{"id":1533,"date":"2025-07-15T02:39:43","date_gmt":"2025-07-15T00:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/?p=1533"},"modified":"2026-01-26T00:08:13","modified_gmt":"2026-01-25T23:08:13","slug":"oesterreich-dokumente-bauer-otto-bolschewismus-sozialdemokratie-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/oesterreich-dokumente-bauer-otto-bolschewismus-sozialdemokratie-fr\/","title":{"rendered":"Documents : Otto Bauer &#8211; Bolschewismus oder Sozialdemokratie? (1920)"},"content":{"rendered":"\n<div class=WordSection1>\n<p class=MsoNormal align=center style='text-align:center'><span lang=DE>&nbsp;<\/span><\/p>\n<div align=center>\n<table class=MsoTableGrid border=1 cellspacing=0 cellpadding=0 style='border-collapse:collapse;border:none'>\n<tr>\n<td width=756 valign=top style='width:16.0cm;border:solid windowtext 1.0pt; padding:5.65pt 14.2pt 5.65pt 14.2pt'>\n<p class=Intertitre2 style='margin:0cm;margin-bottom:.0001pt'>Autriche 1918 &#8211; 1945<br \/> Documents&nbsp;:<br \/> <span lang=DE>Otto Bauer&nbsp;: Bolschewismus oder Sozialdemokratie?<br \/> \u00a7&nbsp;14. Diktatur und Demokratie<\/span><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><\/div>\n<p class=MsoNormal align=center style='text-align:center'><span lang=DE>&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=Intertitre2a><span lang=DE>Otto Bauer&nbsp;: Bolschewismus oder Sozialdemokratie (Extraits)<\/span><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-weight:normal'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt;letter-spacing: 1.0pt'>[1]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p class=Texte align=center style='text-align:center;text-indent:0cm'><span lang=DE>\u00a7 14. Diktatur und Demokratie.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Macht einer Klasse ist bestimmt: erstens durch soziale Machtfaktoren, zweitens durch die Mittel materieller Gewalt, \u00fcber die sie verf\u00fcgt.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>[\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Demokratie ist diejenige Staatsform, innerhalb deren die Machtverteilung im Staate ausschlie\u00dflich durch die sozialen Machtfaktoren bestimmt, nicht durch die Anwendung materieller Gewaltmittel zugunsten einer Klasse verschoben wird.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>[\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Der &quot;Gesamtwille&quot; des demokratischen Staates ist blo\u00dfe Resultierende der sozialen Machtfaktoren. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Nat\u00fcrlich beruht, wie jeder Staat, auch der demokratische auf der Gewalt, aber der demokratische Staat ben\u00fctzt die Waffengewalt nur zu dem Zweck, um seinen Gesetzen, Verordnungen, Verf\u00fcgungen gegen Widerstrebende Minderheiten Geltung zu sichern. Der Inhalt dieser Gesetze, Verordnungen, Verf\u00fcgungen aber ist nicht durch die Gewalt einer Klasse, sondern ausschlie\u00dflich durch die sozialen Machtfaktoren der Klassen bestimmt. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Wie jede andere nicht demokratische Verfassung beruht auch die R\u00e4tediktatur darauf, da\u00df eine Klasse, in diesem Falle das Proletariat, der Gesellschaft mit Waffengewalt eine Verfassung aufzwingt, die der herrschenden Klasse eine gr\u00f6\u00dfere Macht sichert, als sie in einer demokratischen Verfassung, also bei freier Wirksamkeit der sozialen Machtfaktoren haben k\u00f6nnte. Wie jede andere nicht demokratische Verfassung ist auch die R\u00e4tediktatur nur dann zu behaupten, wenn der auch in ihr enthaltene Widerspruch zwischen der rechtlichen und der gesellschaftlichen Machtverteilung nicht zu gro\u00df ist.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Wie jede nicht demokratische Verfassung kann auch die R\u00e4tediktatur nur durch die gewaltsame Niederwerfung der beherrschten Klassen, also durch den B\u00fcrgerkrieg begr\u00fcndet werden. Auch in Ru\u00dfland konnte die R\u00e4tediktatur nur im zweieinhalbj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieg gegen die Kaledin, Dutow, Koltschak, Denikin, Judenitsch gesichert werden. [\u2026] Dank der \u00f6konomischen und politischen Schw\u00e4che des B\u00fcrgertums und dank der Kulturlosigkeit der Bauernschaft kann die revolution\u00e4re Vorhut des Proletariats ihre Alleinherrschaft aufrechterhalten. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Ganz anders ist es in West- und Mitteleuropa. Hier steht das Proletariat einer ungleich st\u00e4rkeren Bourgeoisie, einer ungleich feindlicheren Intelligenz, vor allem aber einer ganz anders gearteten Bauernschaft gegen\u00fcber. Hier k\u00f6nnte daher die R\u00e4tediktatur nur mit noch furchtbareren Gewaltmitteln, nur in noch furchtbarerem B\u00fcrgerkriege erobert und behauptet werden als in Ru\u00dfland. [\u2026] Hier w\u00fcrde die Diktatur in wirtschaftlichem und sozialem Chaos sehr schnell zusammenbrechen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Ist die R\u00e4tediktatur hier auf l\u00e4ngere Zeit kaum m\u00f6glich, so bedarf das Proletariat ihrer hier auch nicht, um die Macht zu erobern. W\u00e4hrend in Ru\u00dfland das Proletariat nur eine kleine Minderheit der Bev\u00f6lkerung bildet, ist es in jedem modernen Industriestaat die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Es kann hier daher auch, anders als in Ru\u00dfland, auf der Grundlage der Demokratie und mit den Mitteln der Demokratie, die Macht im Staate erobern. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Allerdings, auch wenn das Proletariat die politische Macht mit den Mitteln der Demokratie erobert, wird sich die Bourgeoisie seiner Herrschaft widersetzen. Sie wird sich gegen den demokratischen Staat auflehnen, sie wird seinen Gesetzen den Gehorsam verweigern, sie wird seine Verwaltung sabotieren, sobald die Demokratie zur proletarischen Demokratie geworden sein wird. Auch ein demokratisches Parlament wird diktatorische Machtmittel f\u00fcr sich in Anspruch nehmen m\u00fcssen, es wird die Sabotage, vielleicht den aktiven Widerstand der Bourgeoisie mit diktatorischen, vielleicht auch mit terroristischen Mitteln zu brechen haben, sobald dieses Parlament zum Herrschaftsinstrument der Arbeiterklasse geworden sein wird. Auch das kann man Diktatur des Proletariats nennen; aber es ist eine ganz andere Diktatur als die des Bolschewismus. Es ist nicht eine Diktatur gegen die Demokratie, sondern die Diktatur der Demokratie. Hier sucht die Gewalt nicht eine rechtliche Machtverteilung zu erzwingen, die in Widerspruch zu der gesellschaftlichen Machtverteilung steht, sondern sie sichert nur die durch die sozialen Machtfaktoren selbst bestimmte Machtverteilung gegen die Auflehnung einer Minderheit. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Freilich, es ist keineswegs sicher, da\u00df die Geschichte dem Proletariat erlauben wird, seine Diktatur erst nach der Eroberung der politischen Macht mit den Mitteln der Demokratie, also in der Form der Diktatur eines demokratischen Parlaments und lokaler demokratischer Selbstverwaltungsk\u00f6rper aufzurichten. Es kann sehr wohl geschehen, da\u00df die Entwicklung der Klassenk\u00e4mpfe das Proletariat zu vor\u00fcbergehender Diktatur schon in einer Phase zwingt, in der es noch nicht mit den Mitteln der Demokratie herrschen kann. In der Periode der entscheidenden Machtk\u00e4mpfe zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat wird der Klassengegensatz \u00fcberaus versch\u00e4rft. Die Sch\u00e4rfe des Klassengegensatzes kann die Demokratie sprengen. Es kann eine Lage eintreten, in der die Bourgeoisie nicht mehr stark genug ist, das Proletariat, aber das Proletariat noch nicht stark genug ist, die Bourgeoisie mit den Mittel der Demokratie zu beherrschen &#8211; etwa in der Form einer Koalition zwischen Bourgeoisie und proletarischen Parteien wie in Deutsch\u00f6sterreich oder in der Form einer freiwilligen Duldung der Bourgeoisherrschaft durch das Proletariat wie in Italien &#8211; an der Schroffheit der Klassengegens\u00e4tze scheitert. Kann der demokratische Apparat nicht mehr funktionieren, so mu\u00df entweder die Bourgeoisie oder das Proletariat mit den Mitteln der Gewalt seine Klassenherrschaft aufrichten. Die Diktatur des Proletariats wird in diesem Falle zum einzigen Mittel, die brutale, konterrevolution\u00e4re Diktatur der Bourgeoisie zu verhindern.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In diesem Falle wird die Diktatur des Proletariats andere Formen annehmen m\u00fcssen als dort, wo das Proletariat bereits die gesetzgebenden K\u00f6rperschaften der Demokratie erobert hat. Hier kann die Diktatur des Proletariats nicht die Form einer Diktatur der Demokratie, sondern nur die Form einer Diktatur proletarischer Klassenorganisation annehmen. Diese Klassenorganisationen k\u00f6nnen, wie in Ru\u00dfland, die Arbeiterr\u00e4te, es k\u00f6nnen, wie 1871 in Paris, lokale Selbstverwaltungsk\u00f6rper, die bereits vom Proletariat erobert sind, es k\u00f6nnen aber auch die Gewerkschaften sein. [\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Aber nicht auf die Form einer proletarischen Diktatur kommt es an, sondern auf ihren sozialen Inhalt. Wenn das Proletariat die Diktatur als dauernde Forme seiner Klassenherrschaft, als politisches Instrument zur Ueberwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung proklamiert, dann zerrei\u00dft die Diktatur die ganze Kontinuit\u00e4t des wirtschaftlichen Prozesses und der sozialen Verwaltung und es treten unvermeidlich alle jenen ungeheuren sozialen und wirtschaftlichen Ersch\u00fctterrungen ein, unter denen die Diktatur in West- und Mitteeuropa zusammenbrechen m\u00fc\u00dfte. Wenn das Proletariat dagegen die Diktatur nur als ein Mittel ansieht und nur als ein Mittel proklamiert, die Demokratie von der unmittelbar drohenden Gefahr einer antidemokratischen Konterrevolution zu retten, oder einen Konflikt, an dem die Demokratie gescheitert ist, zu entscheiden, nach der Erf\u00fcllung dieser Aufgabe aber den Staat zu den demokratischen Formen zur\u00fcckzuf\u00fchren, dann k\u00f6nnen diese Gefahren unter Umst\u00e4nden vermieden werden. Die ungeheure Aufgabe der Umschichtung der Produktion, der Rationalisierung der G\u00fctererzeugung und der G\u00fcterverteilung, der beruflichen und \u00f6rtlichen Umschichtung der Arbeitermassen kann in West- und Mitteleuropa nur auf der Basis der \u00f6rtlichen und des beruflichen <i>selfgovernmen<\/i>t, nur unter der Mitwirkung und Mitkontrolle aller Volksschichten, die noch wichtige Funktionen im gesellschaftlichen Arbeitsproze\u00df versehen, also nur auf dem Boden der Demokratie bew\u00e4ltigt werden. Die Diktatur kann hier nur die Demokratie gegen konterrevolution\u00e4re Gefahren sichern oder gegen die Auflehnung von Minderheiten verteidigen, aber sie kann nicht selbst die Aufgaben l\u00f6sen wollen, die nur die Demokratie l\u00f6sen kann.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>[\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte>&nbsp;<\/p>\n<\/p><\/div>\n<div><br clear=all> <\/p>\n<hr align=left size=1 width=\"33%\">\n<div id=edn1>\n<p class=MsoEndnoteText><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span style='font-size:12.0pt'><span class=MsoEndnoteReference><span style='font-size:12.0pt'>[1]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a>.&nbsp;<span lang=DE>Otto Bauer, Bolschewismus oder Sozialdemokratie?; Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, 1920; S.&nbsp;109-.<\/span><span lang=DE> <\/span><\/p>\n<p class=MsoEndnoteText>Le texte complet ici <a href=\"http:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Bauer_Otto_Bolschewismus_Sozialdemokratie.pdf\"><span style='color:blue'>&#9658;<\/span><\/a> .<\/p>\n<\/p><\/div>\n<\/p><\/div>\n<!--themify_builder_content-->\n<div id=\"themify_builder_content-1533\" data-postid=\"1533\" class=\"themify_builder_content themify_builder_content-1533 themify_builder tf_clear\">\n    <\/div>\n<!--\/themify_builder_content-->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Autriche 1918 &#8211; 1945 Documents&nbsp;: Otto Bauer&nbsp;: Bolschewismus oder Sozialdemokratie? \u00a7&nbsp;14. 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