur unter unwiderstehlichem Zwange hingenommen hat. Die Bourgeoisie sucht die Demokratie zu retten, indem sie den arbeitenden Volksmassen ihre Fruchtbarkeit beweist. So ist die Bourgeoisie unter dem Drucke der Furcht vor der Rätediktatur zu weit größeren Zugeständnissen bereit, als sie sonst bei gleichen Machtverhältnissen bereit wäre. Ist die Macht des Proletariats zunächst vergrößert worden durch den Sieg der Demokratie, so wird sie jetzt neuerlich vergrößert dadurch, daß die Bourgeoisie die Demokratie bedroht sieht durch die Werbekraft des Gedankens der Rätediktatur.

So können wir heute im Rahmen der demokratischen Republik ohne neuen gewaltsamen Umsturz sehr viel durchsetzen. Wir können die alten monarchischen, feudalen und militaristischen Institutionen von der Wurzel aus ausrotten. Wir können durch eine Reihe mutiger Reformen das Unterrichtswesen neu gestalten, um für die Erziehung einer selbstbewußten, denkenden, mutigen Generation die Grundlagen zu schaffen. Wir können das Arbeiterrecht auf neue Grundlagen stellen, den Arbeiterschutz und die Arbeiterversicherung unvergleichlich schneller und unvergleichlich großzügiger, als es jemals zuvor möglich war, ausbauen. Wir können die ersten Schritte auf dem Wege zur Sozialisierung der Industrie und des Bergbaues, der Forstwirtschaft und des Handels zurücklegen. Wir können durch eine energische Vermögensbesteuerung das Volk von dem Tribut an die Staatsgläubiger befreien. All das ist heute möglich auf der Grundlage der Demokratie. Und all das ist im Zuge, im Werden. Die Demokratie wird diese Aufgaben erfüllen, wenn ihr nur Zeit zur Erfüllung dieser Aufgaben gelassen wird.

Aber freilich, all das genügt den breiten Massen des Proletariats nicht mehr. Aufgewühlt durch das furchtbare Erlebnis des Krieges, aufgerüttelt durch die Stürme der Revolution in Rußland, in Deutschland, in Ungarn, fordert das Proletariat die volle Macht, die Alleinherrschaft. Sie kann es freilich in der deutschösterreichischen Nationalversammlung nicht erlangen; denn in ihr halten die Kräfte der klerikalen Bauernschaft und der sozialistischen Arbeiterschaft einander das Gleichgewicht. Aber müssen wir darum die Demokratie aufgeben? Gibt es nicht auch auf demokratischer Grundlage einen Weg zur Macht?

Im Staate ist die Macht der Arbeiter begrenzt durch die Macht der Bauern. Anders in lokalen Selbstverwaltungskörpern. In der Nationalversammlung haben wir nicht die Mehrheit; aber in der Gemeindevertretung von Wien, im Landtag von Niederösterreich, in den zu schaffenden Kreisvertretungen des Viertels unter dem Wienerwald oder des obersteirischen Kreises kann die Arbeiterschaft unschwer die Mehrheit erringen. Und wenn nun all diesen Selbstverwaltungskörpern eine breite Autonomie zugewiesen, wenn ihnen insbesondere auch das Recht zur Enteignung und Sozialisierung dazu geeigneter Betriebe zugestanden wird, dann kann die Herrschaft über die lokalen Selbstverwaltungskörper zur gewaltigsten Machtquelle des Proletariats werden. Im Staate sind die Bauern zu zahlreich, als daß die Arbeiterschaft allein herrschen könnte; in den Großstädten und Industriebezirken aber ist die Arbeiterschaft die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, da kann sie auf demokratische Weise, durch den Stimmzettel, die Herrschaft in den lokalen Vertretungskörpern erringen und die Autonomie der Gemeinden und Kreise kann so zu einem wichtigen Herrschaftsmittel des Proletariats werden. Darum brauchen wir vor allem eine demokratische Lokalverwaltung mit breiten Kompetenzen.

Andererseits aber brauchen wir den Anschluß an das Deutsche Reich. Denn wie immer sich die Klassenkämpfe des reichsdeutschen Proletariats vorübergehend gestalten, schließlich sind in der großen deutschen Republik die Voraussetzungen für die Herrschaft des Proletariats doch unvergleichlich günstiger als in unserem kleinen, industriell viel weniger entwickelten Deutschösterreich. Dort bildet die Arbeiterklasse einen viel größeren, die Bauernschaft einen viel kleineren Teil der Bevölkerung als hier. In Deutschland wird das Proletariat die Herrschaft erobern; also wird auch Deutschösterreich unter proletarischer Herrschaft stehen, sobald es ein Teil des Deutschen Reiches wird.

Unser deutschösterreichischer Staat ist ein Notgebilde, zu vorübergehender Leistung bestimmt. Wenn es erst in dem großen Deutschland aufgegangen sein wird, dann werden unserer Nationalversammlung keine wichtigen Aufgaben mehr bleiben. Das Schwergewicht der Gesetzgebung und der Verwaltung wird dann fallen einerseits an das Reich, andererseits an die lokalen Selbstverwaltungskörper, an Gemeinden, Kreise und Länder. Im Reiche aber kann die Arbeiterschaft auf demokratischem Wege die Herrschaft erlangen und in den Stadtgemeinden und industriellen Kreisen wird sie mit demokratischen Mitteln die Herrschaft erobern. So können wir ohne Rätediktatur, mit den Mitteln der Demokratie die Macht gewinnen.

Die Rätediktatur würde in Deutschösterreich keineswegs die Diktatur des Proletariats bedeuten; denn die Arbeiterräte müßten mit den Bauernräten die Macht teilen. Die Rätediktatur würde aber bei den heutigen Verhältnissen neuen Krieg gegen die Entente, die Gefahr einer Besetzung unseres Landes durch fremde Heere, die vollständige Einstellung der Lebensmittel- und der Kohlenzufuhr, die ungeheuerlichste Steigerung des Massenelends bedeuten und in einer Hungerkatastrophe enden, aus der es keinen anderen Ausweg mehr gäbe als die Konterrevolution. Es gibt einen anderen, sichereren und schmerzloseren Weg zur Macht. Das ist der Weg der Demokratie. Wenn wir uns einerseits dem großen roten Deutschland eingliedern und andererseits in Gemeinden und Kreisen starke Burgen roter Herrschaft schaffen, führen wir das Proletariat auf sichererem Weg zur Macht.

So steht es heute. Freilich, wie es morgen, wie es übermorgen stehen wird, kann niemand voraussagen. Heute wäre die Rätediktatur nichts als ein leichtfertiges Abenteuer., das uns nur ins Verderben führen könnte. Aber wir leben in einer Zeit der gewaltigsten Umwälzungen, in der sich das Denken der Menschen, die Machtverhältnisse zwischen Klassen und Staaten von Tag zu Tag ändern. Was heute verderbliches Abenteuer wäre, kann in ein paar Tagen, in ein paar Wochen, in ein paar Monaten zur unentrinnbaren Notwendigkeit werden. Wir lehnen die Rätediktatur nicht für alle Länder, nicht für alle Zeiten ab. Wir glauben nur, daß sie in unserem Lande, am heutigen Tage, bei den gegebenen Machtverhältnissen, in unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Not nicht der Weg zur Macht wäre, sondern der Weg ins Verderben. Wen der Sturm der proletarischen Revolution die Bourgeoisregierungen in unseren Nachbarländern hinwegfegt und sich das Proletariat auch in den Ententeländern erhebt; wenn die Kette des Hungers, die uns heute an die Ententebourgeoisie fesselt, zerrissen wird und proletarische Regierungen uns die Kohle und die Lebensmittel geben können, die wir heute aus den Händen der Ententebourgeoisie empfangen müssen, dann kann der Tag kommen, an dem der Weg der Rätediktatur auch für uns gangbar wird. Aber noch sind wir nicht so weit. Noch gibt es für uns keinen anderen zielsicheren Weg als den Weg der Demokratie.

Appel des communistes hongrois[5]

An die Proletarier aller Länder.

Von Ungarn, dem klassischen Lande der Bedrückung und des Sklaventums aus, wenden wir uns an Euch. Von dem Lande , in dem das feudale Regime frei sein Räuberwesen trieb und die Reaktion mit nackter Gewalt wütete; von dem Lande, in dem das Volk, Millionen Arbeitender, nie das Recht besaß, mitzureden und wo blutige Unterdrückung, Kerker, Soldaten- und Gendarmenwaffe die einzige Antwort auf alle ihre Forderungen abgab; von dem Lande, in dem einige tausend Familien alles Recht, alle Macht in Händen hielten und wo alle anderen, die auf diesem Boden lebten, freie Beute, elender Abschaum waren.

Die Qualen des Krieges haben auf uns stärker gelastet als auf irgend einem anderen Volke. Unsere Gebieter haben uns verkauft, um ihre Macht zu sichern, und der Imperialismus verschont niemanden. Von einem Schlachtfeld zum anderen hat man ungarische Soldaten geschleppt, und dieses kleine Land hat in dem rasenden Gemetzel mehr als eine Million Menschen verloren. Und als sich unsere Ausbeuter, unsere Großgrundbesitzer, Bankiers und Spekulanten dank dem Kriege phantastisch bereichert hatten, verfielen wir arbeitenden Proletarier in Elend und Entbehrungen, die aller Beschreibung spotten.

Man hat uns zum Kämpfen gezwungen; wir haben für sie gelitten und geblutet und Hunger, Entbehrung, Verluste sind uns zuteil geworden.

Vielleicht war es darum , weil wir die Unterdrücktesten waren, weil unser Volk am meisten gelitten hat, daß wir die Stimme unserer russischen Brüder als erste gehört und verstanden, durch unsere revolutionäre Kraft die Herrschaft der Ausbeuter gebrochen und die Diktatur des Proletariats proklamiert haben.

Genossen! Proletarier!

Unsere Revolution war die Revolution der Arbeit. Die Revolution der Entrechteten, der Bedrückten und Ausgebeuteten gegen jene, die durch den Krieg ihren Jahrhunderte lang betriebenen Verbrechen die Krone auf gesetzt haben. Und unsere Revolution war siegreich ohne einen Tropfen Blutes zu vergießen. Denn jedermann wußte und jubelte es : für Ungarn gab es keine andere Wahl, als entweder völlige Auflösung oder die Diktatur des Proletariats. Die Arbeiterklasse hielt zu uns, und wir begannen, geführt durch starken, klaren Willen, das schwierige Werk : die Zerstörung der alten verfaulten Gesellschaft und den Aufbau der neuen, des freien und gleichen Reiches freier und gleicher Arbeiter.

Mehr als einmal wandten sich die Mächtigen von gestern, die ihren verlorenen Privilegien nachtrauerten, gegen uns und hetzten die vom alten Regime korrumpierten, kulturlosen Bauern gegen uns. Wir wären Feiglinge, Kanaillen, Verräter an der Arbeiterklasse gewesen, wenn wir mit verschränkten Armen der Wühlarbeit gegen unsere Gesellschaftsordnung zugesehen hätten, wenn wir die nicht gestraft hätten, die die Sklaverei wieder herstellen wollten. Aber es ist nicht wahr, daß wir auch einen Tropfen Blut aus Rachelust oder Klassenhaß vergossen hätten oder daß wir auch nur einen einzigen Menschen getötet hätten, bloß weil wir im Besitz der Macht und der Waffen waren. Denn wir wären Schufte und Verräter gewesen, hätten wir blutigen Leidenschaften freies Feld gelassen. Wir haben die Proletarier bewaffnet zum Schutz der Revolution, nicht aber, um sie zu gemeinen Mördern zu machen.

Gegen die Gewalttätigkeiten der kapitalistischen Mächte der ganzen Welt. konnten wir uns nicht halten : die ungarische Sowjetrepublik ist gefallen.

Nun übt die bürgerliche Gesellschaft ihren beispiellosen weißen Terror aus. 1500 Genossen sind eingekerkert, Dutzende von ihnen sind schon tot. Man nimmt sich kaum die Mühe, sie irgend eines Verbrechens anzuklagen, es genügt, daß jemand als Sozialist denunziert wird und schon ist er Gefangener, dem wildesten Terror, den es jemals gegeben hat, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Nicht bewaffnete Männer, nicht Revolutionäre in hellem Aufruhr, sondern friedliche Arbeiter, Arbeiterinnen, Kinder werden in Fesseln geschlagen, gequält und ermordet. Mit der Grausamkeit der Wilden werden die entsetzlichsten Mittel ausgedacht, um den Genossen das Leben zu rauben.

Der weiße Terror kann all das vollbringen, weil hinter ihm die bewaffnete Macht der Ententemissionen steht; und unter dem Protektorat der Verteidiger der Völkerfreiheit und der Menschenrechte fließt heute an einem einzigen Tage mehr Blut in Budapest als in 4 Monaten proletarischer Diktatur geflossen war.

Zur Zeit der ersten bewaffneten Regungen der Gegenrevolution in Budapest, als durch ihren heftigen Widerstand auch eine Anzahl Arbeiter und Soldaten getötet wurden, protestierte der Chef der Ententemissionen, Oberstleutnant Romanelli, in einer scharfen Note gegen die Hinrichtung von Gegenrevolutionären, die doch nur politische Gegner seien, obgleich sie bewaffneten Widerstand geleistet hatten. Und die Diktatur schwach genug, niemanden hinrichten zu lassen.

Heute werden waffenlose Arbeiter, die nicht mehr an Widerstand denken, sinnlos und grundlos massenhaft gemordet, aber die Missionen schweigen sich aus, ja, sie finden nicht einmal ein Wort des Protestes. Im Gegenteil, sie unterstützen durch ihre Macht und ihre Autorität den war weißen Terror, ohne die er sich nicht einen Tag lang aufrechterhalten könnte.

Genossen, Proletarier aller Länder!

Den Machthabern Eurer Länder, Eurer Bourgeoisie mundet das proletarische Blut nicht schlecht. Ihre einzige Richtlinie ist, sich an der ungarischen Arbeiterklasse, die die Kühnheit hatte, sich von ihrem Joch zu befreien, zu rächen. Das große Gemetzel wird inszeniert, um Euch zu terrorisieren, um Euch einzuschüchtern, Euch den Mut zu nehmen, Eure Unterdrücker durch Eure Revolution zu zerschmettern. Es gibt kein Erbarmen, es gibt keine Menschlichkeit; wenn ihr Profit, ihre Macht in Gefahr gerät, werden sie nicht davor zurückschrecken, Millionen Arbeiter hinschlachten zu lassen, gerade so wie sie ohne Bedenken Millionen Arbeiter im Kriege hinschlachten ließen.

Aber Ihr steht uns bei! Unsere Schmerzen sind Eure Schmerzen, und Ihr dürft es nicht länger dulden, daß die einzige Antwort auf die legitime Revolution des ungarischen Proletariats auch weiterhin die Schlächterei bleibe.

Wir begeben uns in Eure Obhut; wir erwarten, wir erhoffen von Euren Kräften unsere Befreiung, unsere Erlösung. Laßt Eure Donnerstimme ertönen, nehmt all Eure Kraft zusammen, um zu verhindern, daß man die Arbeiter eines Landes gänzlich vernichte, bloß weil sie sich gegen die schändlichste Reaktion der Welt aufgelehnt haben.

Es lebe die Solidarität! Es lebe die internationale Revolution!

Die sozialistisch-kommunistische Arbeiterpartei Ungarns.

Appel du Comité exécutif de l’Internationale communiste[6]

An die Arbeiter aller Länder.

Die an den ungarischen Arbeitern verübte Bluttat.

Genossen! Bereits mehr als drei Monate lang fließt in Ungarn unaufhörlich das Blut der besten ungarischen Proletarier. Tausende und Abertausende ungarischer Arbeiter hat die triumphierende bürgerliche Gegenrevolution ohne jeglichen Richterspruch erschossen und gehängt. Und jetzt wird in Budapest die Komödie eines Gerichts über die noch lebenden Kämpfer veranstaltet. Etwa fünfzehntausend ungarischer Arbeiter sind vor das Militärgericht geladen. Vier Tribunale werden unsere ungarischen Brüder richten. Und schon im Voraus verkündet ein amerikanisches Radio der ganzen Welt, daß in Budapest so viele Todesurteile gefällt werden, wie noch niemals im Laufe der Weltgeschichte.

Das Gericht über die ungarischen Arbeiter läßt jene Schrecken erblassen, durch die die blutgierige französische Bourgeoisie über die heldenhaften Pariser Kommunarden von 1871 ihren Sieg kennzeichnete. Die Bluttat in Ungarn erreicht die gleichen Resultate, wie die Bluttat des Henkers Mannerheim in Finnland, wo die Bourgeoisie laut den letzten Berichten im Laufe eines einzigen Jahres 76.000 finnische Arbeiter getötet und ausgehungert hat.

Der wildeste weiße Terror wird in allen Ecken und Winkeln Ungarns ausgeübt. Die zügellose gutsherrlich-bürgerliche Gegenrevolution wütet mit unerhörter Blutgier. Jeder ungarische Arbeiter kann in jedem beliebigen Augenblick von dem ersten besten Vertreter der "jeunesse dorée" erschossen werden.

Dieselben bürgerlichen Philanthropen , dieselben heuchlerisichen Sozialverräter, die nun zwei Jahre lang Tränen vergießen, weil die russischen Proletarier in ihrem gerechten Kampf gegen die Bourgeoisie, in ihrem heiligen Verteidigungskrieg gegen die Zarengenerale zur bewaffneten Macht Zuflucht nehmen, dieselben Scheinheiligen und Verräter finden kein Wort des Protestes gegen dies ungeheure Bacchanal des weißen bürgerlichen Terrors, das sich eben in Ungarn abspielt.

Wofür kreuzigt man unsere Brüder, die ungarischen Arbeiter?

Weil unsere Brüder, die ungarischen Arbeiter, in dem für ihr Land entscheidenden historischen Augenblick, als die Bourgeoisie, die Ungarn an den Rand des Untergangs gebracht hatte, sich die Hände wusch und der Macht entsagte, die Macht in ihre Hände nahmen und versuchten, das Land aus der Sackgasse zu führen. Die englisch-französische Bourgeoisie, die die ungarischen Sozialverräter bestach, brachte ihnen mit Hilfe der ultrareaktionären rumänischen Truppen die schwerste Niederlage bei. Die internationale proletarische Revolution erwies sich zu jener Zeit nicht genügend stark, um eine unserer ruhmvollen Vortruppen ‑ die ungarische Truppe ‑ aus der Not zu retten, in die sie geraten war.

Von allen Seiten von wütenden, zähneknirschenden Feinden umringt, sich selbst überlassen, erlitt die ungarische Räterepublik, die noch nicht erstarkt war, noch nicht fest auf den Füßen stand, einen grausamen Schlag. Doch der Tag des Gerichts über die Henker des ungarischen Proletariats ist nicht fern. Die internationale Revolution erstarkt trotz allem mit jedem Tage. Die internationale Revolution naht und eilt unseren Brüdern, den ungarischen Arbeitern, die gekreuzigt werden, zu Hilfe.

Der wütende weiße Terror der Bourgeoisie beschleunigt nur deren Untergang. Die in Ungarn wiederhergestellte bürgerliche "Ordnung" hat Hunderttausende und Millionen ungarischer Bürger ruiniert. Die in Ungarn wiederhergestellte bürgerliche "Ordnung" hat betrunkene rumänische Banden in die ungarische Hauptstadt gebracht, die in Budapest keinen Stein auf dem andern lassen. Diese bürgerliche "Ordnung" wird durch eine neue Woge des Aufstands in Ungarn hinweggefegt, der dieses Mal aktive Unterstützung seitens der Arbeiter und Bauern einer ganzen Reihe von Ländern findet.

Genossen! Entblößt das Haupt vor den glorreichen Helden der ungarischen Kommune, die ihr Leben der Sache des Proletariats hingegeben haben! Millionen von Arbeitern aller Länder begleiten liebevoll die das Schafott betretenden ungarischen Proletarier, und diese Arbeiter geloben, die Bourgeoisie zu besiegen. Euch, ungarischen Genossen, die den Weg zum bürgerlichen Golgatha gehen, sendet das internationale Proletariat seinen brüderlichen Gruß.

Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale ruft die Arbeiter aller Länder auf, den Tag des Gerichts über unsere ungarischen Genossen durch eine ganze Reihe von Kundgebungen zu feiern, in der Form , wie sie in jedem Lande möglich ist.

Mit den ruhmvollen Helden der ungarischen Kommune rufen wir aus : Die Republik Ungarn ist tot! Es lebe die Räterepublik Ungarn!

Auf den weißen Terror der Bourgeoisie antworten wir mit Bewaffnung der Arbeiter, ihrer Organisierung und Ihrem Zusammenschließen zum letzten Kampf.

Nieder mit der Herrschaft der blutgierigen Bourgeoisie; nieder mit den Henkern der ungarischen Kommune! Es lebe das ungarische Proletariat! Es lebe die internationale Revolution!

Vorsitzender des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale :

G. Sinowjew.

Petrograd, den 28. November 1919.

 



[1]. Schulthess’ europäischer Geschichtskalender; C.H. Beck’sche, 1923; S. 573.

[2]. Arbeiter-Zeitung – Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich; 31. Jahrgang, Nr. 81, 23. März 1919; S. 1.

[3]. Arbeiter-Zeitung – Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich; 31. Jahrgang, Nr. 81, 23. März 1919; S. 1.

[4]. Arbeiter-Zeitung – Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich; 31. Jahrgang, Nr. 86, 28. März 1919; S. 1-2.

C’est la quatrième et dernière partie de : Otto Bauer, Rätediktatur oder Demokratie?; Sozialistische Bücherei, Heft 2, Wien, Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, 1919.

Le texte entier a été publié dans les numéros du Arbeiter-Zeitung des 25, 26, 27 et 28 mars 1919.

[5]. Die Kommunistische Internationale – Organ des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, No. 7‑8 November/Dezember 1919, S. 174.

[6]. Die Kommunistische Internationale – Organ des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, No. 7 8 November/Dezember 1919, S. 186.