{"id":1536,"date":"2025-07-15T15:01:21","date_gmt":"2025-07-15T13:01:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/?p=1536"},"modified":"2026-01-26T00:07:41","modified_gmt":"2026-01-25T23:07:41","slug":"oesterreich-dokumente-bauer-otto-gleichgewicht-klassenkraefte-fr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/oesterreich-dokumente-bauer-otto-gleichgewicht-klassenkraefte-fr\/","title":{"rendered":"Documents : Otto Bauer -Sur l&rsquo;\u00e9quilibre des forces de classe"},"content":{"rendered":"\n<div class=WordSection1>\n<p class=MsoNormal align=center style='text-align:center'><span lang=DE>&nbsp;<\/span><\/p>\n<div align=center>\n<table class=MsoTableGrid border=1 cellspacing=0 cellpadding=0 style='border-collapse:collapse;border:none'>\n<tr>\n<td width=756 valign=top style='width:16.0cm;border:solid windowtext 1.0pt; padding:5.65pt 14.2pt 5.65pt 14.2pt'>\n<p class=MsoNormal align=center style='text-align:center;line-height:16.0pt; page-break-after:avoid'><b><span style='letter-spacing:1.0pt'>Autriche 1918 &#8211; 1945<br \/> Documents&nbsp;:<br \/> Otto Bauer sur l&rsquo;&quot;\u00e9quilibre des forces de classes&quot;<\/span><\/b><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><\/div>\n<p class=MsoNormal align=center style='text-align:center'><span lang=DE>&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=Intertitre2a><span lang=DE>Otto Bauer&nbsp;: Die \u00d6sterreichische Revolution (<\/span>Extrait<span lang=DE>)<\/span><a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-weight:normal'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt;letter-spacing: 1.0pt'>[1]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p class=Texte align=center style='text-align:center;text-indent:0cm'><span lang=DE>Vierter Abschnitt<\/span><\/p>\n<p class=Texte align=center style='text-align:center;text-indent:0cm'><span lang=DE>Die Zeit des Gleichgewichts der Klassenkr\u00e4fte<\/span><\/p>\n<p class=Texte align=center style='text-align:center;text-indent:0cm'><span lang=DE>\u00a7&nbsp;16. Die Volksrepublik<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Als der Sozialismus erst daranging, die Arbeitermassen zum Klassenbewu\u00dftsein zu erwecken, zum Klassenkampf zu schulen, in die ersten gro\u00dfen Klassenk\u00e4mpfe zu f\u00fchren, lehrte er die Arbeiter, den Staat, gegen den sie zu k\u00e4mpfen hatten, als den Klassenstaat der Bourgeoisie, die Staatsregierung als einen Vollzugsausschu\u00df der herrschenden Klassen [zu] verstehen. Und er ermutigte und begeisterte die Arbeitermassen durch die Verk\u00fcndigung, da\u00df der Tag der Revolution kommen wird, an dem der Staat aus einem Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie zur Niederhaltung des Proletariats zu einem Herrschaftsinstrument des Proletariats zur Niederwerfung der Bourgeoisie werden wird. Es entsprach den seelischen Bed\u00fcrfnissen des erst erwachenden, sich erst organisierenden, erst in den Kampf tretenden Proletariats, den Bed\u00fcrfnissen der Schulung des jungen Proletariats, da\u00df die Staatslehre des Sozialismus in ihrer landl\u00e4ufigen popul\u00e4ren Darstellung keinen anderen Staat kannte als den Klassenstaat&nbsp;: den gegenw\u00e4rtigen Klassenstaat der Bourgeoisie als die Staatsform der kapitalistischen Gesellschaftsordnung; den kommenden Klassenstaat des Proletariats als das Mittel zu ihrer \u00dcberwindung.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Aber die feinere theoretische Analyse des Marxismus kannte auch damals schon andere Staatswesen. Sie wu\u00dfte, da\u00df aus den Klassenk\u00e4mpfen zeitweilig Situationen hervorgehen, in denen, wie Engels es in seinem Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates ausdr\u00fcckte, &quot;die k\u00e4mpfenden Klassen einander das Gleichgewicht halten&quot;. Ist keine Klasse mehr imstande, die andere niederzuwerfen und niederzuhalten, dann h\u00f6rt die Staatsgewalt auf, ein Herrschaftsinstrument einer Klasse zur Beherrschung der anderen Klassen zu sein. Die Staatsgewalt verselbst\u00e4ndigt sich dann gegen\u00fcber den Klassen, sie tritt allen Klassen als selbst\u00e4ndige Macht gegen\u00fcber, sie unterwirft sich alle Klassen. Das war, nach Marxens und Engels\u2019 Darstellung, der Ursprung der absoluten Monarchie im 17. und 18. des Bonapartismus im 19. Jahrhundert.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Auch das Ergebnis der deutsch\u00f6sterreichischen Revolution war ein Zustand, in dem &quot;die k\u00e4mpfenden Klassen einander das Gleichgewicht halten&quot;. Der Gleichgewichtszustand der Klassenkr\u00e4fte war hier vom Anfang an begr\u00fcndet in dem Machtverh\u00e4ltnis zwischen dem gro\u00dfen Industriegebiet Wiens, Nieder\u00f6sterreichs, der Obersteiermark einerseits, das nicht gegen die Arbeiter, und dem gro\u00dfen Agrargebiet der anderen Bundesl\u00e4nder anderseits, das nicht gegen die Bauern zu regieren war; vom Anfang an begr\u00fcndet in dem Widerspruch zwischen der starken Macht des Proletariats im Lande und der v\u00f6lligen Ohnmacht des Landes gegen\u00fcber den kapitalistischen M\u00e4chten au\u00dferhalb unserer Grenzen. Aber in dem ersten Jahre der Republik war das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis durch die m\u00e4chtige revolution\u00e4re Spannung in den Massen zugunsten des Proletariats verschoben; das Proletariat konnte daher zwar nicht seine Alleinherrschaft, aber immerhin seine Vorherrschaft aufrichten. In dem Ma\u00dfe aber, in dem einerseits unter dem Drucke der Ergebnisse der Klassenk\u00e4mpfe im Auslande, anderseits unter der Wirkung der Wiederbelebung des kapitalistischen Wirtschaftslebens im Lande selbst die revolution\u00e4re Spannung in den Massen \u00fcberwunden wurde, stellte sich der Gleichgewichtszustand zwischen den Klassenkr\u00e4ften her.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Aber dieser Gleichgewichtszustand f\u00fchrte hier nicht, wie so oft vorher in der Geschichte, zur Verselbst\u00e4ndigung der Staatsmacht gegen\u00fcber den Klassen, nicht zur Unterwerfung aller Klassen unter einen Absolutismus oder Bonapartismus. Vom Ausland wirtschaftlich abh\u00e4ngig, dem Ausland gegen\u00fcber milit\u00e4risch ohnm\u00e4chtig, von fremder Intervention und Okkupation bedroht, konnten die Klassen hier ihren Kampf nicht bis zur gewaltsamen Entscheidung steigern. Sie mu\u00dften von Tag zu Tag immer neue Kompromisse miteinander schlie\u00dfen. So f\u00fchrte hier das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte nicht dazu, da\u00df alle Klassen von der verselbst\u00e4ndigten Staatsmacht unterworfen wurden, sondern dazu, da\u00df alle Klassen hier die Staatsmacht untereinander teilen mu\u00dften.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Diese Teilung der Macht zwischen den Klassen fand ihren Ausdruck bis zum Oktober 1920 in der Koalitionsregierung, die die Klassen zu gemeinsamer Herrschaft vereinigte, sp\u00e4ter, nach den Wahlen vom Oktober 1920, in der Machtverteilung zwischen der b\u00fcrgerlichen Regierung und der b\u00fcrgerlichen Parlamentsmehrheit einerseits, der auf starke parlamentarische und vor allem au\u00dferparlamentarische Machtpositionen gest\u00fctzten, die b\u00fcrgerliche Regierung wirksam beeinflussenden, kontrollierenden, einschr\u00e4nkenden Sozialdemokratie anderseits. Sie fand ihren Ausdruck in der Kombination der parlamentarischen Demokratie, die die Regierungsgewalt der Bourgeoisie \u00fcberantwortete, und der funktionellen Demokratie, die die Regierungsgewalt bei den wichtigsten Regierungsakten abh\u00e4ngig machte von dem Einverst\u00e4ndnis und der Mitwirkung proletarischer Organisationen. Sie fand ihren Ausdruck in der Organisation des Bundesheeres, die die Kommandogewalt des b\u00fcrgerlich gesinnten Offizierskorps durch die sozialistische Gesinnung und Organisation der Wehrm\u00e4nner und die Befugnisse ihrer Soldatenr\u00e4te begrenzte, und in den Machtverh\u00e4ltnissen zwischen den b\u00fcrgerlichen Selbstschutzverb\u00e4nden einerseits, der proletarischen Ordnerorganisation anderseits, die einander in Schach hielten.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Republik wurde seit dem Oktober 1920 von einer b\u00fcrgerlichen Regierung, von einer b\u00fcrgerlichen Parlamentsmehrheit regiert. Trotzdem war sie kein Klassenstaat der Bourgeoisie, keine Bourgeoisrepublik. Die starken Machtpositionen des Proletariats im Heer, in der Ordnerorganisation, in den lebensnotwendigen Verkehrsbetrieben setzten der Macht der b\u00fcrgerlichen Regierung enge Schranken. Sie konnte es nicht wagen, die Arbeiterklasse zum Entscheidungskampfe herauszufordern. Sie konnte nicht anders regieren als durch t\u00e4gliche Kompromisse mit der Vertretung der Arbeiterklasse im Parlament und mit den proletarischen Organisationen au\u00dferhalb des Parlaments. In allen gro\u00dfen Krisen dieser Periode, in der Zeit des Kapp-Putsches, des Osterputsches Karl Habsburgs, der Burgenlandkrise konnte die Arbeiterklasse den Kurs der b\u00fcrgerlichen Regierung m\u00e4chtig beeinflussen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Arbeiterklasse war eine starke Macht in der Republik. Trotzdem war die Republik kein Klassenstaat des Proletariats, keine proletarische Republik. Die Arbeiterklasse konnte die kapitalistische Wirtschaftsverfassung, auf der das Staatswesen ruhte, nicht aufheben. Die Arbeiterklasse konnte zwar die politische Macht der Bourgeoisie eng einschr\u00e4nken, aber nicht die Macht an sich rei\u00dfen. Die ganze wirtschaftliche Entwicklung der Republik, die Aufhebung der Kriegswirtschaft, die Wiederherstellung der kapitalistischen Handelsfreiheit vor allem bedeutete die Wiederherstellung der Wirtschaftsverfassung der Bourgeoisie.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Republik war also weder eine Bourgeoisrepublik noch eine proletarische Republik. Sie war weder ein Instrument der Klassenherrschaft der Bourgeoisie \u00fcber das Proletariat noch ein Instrument der Klassenherrschaft des Proletariats \u00fcber die Bourgeoisie. Die Republik war in dieser Phase kein Klassenstaat, das hei\u00dft kein Instrument der Herrschaft einer Klasse \u00fcber die andere Klasse, sondern ein Ergebnis des Kompromisses zwischen den Klassen, ein Resultat des Gleichgewichts der Klassenkr\u00e4fte. Wie die Republik im Oktober 1918 aus einem Contrat social, aus einem staatsbildenden Vertrag der drei gro\u00dfen Parteien, die die drei gro\u00dfen Klassen der Gesellschaft vertraten, entstanden ist, so lebte sie nur in t\u00e4glichen Kompromissen zwischen den Klassen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Revolution von 1918 hat die politischen und rechtlichen Klassenprivilegien der herrschenden Klassen zertr\u00fcmmert. Einige der Republiken, die aus der Revolution von 1918 hervorgegangen sind, so die ungarische und die westukrainische, haben sich damals &quot;Volksrepubliken&quot; genannt. Sie wollten damit sagen, da\u00df nunmehr, nach der Zertr\u00fcmmerung der Klassenprivilegien, das Volk als Ganzes seine Regierung in seine Hand nehme. Aber hier war die Phrase der Volksrepublik nur der Ausdruck einer kleinb\u00fcrgerlichen Illusion. Durch die Aufhebung der politischen und rechtlichen Klassenprivilegien werden die Klassengegens\u00e4tze nicht aufgehoben. Die Demokratie \u00fcberwindet die Klassenk\u00e4mpfe nicht, sondern sie bringt sie erst zur vollen Entfaltung. Die Rechtsordnung, die Regierung und Parlament aus allgemeinen Volkswahlen hervorgehen l\u00e4\u00dft, hindert nicht, da\u00df die allgemeinen Volkswahlen selbst Regierung und Parlament einer Klasse ausliefern, sie zum Instrument ihrer Herrschaft \u00fcber die anderen Klassen machen. Die parlamentarische Demokratie des allgemeinen Wahlrechts hebt die Klassenherrschaft nicht auf, sie gibt der Klassenherrschaft nur die Weihe der Best\u00e4tigung durch die Volksgesamtheit.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Nicht im Sinne dieser kleinb\u00fcrgerlichen Illusion, sondern in einem ganz anderen Sinne k\u00f6nnen wir die Republik, wie sie in \u00d6sterreich vom Herbst 1919 bis zum Herbst 1922 bestand, eine Volksrepublik nennen. Diese Republik war keine Bourgeoisrepublik, in der die Bourgeoisie das Proletariat zu beherrschen vermocht h\u00e4tte, wie sie es in der franz\u00f6sischen oder in der amerikanischen Bourgeoisrepublik beherrscht. Sie war aber auch keine Proletarierrepublik, in der das Proletariat die Bourgeoisie beherrscht h\u00e4tte, wie es die Bourgeoisie in der russischen oder in der ungarischen Proletarierrepublik zu beherrschen versucht hat. Es war eine Republik, in der keine Klasse stark genug war, die anderen Klassen zu beherrschen, und darum alle Klassen die Staatsmacht untereinander, miteinander teilen mu\u00dften. So hatten tats\u00e4chlich alle Klassen des Volkes an der Staatsmacht ihren Anteil, war tats\u00e4chlich die Wirksamkeit des Staates die Resultierende der Kr\u00e4fte aller Klassen des Volkes; deshalb k\u00f6nnen wir diese Republik eine Volksrepublik nennen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die kleinb\u00fcrgerliche Illusion glaubt, die Volksrepublik werde dadurch verwirklicht, da\u00df sich das Volk \u00fcber die Klassengegens\u00e4tze in seinem. Scho\u00df erhebt, die einzelnen Klassen des Volkes dem Kampf gegeneinander entsagen. In Wirklichkeit geht die Volksrepublik gerade aus dem Klassenkampf hervor, dann hervor, wenn das Ergebnis des Klassenkampfes ein Zustand ist, in dem &quot;die k\u00e4mpfenden Klassen einander das Gleichgewicht halten&quot;. Die kleinb\u00fcrgerliche Illusion glaubt die Volksrepublik schon durch die parlamentarische Demokratie gesichert, da sie ja Parlament und Regierung aus Wahlen des ganzen Volkes hervorgehen l\u00e4\u00dft. In Wirklichkeit ist die Volksrepublik keineswegs durch die Rechtsinstitutionen der parlamentarischen Demokratie verb\u00fcrgt, aus denen vielmehr ebensogut die Alleinherrschaft einer Klasse hervorgehen kann. Nicht aus der formalen Rechtsgleichheit der Demokratie, sondern nur aus realer Machtgleichheit der k\u00e4mpfenden Klassen geht die Volksrepublik hervor. Sie war in \u00d6sterreich 1919 bis 1922 nicht das Resultat der parlamentarischen Demokratie, sondern gerade umgekehrt das Resultat der funktionellen Demokratie, durch die die parlamentarische Demokratie begrenzt und berichtigt wurde&nbsp;: das Resultat der au\u00dferparlamentarischen Macht des Proletariats, die die parlamentarische Mehrheit der Bourgeoisie hinderte, ihre Klassenherrschaft aufzurichten. Die kleinb\u00fcrgerliche Illusion h\u00e4lt die Volksrepublik f\u00fcr die dauernde Aufhebung der Klassengegens\u00e4tze; in Wirklichkeit ist die Volksrepublik ein zeitweiliges Ergebnis der Klassenk\u00e4mpfe, nur das Resultat zeitweiligen Gleichgewichtszustandes zwischen den Kr\u00e4ften der k\u00e4mpfenden Klassen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In der Tat kann ein solcher Gleichgewichtszustand keine Klasse dauernd befriedigen. Jede Klasse strebt \u00fcber den Zustand des Gleichgewichts der Klassenkr\u00e4fte hinweg zu einem Zustand, in dem sie herrschen kann, hin.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Bourgeoisie liebt es immer und \u00fcberall, ihre Klassenherrschaft als Selbstregierung des ganzen Volkes, ihre Republik, die Bourgeoisrepublik als die wahre Volksrepublik hinzustellen. Wo aber wirklich ein Gleichgewichtszustand der Klassenkr\u00e4fte die Staatsmacht auf alle Klassen verteilt, dort lehnt sich gerade die Bourgeoisie mit aller Leidenschaft gegen die Volksrepublik auf. Sie hat sich in \u00d6sterreich 1919 bis 1922 mit der Volksrepublik nie abgefunden, war w\u00e4hrend der ganzen Periode der Volksrepublik von schlimmster Staatsverdrossenheit erf\u00fcllt. Sie hat in dieser ganzen Periode dem Staat alle Opfer f\u00fcr die Ordnung seiner zerr\u00fctteten Finanzen verweigert, hat den f\u00fcr die Sicherung der bedrohten Ostgrenze unerl\u00e4\u00dflichen Ausbau des Bundesheeres sabotiert, hat immer wieder die Missionen ausl\u00e4ndischer Gro\u00dfm\u00e4chte zur Einmengung in die inneren Angelegenheiten der Republik aufgefordert, hat bald mit Budapest, bald mit M\u00fcnchen gegen die Republik konspiriert, hat bald auf die Restauration der Habsburger, bald auf den Abfall ihrer L\u00e4nder vom Bund ihre Hoffnung gesetzt. Und als die Erfahrungen der Habsburgerputsche und der Anschlu\u00dfabstimmungen sie zwangen, sich mit der Republik vorerst abzufinden, forderte sie immer st\u00fcrmischer unter dem Schlagwort der &quot;Wiederherstellung der Staatsautorit\u00e4t&quot;, das hei\u00dft der Autorit\u00e4t der Bourgeoisregierung, die Verwandlung der Volksrepublik in eine Bourgeoisrepublik.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Auch das Proletariat war mit dem Gleichgewichtszustand der Klassenkr\u00e4fte keineswegs zufrieden. Die Bewegung gegen die Koalitionspolitik, die 1920 durch die Massen ging, war nichts anderes als der Ausdruck der Entt\u00e4uschung der Arbeiterklasse dar\u00fcber, da\u00df sie ihre Vorherrschaft nicht hatte behaupten k\u00f6nnen, der Unzufriedenheit damit, da\u00df an die Stelle ihrer Vorherrschaft ein Zustand des Gleichgewichts der Kr\u00e4fte trat. Aber das Verh\u00e4ltnis des Proletariats zur Volksrepublik war doch ein ganz anderes als das der Bourgeoisie. Als die Volksrepublik von der Konterrevolution bedroht war, erhob sich das Proletariat zum Schutze der Volksrepublik.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In der Zeit der K\u00e4mpfe um das Burgenland war das Verh\u00e4ltnis der Klassen zur Volksrepublik am anschaulichsten zu erkennen. In den Wochen der Gefahr ging eine m\u00e4chtige Welle republikanischen Patriotismus durch die Arbeitermassen. Das Proletariat forderte schnellen Ausbau des Bundesheeres zum Schutze der bedrohten Grenze; die Bourgeoisregierung sabotierte ihn. Tausende Proletarier meldeten sich freiwillig zum Heeresdienst; die Bourgeoisregierung z\u00f6gerte, sie aufzunehmen. Mitten in der Burgenlandkrise ver\u00f6ffentlichte die Sozialdemokratie ihren Finanzplan; die Bourgeoisregierung weigerte sich, so hohe Steuern, so gro\u00dfe Opfer aller Volksklassen zu fordern, wie das Proletariat sie vorschlug. Die Verteilung der Rollen zwischen der Regierung und der Opposition war v\u00f6llig verkehrt worden&nbsp;: die staatlichen Notwendigkeiten, die sonst in aller Welt die Regierung gegen den Widerstand der Opposition durchsetzen mu\u00df, hier mu\u00dfte sie die Opposition gegen den Widerstand der Regierung durchsetzen!<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Bourgeoisie konnte es nicht verwinden, da\u00df sie das Proletariat nicht mehr wie bis 1918 beherrschen konnte, da\u00df sie die tats\u00e4chliche Macht im Staat mit dem Proletariat teilen mu\u00dfte; daher ihre Staatsverdrossenheit. Das Proletariat betrachtete es schon als gewaltigen Fortschritt, da\u00df es nicht mehr wie bis 1918 blo\u00dfes Objekt der Gesetzgebung und Verwaltung war, sondern sich einen wesentlichen Anteil an der tats\u00e4chlichen Macht im Staat erobert hatte; daher sein republikanischer Enthusiasmus. War die Macht in der Republik zwischen allen Klassen geteilt, so sicherte doch nicht der Wille der regierenden Bourgeoisie, sondern nur die Entschlossenheit des in Opposition stehenden Proletariats die Existenz der Republik.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Eine Republik, in der keine Klasse stark genug war, die anderen Klassen zu beherrschen, und darum die tats\u00e4chliche Macht zwischen allen Klassen des Volkes geteilt sein mu\u00dfte; diese Republik, gef\u00fchrt von einer verdrossenen Bourgeoisie, die, republikanisch wider Willen, wider ihren Willen unter der m\u00e4chtigen Kontrolle des Proletariats in republikanischen Formen regieren mu\u00dfte; diese Republik, getragen und gesichert von der republikanischen Gesinnung, der republikanischen Opferwilligkeit, dem republikanischen Enthusiasmus des Proletariats &#8211; das war die Volksrepublik in \u00d6sterreich.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Wenn alle Klassen an der Staatsmacht Anteil haben, alles Regieren t\u00e4gliche Kompromisse zwischen widerstreitenden Klasseninteressen voraussetzt, dann arbeitet der Staatsmechanismus langsam, schwerf\u00e4llig, mit gro\u00dfen Reibungen. Trotzdem war das Ergebnis der zweij\u00e4hrigen Periode des Gleichgewichts der Klassenkr\u00e4fte, die wir bisher dargestellt haben, der Periode vom Herbst 1919 bis zum Herbst 1921, vom Abschlu\u00df der Friedensverhandlungen bis zum Abschlu\u00df der Burgenlandkrise, nicht gering. Wirtschaftlich war diese Periode charakterisiert durch die Wiederbelebung der Industrie und des Handels, die einerseits die Massennot der Zeit des Kriegsendes \u00fcberwand, die Lebenshaltung der Arbeiterklasse betr\u00e4chtlich verbesserte, anderseits aber die staatliche Organisation der Kriegswirtschaft sprengte und die rein kapitalistische Wirtschaftsverfassung wiederherstellte. Sozial war diese Periode charakterisiert durch die L\u00f6sung der sozialen Erregungszust\u00e4nde der Demobilisierungszeit, durch die R\u00fcckf\u00fchrung der arbeitslosen Massen in die Produktion, durch die Wiederherstellung der Arbeitsdisziplin und die allm\u00e4hliche Steigerung der Arbeitsintensit\u00e4t in den Produktionsst\u00e4tten. Das politische Ergebnis dieser Periode war die Konsolidierung der Republik. Sie hat in der Zeit der zweiten Koalitionsregierung ihre Heeresverfassung, in der Zeit der Proporzregierung ihre Bundesverfassung empfangen. Sie wurde in der Zeit der beiden ersten b\u00fcrgerlichen Regierungen dadurch gefestigt, da\u00df die Erfahrungen der beiden Habsburgerputsche die Aussichtslosigkeit einer Restauration der Habsburger, die Erfahrungen der Anschlu\u00dfbewegung der L\u00e4nder die Aussichtslosigkeit eines Abfalles der L\u00e4nder erwiesen hatten. In der burgenl\u00e4ndischen Krise hat die Republik ihre endg\u00fcltigen Grenzen erlangt, die zwei Jahre lang drohende Gefahr eines Krieges mit Ungarn \u00fcberwunden und die St\u00e4rke der moralischen Energien, die zur Verteidigung der Republik entschlossen waren, kennengelernt. So war aus einem losen B\u00fcndel auseinander strebender, von revolution\u00e4ren Ersch\u00fctterungen durchw\u00fchlter L\u00e4nder, die nach dem Abfall der slawischen Nationen vom Reiche \u00fcbriggeblieben waren, allm\u00e4hlich ein Staat geworden.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Aber wenn sich die Republik auch wirtschaftlich und politisch gefestigt hatte, so wurde ihre Existenz doch durch die Zerr\u00fcttung ihrer Finanzen untergraben. Die Burgenlandkrise hatte der Entwertung der Krone neuen Ansto\u00df gegeben. Der immer weiter, immer schneller fortschreitende Vorfall des Geldwertes drohte die Republik in eine W\u00e4hrungskatastrophe zu st\u00fcrzen, die ihrem Bestand gef\u00e4hrlicher werden konnte als die Banden Pronajs und die Bataillone Osztenburgs. Nach der L\u00f6sung der gro\u00dfen politischen Probleme mu\u00dften alle Kr\u00e4fte auf die Abwehr der drohenden wirtschaftlichen Gefahr konzentriert werden. Mitten in der Burgenlandkrise hatte die Sozialdemokratie schon die Parole zu diesem neuen Kampfe ausgegeben. Am 1. Oktober 1921 hatten wir unseren Finanzplan ver\u00f6ffentlicht. Damit wurde der Kampf gegen die drohende W\u00e4hrungskatastrophe begonnen.<\/span><\/p>\n<p class=Intertitre2a><span lang=DE>Otto Bauer&nbsp;: Das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte (<\/span>Extraits<span lang=DE>)<\/span><a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-weight:normal'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt;letter-spacing:1.0pt'>[2]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In meiner Geschichte der \u00f6sterreichischen Revolution habe ich dargestellt, da\u00df das Ergebnis der Revolution ein Zustand war, in dem weder die Bourgeoisie noch das Proletariat den Staat beherrschen konnte, beide vielmehr die Staatsgewalt untereinander teilen mu\u00dften. Der Staat sei daher in dieser Entwicklungsphase weder eine Herrschaftsorganisation der Bourgeoisie noch eine Herrschaftsorganisation des Proletariats gewesen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Professor Kelsen will nun beweisen&nbsp;:<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>1. da\u00df die Feststellung dieser Tatsache Marxens Staatsauffassung widerlege, da der Staat nach Marxens Auffassung nie etwas anderes sein k\u00f6nne als eine Herrschaftsorganisation einer Klasse;<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>2. da\u00df, da sich in den Machtverh\u00e4ltnissen der Klassen immer nur quantitative Verschiebungen, nicht qualitative Ver\u00e4nderungen vollziehen, die Anerkennung der von mir festgestellten Tatsache zu der Erkenntnis f\u00fchre, da\u00df der Staat auch vor dem Umsturz keineswegs eine blo\u00dfe Herrschaftsorganisation der Bourgeoisie gewesen sei und auch in Zukunft keineswegs zu einem blo\u00dfen Herrschaftsinstrument des Proletariats werden m\u00fcsse.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Ich werde nun, auf alle anderen Einwendungen Kelsens gegen meine \u00d6sterreichische Revolution&quot; nur beil\u00e4ufig eingehend, diese beiden Behauptungen Kelsens einer eingehenden Kritik unterwerfen. Denn ihre Er\u00f6rterung gibt mir die willkommene Gelegenheit zur Darstellung von Problemen, deren Verst\u00e4ndnis mir, ganz abgesehen von Kelsens Kritik, f\u00fcr unsere Selbstverst\u00e4ndigung \u00fcber die Aufgaben und Aussichten der Arbeiterklasse in der gegenw\u00e4rtigen Geschichtsepoche von h\u00f6chster Bedeutung zu sein scheint.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>[\u2026]<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>[\u2026] Gewi\u00df, das Proletariat war auch vor 1918 nicht ganz machtlos. Aber diese Macht war, an der Macht der damals herrschenden Klassen gemessen, so gering, da\u00df es eine f\u00fcr theoretische und praktische Zwecke hinreichende Ann\u00e4herung an die Tatsachen war, diese Machtordnung als eine Klassenherrschaft der Bourgeoisie und des Grundadels zu beschreiben. Die Revolution brachte dem Proletariat einen solchen Zuwachs an Macht, da\u00df diese Beschreibung des Machtverh\u00e4ltnisses nun nicht mehr zutreffend gewesen w\u00e4re. Nun mu\u00dfte man, wenn man die Tatsachen nicht vergewaltigen wollte, die Machtordnung im ersten Revolutionsjahr als eine Vorherrschaft der Arbeiterklasse, in den drei folgenden Jahren als ein Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte beschreiben. Und auch hier bedeutete die quantitative Verschiebung eine wesentliche qualitative Ver\u00e4nderung der ganzen Wirksamkeit des Staates!<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Ein Beispiel! Die Macht der Bankmagnaten beruht nicht auf ihrer Zahl, sondern auf der Funktion der Banken in der Volkswirtschaft, vor allem auf der Funktion der Kreditgew\u00e4hrung, die den kreditbed\u00fcrftigen Staat von ihnen abh\u00e4ngig macht. So kann die kleine Zahl der Bankmagnaten dank ihrer wirtschaftlichen Funktion den Staat beherrschen. Das ist funktionelle Oligarchie. Die Revolution hat nun eine entgegengesetzte Erscheinung hervorgebracht. Da der Staat kein Gewaltmittel mehr besa\u00df, die Arbeiter niederzuhalten, mu\u00dfte er alle wichtigen Regierungsakte mit den Arbeiterorganisationen vereinbaren; denn h\u00e4tte er das nicht getan, so w\u00e4re er der Arbeitsverweigerung, der Einstellung der Funktion der Arbeiter in der Gesellschaft, v\u00f6llig wehrlos entgegengestanden. Das war die Regierungsmethode der funktionellen Demokratie. In dem \u00dcbergang von der funktionellen Oligarchie zur funktionellen Demokratie dr\u00fcckte sich 1918\/19 die Vorherrschaft der Arbeiterklasse aus &#8211; ebenso wie sich umgekehrt seit dem Herbst 1922 in der R\u00fcckbildung von der funktionellen Demokratie zur funktionellen Oligarchie, die Restauration der Bourgeoisie ausdr\u00fcckt. Die funktionelle Demokratie war die spezifische Form der Macht\u00fcbung der Arbeiterklasse. Und Kelsen mi\u00dfversteht meine Darstellung dieser Aus\u00fcbung der Klassenmacht so gr\u00fcndlich, da\u00df er meine Lehre von der funktionellen Demokratie f\u00fcr den Ausflu\u00df einer organischen, mit der Lehre vom Klassenkampf unvereinbaren Staatsauffassung h\u00e4lt!<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Im \u00dcbergang zur funktionellen Demokratie dr\u00fcckte sich die Tatsache aus, da\u00df die Revolutionsregierung die Massen nicht mehr mit Gewalt niederhalten, sondern nur mit geistigen Mitteln f\u00fchren konnte. Kelsen antwortet auf diese Feststellung mit der Banalit\u00e4t, da\u00df doch immer und \u00fcberall Geist durch Gewalt, Gewalt durch Geist wirke. Aber kann er leugnen, da\u00df niemals eine Regierung vor, neben oder nach ihr so wenig mit Mitteln gewaltsamer Repression, so \u00fcberwiegend mit Mitteln der \u00dcberzeugung und \u00dcberredung die Massen gef\u00fchrt hat wie die \u00f6sterreichische Revolutionsregierung<sup>18<\/sup>)?<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In der Tat war die Umw\u00e4lzung der ganzen Wirksamkeit des Staates in \u00d6sterreich auch deshalb so vollst\u00e4ndig, weil es sich nicht nur um Machtverschiebung innerhalb eines bestehenden, sondern tats\u00e4chlich um die Begr\u00fcndung eines ganz neuen Staatswesens handelte. Kelsen sucht selbst diesen Abstand zwischen dem vor- und dem nachrevolution\u00e4ren Staat zu verkleinern. Um zu beweisen, da\u00df sich meine Ansichten seit dem Umsturz ge\u00e4ndert haben<sup>19<\/sup>), f\u00fchrt er einige S\u00e4tze aus meiner Polemik gegen Renner in der Kriegszeit an. Aber welches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis unterl\u00e4uft da erst! Da handelt es sich doch nicht um unser Verh\u00e4ltnis zum Staat \u00fcberhaupt, sondern zu dem \u00f6sterreichisch-ungarischen Staatswesen, von dem wir \u00fcberzeugt waren, da\u00df es nicht von uns erobert werden kann, sondern zerfallen mu\u00df, ehe f\u00fcr die Demokratie auf seinem Boden Raum wird!<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Kelsens ganze Kritik leugnet den Wesensunterschied zwischen dem vor- und dem nachrevolution\u00e4ren Staat. Sie will f\u00fcr die Vergangenheit keine solche Wesens\u00e4nderung anerkennen, weil sie den Glauben an zuk\u00fcnftige Wesens\u00e4nderungen des Staates ersch\u00fcttern will. Sie gibt nicht zu, da\u00df der Staat bis 1918 eine Herrschaftsorganisation der Bourgeoisie war, weil sie nicht anerkennen will, da\u00df der Staat in Zukunft zu einer Herrschaftsorganisation des Proletariats werden mu\u00df. Ist einmal, meint Kelsen, die Staatsmacht zwischen den Klassen geteilt, warum soll dieser Zustand nicht dauern, warum soll ihm die Verwandlung des Staates in eine Herrschaftsorganisation der Arbeiterklasse folgen?<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Antwort gibt die ganze Geschichte der letzten Jahre. Immer und \u00fcberall, wo es zur Teilung der Staatsmacht zwischen den Klassen gef\u00fchrt hat, war das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte h\u00f6chst labil. Die Bourgeoisie erbittert, staatsverdrossen, staatsfeindlich, wo sie ihre alte Alleinherrschaft verloren hat; das Proletariat unbefriedigt, weil es in diesem Zustand, was ja auch Kelsen hervorhebt, die Produktionsverfassung nicht umw\u00e4lzen kann, seine politische Herrenstellung daher mit seiner Untertanenstellung in der Produktion in Widerspruch ger\u00e4t. Jede der beiden Klassen daher immer auf die Gelegenheit lauernd, das Machtverh\u00e4ltnis zu ihren Gunsten zu verschieben. \u00fcberall war daher in den letzten Jahren die Periode der zwischen den Klassen geteilten Staatsmacht das, als was Marx sie schon auf Grund der Erfahrungen vom M\u00e4rz und April 1848 in Frankreich beschrieben hat&nbsp;: eine Periode &quot;von mehr scheinbarer Harmonie der ganzen Gesellschaft und von tieferer Entfremdung ihrer Elemente&quot;<sup>20<\/sup>). Und da der \u00f6konomische Proze\u00df selbst die Machtverh\u00e4ltnisse zwischen den Klassen immer wieder verschiebt, kommt schlie\u00dflich unvermeidlich der Augenblick, in dem das Gleichgewichtsverh\u00e4ltnis aufgehoben wird und nur noch die Wahl bleibt zwischen dem R\u00fcckfall unter die Klassenherrschaft der Bourgeoisie und der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat. Wie die Bourgeoisie durch die Periode des Gleichgewichtes zwischen Grundaristokratie und Bourgeoisie hindurchgehen mu\u00dfte, ehe sie die Staatsgewalt erobern und die ganze Rechtsordnung dem Kapitalismus anpassen konnte, so wird das Proletariat durch die Periode des Gleichgewichtes zwischen Bourgeoisie und Proletariat nur hindurchgehen, um schlie\u00dflich die Staatsgewalt zu erobern und die sozialistische Gesellschaftsordnung au verwirklichen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte style='text-indent:0cm'><span lang=DE>Notes&nbsp;:<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>18) Ich habe gelegentlich geschildert, wie wir daran gearbeitet haben, &quot;zu verh\u00fcten, da\u00df die neuerrungene Freiheit der durch vierj\u00e4hrigen Krieg verrohten Massen zu z\u00fcgelloser Gewaltt\u00e4tigkeit entarte&quot;. Kelsen h\u00e4lt das f\u00fcr das Bekenntnis, da\u00df wir eine Revolution verh\u00fctet haben; in Wirklichkeit sprach ich da von der Verh\u00fctung von Gewalttaten von Individuen und kleinen Gruppen! Gegen solche Exzesse hat sich, wie sich Kelsen aus jeder Revolutionsgeschichte \u00fcberzeugen k\u00f6nnte, jede Revolution zur Wehr gesetzt. Der Unterschied, auf den ich hinwies, bestand nur darin, da\u00df wir Exzesse mit rein geistigen Mitteln verh\u00fcten konnten, zu deren Abwehr andere Revolutionen das Standrecht<\/span><span lang=DE> <\/span><span lang=DE>gebraucht haben. Ich \u00fcberlasse es Kelsen, zu antworten, da\u00df schlie\u00dflich auch das Standrecht durch den Geist wirke!<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>19) Ich habe nat\u00fcrlich manche meiner Ansichten ge\u00e4ndert. Nur wer aus der<\/span><span lang=DE> <\/span><span lang=DE>F\u00fclle neuer Erfahrungen, aus diesem gewaltigsten &quot;Anschauungsunterricht der Geschichte&quot;, nichts zuzulernen f\u00e4hig war, hat das nicht.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>20) Marx, Der 18. Brumaire. Seite 13. <\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>&nbsp;<\/span><\/p>\n<p class=Intertitre2a><span lang=DE>Politisches Programm der SDAPD\u00d6, 1926 (<\/span>Extrait<span lang=DE>)<\/span><a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-weight:normal'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt;letter-spacing: 1.0pt'>[3]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>III.&nbsp;Der Kampf um die Staatsmacht<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>1.&nbsp;Die sozialdemokratische Arbeiterpartei hat die Wahlrechtsprivilegien der besitzenden Klassen gesprengt, die Monarchie gest\u00fcrzt, die demokratische Republik begr\u00fcndet.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In der Monarchie hat die Dynastie, die Generalit\u00e4t, die B\u00fcrokratie geherrscht; nur die obersten Schichten der Bourgeoisie &#8211;&nbsp;der Gro\u00dfgrundbesitz und die Hochfinanz&nbsp;&#8211; hatten tats\u00e4chlich Anteil an ihrer Herrschaft. In der demokratischen Republik hat sich die Gesamtheit der Bourgeoisie der Staatsgewalt bem\u00e4chtigt.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Anderseits hat die demokratische Republik der Arbeiterklasse politische Gleichberechtigung und Bewegungsfreiheit gegeben, ihre geistigen Kr\u00e4fte und ihr Selbstbewu\u00dftsein gewaltig entwickelt. Die Arbeiterklasse st\u00fcrmt gegen die Klassenherrschaft der Bourgeoisie in der Republik an.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die Geschichte der demokratischen Republik ist die Geschichte der Klassenk\u00e4mpfe zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse um die Herrschaft in der Republik.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>In der demokratischen Republik beruht die politische Herrschaft der Bourgeoisie nicht mehr auf politischen Privilegien, sondern darauf, da\u00df sie mittels ihrer wirtschaftlichen Macht, mittels der Macht der Tradition, mittels der Presse, der Schule und der Kirche die Mehrheit des Volkes unter ihrem geistigen Einflu\u00df zu erhalten vermag. Gelingt es der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, diesen Einflu\u00df zu \u00fcberwinden, die manuellen und die geistigen Arbeiter in Stadt und Land zu vereinigen und der Arbeiterklasse die ihr nahestehenden Schichten der Kleinbauernschaft, des Kleinb\u00fcrgertums, der Intelligenz als Bundesgenossen zu gewinnen, so gewinnt die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Mehrheit des Volkes. Sie erobert durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechtes die Staatsmacht.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>So werden in der demokratischen Republik die Klassenk\u00e4mpfe zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse im Ringen der beiden Klassen um die Seele der Volksmehrheit entschieden.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Im Verlauf dieser Klassenk\u00e4mpfe kann der Fall eintreten, da\u00df die Bourgeoisie nicht mehr und die Arbeiterklasse noch nicht stark genug ist, allein die Republik zu beherrschen. Aber die Kooperation einander feindlicher Klassen, zu der sie eine solche Situation zwingt, wird nach kurzer Zeit durch die innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft unaufhebbaren Klassengegens\u00e4tze gesprengt. Die Arbeiterklasse wird nach jeder solchen Episode unter die Herrschaft der Bourgeoisie zur\u00fcckfallen, wenn es ihr nicht gelingt, selbst die Herrschaft in der Republik zu erobern. Eine solche Kooperation der Klassen kann also nur eine vor\u00fcbergehende Entwicklungsphase im Klassenkampf um die Staatsmacht, aber nicht das Ziel dieses Kampfes sein.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Hat die sozialdemokratische Arbeiterpartei in der ersten Epoche ihres Kampfes die demokratische Republik erk\u00e4mpft, so hat sie nunmehr die Aufgabe, die demokratischen Kampfmittel auszun\u00fctzen, um die Mehrheit des Volkes unter der F\u00fchrung der Arbeiterklasse zu sammeln und dadurch die Klassenherrschaft der Bourgeoisie zu st\u00fcrzen, der Arbeiterklasse die Herrschaft in der demokratischen Republik zu erobern.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Eroberung der Herrschaft in der demokratischen Republik, nicht um die Demokratie aufzuheben, sondern um sie in den Dienst der Arbeiterklasse zu stellen, den Staatsapparat den Bed\u00fcrfnissen der Arbeiterklasse anzupassen und ihn als Machtmittel zu ben\u00fctzen, um dem Gro\u00dfkapital und dem Gro\u00dfgrundbesitz die in ihrem Eigentum konzentrierten Produktions- und Tauschmittel zu entrei\u00dfen und sie in den Gemeinbesitz des ganzen Volkes zu \u00fcberf\u00fchren.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>2.&nbsp;Die Bourgeoisie wird nicht freiwillig ihre Machtstellung r\u00e4umen. Findet sie sich mit der ihr von der Arbeiterklasse aufgezwungenen demokratischen Republik ab, solange sie die Republik zu beherrschen vermag, so wird sie versucht sein, die demokratische Republik zu st\u00fcrzen, eine monarchistische oder faschistische Diktatur aufzurichten, sobald das allgemeine Wahlrecht die Staatsmacht der Arbeiterklasse zu \u00fcberantworten droht oder schon \u00fcberantwortet haben wird.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Nur wenn die Arbeiterklasse wehrhaft genug sein wird, die demokratische Republik gegen die monarchistische oder faschistische Gegenrevolution zu verteidigen, nur wenn das Bundesheer und die anderen bewaffneten Korps des Staates auch dann die Republik sch\u00fctzen werden, wenn die Macht in der Republik durch die Entscheidung des allgemeinen Wahlrechtes in die Hand der Arbeiterklasse f\u00e4llt, nur dann wird es die Bourgeoisie nicht wagen k\u00f6nnen, sich gegen die Republik aufzulehnen, nur dann wird daher die Arbeiterklasse die Staatsmacht mit den Mitteln der Demokratie erobern und aus\u00fcben k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Die sozialdemokratische Arbeiterpartei mu\u00df daher die Arbeiterklasse in st\u00e4ndiger organisierter geistiger und physischer Bereitschaft zur Verteidigung der Republik erhalten, die engste Geistesgemeinschaft zwischen der Arbeiterklasse und den Soldaten des Bundesheeres pflegen, sie ebenso wie die anderen bewaffneten Korps des Staates zur Treue zur Republik erziehen und dadurch der Arbeiterklasse die M\u00f6glichkeit erhalten, mit den Mitteln der Demokratie die Klassenherrschaft der Bourgeoisie zu brechen.<\/span><\/p>\n<p class=Texte><span lang=DE>Wenn es aber trotz allen diesen Anstrengungen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei einer Gegenrevolution der Bourgeoisie gel\u00e4nge, die Demokratie zu sprengen, dann k\u00f6nnte die Arbeiterklasse die Staatsmacht nur noch im B\u00fcrgerkrieg erobern.<\/span><\/p>\n<p class=Texte>&nbsp;<\/p>\n<\/p><\/div>\n<div><br clear=all> <\/p>\n<hr align=left size=1 width=\"33%\">\n<div id=edn1>\n<p class=MsoEndnoteText><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'>[1]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><span lang=DE>.&nbsp;Otto Bauer, Die \u00d6sterreichische Revolution; Wien, Wiener Volksbuchhandlung, 1923; <\/span>ici p.&nbsp;242-<span lang=DE>.<\/span><span lang=DE> <\/span><\/p>\n<p class=MsoEndnoteText>Le texte complet ici <a href=\"http:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Bauer_Otto_Oesterreichische_Revolution.pdf\"><span style='color:blue'>&#9658;<\/span><\/a> .<\/p>\n<\/p><\/div>\n<div id=edn2>\n<p class=MsoEndnoteText><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'>[2]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><span lang=DE>.&nbsp;Otto Bauer&nbsp;: &quot;Das Gleichgewicht der Klassenkr\u00e4fte&quot;. In&nbsp;: Der Kampf; Wien, Wiener Volksbuchhandlung, Band 17, <\/span>f\u00e9vrier<span lang=DE> 1924; <\/span>p.&nbsp;57-<span lang=DE>.<\/span><span lang=DE> <\/span><\/p>\n<p class=MsoEndnoteText>Dans ce texte Bauer se r\u00e9f\u00e8re \u00e0 une critique de ses expos\u00e9s sur le th\u00e8me en question&nbsp;;<\/p>\n<p class=MsoEndnoteText><span lang=DE>Hans Kelsen&nbsp;: Otto Bauers politische Theorien (<\/span>dans la m\u00eame num\u00e9ro du<span lang=DE> &quot;Der Kampf&quot;, p. 50).<\/span><\/p>\n<p class=MsoEndnoteText>Les deux textes complets ici <a href=\"http:\/\/www.rocml.org\/References-ML\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Bauer_Otto_Gleichgewicht_Klassen_DerKampf.pdf\"><span style='color:blue'>&#9658;<\/span><\/a> .<\/p>\n<\/p><\/div>\n<div id=edn3>\n<p class=MsoEndnoteText><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\" title=\"\"><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'><span class=MsoEndnoteReference><span lang=DE style='font-size:12.0pt'>[3]<\/span><\/span><\/span><\/span><\/a><span lang=DE>.&nbsp;Sozialdemokratische Arbeiterpartei \u00d6sterreichs, Protokoll des sozialdemokratischen Parteitages 1926 &#8211; abgehalten in Linz vom 30. Oktober bis 3. November 1926; Wien, Wiener Volksbuchhandlung, 1926; <\/span>p.&nbsp;168-<span lang=DE>.<\/span><span lang=DE> <\/span><\/p>\n<p class=MsoEndnoteText>Otto Bauer et Max Adler avaient particip\u00e9 \u00e0 la r\u00e9daction du programme.<\/p>\n<\/p><\/div>\n<\/p><\/div>\n<!--themify_builder_content-->\n<div id=\"themify_builder_content-1536\" data-postid=\"1536\" class=\"themify_builder_content themify_builder_content-1536 themify_builder tf_clear\">\n    <\/div>\n<!--\/themify_builder_content-->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Autriche 1918 &#8211; 1945 Documents&nbsp;: Otto Bauer sur l&rsquo;&quot;\u00e9quilibre des forces de classes&quot; &nbsp; Otto Bauer&nbsp;: Die \u00d6sterreichische Revolution (Extrait)[1] Vierter Abschnitt Die Zeit des Gleichgewichts der Klassenkr\u00e4fte \u00a7&nbsp;16. 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